Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Alta Escuela auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Der Traum vom Bereiter: So wird man Teil der Spanischen Hofreitschule Wien

Stellen Sie sich vor: die barocke Winterreitschule in der Wiener Hofburg, erfüllt von Stille und den Klängen von Bizet. Ein schneeweißer Hengst scheint schwerelos über den Sand zu tanzen, im perfekten Einklang mit seinem Reiter in der traditionellen braunen Uniform. Für viele Pferdeliebhaber ist dieser Anblick der Inbegriff reiterlicher Perfektion. Doch hinter der glanzvollen Fassade verbirgt sich ein Weg, der zu den anspruchsvollsten der Welt zählt: die Ausbildung zum Bereiter an der Spanischen Hofreitschule. Haben Sie sich jemals gefragt, wie man Teil dieser lebendigen Legende wird?

Die Antwort führt in eine Welt, in der Tradition, Disziplin und eine tiefe Verbundenheit zum Pferd über allem stehen. Es ist kein Beruf, sondern eine Berufung, die ein ganzes Leben fordert.

Ein Beruf, der Berufung ist: Mehr als nur Reiten

An der Spanischen Hofreitschule in Wien wird seit über 450 Jahren die klassische Reitkunst in ihrer reinsten Form bewahrt. Sie ist nicht nur eine Reitschule, sondern auch UNESCO-Weltkulturerbe. Ein Bereiter zu werden bedeutet weit mehr, als nur exzellent reiten zu können: Es bedeutet, ein Hüter dieses Erbes zu werden und sein Leben der Ausbildung der Pferde und der Weitergabe von jahrhundertealtem Wissen zu widmen.

Dieser Weg ist lang und steinig, denn die Ausbildung zählt zu den längsten und härtesten der Welt. Sie folgt einem strengen, hierarchischen System, das sich über Jahrhunderte bewährt hat.

Der steinige Pfad: Die Stufen der Ausbildung

Der Weg vom jungen Anwärter zum vollendeten Meister ist klar strukturiert und erfordert jahrelange Geduld und Hingabe. Jede Stufe muss vollständig gemeistert werden, bevor die nächste in Reichweite rückt.

Der Eleve – Der Beginn der Reise

Alles beginnt als Eleve (Schüler). Die ersten Jahre verbringen die Eleven nicht im Sattel, sondern im Stall. Der Tag beginnt um 6 Uhr morgens mit Stallarbeit. Misten, Füttern und die intensive Pflege der wertvollen Hengste bilden die Grundlage. Ein Eleve lernt, das Pferd von Grund auf zu verstehen – seine Bedürfnisse, seinen Charakter, seine Gesundheit. Erst wenn diese Basis sitzt, darf er an die Longe, um den perfekten, ausbalancierten Sitz zu erlernen – oft jahrelang ohne Steigbügel und Zügel. Demut und die Bereitschaft, bei null anzufangen, sind hier die wichtigsten Tugenden.

Der Bereiteranwärter – Die erste Verantwortung

Nach mehreren Jahren als Eleve folgt die Beförderung zum Bereiteranwärter. Ihm wird nun die Ausbildung junger, roher Hengste anvertraut. Er lernt, ein Pferd von den ersten Schritten unter dem Sattel bis zur Perfektion der Grundgangarten und Seitengänge auszubilden. Dies ist eine Phase großer Verantwortung. Hier werden die Grundlagen für die spätere Karriere des Pferdes in der Hohen Schule gelegt.

Der Bereiter – Meister der klassischen Kunst

Nach durchschnittlich 8 bis 12 Jahren harter Arbeit kann ein Bereiteranwärter zum Bereiter ernannt werden. Erst dann darf er die volle Uniform mit dem zweispitzigen Hut, dem sogenannten Bicorno, tragen. Ein Bereiter bildet einen Hengst bis zur höchsten Vollendung der Alta Escuela aus, einschließlich der berühmten „Schulen über der Erde“ wie Levade und Courbette. Er reitet in den weltberühmten Vorführungen und gibt sein Wissen an die jüngeren Kollegen weiter.

Das Nadelöhr: Wer hat überhaupt eine Chance?

Die Chance, als Eleve angenommen zu werden, ist verschwindend gering. Die Auswahlkriterien sind extrem streng und zeugen von den hohen Anforderungen der Institution. Nur etwa alle 10 bis 15 Jahre wird überhaupt eine neue Stelle für einen Eleven ausgeschrieben.

