Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Problemzone Vorhandlastigkeit: So reiten Sie Ihr barockes Pferd „bergauf“

Problemzone Vorhandlastigkeit: So reiten Sie Ihr barockes Pferd „bergauf“

Fühlt sich Ihr Pferd in der Hand manchmal an wie ein voll beladener Schubkarren? Stolpert es gelegentlich auf gerader Strecke oder fällt in Wendungen förmlich auf die innere Schulter? Wenn Ihnen das bekannt vorkommt, sind Sie nicht allein. Viele Reiter barocker Pferde kennen dieses Gefühl: Das Pferd läuft auf der Vorhand. Doch was oft als Ungehorsam missverstanden wird, hat in Wirklichkeit biomechanische Ursachen, die sich mit dem richtigen Wissen und gezielten Übungen beheben lassen.

Die gute Nachricht ist: Sie können Ihrem Pferd helfen, sein natürliches Gleichgewicht zu finden, leichter und ausdrucksstärker zu werden und dabei langfristig gesund zu bleiben. Dieser Artikel erklärt die Ursachen der Vorhandlastigkeit und gibt Ihnen einen klaren Trainingsplan an die Hand, um aktiv gegenzusteuern.

Das barocke Erbe: Warum die Vorhandlastigkeit eine typische Herausforderung ist

Um das Problem zu lösen, müssen wir zunächst verstehen, warum gerade PREs, Lusitanos, Friesen und andere barocke Rassen zur Vorhandlastigkeit neigen. Ihr Körperbau ist das Ergebnis jahrhundertelanger Zucht für Wendigkeit, Imposanz und Versammlungsfähigkeit – doch genau diese Merkmale stellen uns im Training vor besondere Aufgaben.

Die Biomechanik des barocken Pferdes:

  • Kompakter, kurzer Rücken: Ideal für schnelle Wendungen und hohe Versammlungsfähigkeit, bietet aber weniger „Platz“ für den Reiter und verlagert den Schwerpunkt tendenziell nach vorn.
  • Starke, oft tief angesetzte Halsung: Verleiht die imposante „Hirschhals“-Optik, begünstigt aber, dass das Pferd sich auf den Zügel legt, anstatt den Hals aus dem Widerrist aufzuwölben.
  • Kraftvolle Hinterhand: Sie ist der „Motor“ des Pferdes. Ist dieser Motor jedoch nicht aktiv mit der Vorhand verbunden, schiebt er mehr, als er trägt – und das gesamte Gewicht lastet auf den Vorderbeinen.

Von Natur aus tragen Pferde rund 60 % ihres Gewichts auf der Vorhand. Kommt das Reitergewicht hinzu, verschärft sich dieses Ungleichgewicht. Das Ziel jeder gymnastizierenden Ausbildung ist es daher, dieses Verhältnis umzukehren: Das Pferd soll lernen, mit seiner aktiven Hinterhand mehr Last aufzunehmen. Dadurch wird die Vorhand entlastet und gewinnt an Freiheit und Beweglichkeit. Man spricht davon, das Pferd „bergauf“ zu reiten.

Die stillen Folgen: Mehr als nur ein „schweres“ Gefühl

Ein Pferd, das permanent auf der Vorhand läuft, fühlt sich nicht nur schwer an – die Belastung stellt auch ein erhebliches Gesundheitsrisiko dar. Die Vorderbeine des Pferdes sind von Natur aus zum Stützen da, nicht aber für das dauerhafte Tragen großer Lasten gemacht. Eine ständige Überlastung kann zu ernsten Problemen führen:

  • Erhöhter Verschleiß an Gelenken, Sehnen und Bändern der Vorderbeine
  • Rückenprobleme durch eine festgehaltene, nicht schwingende Muskulatur
  • Taktfehler und Stolpern durch mangelnde Balance
  • Schwierigkeiten bei Lektionen, die eine Lastaufnahme der Hinterhand erfordern (z. B. flüssige Übergänge, spätere Versammlung)

Wenn Sie die Vorhandlastigkeit als Trainingsaufgabe statt als Makel betrachten, legen Sie den Grundstein für ein gesundes und leistungsfähiges Reitpferd.

