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Temperament als Faktor: Welche Rasse passt zu welchem Reitertyp in der Working Equitation?

Stellen Sie sich eine Szene vor

Ein Reiter tanzt mit seinem Pferd durch einen Trail-Parcours. Jede Bewegung ist fließend, jede Hilfe unsichtbar. Das Pferd öffnet ein Gatter, überquert eine Brücke und wendet blitzschnell um ein Fass – alles mit einer Gelassenheit und einem Eifer, die pures Vertrauen ausstrahlen. Das ist die Faszination der Working Equitation, einer Disziplin, die weit mehr als nur technisches Können verlangt. Sie verlangt eine echte Partnerschaft.

Doch bei der Suche nach dem idealen vierbeinigen Partner für dieses Abenteuer stehen viele Reiter vor einer entscheidenden Frage: Soll es ein majestätischer PRE sein, ein agiler Lusitano oder vielleicht eine ganz andere Rasse? Oft konzentriert sich die Suche auf Gänge und Abstammung. Der wahre Schlüssel zum Erfolg liegt jedoch tiefer verborgen: im Temperament des Pferdes und wie gut es zu Ihrem eigenen Charakter passt.

Mehr als nur Technik: Warum das Temperament in der Working Equitation entscheidet

Die Working Equitation ist ein Spiegel der Seele einer Pferd-Reiter-Beziehung. Sie besteht aus vier Teildisziplinen – Dressur, Stil-Trail, Speed-Trail und Rinderarbeit –, die ein Pferd erfordern, das gehorsam und rittig, aber ebenso mutig, nervenstark und intelligent ist.

Ein übermäßig schreckhaftes Pferd wird an der flatternden Plane des Trail-Parcours scheitern, während einem Pferd ohne eigenen Willen bei der Rinderarbeit die nötige Initiative fehlt. Und ohne die enge Verbundenheit zum Reiter lassen sich im Speed-Trail keine wertvollen Sekunden gutmachen.

Es geht also nicht darum, die Rasse mit den spektakulärsten Gängen zu finden, sondern den Partner, dessen mentale Stärken Ihre reiterlichen Ziele und Ihren Charakter perfekt ergänzen.

Ein Erbe aus Adel und Arbeit: PRE vs. Lusitano im Charakter-Check

Die beiden prominentesten Rassen in der Working Equitation sind der Pura Raza Española (PRE) und der Lusitano. Beide teilen iberische Wurzeln, wurden aber über Jahrhunderte für unterschiedliche Zwecke geformt, was ihre heutigen Charakterzüge maßgeblich prägt.

Der Pura Raza Española (PRE): Der barocke Künstler

Der Pura Raza Española (PRE) hat seine Wurzeln tief in der Geschichte des spanischen Adels. Er wurde für die Repräsentation, die Hohe Schule und als edles Reittier der Könige gezüchtet. Seine Aufgabe war es, durch Schönheit, Erhabenheit und beeindruckende Bewegungen zu glänzen.

Dieses Erbe hat den PRE zu einem oft sehr menschenbezogenen, sensiblen und intelligenten Partner geformt.

  • Charakterzüge: PREs sind bekannt für ihre Bereitschaft, dem Reiter zu gefallen („will to please“). Sie lernen schnell, sind oft sehr sensibel auf feine Hilfen und entwickeln eine enge Bindung zu ihrer Bezugsperson. Ihre Intelligenz führt aber auch dazu, dass sie bei inkonsequenter oder unfairer Behandlung schnell eigene Ideen entwickeln.
  • Stärken in der Working Equitation: In der Dressur und im Stil-Trail kann ein PRE seine ganze Eleganz und Rittigkeit ausspielen. Seine natürliche Veranlagung für Versammlung und seine majestätische Ausstrahlung bringen oft hohe Noten.
  • Passender Reitertyp: Der PRE ist ideal für Reiter, die eine tiefe, fast telepathische Verbindung zu ihrem Pferd suchen. Reiter, die Wert auf Harmonie, Ästhetik und feine Kommunikation legen, werden in einem PRE einen wahren Künstler finden. Wer weniger auf die letzte Sekunde im Speed-Trail aus ist, sondern vielmehr auf einen ausdrucksstarken Tanz durch die Aufgaben, ist hier goldrichtig.

Der Lusitano: Der mutige Athlet

Der Lusitano aus Portugal wurde stärker als Arbeitspferd geformt. Seine Paradedisziplin war und ist der Stierkampf zu Pferd – eine Aufgabe, die extreme Wendigkeit, unglaublichen Mut und die Fähigkeit erfordert, unter höchstem Druck blitzschnelle, eigenständige Entscheidungen zu treffen.

Diese Vergangenheit hat einen Athleten geschaffen, der Nervenstärke und Arbeitswillen im Blut hat.

