Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Alta Escuela - Die Hohe Schule auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Zirkel-Logik statt FN-Skala: Ausbildung barocker Pferde
Die Zirkel-Logik der Alta Escuela: Warum die lineare Ausbildungsskala für barocke Pferde oft scheitert
Man arbeitet engagiert nach den Lehren der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), investiert Zeit und Herzblut, nur um an einem frustrierenden Plateau zu landen. Der PRE, Lusitano oder Friese kommt in der Versammlung einfach nicht weiter. Die Leichtigkeit will sich nicht einstellen, die Versammlung fühlt sich erzwungen an, das Pferd scheint sich zu widersetzen.
Wenn Sie dieses Gefühl kennen: Es liegt wahrscheinlich weder an Ihnen noch an Ihrem Pferd. Es liegt am System. Die lineare, pyramidenförmige Ausbildungsskala ist ein Meisterwerk – aber für ein anderes Pferd. Nach Einschätzung vieler Ausbilder wurde sie für die Biomechanik moderner Warmblüter entwickelt. Für die kompakten, kraftvollen Körper barocker Pferde wird sie oft zur Sackgasse.
Dieser Artikel greift diese Frustration auf. Er zeigt einen alternativen, bewährten Weg: die zirkuläre Ausbildungslogik der alten Meister. Ein Weg, der nicht auf starrer Abfolge, sondern auf dem dynamischen Zusammenspiel von Lektionen basiert. Und der die natürlichen Stärken Ihres barocken Pferdes in den Mittelpunkt stellt.
Analyse: Die klassische Ausbildungsskala (FN) vs. barocker Körperbau
Die Ausbildungsskala der FN ist eine Ikone: Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung, Versammlung. Die Logik ist linear. Ein Baustein wird auf den nächsten gesetzt, bis die Pyramide vollendet ist. Dieses System hat unzähligen Pferden und Reitern zu Harmonie verholfen. Aber warum stößt es bei barocken Pferden an seine Grenzen? Die Antwort liegt in der Anatomie.
Warmblut versus Barockpferd
Die klassische Skala geht von einem Pferd mit langem Rücken, großer Übersetzung aus der Hinterhand und einer natürlichen Neigung zur Schubkraft aus. Das Ziel: Diese Kraft über einen schwingenden Rücken nach vorne an die Reiterhand zu leiten. Der „Schwung“ – das raumgreifende Durchschwingen des Körpers – ist ein zentraler Meilenstein.
Barocke Pferde sind anders gebaut. Sie haben oft einen kürzeren, kompakteren Rücken, einen natürlich höher angesetzten Hals und eine extrem kraftvolle Hinterhand, die von Natur aus auf Tragkraft ausgelegt ist.
Der Versuch, ein solches Pferd in das lineare Schema zu pressen, provoziert oft Probleme.
Erstens, Takt vor Losgelassenheit. Bei einem Pferd, das von Natur aus zu Anspannung neigt, kann das strikte Festhalten am Takt gleich zu Beginn verhindern, dass es jemals wahre Losgelassenheit findet. Man erzwingt einen Rhythmus, bevor der Körper überhaupt locker ist.
Zweitens, die Schwung-Falle. Fordert man von einem PRE oder Lusitano den raumgreifenden Schwung eines Warmbluts, zwingt man ihn wider seine Natur. Das Resultat ist oft ein fest gehaltener Rücken und eine Hinterhand, die nach hinten rausschiebt, statt unter den Schwerpunkt zu treten. Das Pferd verliert die Fähigkeit, das Becken abzukippen und Gewicht aufzunehmen – die Essenz der Versammlung.
Die lineare Skala ist ein hervorragendes Werkzeug, aber sie ist kein universelles Gesetz. Für barocke Pferde braucht es eine andere Philosophie.
