Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Synchronisierte Atmung: Wie der Reiteratem Takt und Losgelassenheit des Barockpferdes steuert
Kennen Sie das? Sie arbeiten an einer Lektion, vielleicht an einem perfekt runden Zirkel oder einem fließenden Übergang, doch Ihr Pferd wird zusehends fester. Es fühlt sich an, als würden Sie gegen eine unsichtbare Wand reiten. Je mehr Sie sich bemühen, desto mehr scheint sich Ihr Pferd zu verspannen. Und dann folgt der oft gehörte Ratschlag des Reitlehrers: „Atmen Sie doch mal!“ Ein Satz, der banal klingen mag, aber den Schlüssel zu einer der tiefsten Ebenen der Reiter-Pferd-Kommunikation birgt.
Ihre Atmung ist weit mehr als nur ein Mittel zum Überleben im Sattel. Sie ist ein unsichtbares, aber machtvolles Instrument, das Takt, Energie und vor allem die Losgelassenheit Ihres Pferdes direkt beeinflussen kann. Besonders sensible und menschenbezogene Rassen wie PREs oder Lusitanos reagieren auf die feinsten Signale des Reiters – und kaum ein Signal ist ehrlicher als unser Atem.
Mehr als nur Luft: Die unsichtbare Verbindung zwischen Reiter und Pferd
Pferde sind als Fluchttiere Meister der nonverbalen Kommunikation. Sie sind darauf programmiert, die emotionale und physische Verfassung ihrer Herdenmitglieder – und damit auch ihres Reiters – sekundenschnell zu erfassen. Eine flache, schnelle Atmung oder gar das Anhalten der Luft signalisiert im biologischen Code des Pferdes Anspannung, Gefahr oder die Vorbereitung auf eine plötzliche Anstrengung.
Der Reitmeister Dr. Thomas Ritter beschreibt es treffend: Das Pferd spiegelt die Anspannung seines Reiters. Halten Sie unbewusst den Atem an, weil Sie sich auf eine schwierige Lektion konzentrieren, spannen Sie unweigerlich Ihre gesamte Rumpfmuskulatur an. Ihr Pferd nimmt diese Verhärtung sofort wahr und reagiert instinktiv ebenfalls mit Anspannung – es bereitet sich auf eine potenzielle Flucht vor. Umgekehrt signalisiert eine tiefe, ruhige und rhythmische Ausatmung: „Alles ist in Ordnung, du kannst dich entspannen.“ Dieser Impuls kann Blockaden lösen und den Weg für echte Harmonie ebnen.
Die Wissenschaft hinter dem Atem: Von der Lunge in den Pferderücken
Was sich esoterisch anhört, ist in Wahrheit reine Biomechanik und Physiologie, denn die Verbindung zwischen Ihrem Atem und der Bewegung Ihres Pferdes lässt sich wissenschaftlich belegen.
Wie Ihr Atem Ihre Stabilität formt
Das Zwerchfell, unser Hauptatemmuskel, ist ein zentraler Bestandteil der Rumpfmuskulatur. Eine Studie im Journal of Equine Veterinary Science hat gezeigt, dass eine bewusste, tiefe Bauchatmung das Zwerchfell aktiviert und die gesamte Rumpfmuskulatur stabilisiert. Dieser stabile, aber flexible Rumpf ist die Grundlage für einen ausbalancierten, unabhängigen Sitz. Statt durch unkontrollierte Kleinbewegungen zu stören, kann Ihr Becken so zu einem ruhigen und klaren Kommunikationszentrum werden.
Die direkte Übertragung auf das Pferd
Ein stabiler Rumpf ermöglicht es Ihnen, feinste Hilfen aus der Körpermitte zu geben, die Ihr Pferd mühelos verstehen kann. Die positive Wirkung ist messbar: Eine Untersuchung der International Society for Equitation Science (ISES) konnte nachweisen, dass eine rhythmische Atmung des Reiters von etwa sechs bis acht Zügen pro Minute direkt mit einer größeren Schrittlänge und einer stabileren Herzfrequenzvariabilität (HRV) beim Pferd korreliert. Eine stabile HRV ist ein klares Indiz für ein entspanntes Nervensystem.
Kurz gesagt: Ihr ruhiger Atem beruhigt das Nervensystem Ihres Pferdes und führt so zu einer entspannten Rückenmuskulatur. Erst dann ist echte Losgelassenheit – die Basis für jede weitere anspruchsvolle Gymnastizierung – überhaupt möglich.
Vom Wissen zur Praxis: So steuern Sie Takt und Entspannung aktiv
Die Theorie ist faszinierend, doch die wahre Magie entfaltet sich in der Praxis. Mit einigen einfachen Übungen können Sie lernen, Ihren Atem bewusst als Hilfe einzusetzen.
Den eigenen Rhythmus finden
Beginnen Sie am Boden, bevor Sie in den Sattel steigen. Schließen Sie die Augen und konzentrieren Sie sich nur auf Ihre Atmung.
