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Vom Schulhalt zur Levade: Der systematische Aufbau am Boden und im Sattel

Haben Sie jemals ein Pferd in der Levade gesehen und den Atem angehalten?

Dieser Moment, in dem es majestätisch auf den Hinterbeinen balanciert und die Vorderbeine elegant anwinkelt, ist pure Magie. Doch diese Lektion der Hohen Schule ist weit mehr als nur ein beeindruckender Show-Effekt. Sie ist das sichtbare Ergebnis einer jahrelangen, systematischen Gymnastizierung, eines tiefen Vertrauens und eines perfekten biomechanischen Verständnisses. Die Levade ist keine Zirkuslektion, die man einem Pferd „beibringt“, sondern eine Kunstform, die aus korrekter Dressurarbeit erwächst.

Dieser Artikel führt Sie durch die faszinierende Reise vom ersten vorbereitenden Schritt am Boden, dem Schulhalt, bis zur vollendeten Levade unter dem Reiter. Wir beleuchten die Hintergründe und zeigen, warum Geduld, Wissen und Feingefühl die wichtigsten Werkzeuge auf diesem anspruchsvollen, aber lohnenden Weg sind.

Mehr als ein Trick: Die biomechanischen Grundlagen der Levade

Um die Levade zu verstehen, muss man zunächst mit einem verbreiteten Missverständnis aufräumen: Das Pferd wird nicht „hochgezogen“ oder zum Steigen animiert. Im Gegenteil, es lernt, sein Gewicht aktiv auf die Hinterhand zu verlagern, sodass die Vorhand leicht wird. Dieser Prozess ist das Kernstück der versammelnden Arbeit in der klassischen Reitkunst.

Grundlage dafür ist eine außergewöhnliche Lastaufnahme der Hinterhand. Das Pferd muss lernen, seine Hanken – also Hüft- und Kniegelenke – stark zu beugen, um sein gesamtes Gewicht auf eine kleine Unterstützungsfläche zu verlagern. Dies erfordert eine immense Kraft im Rücken und in der Hinterhandmuskulatur, die über Jahre hinweg sorgfältig aufgebaut werden muss. Historisch war diese Fähigkeit in der Kriegskunst von unschätzbarem Wert, da sie dem Reiter schnelle Wendungen und Angriffe aus einer stabilen Position ermöglichte. Heute ist sie der ultimative Beweis für eine durchdachte und pferdegerechte Gymnastizierung.

Der Weg beginnt am Boden: Geduld als Schlüssel zum Erfolg

Jede Vorbereitung auf Lektionen wie die Levade beginnt am Boden. Die Arbeit an der Hand ermöglicht es, dem Pferd die Bewegungsabläufe ohne das zusätzliche Gewicht des Reiters zu erklären und so das Fundament aus Vertrauen, Verständnis und Muskulatur zu legen.

Schritt 1: Die Basisarbeit – Versammlung und Vertrauen

Bevor Sie überhaupt an eine Lektion wie den Schulhalt denken, muss Ihr Pferd solide in den Grundlagen der Dressurarbeit ausgebildet sein: Es sollte auf feinste Hilfen reagieren, sich leicht versammeln lassen und eine stabile psychische Balance besitzen. Die Prinzipien der klassischen Dressur für barocke Pferde bilden hier die unverzichtbare Basis. Übungen wie Schulterherein, Travers und die beginnende Piaffe sind keine optionalen Extras, sondern essenzielle Bausteine. Sie stärken den Tragapparat des Pferdes und bereiten es auf die anspruchsvolle Hankenbeugung vor.

Schritt 2: Vom Antippen zur Gewichtsverlagerung

Die erste konkrete Übung beginnt spielerisch. Sie stehen seitlich am Pferd und tippen mit der Gerte sanft ein Vorderbein an, um es zum Anheben zu animieren. Dabei geht es weniger um die Höhe als um die Dauer: Das Pferd soll lernen, für einen kurzen Moment das Gleichgewicht zu halten, während ein Vorderbein in der Luft ist. Üben Sie dies auf beiden Seiten, immer mit viel Lob und ausreichenden Pausen. So lernt das Pferd langsam, sein Gewicht bewusst nach hinten zu verlagern.

Schritt 3: Der Schulhalt – Die Vorstufe zur Levade

Der Schulhalt ist der entscheidende Zwischenschritt. Hierbei bitten Sie das Pferd, beide Vorderbeine für einen Augenblick vom Boden zu heben, während die Hinterbeine fest am Boden bleiben. Das Pferd balanciert auf seinen gebeugten Hanken – ein Moment maximaler Konzentration und Kraft, der nur wenige Sekunden gehalten wird. Der Schulhalt ist kein spektakulärer Trick, sondern eine intensive isometrische Übung. Er kräftigt exakt jene Muskelgruppen, die für die spätere Levade benötigt werden, und schult gleichzeitig die Balance sowie das Vertrauen des Pferdes in seine eigene Kraft. Diese Phase kann Monate dauern und sollte niemals überstürzt werden.