Der Weg zum Gleichgewicht: 4 effektive Übungen für mehr Tragkraft

Das Ziel ist klar: die Hinterhand zu aktivieren und dem Pferd beizubringen, sein Körpergewicht bewusst nach hinten zu verlagern. Die folgenden Übungen bauen aufeinander auf und helfen Ihnen, ein besseres Gefühl für die Balance Ihres Pferdes zu entwickeln.

Fundament der Ausbildung: Die korrekte halbe Parade

Bevor wir mit Lektionen beginnen, sollten wir über das wichtigste Werkzeug sprechen: die halbe Parade. Vergessen Sie die Vorstellung, hierbei nur an den Zügeln zu ziehen. Eine korrekte halbe Parade ist ein kurzes Zusammenspiel aller Hilfen, das das Pferd vorne sanft einrahmt und die Hinterhand gleichzeitig zum Weitertreten animiert. Sie schließt das Pferd kurz von hinten nach vorne, um seine Aufmerksamkeit zu sammeln und es neu auszubalancieren. Reiten Sie sie vor jeder Lektion, jeder Wendung und jedem Übergang.

Übung 1: Häufige Übergänge – der „Weckruf“ für die Hinterhand

Übergänge sind das A und O der Gymnastizierung. Jeder Tempowechsel, besonders von einer schnelleren zu einer langsameren Gangart, fordert vom Pferd, die Hinterhand stärker unter den Schwerpunkt zu setzen, um sich auszubalancieren.

  • So geht’s: Reiten Sie auf einer großen gebogenen Linie (Zirkel oder Schlangenlinien) und wechseln Sie alle 8-10 Tritte die Gangart. Beispiel: Trab – Schritt – Trab – Halten – Trab.
  • Worauf achten: Der Übergang sollte flüssig und „bergauf“ geritten werden, ohne dass Ihr Pferd auf die Vorhand fällt oder mit der Hinterhand ausweicht. Bereiten Sie jeden Übergang mit einer halben Parade vor.

Übung 2: Halten am Hang – der Schwerkraft-Trick

Dies ist eine verblüffend einfache, aber extrem effektive Übung. Wenn ein Pferd an einem leichten Anstieg anhalten muss, zwingt die Schwerkraft es ganz automatisch, mehr Gewicht auf die Hinterbeine zu verlagern, um nicht rückwärts zu rollen.

  • So geht’s: Suchen Sie sich einen sanften Hügel oder eine leicht ansteigende Einfahrt. Reiten Sie im Schritt bergauf und halten Sie an. Verweilen Sie ein paar Sekunden und loben Sie Ihr Pferd, wenn es ruhig steht. Reiten Sie wieder an und wiederholen Sie das Anhalten einige Male.
  • Der Effekt: Ihr Pferd spürt ganz passiv, welche Muskeln es für die Lastaufnahme aktivieren muss.

Übung 3: Stangenarbeit und Cavaletti

Das gezielte Übertreten von Stangen regt das Pferd an, seine Beine höher zu heben und den Rücken aufzuwölben. Die Rumpf- und Hinterhandmuskulatur wird dabei gekräftigt.

  • Einfacher Aufbau: Legen Sie 3-4 Trabstangen mit einem Abstand von ca. 1,20 m bis 1,30 m auf den Boden. Reiten Sie in einem ruhigen, gleichmäßigen Tempo mittig darüber.
  • Steigerung: Bauen Sie die Stangen auf einem Zirkel auf oder erhöhen Sie sie leicht zu Cavaletti. Das fördert zusätzlich die Biegung und Koordination.

Übung 4: Die Anfänge der Seitengänge

Seitengänge wie das Schulterherein sind die Königsdisziplin, um die Hanken (Gelenke der Hinterhand) zu beugen und die Tragkraft zu schulen. Beginnen Sie am besten mit dem Schultervor, einer Vorübung zum Schulterherein.

