Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Doma Vaquera auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Vom Umsteiger zum Vaquero: Die häufigsten Hürden für Dressur- und Westernreiter (und wie man sie meistert)
Sie reiten seit Jahren Dressur, Ihr Sitz ist ausbalanciert, die Anlehnung konstant. Oder Sie kommen aus dem Westernreiten, Neck-Reining ist für Sie eine Selbstverständlichkeit und Ihr Pferd reagiert auf feinste Gewichtshilfen. Und doch fühlt sich der erste Ritt im Vaquero-Sattel an, als würden Sie das Reiten neu erlernen. Dieses Gefühl ist nicht nur normal – es ist ein Zeichen dafür, dass Sie dabei sind, eine der faszinierendsten und ursprünglichsten Reitweisen Europas zu entdecken.
Die Doma Vaquera, die traditionelle Arbeitsreitweise der spanischen Rinderhirten, ist mehr als nur eine andere Disziplin. Sie ist eine Philosophie, die auf Impulsen, Vertrauen und einer jahrhundertealten Partnerschaft zwischen Mensch und Pferd basiert. Doch der Weg vom erfahrenen Reiter zum feinfühligen Vaquero ist mit tief verwurzelten Gewohnheiten gepflastert, die es zu überwinden gilt. Wir zeigen Ihnen die häufigsten Hürden und wie Sie diese meistern.
Die größte Hürde für Dressurreiter: Das Loslassen der Anlehnung
Für einen klassischen Dressurreiter ist die stetige, weiche Verbindung zum Pferdemaul heilig. Sie ist das Kommunikationsmittel, der Seismograf für Durchlässigkeit und Losgelassenheit. In der Doma Vaquera weicht dieses Konzept einer völlig anderen Idee: dem Reiten auf Impuls.
Die Herausforderung: Der Vaquero reitet sein Pferd primär über Sitz und Schenkel. Die Hand gibt nur kurze, präzise Impulse und kehrt sofort wieder in eine passive Position zurück. Das Pferd soll in Selbsthaltung gehen, jederzeit bereit für explosive Manöver, ohne von der Hand „gehalten“ zu werden. Für viele Dressurreiter fühlt sich das anfangs leer und kontrolllos an. Die Tendenz, die Verbindung wieder aufnehmen zu wollen, ist eine der größten mentalen Blockaden.
So meistern Sie die Hürde:
- Vertrauen Sie dem Impuls: Lernen Sie, einen Impuls zu geben und die Antwort des Pferdes abzuwarten. Es geht darum, eine Frage zu stellen und dem Pferd Raum für die Antwort zu geben, statt eine dauerhafte Konversation zu führen.
- Fokus auf den Sitz: Ihr Becken und Ihre Rumpfmuskulatur werden zu Ihren wichtigsten Werkzeugen. Jeder Impuls für Tempo oder Richtung kommt aus Ihrer Körpermitte.
- Denken Sie in Bildern: Stellen Sie sich vor, Ihre Zügel wären aus feinem Garn und würden bei zu viel Zug reißen. Dieses Bild hilft, die Hände leicht und passiv zu halten.
Die Hürde für Westernreiter: Eine neue Art der einhändigen Führung
Westernreiter kennen das einhändige Reiten am durchhängenden Zügel. Doch die Zügelführung des Vaqueros, oft in Kombination mit der langen Holzstange (Garrocha), folgt eigenen Gesetzen.
Die Herausforderung: Die Zügel werden anders aufgenommen, die Hilfen sind subtiler und erfolgen oft schneller. Während das Westernpferd gelernt hat, dem Zügel am Hals (Neck-Reining) zu weichen, reagiert das Vaquero-Pferd auf feinste Drehungen des Handgelenks und minimale seitliche Impulse, die oft kaum sichtbar sind. Die Koordination, Zügel und Garrocha gleichzeitig zu führen, ist eine Kunst für sich.
So meistern Sie die Hürde:
- Trockenübungen: Üben Sie die Handhaltung und die Zügelführung zunächst im Stand oder sogar zu Hause ohne Pferd, um das Muskelgedächtnis zu schulen.
- Unabhängigkeit trainieren: Die Fähigkeit, die Zügelhand völlig unabhängig vom restlichen Körper zu bewegen, ist entscheidend. Eine Studie von Nevison & Timmis (2023) zeigte, dass fast alle Reiter natürliche Asymmetrien haben, die die Bewegung des Pferdes unbewusst beeinflussen. In der Doma Vaquera, wo es auf minimale Signale ankommt, wird die Korrektur dieser Asymmetrien umso wichtiger.
- Verstehen Sie die [Grundlagen der Doma Vaquera]: Die Reitweise ist aus der Arbeit am Rind entstanden. Jede Bewegung hat einen praktischen Zweck. Wer den Kontext versteht, lernt die Hilfengebung schneller.
Für alle Umsteiger: Der Sitz als Zentrum des Universums
Egal, aus welcher Disziplin Sie kommen, der tiefe Sitz im traditionellen Vaquero-Sattel wird Ihr Reitgefühl neu definieren. Er bietet enorme Sicherheit, verlangt aber auch eine neue Balance und Körperkontrolle.
