Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Working Equitation auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Der Sprung in der Working Equitation: Technik, Gymnastik und Vertrauen am Heuballen
Stellen Sie sich einmal vor: Sie reiten konzentriert durch einen Trail-Parcours der Working Equitation. Der Slalom gelingt flüssig, Sie überqueren die Brücke souverän und umrunden die Tonnen präzise. Doch dann nähert sich der kleine, fast unscheinbare Sprung aus Stroh- oder Heuballen. Ihr Puls steigt leicht, Sie nehmen die Zügel unbewusst etwas fester – und Ihr Pferd reagiert sofort. Es zögert, wird eilig oder weicht seitlich aus. Ein Moment der Disharmonie in einer sonst harmonischen Vorstellung.
Kommt Ihnen das bekannt vor? Sie sind nicht allein. Der Sprung ist für viele Reiter das Hindernis im Trail, das die meiste mentale Vorbereitung erfordert. Dabei ist er weit mehr als nur ein Test des Mutes. Er ist ein wertvolles Diagnoseinstrument und eine exzellente gymnastische Übung, die Rhythmus, Vertrauen und Durchlässigkeit Ihres Pferdes nicht nur auf die Probe stellt, sondern auch fördert.
Mehr als nur ein Hindernis: Die Rolle des Sprungs im Trail
In der Working Equitation symbolisiert der Sprung ein natürliches Hindernis, wie es bei der täglichen Arbeit im Feld vorkommen könnte – ein kleiner Graben, ein umgefallener Baumstamm oder eine niedrige Mauer. Es geht nicht um Höhe oder Weite, sondern um Rittigkeit, Gehorsam und die Fähigkeit, eine Aufgabe ruhig und kontrolliert zu bewältigen.
Der Sprung prüft, ob die in versammelnden Lektionen aufgebaute Energie auch im Vorwärts erhalten bleibt und sich in einem gelassenen, kraftvollen Sprung entladen kann. Er offenbart schonungslos, wie gefestigt die Verbindung zwischen Ihnen und Ihrem Pferd wirklich ist.

Die besondere Biomechanik barocker Pferde am Sprung
Gerade für die Pferde im Barocktyp wie PRE, Lusitanos oder Friesen stellt der Sprung eine besondere gymnastische Aufgabe dar. Ihr Körperbau, geprägt von einem kräftigen Hals, einer starken Hinterhand und einem oft kürzeren Rücken, ist von Natur aus auf Versammlung und aufgerichtete Eleganz ausgelegt. Während sie eine enorme Kraft für aufwärtsgerichtete Bewegungen entwickeln, fällt es ihnen manchmal schwerer, den Rücken für eine ideale Sprungkurve – die sogenannte Bascule – aufzuwölben.
Studien zur Biomechanik zeigen, dass barocken Pferden eine rhythmische und gut vorbereitete Anreitphase hilft, ihre Rumpfmuskulatur effektiver zu aktivieren. Ein überhasteter oder zögerlicher Anlauf führt oft zu einem flachen Sprungstil, bei dem das Pferd den Rücken festhält. Ziel des Trainings ist es daher, dem Pferd beizubringen, seine Kraft nicht nur nach oben, sondern auch nach vorne über das Hindernis zu entwickeln und dabei den Rücken loszulassen.
Der Weg zum perfekten Sprung: Eine Frage der Technik und des Vertrauens
Ein harmonischer Sprung entsteht nicht zufällig, sondern aus einer Kette korrekter Abläufe. Er beginnt nicht erst am Absprung, sondern bereits viele Meter davor.
Die Anreitphase: Rhythmus ist das A und O
Die Anreitphase entscheidet über die Qualität des Sprungs. Der Schlüssel liegt in einem gleichmäßigen, ruhigen und ausbalancierten Galopp.
- Geraderichtung: Richten Sie Ihr Pferd präzise und mittig auf das Hindernis aus. Nutzen Sie Ihre Gewichts- und Schenkelhilfen, um die „Leitplanken“ zu bilden, die Ihr Pferd auf Kurs halten.
- Gleichmaß: Vermeiden Sie es, zum Sprung hin schneller zu werden. Ein gleichmäßiger Rhythmus gibt dem Pferd Sicherheit und Zeit, das Hindernis zu taxieren. Arbeiten Sie mit halben Paraden, um die Balance zu erhalten und die Hinterhand zu aktivieren.
- Fokus: Richten Sie Ihren Blick über das Hindernis hinweg auf den weiteren Weg. Schauen Sie nicht auf den Ballen herunter, denn Ihr Pferd folgt Ihrer Blickrichtung und Körperspannung.

Die Gymnastizierung: Die Kraft aus der Hinterhand für eine saubere Bascule
Damit Ihr Pferd den Rücken aufwölben kann, muss es seine Hinterhand aktiv unter den Schwerpunkt bringen und kraftvoll abspringen.
- Stangenarbeit: Cavaletti- und Stangenarbeit ist die beste Vorbereitung. Sie fördert Takt, Koordination und animiert das Pferd, seine Beine höher zu heben und den Rücken zu nutzen.
- Kleine Reihen: Bauen Sie kleine In-Outs oder Reihen mit einem Galoppsprung Abstand auf. Das schult das Taxiervermögen und automatisiert den Sprungablauf, ohne dass der Reiter zu viel eingreifen muss.
- Abwechslung: Integrieren Sie den Sprung in Ihre tägliche Arbeit. Reiten Sie aus verschiedenen Wendungen an oder bauen Sie ihn in einen kleinen Parcours mit anderen Lektionen ein. Das simuliert die Anforderungen im Trail und fördert die geistige Flexibilität.

