Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Travers und Renvers gezielt einsetzen: So fördern Sie die Hankenbeugung und Geraderichtung Ihres Iberers

Fühlen Sie es auch manchmal? Ihr Pferd biegt sich auf einer Hand deutlich leichter als auf der anderen, drängt im Galopp nach innen oder fühlt sich in den Wendungen einfach nicht ganz ausbalanciert an. Diese subtile, natürliche Schiefe findet sich bei fast jedem Pferd und ist eine der größten Herausforderungen in der Ausbildung. Doch die klassische Reitkunst hält zwei der wirkungsvollsten Werkzeuge bereit, um genau das zu korrigieren: Travers und Renvers.

Sie sind weit mehr als nur Lektionen für das Dressurviereck – sie sind pure Gymnastik. Sie sind das gezielte Krafttraining für die Hinterhand und der Schlüssel zu einem Pferd, das sich geschmeidig, stark und in perfekter Balance unter Ihnen bewegt. Gerade für spanische Pferde wie den Pura Raza Española (PRE) – Das reine spanische Pferd mit ihrer natürlichen Veranlagung zur Versammlung sind diese Übungen ein wahrer Gamechanger.

Travers und Renvers: Die eleganten Gegenspieler

Auf den ersten Blick sehen sich Travers und Renvers sehr ähnlich. In beiden Lektionen bewegt sich das Pferd auf vier Hufspuren, wobei Vorhand und Hinterhand auf unterschiedlichen Linien laufen. Der entscheidende Unterschied liegt in der Stellung und Biegung des Pferdes im Verhältnis zur Bande oder zur Bewegungsrichtung.

  • Travers (Kruppe herein): Stellen Sie sich vor, Sie reiten auf dem Hufschlag. Im Travers ist das Pferd in Bewegungsrichtung gestellt und gebogen, während die Hinterhand ins Bahninnere weicht. Die Kruppe ist „herein“. Das Pferd blickt quasi über die Bande hinweg.
  • Renvers (Kopf herein): Im Renvers ist es genau umgekehrt. Das Pferd ist gegen die Bewegungsrichtung gestellt und gebogen. Die Vorhand befindet sich auf dem zweiten oder dritten Hufschlag, während die Hinterhand auf dem ersten Hufschlag bleibt. Der Kopf ist „herein“.

Beide Lektionen sind Seitengänge, die das Pferd lehren, seine Hinterbeine gezielt unter den Schwerpunkt zu setzen und dabei Last aufzunehmen.

Der biomechanische Blick: Warum diese Lektionen so wertvoll sind

Um zu verstehen, warum Travers und Renvers so effektiv sind, werfen wir einen Blick auf die Muskulatur und die Gelenke des Pferdes. Die wahre Magie spielt sich in der Hinterhand und im Rumpf ab.

Wenn das innere Hinterbein im Travers oder das äußere im Renvers unter den Körper tritt, führt es eine kombinierte Bewegung aus Adduktion (Bein wird zur Körpermitte geführt) und Flexion (Beugung der großen Gelenke: Hüfte, Knie, Sprunggelenk) aus. Diese Bewegung ist entscheidend für die Entwicklung der Tragkraft.

Diese Seitengänge aktivieren gezielt jene Muskeln, die für die Stabilisierung des Beckens und die Kraftübertragung aus der Hinterhand verantwortlich sind. Dazu gehören vor allem:

  • Die Glutealmuskulatur (Kruppenmuskulatur): Der „Motor“ des Pferdes, der für das kraftvolle Vorschieben sorgt.
  • Die ischiocrurale Muskulatur (u. a. Bizeps femoris): Die Muskelgruppe an der Rückseite des Oberschenkels, die für die Hankenbeugung essenziell ist.
  • Der Tensor fasciae latae: Ein wichtiger Muskel, der das Kniegelenk stabilisiert und an der Hüftbeugung beteiligt ist.

Durch das abwechselnde Beugen und Strecken unter Last wird die Hinterhand nicht nur stärker, sondern auch geschmeidiger. Die Fähigkeit des Pferdes, die Hanken zu beugen und das Becken abzukippen, ist die Grundlage jeder echten Versammlung und ein Kernziel der Klassischen Dressur mit barocken Pferden. Das Pferd lernt, sich „zu setzen“ und mehr Gewicht mit der Hinterhand zu tragen, was die Vorhand entlastet und eine erhabene, federnde Bewegung ermöglicht.

Die Praxis: Travers und Renvers korrekt reiten

Der Weg zu einem korrekten Travers und Renvers führt über Geduld und präzise Hilfengebung. Beginnen Sie immer im Schritt, bevor Sie sich an den Trab oder gar Galopp wagen.