  • So geht’s: Reiten Sie auf dem Hufschlag und stellen Sie Ihr Pferd leicht nach innen, als wollten Sie einen Zirkel beginnen. Mit dem inneren Schenkel treiben Sie das Pferd vorwärts, während der äußere Zügel die Vorhand einrahmt. So treten die inneren Hufe leicht vor die äußeren.
  • Wirkung: Das innere Hinterbein muss verstärkt unter den Schwerpunkt treten und mehr Last aufnehmen. Das ist die Grundlage für anspruchsvollere [Lektionen der Hohen Schule].

Die entscheidende Rolle der Ausrüstung: Ein Sattel, der „bergauf“ erlaubt

Die besten Übungen bleiben wirkungslos, wenn die Ausrüstung die Bewegung des Pferdes blockiert. Ein unpassender Sattel ist einer der häufigsten Gründe für Vorhandlastigkeit. Drückt der Sattel auf die Schulter oder ist er zu lang für den kurzen Rücken eines barocken Pferdes, kann es seinen Rücken nicht aufwölben und die Hinterhand nicht aktivieren.

Achten Sie daher auf folgende Punkte:

  • Schulterfreiheit: Der Sattelbaum muss der breiten, muskulösen Schulter genügend Raum lassen, um frei rotieren zu können.
  • Länge: Die Auflagefläche darf nicht über den letzten Rippenbogen hinausragen, um die empfindliche Lendenpartie zu schonen.
  • Breite Auflage: Ein breiter Kissenkanal und eine großzügige Auflagefläche verteilen den Druck optimal und entlasten die Wirbelsäule.

Ein Sattel, der diese Kriterien erfüllt, ist die Grundvoraussetzung für eine korrekte Gymnastizierung. Spezialisierte Hersteller wie Iberosattel haben Konzepte entwickelt, die genau auf den kompakten Körperbau und die Bewegungsdynamik barocker Pferde zugeschnitten sind und so eine gesunde Entwicklung fördern.

Häufige Fragen zur Vorhandlastigkeit

F: Wie schnell sehe ich Ergebnisse bei den Übungen?
A: Geduld ist der Schlüssel. Es geht darum, Muskeln aufzubauen und Bewegungsmuster umzuprägen. Rechnen Sie mit mehreren Wochen bis Monaten konsequenten Trainings, bis Sie eine deutliche und dauerhafte Veränderung spüren. Feiern Sie auch kleine Fortschritte!

F: Kann ich mein Pferd auch vom Boden aus unterstützen?
A: Unbedingt! Arbeit an der Hand, korrektes Longieren über Stangen oder gezielte Dehnübungen ergänzen das Training unter dem Sattel ideal, um die richtigen Muskeln ohne Reitergewicht aufzubauen.

F: Mein Pferd ist schon älter. Kann ich trotzdem noch etwas ändern?
A: Ja, solange keine gesundheitlichen Einschränkungen dagegensprechen, ist es nie zu spät, Balance und Gymnastik zu verbessern. Passen Sie die Intensität dem Alter und Fitnesslevel Ihres Pferdes an und arbeiten Sie in kurzen, positiven Einheiten.

Fazit: Ein lohnender Weg zu Leichtigkeit und Harmonie

Die Neigung zur Vorhandlastigkeit ist bei barocken Pferden keine unabänderliche Eigenschaft, sondern eine Trainingsherausforderung, die in ihrem einzigartigen Körperbau begründet liegt. Wenn Sie die Biomechanik verstehen und gezielte, gymnastizierende Übungen in Ihr Training integrieren, fördern Sie nicht nur die Gesundheit Ihres Pferdes, sondern helfen ihm auch, sein volles Potenzial an Ausdruck und Leichtigkeit zu entfalten.

Dieser Weg erfordert Konsequenz und ein gutes Gefühl für die richtige Balance. Doch die Belohnung ist unbezahlbar: ein Pferd, das sich selbst trägt, leicht in der Hand ist und mit Ihnen in Harmonie tanzt.

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Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.