Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Vom Klemmen zur Losgelassenheit: Übungen für einen freien Reitersitz

Kennen Sie das Gefühl?

Sie sitzen auf Ihrem Pferd, der Trab wird ausdrucksstärker, und unwillkürlich spannen Sie die Oberschenkel an. Sie versuchen, tiefer in den Sattel zu sinken, doch stattdessen klammern Sie sich nur fester. Ihr Pferd reagiert sofort: Der Rücken wird fest, der Takt geht verloren, und die feine Kommunikation zwischen Ihnen beiden wird empfindlich gestört. Dieses Szenario zählt zu den häufigsten Problemen im Reitsport und ist oft der heimliche Grund für viele Missverständnisse zwischen Pferd und Reiter.

Die gute Nachricht: Ein klemmender Sitz ist kein Zeichen von Unvermögen, sondern oft eine unbewusste Schutzreaktion. Und das Beste daran: Mit gezielten Übungen können Sie ihn lösen und den Weg zu einem harmonischen, schwingenden Miteinander ebnen.

Warum ein fester Sitz die sensible Kommunikation stört

Stellen Sie sich das Becken des Reiters als eine Brücke vor. Es ist die zentrale Verbindungsstelle, über die die Energie und Bewegung des Pferderückens fließen sollte. Ein losgelassenes Becken kann die auf- und abschwingende Bewegung des Pferdes aufnehmen, sanft durchleiten und in eine feine Hilfengebung umwandeln.

Wenn der Reiter jedoch aus den Oberschenkeln klemmt oder das Becken blockiert, wird diese Brücke zu einer starren Barriere. Die Schwingung des Pferderückens wird abrupt gestoppt. Die Folge: Das Pferd kann seinen Rücken nicht mehr aufwölben, die Hinterhand nicht mehr aktiv unter den Schwerpunkt treten und Lektionen nicht mehr durchlässig ausführen. Studien zur Reiter-Pferd-Interaktion bestätigen, dass Verspannungen im Becken und in den Oberschenkeln des Reiters die Bewegungsfreiheit des Pferderückens direkt einschränken.

Es geht also darum, mit der Bewegung mitzuschwingen – eine Fähigkeit, die man erlernen und trainieren kann.

Die unsichtbaren Ursachen: Was steckt wirklich hinter dem Klemmen?

Ein fester Sitz hat selten nur eine einzige Ursache. Meist ist es ein Zusammenspiel aus körperlichen Veranlagungen, mentalen Blockaden und manchmal auch der Ausrüstung.

1. Die körperliche Komponente: Asymmetrie und fehlende Stabilität

Niemand ist perfekt symmetrisch. Forschungen zur Beckenasymmetrie bei Reitern belegen: Selbst minimale Schiefen im menschlichen Körper können zu deutlichen Gleichgewichtsproblemen im Sattel führen. Sitzt ein Reiter beispielsweise unbewusst mehr auf einer Gesäßhälfte, muss das Pferd dies permanent ausbalancieren. Die unweigerliche Folge sind Verspannungen – beim Pferd und beim Reiter, der versucht, diese Instabilität durch Klemmen auszugleichen.

Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Rumpfstabilität. Wie wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, reduziert eine gut trainierte Tiefenmuskulatur im Rumpf unerwünschte Oberkörperbewegungen. Dabei geht es nicht um ein starres „Sixpack“, sondern um die Fähigkeit, den Oberkörper unabhängig vom Becken stabil zu halten. Fehlt diese Stabilität, klammert sich der Reiter instinktiv mit den Beinen fest.

2. Die mentale Komponente: Angst und Anspannung

Der Kopf reitet immer mit. Angst und Stress erhöhen nachweislich die Muskelspannung. Die Sorge vor einem Kontrollverlust, die Angst zu stürzen oder der Druck, eine Lektion perfekt ausführen zu wollen – all das lässt den Reiter unbewusst die Muskeln anspannen. Der Körper schaltet in einen „Flucht-oder-Kampf-Modus“, das genaue Gegenteil der geforderten Losgelassenheit.

3. Der Einfluss der Ausrüstung

Manchmal liegt die Ursache aber auch in der Ausrüstung. Ein Sattel, der nicht optimal passt, kann den Reiter in einen Stuhlsitz zwingen oder ihm das Gefühl geben, nach vorne oder hinten zu kippen. Um dies auszugleichen, spannt der Reiter automatisch die Beinmuskulatur an. Daher ist der passende Sattel für Pferd und Reiter eine essenzielle Grundlage für einen losgelassenen Sitz.

Der Weg zur Losgelassenheit: Praktische Übungen für Reiter

Um das Klemmen zu überwinden, sollten Sie an der Wurzel ansetzen: bei der Beweglichkeit des Beckens, der Stabilität des Rumpfes und der mentalen Entspannung. Die folgenden Übungen helfen Ihnen dabei, ein neues Körpergefühl zu entwickeln – am Boden und im Sattel.

Übungen ohne Pferd: Das Fundament legen

Ein geschmeidiger Reitersitz beginnt auf dem Boden. Hier können Sie ohne die zusätzliche Herausforderung eines sich bewegenden Pferdes an Ihrer eigenen Körperwahrnehmung arbeiten.