So gelingt das Travers

  1. Vorbereitung: Reiten Sie auf dem Hufschlag, zum Beispiel an der langen Seite. Stellen Sie sicher, dass Ihr Pferd taktklar und losgelassen geht.
  2. Einleitung: Verschieben Sie Ihr Gewicht leicht nach innen (in Bewegungsrichtung). Der innere Gesäßknochen wird mehr belastet.
  3. Hilfengebung:
    • Der innere Schenkel liegt am Gurt und erhält die Längsbiegung und den Vorwärtsimpuls.
    • Der äußere, verwahrende Schenkel liegt eine Handbreit hinter dem Gurt und treibt die Hinterhand sanft ins Bahninnere. Er gibt den entscheidenden Impuls für die Seitwärtsbewegung.
    • Der innere Zügel gibt die Stellung vor, ohne zu ziehen.
    • Der äußere Zügel begrenzt die Stellung und verhindert, dass das Pferd über die äußere Schulter ausfällt.
  4. Das Gefühl: Es sollte sich anfühlen, als würden Sie die Schulter des Pferdes geradeaus führen, während Sie die Hinterhand kontrolliert seitlich mitnehmen.

Vom Travers zum Renvers

Der Renvers ist für viele Reiter anfangs schwieriger, weil die Orientierung zur Bande fehlt. Eine gute Vorübung ist, aus einer Volte oder Kehrtvolte auf den Hufschlag zurückzukehren und die Biegung beizubehalten.

  1. Vorbereitung: Reiten Sie zum Beispiel eine Kehrtvolte an der langen Seite.
  2. Einleitung: Wenn Sie wieder auf den Hufschlag treffen, behalten Sie die Biegung und Stellung aus der Volte bei. Die Vorhand ist nun im Bahninneren, die Hinterhand bleibt auf dem Hufschlag.
  3. Hilfengebung:
    • Der äußere Schenkel (jetzt am Hufschlag) liegt am Gurt und erhält Biegung und Vorwärts.
    • Der innere Schenkel (im Bahninneren) liegt verwahrend hinter dem Gurt und kontrolliert die Hinterhand.
    • Die Zügelhilfen sind spiegelverkehrt zum Travers.

Häufige Fehler und wie Sie sie vermeiden

  • Zu viel Halsbiegung: Der häufigste Fehler. Die Biegung muss aus dem gesamten Körper kommen, nicht nur aus dem Hals. Konzentrieren Sie sich auf die Schenkelhilfen.
  • Verlust des Taktes: Das Pferd wird langsamer oder eilig. Reiten Sie energisch vorwärts und denken Sie in erster Linie an die Vorwärtsbewegung, nicht an die Seitwärtsbewegung.
  • Das Pferd fällt über die Schulter aus: Meist ein Zeichen für einen fehlenden äußeren Zügel. Der äußere Zügel ist Ihr Rahmen, der das Pferd stabilisiert.

Diese Lektionen sind nicht nur Selbstzweck, sondern dienen einem höheren Ziel: der Geraderichtung und der Vorbereitung auf schwierigere Übungen. Sie sind ein wesentlicher Baustein auf dem Weg zur Hohen Schule in der Reitkunst.

Häufige Fragen zu Travers und Renvers

Was ist der Hauptunterschied im gymnastischen Wert?
Obwohl beide die Hankenbeugung fördern, wirkt sich das Travers oft stärker auf die Längsbiegung aus, während das Renvers die Geraderichtung der Schultern verbessert und das Pferd lehrt, sich am äußeren Zügel auszubalancieren.

Mit welcher Lektion sollte ich beginnen?
Den meisten Reitern und Pferden fällt das Travers leichter, da die Bande eine optische und physische Begrenzung bietet.

Wie oft sollte ich Travers und Renvers üben?
Integrieren Sie kurze Sequenzen von wenigen Tritten in Ihr tägliches Training. Qualität ist hier wichtiger als Quantität. Wenige korrekte Tritte sind wertvoller als eine ganze Bahnseite voller Fehler.

Mein Pferd weicht mit der Hinterhand zu stark aus. Was kann ich tun?
Das ist ein Zeichen dafür, dass der Impuls nach vorne fehlt. Reiten Sie energischer vorwärts und verringern Sie den seitwärtstreibenden Schenkeldruck.

Fazit: Der Schlüssel zu einem ausbalancierten Pferd

Travers und Renvers sind weit mehr als nur Dressurlektionen. Sie sind ein Dialog mit der Muskulatur Ihres Pferdes, ein Weg, um Kraft, Geschmeidigkeit und Balance gezielt zu fördern. Indem Sie diese Übungen verstehen und korrekt anwenden, geben Sie Ihrem Iberer die Werkzeuge an die Hand, die er braucht, um sein volles Potenzial zu entfalten – für mehr Ausdruck, mehr Leichtigkeit und eine tiefere Harmonie zwischen Ihnen und Ihrem Partner Pferd.


Partner-Hinweis

Die korrekte Ausführung gymnastizierender Lektionen wird maßgeblich durch die Passform des Sattels beeinflusst. Ein Sattel, der die Schulter blockiert oder den Rücken einengt, kann die für Travers und Renvers nötige Biegung und Lastaufnahme der Hinterhand erschweren. Konzepte wie die von Iberosattel sind speziell darauf ausgelegt, dem kurzen, kräftigen Rücken barocker Pferde maximale Bewegungsfreiheit zu bieten und so die gesundheitsfördernde Gymnastik optimal zu unterstützen.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.