Der Sitz des Reiters: Die unsichtbare Hilfe für Stabilität
Ihre Haltung im Sattel hat einen immensen Einfluss auf die Balance und das Vertrauen Ihres Pferdes. Über dem Sprung ist ein leichter, entlastender Sitz gefragt, der die Bewegung des Pferderückens mitmacht, ohne ihn zu stören. Anders als im klassischen Springsport geht man hier nicht in einen ausgeprägten leichten Sitz, sondern neigt den Oberkörper nur so weit vor, wie es zur Entlastung nötig ist.
Ein gut ausbalancierter Sitz ist entscheidend. Er gibt dem Pferd Sicherheit und stört seine Bewegungsfreiheit nicht. Ein passender Sattel, der speziell auf den kurzen, oft breiten Rücken barocker Pferde ausgelegt ist, kann dabei einen wesentlichen Unterschied machen. Hersteller wie Iberosattel legen beispielsweise Wert auf eine große Auflagefläche und Schulterfreiheit, was dem Pferd die nötige Beweglichkeit für eine saubere Bascule ermöglicht und dem Reiter einen sicheren Halt gibt.
Trainingstipps für einen souveränen Sprung
Das richtige Training am Sprung basiert auf Geduld und positiver Verstärkung.
- Am Boden beginnen: Führen Sie Ihr Pferd zunächst im Schritt und Trab über eine am Boden liegende Stange, später über einen niedrigen Heuballen. So kann es das Hindernis ohne Reitergewicht kennenlernen.
- Im Sattel etablieren: Beginnen Sie im Sattel ebenfalls im Schritt und Trab. Loben Sie Ihr Pferd für jeden Versuch, egal wie er aussieht.
- Den Galopp einführen: Wenn Schritt und Trab sicher sind, reiten Sie aus einem ruhigen, gesetzten Galopp an. Konzentrieren Sie sich ausschließlich auf den Rhythmus und die Geraderichtung.
- Fehler als Chance sehen: Verweigert Ihr Pferd, gehen Sie einen Schritt zurück. Reiten Sie einen ruhigen Bogen, parieren Sie zum Trab oder Schritt durch und versuchen Sie es erneut ohne Druck. Eine Verweigerung ist fast immer ein Zeichen von Unsicherheit, nicht von Ungehorsam.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zum Sprung in der Working Equitation
Muss mein Pferd ein Springpferd sein, um den Trail zu meistern?
Nein, absolut nicht. Die Höhe des Sprungs ist sehr gering (meist 40–60 cm). Es geht um Athletik, Rittigkeit und Vertrauen, nicht um Springvermögen. Jedes gesunde Reitpferd kann diese Aufgabe mit dem richtigen Training lernen.
In welchem Gang reite ich den Sprung korrekt an?
In den höheren Klassen wird der Sprung im Arbeitsgalopp angeritten. In Einsteigerprüfungen oder zum Training kann er auch aus dem Trab oder sogar Schritt absolviert werden, um dem Pferd Sicherheit zu geben.
Wie hoch ist der Sprung in der Working Equitation genau?
Die genaue Höhe ist im jeweiligen Regelwerk festgelegt, bewegt sich aber in der Regel zwischen 40 cm in leichten Klassen und bis zu 80 cm in den höchsten Klassen. Meist wird er aus Strohballen gebaut, was ihn optisch massiv, aber psychologisch einladend macht.
Was mache ich, wenn mein Pferd vor dem Sprung Angst hat?
Geduld ist hier der Schlüssel. Zwingen Sie Ihr Pferd niemals. Führen Sie es mehrfach am Hindernis vorbei, lassen Sie es schnuppern und betrachten. Nutzen Sie ein erfahrenes Führpferd, das vorausgeht. Beginnen Sie mit einer einzelnen Stange am Boden und steigern Sie die Anforderung nur, wenn Ihr Pferd absolut selbstsicher ist.
Fazit: Der Sprung als Spiegel der Ausbildung
Der kleine Sprung im Working Equitation Trail ist weit mehr als nur ein Hindernis. Er ist ein Indikator für die Qualität Ihrer Ausbildung, ein Test für das Vertrauen zwischen Ihnen und Ihrem Pferd und eine wertvolle gymnastische Übung.
Betrachten Sie ihn nicht als Hürde, sondern als Chance. Eine Chance, an Ihrem Rhythmus zu feilen, die Kraft der Hinterhand zu aktivieren und die Bindung zu Ihrem Pferd zu vertiefen. Wenn Sie den Sprung mit Ruhe, Technik und Geduld angehen, wird er zu einem weiteren harmonischen Puzzleteil auf Ihrem Weg zu einer feinen und pferdegerechten Reitweise.
Möchten Sie tiefer in die faszinierende Welt dieser Reitdisziplin eintauchen? Erfahren Sie hier mehr über die Grundlagen der Working Equitation und die Besonderheiten der Ausbildung barocker Pferde.