Die Übertragung in den Sattel: Feingefühl ist alles

Erst wenn das Pferd den Schulhalt am Boden sicher und ohne Anspannung beherrscht, kann die Lektion in den Sattel übertragen werden. Dieser Schritt ist jedoch nur sehr erfahrenen Reitern mit einem unabhängigen, ausbalancierten Sitz vorbehalten.

Die Rolle des Reitersitzes

Im Sattel ist der Reiter nicht nur Passagier, sondern aktiver Balancepartner. Seine Aufgabe ist es, die Versammlung durch feinste Gewichts- und Schenkelhilfen zu fördern, ohne das Pferd mit den Zügeln zu stören oder es gar nach oben zu ziehen. Der Reiter muss die Bewegung des Pferdes erspüren und im richtigen Moment nachgeben, um der Vorhand das Abheben zu ermöglichen. Jede grobe Einwirkung würde dieses fragile Gleichgewicht sofort zerstören.

Von der Piaffe zur Levade

Die Levade unter dem Reiter wird oft aus einer stark versammelten Piaffe heraus entwickelt. In der Piaffe tritt das Pferd bereits aktiv unter den Schwerpunkt und nimmt Last auf die Hinterhand auf. Aus diesem Zustand höchster Versammlung kann der Reiter durch eine minimale Gewichtsverlagerung nach hinten und eine verhaltende Hilfe das Pferd einladen, die Vorhand zu heben.

Dies ist der Höhepunkt der Alta Escuela, der Hohen Schule der Reitkunst. Eine korrekte Levade wirkt leicht, fast schwerelos, und zeugt von einer unsichtbaren Kommunikation zwischen Reiter und Pferd. Sie ist der Lohn für eine jahrelange, korrekte und pferdegerechte Ausbildung.

Typische Fehler und wie man sie vermeidet

Der Weg zur Levade ist anspruchsvoll und fehleranfällig. Die häufigsten Probleme entstehen dabei aus Ungeduld oder einem falschen Verständnis der Biomechanik.

  • Zu viel Handeinwirkung: Der Versuch, das Pferd mit dem Zügel „hochzuziehen“, führt zu Widerstand und zerstört das Vertrauen. Die Levade entsteht aus der Schub- und Tragkraft der Hinterhand, nicht aus dem Zug der Reiterhand.
  • Mangelnde Vorbereitung: Wird die Muskulatur nicht ausreichend über Monate und Jahre aufgebaut, ist die Belastung für die Gelenke der Hinterhand enorm. Das Pferd wird versuchen, sich zu entziehen oder kann gesundheitliche Schäden davontragen.
  • Verwechslung mit Steigen: Ein steigendes Pferd entzieht sich dem Druck und verliert die Balance. Ein Pferd in der Levade ist hingegen ausbalanciert, konzentriert und bleibt an den Hilfen des Reiters.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Ist jedes Pferd in der Lage, eine Levade zu lernen?

Theoretisch ja, aber Pferde mit einem natürlich angelegten Talent zur Versammlung, wie viele barocke Rassen (z. B. PRE, Lusitanos, Lipizzaner), haben es leichter. Wichtiger als die Rasse sind jedoch ein korrekter Körperbau, ein stabiles Nervenkostüm und eine fundierte Grundausbildung.

Wie lange dauert es, einem Pferd die Levade beizubringen?

Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten, da es ein Prozess ist, der über Jahre wächst. Hier ist der Weg das Ziel: Wer versucht, die Ausbildung zu beschleunigen, wird scheitern. Rechnen Sie mit mehreren Jahren konsequenter und korrekter gymnastizierender Arbeit.

Ist die Levade schädlich für das Pferd?

Eine korrekt und systematisch aufgebaute Levade ist nicht schädlich – im Gegenteil, sie ist Ausdruck höchster körperlicher Leistungsfähigkeit und Gymnastizierung. Sie stärkt die Hinterhand und fördert die Beweglichkeit. Wird sie jedoch erzwungen oder mit einem untrainierten Pferd versucht, kann sie zu schweren gesundheitlichen Schäden an Gelenken und Sehnen führen.

Kann ich meinem Pferd die Levade selbst beibringen?

Davon ist dringend abzuraten. Die Ausbildung zur Hohen Schule erfordert ein tiefes Verständnis von Biomechanik und Reitkunst. Suchen Sie sich unbedingt die Anleitung eines erfahrenen Ausbilders, der diesen Weg bereits erfolgreich mit anderen Pferden gegangen ist.

Fazit: Die Levade als Ausdruck vollendeter Harmonie

Die Reise vom Schulhalt zur Levade ist eine der faszinierendsten in der Reitkunst. Sie lehrt uns Demut, Geduld und die Kunst der feinen Kommunikation. Eine vollendete Levade ist kein Zirkusstück, sondern der lebende Beweis dafür, was möglich ist, wenn Kraft, Gleichgewicht und Vertrauen zu einer Einheit verschmelzen. Es ist der Moment, in dem Reitkunst zu wahrer Kunst wird – ein stiller Dialog zwischen Mensch und Pferd.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.