
Zunge über das Gebiss legen: Ursachen & Lösungen für ein sensibles Pferdemaul
Zunge über das Gebiss legen: Ursachen & Lösungen für ein sensibles Pferdemaul
Stellen Sie sich vor, Sie reiten in harmonischer Anlehnung, die Verbindung zum Pferdemaul fühlt sich fein und beständig an. Doch plötzlich ist dieses Gefühl verschwunden. Ihr Pferd wirkt steif, reagiert kaum noch auf Ihre Hilfen und hebt vielleicht sogar den Kopf. Ein kurzer Blick genügt, um zu erkennen: Die Zunge Ihres Pferdes liegt über dem Gebiss. Ein Moment, den viele Reiter kennen – und der nur allzu oft als Widersetzlichkeit abgetan wird. Doch was, wenn es keine Unart ist, sondern der verzweifelte Versuch Ihres Pferdes, Ihnen etwas mitzuteilen?
Dieses Verhalten ist besonders bei sensiblen Rassen wie dem Pura Raza Española (PRE) oder eleganten Lusitanos zu beobachten. Ihre feinen Mäuler und ihre intelligente Art machen sie für Unbehagen besonders empfänglich. Dieser Artikel beleuchtet die wahren Ursachen des Problems und zeigt Ihnen pferdegerechte Lösungswege auf, um das Vertrauen in Ihre Hand wiederherzustellen.
Das sensible System: Ein Blick ins Pferdemaul
Um nachzuvollziehen, warum ein Pferd seine Zunge über das Gebiss legt, müssen wir zunächst die Anatomie seines Mauls verstehen. Anders als oft angenommen, ist im Pferdemaul nur sehr wenig Platz. Den grössten Teil davon füllt die Zunge aus, ein kräftiger und extrem empfindlicher Muskel.
Die Zunge federt nachweislich bis zu 80 % des Gebissdrucks ab und verteilt ihn. Sie schützt die empfindlichen, knöchernen Laden vor zu starkem punktuellem Druck. Gleichzeitig ist sie von wichtigen Nerven wie dem Lingualnerv durchzogen und reagiert deshalb äusserst sensibel auf Schmerz und Unbehagen. Wenn ein Pferd also seine Zunge über das Gebiss schiebt, entzieht es diesen empfindlichen Muskel dem direkten Druck – ein klarer Akt der Selbstverteidigung.
Die Zunge über dem Gebiss – Mehr als eine Unart
Anstatt dieses Verhalten als Ungehorsam zu werten, sollten wir es als das sehen, was es ist: ein Hilferuf. Das Pferd versucht, einer unangenehmen oder sogar schmerzhaften Situation zu entkommen. Die Ursache ist selten böser Wille, sondern hat ihre Wurzeln fast immer in einem der folgenden Bereiche. Die Suche nach der Wurzel des Problems ist der erste und wichtigste Schritt zur Lösung.
Spurensuche: Die häufigsten Ursachen für Zungenprobleme
Die Gründe, warum ein Pferd seine Zunge über das Gebiss legt, sind vielfältig und häufig eine Kombination aus mehreren Faktoren. Eine ehrliche und systematische Überprüfung ist daher unerlässlich.
Die Ausrüstung unter der Lupe
Oft ist es schlecht sitzende oder ungeeignete Ausrüstung, die permanenten Stress im Pferdemaul verursacht.
- Das Gebiss: Ist das Gebiss zu dick, lässt es in einem feinen Maul keinen Platz für die Zunge. Ist es zu lang, rutscht es hin und her und kann auf die Laden schlagen. Scharfe Kanten, eine falsche Form oder ein unruhiger Gelenkmechanismus können ebenfalls Schmerzen auslösen. Oft sind einfache, glatte und anatomisch geformte Gebisse die beste Wahl.
- Der Nasenriemen: Ein zu eng verschnallter Nasenriemen ist eine der häufigsten, aber oft übersehenen Ursachen. Er verhindert, dass das Pferd sein Maul leicht öffnen, kauen und schlucken kann. Der Druck im Maul staut sich an und die Zunge hat keine Möglichkeit, dem auszuweichen. Die berühmte „Zwei-Finger-Regel“ sollte das absolute Minimum an Platz gewährleisten.
- Der Sattel: Was hat der Sattel mit dem Maul zu tun? Sehr viel. Ein unpassender Sattel, der drückt oder die Schulter blockiert, führt zu Verspannungen in Rücken und Hals. Diese Verspannungen setzen sich bis ins Genick und den Kiefer fort, was eine entspannte Haltung und damit ein weiches Maul unmöglich macht.
Partner-Hinweis: Besonders bei Pferden mit barockem Körperbau, wie vielen PREs und Lusitanos, ist ein passender Sattel entscheidend. Ihr oft kurzer, breiter Rücken und die ausgeprägte Schulterpartie erfordern spezielle Sattelkonzepte. Hersteller wie Iberosattel haben sich darauf spezialisiert, Lösungen zu entwickeln, die diesen Pferden maximale Bewegungsfreiheit und Komfort bieten und so sekundären Problemen wie Maul-Widersetzlichkeiten vorbeugen.
Die Hand des Reiters – Freund oder Feind?