  • Charakterzüge: Lusitanos gelten als außerordentlich mutig, agil und mental robust. Sie sind oft weniger verspielt als PREs, dafür aber extrem fokussiert bei der Arbeit. Ihre Sensibilität geht mit einer hohen Belastbarkeit einher, was sie zu verlässlichen Partnern in anspruchsvollen Situationen macht.
  • Stärken in der Working Equitation: Während sie ebenfalls in der Dressur glänzen, liegt ihre absolute Stärke im Trail und bei der Rinderarbeit. Ihre angeborene Furchtlosigkeit und Wendigkeit machen sie zu unschlagbaren Partnern, wenn es auf Geschwindigkeit und Präzision ankommt. Sie „denken mit“ und bleiben auch dann cool, wenn es hektisch wird.
  • Passender Reitertyp: Der Lusitano passt hervorragend zu ambitionierten Reitern mit einem klaren Fokus auf Leistung und Wettbewerb. Wer einen furchtlosen Partner sucht, der auch im Speed-Trail die Nerven behält und aktiv mitarbeitet, wird mit dem Lusitano glücklich. Reiter, die einen mental starken Fels in der Brandung schätzen, finden hier ihren idealen Athleten.

Welcher Reitertyp sind Sie? Eine ehrliche Selbsteinschätzung

Die Wahl der richtigen Rasse beginnt bei Ihnen selbst. Beantworten Sie für sich ehrlich die folgenden Fragen, um Ihr eigenes Profil zu schärfen:

  • Was ist mein Hauptziel? Suche ich nach harmonischer Ästhetik und einer tiefen emotionalen Verbindung (eher Richtung PRE) oder nach sportlichem Erfolg und einem nervenstarken Wettkampfpartner (eher Richtung Lusitano)?
  • Wie reagiere ich unter Druck? Bleibe ich ruhig und gebe feine Hilfen, oder werde ich selbst etwas angespannt? Ein hochsensibler PRE könnte auf die Anspannung seines Reiters stärker reagieren als ein mental robuster Lusitano.
  • Wie viel „Mitarbeit“ wünsche ich mir? Möchte ich ein Pferd, das auf meine Anweisungen wartet, oder eines, das in gewissen Situationen (wie bei der Rinderarbeit) auch mal eigenständig agiert?

Natürlich sind dies nur Tendenzen. Es gibt mutige PREs und hochsensible Lusitanos. Doch das Wissen um das historische Erbe hilft, die grundlegenden Wesenszüge besser einzuordnen.

Jenseits der „großen Zwei“: Auch andere Rassen glänzen

Auch wenn PREs und Lusitanos die Szene dominieren, eignen sich auch andere barocke oder iberisch geprägte Rassen hervorragend für die Working Equitation. Menorquiner sind für ihre Nervenstärke bekannt, und auch gut gebaute Cruzados (iberische Mix-Pferde) oder sogar Friesen und Berber können mit dem richtigen Charakter und Training zu fantastischen Partnern in dieser Disziplin werden.

Fazit: Die Partnerschaft steht im Mittelpunkt

Die Entscheidung für ein Pferd für die Working Equitation ist eine Entscheidung für einen Partner, mit dem Sie durch dick und dünn gehen. Lassen Sie sich nicht allein von der Optik oder einer beeindruckenden Abstammung leiten. Der entscheidende Faktor ist die Harmonie der Charaktere. Ein Pferd, dessen Temperament zu Ihrem eigenen passt, wird Ihnen nicht nur Schleifen, sondern unbezahlbare Momente des Vertrauens und der Freude schenken. Nehmen Sie sich Zeit, fühlen Sie in sich hinein und finden Sie den Partner, dessen Herz im gleichen Takt schlägt wie Ihres.


Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was genau ist Working Equitation und wo kommt es her?
Die Working Equitation hat ihren Ursprung in den südeuropäischen Arbeitsreitweisen, insbesondere in Spanien, Portugal, Italien und Frankreich. Sie simuliert die tägliche Arbeit der Rinderhirten zu Pferd und hat sich zu einer vielseitigen Turniersportdisziplin entwickelt.

Sind PREs und Lusitanos für Anfänger geeignet?
Ihre Intelligenz und Sensibilität erfordern einen fairen und konsequenten Reiter. Für absolute Reitanfänger sind sie daher oft eine Herausforderung. Wer jedoch eine solide Grundausbildung und ein gutes Gefühl für Pferde mitbringt, kann auch als Rasse-Einsteiger mit einem gut ausgebildeten, charakterfesten Exemplar sehr glücklich werden.

Muss es für die Working Equitation ein reinrassiges Pferd sein?
Nein, absolut nicht. Vor allem im Einsteiger- und Amateurbereich sind viele verschiedene Rassen und Mix-Pferde (Cruzados) erfolgreich. Wichtiger als der Stammbaum sind ein passendes Gebäude, Rittigkeit und vor allem ein kooperativer und mutiger Charakter.

Mit welchen Kosten muss ich für ein geeignetes Pferd rechnen?
Die Preise variieren stark je nach Alter, Ausbildungsstand, Abstammung und Qualität. Solide ausgebildete Freizeitpferde mit Potenzial für die Working Equitation beginnen oft im unteren fünfstelligen Bereich. Nach oben hin sind bei hoch ausgebildeten Turnierpferden kaum Grenzen gesetzt.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.