  • Beckenkreisen auf dem Gymnastikball: Setzen Sie sich auf einen Gymnastikball, die Füße stehen fest auf dem Boden. Beginnen Sie, Ihr Becken langsam in großen Kreisen zu bewegen, abwechselnd in beide Richtungen. Spüren Sie, wie Ihre Sitzbeinhöcker über den Ball rollen. Diese Übung mobilisiert die Lendenwirbelsäule und das Becken auf sanfte Weise.
  • Hüftöffner aus dem Yoga: Übungen wie die „Taube“ oder der „Schmetterlingssitz“ dehnen die oft verkürzte Muskulatur an der Innen- und Außenseite der Oberschenkel. Je beweglicher Ihre Hüften sind, desto leichter können Ihre Beine lang und locker am Pferdebauch herabhängen.
  • Bewusste Atmung: Setzen oder legen Sie sich bequem hin. Legen Sie eine Hand auf Ihren Bauch und atmen Sie tief ein, sodass sich die Bauchdecke hebt. Atmen Sie langsam und vollständig wieder aus. Diese einfache Atemübung beruhigt das Nervensystem und löst nachweislich Muskelverspannungen.

Übungen auf dem Pferd: Das neue Gefühl umsetzen

Sobald Sie am Boden ein besseres Gefühl für Ihr Becken und Ihre Atmung entwickelt haben, können Sie dieses auf das Pferd übertragen.

  • Reiten ohne Bügel (an der Longe): Dieser Klassiker hat nichts von seiner Berechtigung verloren. Ohne Bügel sind Sie gezwungen, Ihr Gleichgewicht aus einem tiefen, zentrierten Sitz zu finden, anstatt sich mit den Bügeln abzustützen. Beginnen Sie im Schritt an der Longe und steigern Sie sich langsam.
  • Visualisierung: Nutzen Sie die Kraft Ihrer Vorstellung. Stellen Sie sich vor, Ihre Beine seien aus schwerem, nassem Sand und würden ganz lang nach unten sinken. Oder visualisieren Sie Ihr Becken als eine mit Wasser gefüllte Schale, die nicht überschwappen darf.
  • Im Takt atmen: Versuchen Sie, Ihre Ausatmung an die Bewegung des Pferdes anzupassen. Atmen Sie zum Beispiel im Trab über zwei Tritte ein und über zwei Tritte aus. Das synchronisiert Sie mit Ihrem Pferd und fördert die Entspannung.

Wenn der Sitz schwingt: Was Sie und Ihr Pferd gewinnen

Die Arbeit an einem losgelassenen Sitz ist eine Investition, die sich tausendfach auszahlt. Ein Reiter, der aus einer stabilen Mitte heraus mitschwingen kann, stört sein Pferd nicht mehr.

Die Energie kann ungehindert vom Hinterbein des Pferdes über den Rücken bis ins Genick und zur Reiterhand fließen. Plötzlich werden Lektionen möglich, die zuvor unüberwindbar schienen. Ihr Pferd wird zufriedener, weil es sich unter Ihnen freier bewegen kann, und Ihre Hilfen kommen feiner und klarer an. Dies ist die Grundlage für anspruchsvollere Aufgaben, wie sie zum Beispiel in den Lektionen der Working Equitation gefordert sind.

Vergessen Sie dabei nicht die Ausrüstung: Ein losgelassener Sitz benötigt auch die richtige Grundlage. Ein Sattel, der dem Reiter Bewegungsfreiheit im Becken gibt und gleichzeitig für eine stabile Lage sorgt, kann den Weg zur Losgelassenheit erheblich erleichtern. Hersteller wie Iberosattel haben sich darauf spezialisiert, Sättel zu entwickeln, die den anatomischen Besonderheiten barocker Pferde und den Bedürfnissen des Reiters gerecht werden.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Frage: Wie oft sollte ich diese Übungen machen?

Antwort: Regelmäßigkeit ist wichtiger als Intensität. Planen Sie 10–15 Minuten für die Bodenübungen an drei bis vier Tagen pro Woche ein. Die Übungen auf dem Pferd können Sie in jede Reiteinheit integrieren, besonders während der Lösungsphase.

Frage: Ich habe Schmerzen im unteren Rücken beim Reiten. Kann das am Klemmen liegen?

Antwort: Ja, das ist sehr wahrscheinlich. Ein blockiertes Becken verhindert, dass die Bewegung des Pferdes abgefedert wird. Stattdessen werden die Stöße direkt in die Lendenwirbelsäule des Reiters weitergeleitet, was zu Schmerzen und Verspannungen führen kann.

Frage: Mein Pferd wird oft hektisch oder rennt unter mir weg. Kann das auch am Sitz liegen?

Antwort: Absolut. Ein klemmender Schenkel ist für das Pferd ein ständiges treibendes Signal. Es versucht, diesem dauerhaften Druck zu entkommen, indem es schneller wird. Ein lockerer, am Pferdebauch anliegender Schenkel gibt hingegen nur dann einen Impuls, wenn dieser auch wirklich gewollt ist.

Fazit: Der erste Schritt zu einem harmonischen Dialog

Der Weg vom Klemmen zur Losgelassenheit ist eine Reise zu sich selbst und zu einer tieferen Verbindung mit Ihrem Pferd. Es geht darum, alte Muster zu durchbrechen, den eigenen Körper besser zu verstehen und zu lernen, der Bewegung des Pferdes zu vertrauen. Jeder kleine Fortschritt, jedes Gefühl von „Aha, so fühlt es sich an!“, wird nicht nur Ihren Sitz, sondern die gesamte Beziehung zu Ihrem Partner Pferd verändern. Sehen Sie es nicht als Korrektur eines Fehlers, sondern als die Entdeckung eines feineren, harmonischeren Dialogs.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.