Zwei Modelle im Kontrast:
- Linear (FN): Die Basis bilden Takt, Losgelassenheit und Anlehnung. Darauf bauen Schwung und Geraderichtung auf, gekrönt von der Versammlung. Jeder Schritt muss abgeschlossen sein, bevor der nächste beginnt.
- Zirkulär (Alta Escuela): Im Zentrum stehen die Seitengänge als ständiges Werkzeug. Die Elemente Losgelassenheit, Balance und Versammlung beeinflussen sich gegenseitig und werden zyklisch verbessert. Die Arbeit an der Versammlung beginnt früh durch Gymnastik, was wiederum die Losgelassenheit und Balance verbessert.
Das Prinzip des Zirkels: Eine alternative Philosophie
Die Meister der barocken Reitkunst dachten nicht in Checklisten. Ihr Ansatz war dynamisch, ein ständiger Dialog mit dem Pferd. Sie arbeiteten in Zirkeln, nicht auf einer Geraden. Diese Philosophie basiert auf der Erkenntnis, dass sich die Ausbildungsziele nicht nacheinander abhaken lassen, sondern sich ständig gegenseitig bedingen.
Der Zirkel dreht sich um das permanente Zusammenspiel von Körpergesundheit, Losgelassenheit, Balance und Versammlung.
In diesem Modell wartet man nicht, bis das Pferd perfekt losgelassen ist, um mit der Geraderichtung zu beginnen. Stattdessen nutzt man geraderichtende Übungen wie Seitengänge, um die Losgelassenheit zu verbessern. Ebenso wenig wartet man auf die perfekte Geraderichtung, um an der Versammlung zu arbeiten; vielmehr werden versammelnde Lektionen eingesetzt, um die Geraderichtung zu festigen. Es ist ein ständiges Verfeinern, ein Kreisen um den Kern.
Der Zirkel in der Praxis: Seitengänge als Schlüssel zur Versammlung
Im linearen System sind Seitengänge oft Lektionen für höhere Klassen, die erst nach Erreichen von Schwung und Geraderichtung kommen. In der zirkulären Logik sind sie das Herzstück der Ausbildung. Von Anfang an.
Seitengänge wie Schulterherein, Travers und Renvers sind keine Zirkuslektionen. Sie sind die fundamentalsten gymnastischen Werkzeuge, die wir haben. Sie korrigieren die natürliche Schiefe, indem sie die innere Hüfte mobilisieren und das innere Hinterbein aktivieren, unter den Schwerpunkt zu treten. Das ist die wahre Definition von Geraderichtung. Sie entwickeln Tragkraft, weil das innere Hinterbein vermehrt Last aufnimmt und so genau jene Kraft schult, die für Piaffe und Passage gebraucht wird. Und sie befreien die Schultern, was eine Grundvoraussetzung für die Erhabenheit der Hohen Schule ist.
Anstatt auf den Punkt „Geraderichtung“ zu warten, nutzen Sie das Schulterherein früh, um Ihr Pferd geschmeidig zu machen und ihm den Weg zur Balance zu zeigen. So wird die Ausbildung zu einem fließenden Prozess. Kein Kampf mit starren Vorgaben.
„Impuls“ statt „Schwung“: Die treibende Kraft neu definieren
Einer der größten Denkfehler bei der Ausbildung barocker Pferde ist die Verwechslung von Schwung und Impuls.
- Schwung ist die Schubkraft, die bei einem Warmblut aus der Hinterhand über den elastisch schwingenden Rücken nach vorne fließt. Das Ergebnis ist raumgreifende, federnde Bewegung.
- Impuls ist die schnellkräftige, aufwärts gerichtete Energie aus der Hinterhand eines barocken Pferdes. Sie führt nicht zu mehr Raumgriff, sondern zu mehr Erhabenheit und Kadenz. Der kurze Rücken schwingt nicht, er wird durch den Impuls angehoben.