Die Herausforderung: Der Vaquero-Sattel positioniert den Reiter tief und aufrecht über dem Schwerpunkt des Pferdes. Das Ziel ist maximale Stabilität, um bei schnellen Wendungen und Stopps im Gleichgewicht zu bleiben. Reiter, die einen flachen Close-Contact-Sattel gewohnt sind, müssen oft erst lernen, ihr Becken loszulassen und wirklich „im Pferd“ zu sitzen, anstatt „darauf“.
So meistern Sie die Hürde:
- Lassen Sie sich tragen: Widerstehen Sie dem Drang, mit den Knien zu klemmen. Der Sattel ist so konzipiert, dass er Sie sicher einrahmt. Entspannen Sie Ihre Oberschenkel und lassen Sie Ihr Gewicht tief in die Taschen des Sattels sinken.
- Core-Stabilität ist alles: Die schnellen Manöver der Doma Vaquera erzeugen erhebliche Kräfte. Eine Studie von Clayton et al. (2015) zeigte, dass die Spitzenkräfte, die auf den Pferderücken wirken, im Trab am höchsten sind. Bei abrupten Stopps oder Wendungen treten vergleichbar hohe Belastungen auf. Ein starker Rumpf hilft Ihnen, diese Kräfte zu absorbieren, ohne das Pferd zu stören.
Die Rolle der Ausrüstung: Warum ein Sattel mehr als nur ein Sitz ist
Die traditionelle Ausrüstung ist kein Folklore, sondern das Ergebnis jahrhundertelanger Optimierung. Besonders der Sattel spielt eine entscheidende Rolle für Pferd und Reiter.
Ein Vaquero-Sattel ist darauf ausgelegt, das Reitergewicht auf einer sehr großen Fläche zu verteilen. Das schützt den Pferderücken bei langen Arbeitstagen und abrupten Manövern. Doch die Passform ist komplex. Forschungen von de Cocq et al. (2009) belegen, dass sich die Form des Pferderückens je nach Haltung – also ob er aufgewölbt oder durchgedrückt ist – signifikant verändert. Bei den extremen Versammlungsgraden, die in der Doma Vaquera gefordert werden, ist ein Sattel unerlässlich, der dieser dynamischen Veränderung Rechnung trägt.
Moderne Sattelhersteller nutzen dieses Wissen. So zeigen Druckmessungen unter dem Sattel – wie sie bei Miske et al. (2023) beschrieben werden – präzise, wo Druckspitzen entstehen. Hersteller wie Iberosattel haben auf Basis solcher biomechanischen Erkenntnisse Sattelkonzepte entwickelt, die die traditionelle Optik und den sicheren Sitz mit modernen, anpassbaren Systemen für eine optimale Druckverteilung verbinden. Die Investition in eine professionelle Anpassung der [passende Ausrüstung] ist daher kein Luxus, sondern eine Grundlage für die Gesundheit des Pferdes und den Erfolg des Reiters.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) für Umsteiger
Brauche ich für die Doma Vaquera sofort ein spanisches Pferd?
Nein, die Prinzipien der Reitweise lassen sich mit jedem Pferd erlernen, das über eine gute Grundausbildung und eine gewisse Wendigkeit verfügt. Rassen wie der P.R.E. oder der Lusitano bringen jedoch von Natur aus eine hohe Versammlungsbereitschaft und Agilität mit, was den Einstieg erleichtert.
Wie lange dauert es, bis man sich umgewöhnt hat?
Das ist sehr individuell. Planen Sie mehrere Monate ein, um alte Reflexe abzulegen und neue Bewegungsmuster zu etablieren. Verlernen ist oft anspruchsvoller als Neulernen. Geduld ist Ihr wichtigster Begleiter.
Ist die Doma Vaquera nur etwas für Profis und Showreiter?
Ganz und gar nicht. Die Doma Vaquera ist eine hervorragende Schule für jeden ambitionierten Freizeitreiter, der seine Hilfengebung verfeinern, die Beziehung zu seinem Pferd vertiefen und eine unglaublich dynamische und vielseitige Reitweise entdecken möchte.
Welche der [typischen Lektionen] sind am Anfang am schwierigsten?
Für viele sind die abrupten Stopps aus vollem Galopp („Parada a raya“) und die schnellen Wendungen auf der Hinterhand („Media Vuelta“) die größten Herausforderungen. Sie erfordern perfektes Timing, absolutes Vertrauen und eine exzellente Balance von Pferd und Reiter.
Fazit: Eine Reise zu den Wurzeln der Reitkunst
Der Umstieg in die Doma Vaquera ist weniger ein Wechsel der Disziplin als vielmehr eine Vertiefung des Verständnisses für Biomechanik, Balance und Kommunikation. Es ist eine Reise, die Sie zwingt, alte Gewissheiten loszulassen und sich ganz auf das Gefühl und die Partnerschaft mit Ihrem Pferd zu verlassen.
Wenn Sie die anfänglichen Hürden überwinden, werden Sie nicht nur mit spektakulären Lektionen und einer einzigartigen Harmonie belohnt, sondern auch mit einem tieferen Verständnis für die Reitkunst selbst – eine Erfahrung, die Ihr Reiten in jeder anderen Disziplin bereichern wird.