- Beobachten: Atmen Sie flach in die Brust oder tief in den Bauch? Ist Ihr Atem schnell oder langsam?
- Vertiefen: Versuchen Sie nun, bewusst in den Bauch zu atmen. Legen Sie eine Hand auf Ihren Bauch, um die Bewegung zu spüren.
- Verlängern: Atmen Sie etwa vier Sekunden lang ein und sechs Sekunden lang aus. Diese verlängerte Ausatmung aktiviert den Parasympathikus, jenen Teil des Nervensystems, der für Ruhe und Entspannung zuständig ist. Ziel sind die wissenschaftlich empfohlenen sechs bis acht Atemzüge pro Minute.
Übertragen Sie diese Übung dann in den Sattel, zunächst im Schritt. Machen Sie die bewusste Atmung zum Ritual zu Beginn jeder Reiteinheit.
Atmen im Takt der Bewegung
Sobald Sie Ihren Grundrhythmus gefunden haben, können Sie beginnen, ihn mit den Gängen Ihres Pferdes zu synchronisieren.
- Im Trab: Versuchen Sie, über zwei Tritte einzuatmen und über die nächsten zwei Tritte auszuatmen. Spüren Sie, wie Ihr Körper im Takt der Bewegung schwingt.
- Im Galopp: Atmen Sie mit dem Rhythmus des Galoppsprungs. Oft passt ein Atemzug pro Galoppsprung, zum Beispiel einatmen, wenn das innere Hinterbein vorgreift, und ausatmen in der Schwebephase.
Ein langer, hörbarer Seufzer kann Wunder wirken, um eine angespannte Situation aufzulösen oder einen Übergang nach unten weich und fließend vorzubereiten. Experimentieren Sie damit, wie eine kraftvolle Ausatmung Ihr Pferd zu einem energischeren Antritt motivieren kann, während eine sanfte, lange Ausatmung zur Beruhigung beiträgt.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur synchronisierten Atmung
Warum ist das bei barocken Pferden besonders wirkungsvoll?
Gerade die sensiblen barocken Pferde sind oft sehr fein auf die Hilfen und die Körpersprache ihres Reiters abgestimmt. Sie nehmen minimale Spannungsveränderungen wahr, die bei weniger sensiblen Pferden vielleicht untergehen würden. Ihre Intelligenz und Menschenbezogenheit machen sie zu dankbaren Partnern für diese subtile Form der Kommunikation.
Ich vergesse beim Reiten ständig, bewusst zu atmen. Was kann ich tun?
Das ist völlig normal. Unser Gehirn ist mit vielen Dingen gleichzeitig beschäftigt. Machen Sie es sich zur Gewohnheit, vor jeder neuen Lektion oder nach jedem Übergang bewusst zwei bis drei tiefe Atemzüge zu nehmen. Diese kurzen „Atem-Check-ins“ helfen dabei, dass die bewusste Atmung nach und nach zur Gewohnheit wird.
Kann ich damit auch Probleme in der klassischen Dressur lösen?
Absolut. Viele Herausforderungen in der klassischen Dressur, wie ein fester Rücken in der Versammlung, Taktfehler oder Schwierigkeiten bei der Anlehnung, haben ihre Wurzel in fehlender Losgelassenheit. Da die Atmung direkt auf die Entspannung der Muskulatur einwirkt, ist sie ein fundamentaler Baustein, um diese Probleme an der Wurzel zu packen, anstatt nur Symptome zu bekämpfen.
Was ist, wenn ich mich beim Zählen unwohl fühle oder mir schwindelig wird?
Das Ziel ist Entspannung, nicht neuer Stress. Wenn Ihnen das Zählen unangenehm ist, konzentrieren Sie sich einfach auf das Gefühl einer langen, ruhigen Ausatmung. Falls Ihnen schwindelig wird, atmen Sie zu tief oder zu schnell. Kehren Sie zu Ihrem normalen Atemrhythmus zurück und versuchen Sie es später sanfter erneut. Es geht nicht um Leistung, sondern um Wahrnehmung.
Fazit: Ihr Atem als feinste Hilfe
Die bewusste Steuerung Ihres Atems ist eine der elegantesten und zugleich wirkungsvollsten Hilfen, die Ihnen zur Verfügung stehen. Sie kostet nichts, erfordert kein spezielles Equipment und stärkt die Verbindung zu Ihrem Pferd auf einer tiefen, intuitiven Ebene. Wenn Sie lernen, Ihren Atem zu steuern, gewinnen Sie auch die Kontrolle über Ihre eigene Anspannung – und machen Ihrem Pferd damit das größte Geschenk: einen ruhigen, ausbalancierten und vertrauensvollen Partner.
Beginnen Sie noch heute damit, auf Ihren Atem zu achten. Sie werden überrascht sein, welche Dialoge sich plötzlich mit Ihrem Pferd eröffnen – ganz ohne Worte, nur durch den gemeinsamen Rhythmus des Lebens.