Experten sind sich einig: Die Hand des Reiters ist oft eine der Hauptursachen für Maulprobleme. Eine harte, unruhige oder rückwärts wirkende Hand verursacht konstanten Schmerz. Das Pferd lernt schnell, dass Anlehnung bestraft wird, und versucht, sich diesem Schmerz zu entziehen. Es geht nicht darum, die Zügel wegzuwerfen, sondern eine stetige, weiche und vor allem nachgebende Verbindung zu etablieren. Eine Hand, die im richtigen Moment nachgibt, ist für das Pferd die grösste Belohnung.
Gesundheitliche Aspekte: Zähne, Rücken und Co.
Schmerzen sind ein mächtiger Motivator. Bevor Sie das Problem beim Training suchen, müssen daher gesundheitliche Ursachen ausgeschlossen werden.
- Zahnprobleme: Spitze Haken an den Backenzähnen, Wolfszähne oder Entzündungen können höllische Schmerzen verursachen, sobald das Gebiss Druck auf die Backenschleimhaut ausübt. Eine jährliche Kontrolle durch einen spezialisierten Pferdezahnarzt ist Pflicht.
- Blockaden und Verspannungen: Auch Blockaden in der Halswirbelsäule, im Genick oder im Rücken können zu massiven Problemen im Maul führen. Ein Osteopath oder Physiotherapeut kann hier oft wahre Wunder wirken.
Schritt für Schritt zu einem zufriedenen Pferdemaul: Lösungsansätze
Sobald Sie die Ursache identifiziert haben, beginnt die eigentliche Arbeit: die Korrektur. Dies erfordert Geduld, Konsequenz und die Bereitschaft, alte Gewohnheiten zu überdenken.
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Der Komplett-Check: Ausrüstung und Gesundheit
Lassen Sie Ihre gesamte Ausrüstung von einem Fachmann überprüfen. Passt das Gebiss wirklich? Ist der Nasenriemen locker genug? Sitzt der Sattel optimal? Vereinbaren Sie gleichzeitig Termine beim Tierarzt, Zahnarzt und Osteopathen, um alle gesundheitlichen Ursachen sicher auszuschliessen. -
Die Reiterhand schulen
Arbeiten Sie an sich selbst. Nehmen Sie Sitzlongen oder reiten Sie bewusst mit einem Halsring, um zu lernen, unabhängig von der Hand zu sitzen. Konzentrieren Sie sich darauf, mit Ihrem Sitz und Ihren Beinen zu reiten und die Hand nur für feinste Korrekturen einzusetzen. Eine ruhige, konstante und vor allem faire Hand ist das Ziel. -
Zurück zu den Grundlagen
Gehen Sie in der Ausbildung einen Schritt zurück. Beginnen Sie mit Boden- oder Longenarbeit, um die korrekte Anlehnung ohne Reitergewicht wiederherzustellen. Im Sattel reiten Sie zunächst einfache Lektionen in Schritt und Trab und loben jede Sekunde, in der Ihr Pferd vertrauensvoll ans Gebiss herantritt. Es geht darum, das Vertrauen in die Reiterhand neu aufzubauen. In Disziplinen wie der Working Equitation oder der traditionellen Doma Vaquera ist dieses Vertrauen die absolute Basis für jede weitere Arbeit.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was kann ich tun, wenn mein Pferd während des Reitens die Zunge über das Gebiss legt?
Bleiben Sie ruhig. Anstatt den Druck zu erhöhen, parieren Sie zum Halten durch oder wechseln in den Schritt. Geben Sie die Zügel kurzzeitig komplett nach, damit das Pferd sein Maul sortieren und die Zunge wieder an die richtige Position bringen kann. Analysieren Sie anschliessend die Situation: War Ihre Hand zu hart? War die Lektion zu anspruchsvoll?
Helfen spezielle Gebisse wie Zungenstrecker?
Nein. Solche Gebisse bekämpfen nur das Symptom, nicht die Ursache. Sie zwingen das Pferd, die Zunge unten zu lassen, lösen aber das zugrundeliegende Problem von Schmerz oder Unbehagen nicht. Langfristig führen solche „Lösungen“ zu noch mehr Verspannung und Misstrauen.
Wie lange dauert es, dieses Problem zu korrigieren?
Das hängt von der Ursache und der Dauer des Problems ab. Wenn das Verhalten tief verwurzelt ist, kann es Monate dauern, das Vertrauen wiederherzustellen. Der Schlüssel liegt in absoluter Konsequenz und Geduld. Jeder kleine Fortschritt ist ein Grund zur Freude.
Fazit: Zuhören, verstehen und geduldig handeln
Die Zunge über dem Gebiss ist kein Zeichen von Ungehorsam, sondern ein wichtiges Signal Ihres Pferdes. Es bittet Sie, genauer hinzusehen und zuzuhören. Indem Sie die Ursachen systematisch analysieren – von der Ausrüstung über Ihre eigene Einwirkung bis hin zur Gesundheit – schaffen Sie die Grundlage für eine echte Veränderung.
Der Weg zu einem zufriedenen Pferdemaul führt nicht über Zwang, sondern über Verständnis, Fairness und Geduld. Er belohnt Sie am Ende mit dem, was sich jeder Reiter wünscht: einer harmonischen und vertrauensvollen Partnerschaft, die auf feiner Kommunikation basiert.
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