Wenn Sie versuchen, Ihrem PRE „Schwung“ anzutrainieren, ermutigen Sie ihn, seinen Rücken wegzudrücken. Das Pferd „fällt auseinander“. Das Ziel muss stattdessen sein, den Impuls zu fördern. Das geht mit häufigen Übergängen, besonders aus dem Halten oder Schritt. Es geht mit kurzen, schnellen Tritten im Trab, fast auf der Stelle, gefolgt von einer sofortigen Parade. Und es geht mit der Arbeit an der Hand, wo Übungen wie das Antraben oder die ersten Tritte einer Piaffe dem Pferd beibringen, die Energie nach oben zu richten, nicht nach vorne.
Indem Sie den Fokus von Schwung auf Impuls verlagern, arbeiten Sie mit der Natur Ihres Pferdes, nicht gegen sie.
Fallstudien: Die Logik der Meister (z.B. Nuno Oliveira)
Die größten Meister der Reitkunst waren keine Sklaven eines Systems. Sie waren Künstler, die Prinzipien verstanden und sie individuell anwendeten. Nuno Oliveira, einer der einflussreichsten Reitmeister des 20. Jahrhunderts, ist das Paradebeispiel.
Seine Philosophie wich bewusst von einer starren, linearen Abfolge ab. Er betonte die Bedeutung der Leichtigkeit und der mentalen Verfassung des Pferdes über alles andere. Für ihn war das Schulterherein nicht nur eine Übung zur Geraderichtung, sondern ein „Aspirin für alle Krankheiten“ – ein universelles Werkzeug zur Verbesserung von Losgelassenheit, Balance und Versammlung in jeder Phase. Er arbeitete zyklisch, kehrte immer wieder zu den Grundlagen zurück und passte sein Training täglich an das an, was das Pferd ihm anbot.
Diese Meister machen uns Mut, den Ausbildungsweg nicht als eine starre Autobahn zu sehen, sondern als eine kunstvolle Landschaft, in der wir den passenden Pfad für unser Pferd finden müssen.
Zusammenfassung: Ihr Weg aus dem Ausbildungs-Plateau
Wenn Sie mit Ihrem barocken Pferd in der linearen Ausbildungsskala feststecken, ist es Zeit für einen Perspektivwechsel. Anstatt zu versuchen, Ihr Pferd in ein System zu pressen, das nicht für es gemacht wurde, wählen Sie ein System, das seine Stärken feiert.
Die zirkuläre Logik der Alta Escuela befreit Sie vom Druck, eine Checkliste abzuarbeiten. Sie gibt Ihnen Werkzeuge an die Hand, um im Dialog mit Ihrem Pferd zu arbeiten. Akzeptieren Sie die Biomechanik Ihres Pferdes: Es ist auf Tragkraft ausgelegt, nicht auf Schwung. Nutzen Sie Seitengänge als zentrales Werkzeug von Beginn an, um zu gymnastizieren und auf die Versammlung vorzubereiten. Fördern Sie den schnellen, aufwärts gerichteten Impuls der Hinterhand. Und denken Sie in Zyklen, nicht in Stufen.
Dieser Weg erfordert Umdenken und Gefühl. Aber er belohnt Sie mit dem, wonach alle Reiter streben: Einem leichten, stolzen und leistungsbereiten Pferd, das in seiner vollen barocken Pracht erstrahlt. Zu einer pferdegerechten Ausbildung gehört natürlich auch das passende Equipment. Gerade für die gymnastizierende Arbeit ist ein Sattel, der dem kurzen, kräftigen Rücken barocker Pferde Bewegungsfreiheit lässt und zugleich Stabilität bietet, von unschätzbarem Wert.
Partnerhinweis: Hersteller wie Iberosattel haben sich auf Sattelkonzepte spezialisiert, die den besonderen Anforderungen von PRE, Lusitano und Co. gerecht werden und so die Gesunderhaltung und Leistungsfähigkeit in der anspruchsvollen Dressurarbeit optimal unterstützen.