Die formellen Anforderungen sind klar definiert:

  • Alter: Bewerber müssen zwischen 16 und 19 Jahre alt sein.
  • Staatsbürgerschaft: Die österreichische oder eine EU-Bürgerschaft ist Voraussetzung.
  • Ausbildung: Eine abgeschlossene Schulausbildung ist Pflicht.
  • Reiterliches Können: Mindestens Dressur auf L-Niveau ist erforderlich, um die Grundlagen zu beherrschen.
  • Körperliche Voraussetzungen: Bewerber dürfen nicht größer als 1,72 m sein und müssen eine schlanke, athletische Figur haben, um optimal zum eleganten Typ der Lipizzaner zu passen.

Wer diese Hürden meistert, muss in einem mehrtägigen Auswahlverfahren seine reiterlichen Fähigkeiten, sein Gefühl für das Pferd und seine körperliche Fitness unter Beweis stellen. Doch am wichtigsten ist die Persönlichkeit: Gefragt sind Disziplin, Bescheidenheit und der unbedingte Wille, ein Leben lang zu lernen.

Ein Tag im Leben an der Hofreitschule

Der Alltag ist von Routine und harter Arbeit geprägt. Nach der morgendlichen Stallarbeit folgt die berühmte „Morgenarbeit“ in der Winterreitschule. Hier trainieren die Bereiter und ihre Anwärter die Hengste unter den Augen des Oberbereiters. Jede Bewegung wird analysiert, jedes Detail verfeinert. Es ist ein tägliches Streben nach Perfektion in der klassischen Dressur, bei dem die Harmonie zwischen Reiter und Pferd im Mittelpunkt steht.

Im Mittelpunkt dieser Ausbildung stehen ausschließlich die edlen Lipizzaner, die einzige Pferderasse, die an der Hofreitschule geritten wird. Diese enge, jahrzehntelange Partnerschaft zwischen Mensch und Tier bildet den Schlüssel zum Erfolg.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wie lange dauert die Ausbildung zum Bereiter?

Die gesamte Ausbildung vom Eleve bis zum ernannten Bereiter dauert im Durchschnitt 8 bis 12 Jahre. Der Weg zum Oberbereiter kann weitere Jahrzehnte in Anspruch nehmen.

Können auch Frauen Bereiterinnen werden?

Ja. Obwohl die Hofreitschule jahrhundertelang eine reine Männerdomäne war, wurde diese Tradition 2008 gebrochen. Heute gibt es sowohl Elevinnen als auch Bereiterinnen, die den gleichen harten Weg gehen wie ihre männlichen Kollegen.

Welche Voraussetzungen muss man als Bewerber erfüllen?

Zusammengefasst sind es ein Alter zwischen 16 und 19 Jahren, eine abgeschlossene Schulausbildung, reiterliches Können auf L-Niveau, eine Körpergröße unter 1,72 m und eine athletische Statur.

Was ist der Unterschied zwischen einem Bereiter und einem Oberbereiter?

Der Oberbereiter ist der höchste Rang. Er trägt die größte Verantwortung für die Ausbildung von Pferden und Reitern, leitet die Morgenarbeit und ist der oberste Hüter des traditionellen Wissens der Hofreitschule.

Fazit: Ein Leben für die Pferde

Der Weg zum Bereiter an der Spanischen Hofreitschule ist kein Job, sondern eine lebenslange Verpflichtung gegenüber den Pferden und einer jahrhundertealten Kultur. Er erfordert Opfer, Disziplin und eine Leidenschaft, die weit über das normale Maß hinausgeht. Für diejenigen, die diesen Weg gehen, ist es die Erfüllung eines Traums und die Chance, Teil einer lebendigen Geschichte zu werden.

Die Prinzipien der klassischen Reitkunst – Balance, Gymnastizierung und die feine Kommunikation zwischen Reiter und Pferd – sind universell. Sie erinnern uns daran, wie wichtig Harmonie und eine pferdegerechte Ausbildung sind. Ein zentrales Element dabei ist auch die Ausrüstung, denn nur ein perfekt passender Sattel ermöglicht dem Pferd die nötige Bewegungsfreiheit und dem Reiter einen ausbalancierten Sitz. Spezialisierte Manufakturen wie Iberosattel haben diese Prinzipien verinnerlicht und entwickeln Lösungen, die den anatomischen Bedürfnissen insbesondere barocker Pferde gerecht werden.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.