Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Barockpferde Ausbildung auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Die Stimme in der Remontenausbildung: So wird sie zur Brücke vom Boden zum Sattel
Stellen Sie sich diesen Moment vor: Sie sitzen zum ersten Mal auf Ihrem jungen Pferd. Ein Augenblick voller Stolz, Hoffnung und einer gesunden Portion Nervosität. Alles, was Sie am Boden erarbeitet haben, soll sich nun im Sattel auszahlen. Doch für das Pferd ist das eine völlig neue Welt. Das vertraute Gefühl des Menschen neben sich ist verschwunden, ersetzt durch ein ungewohntes Gewicht auf dem Rücken. Wie können Sie ihm jetzt die Sicherheit geben, die es braucht, um diese neue Lektion vertrauensvoll anzunehmen? Die Antwort ist oft leiser als ein Hufschlag, aber unendlich wirkungsvoll: Ihre Stimme.
Viele Reiter unterschätzen die Macht der Stimme und reduzieren sie auf ein beruhigendes „Brrrr“ oder ein antreibendes Schnalzen. Doch sie ist weit mehr als das. Sie ist ein präzises Kommunikationsmittel, das eine direkte Brücke vom bekannten Terrain der Bodenarbeit zum neuen Kapitel unter dem Sattel schlagen kann. Richtig eingesetzt, wird sie zum wichtigsten Werkzeug, um Missverständnisse zu vermeiden, Stress zu reduzieren und die Ausbildung des jungen Pferdes entscheidend zu beschleunigen.
Warum die Stimme mehr als nur Schall ist: Ein Blick in die Forschung
Lange Zeit hielt sich der Glaube, Pferde würden nur auf den Tonfall reagieren, nicht aber auf die Bedeutung von Worten. Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigen jedoch, was erfahrene Ausbilder schon immer wussten. Sie zeichnen ein deutlich differenzierteres Bild: Pferde sind exzellente Zuhörer.
Eine Studie der Universität Rennes hat eindrucksvoll belegt, dass Pferde nicht nur auf den emotionalen Tonfall einer Stimme reagieren, sondern auch spezifische Wörter wie „Komm her“ oder „Bleib stehen“ unterscheiden und entsprechend handeln können. Für die Remontenausbildung ist diese Erkenntnis pures Gold. Sie bedeutet, dass ein am Boden etabliertes Stimmkommando für das Pferd eine klare, verständliche Anweisung bleibt, auch wenn der Reiter plötzlich im Sattel sitzt.
Darüber hinaus reagieren Pferde stark auf die emotionale Färbung der Stimme. Ein ruhiger, positiver Tonfall kann nachweislich die Herzfrequenz des Pferdes senken und Stress reduzieren, während eine scharfe, laute Stimme das Gegenteil bewirkt. Ihre Stimme ist also ein direktes Werkzeug zur emotionalen Regulation – ein Anker der Sicherheit in einer aufregenden neuen Situation.
Die Brücke bauen: Vom Boden in den Sattel
Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Konsequenz. Die Stimme kommt nicht erst im Sattel zum Einsatz, sondern wird von der ersten Trainingseinheit an als festes Element etabliert. Dieser Prozess gliedert sich in zwei entscheidende Phasen.
Phase 1: Das Fundament am Boden legen
Schon während der grundlegenden Bodenarbeit, lange bevor das Anreiten überhaupt ein Thema ist, legen Sie den Grundstein. Jede Übung wird von einem klaren, immer gleichen Stimmkommando begleitet.
- Anhalten: Ein klares, ruhiges „Steh“ oder „Halt“, immer in Verbindung mit der Körpersprache.
- Antreten: Ein aufmunterndes „Schritt“ oder „Geh“, begleitet von einer vorwärtsweisenden Geste.
- Gangartenwechsel: Eindeutige Kommandos wie „Traaaab“ (langgezogen) oder ein kurzes, energisches „Galopp“.
Diese Kommandos werden an der Longe, bei der Handarbeit und bei allen täglichen Führübungen konsequent wiederholt. So lernt das Pferd, eine bestimmte Aktion mit einem bestimmten Laut zu verknüpfen. Sie schaffen damit ein Vokabular, auf das Sie später zurückgreifen können – die Basis für eine solide Pferdeausbildung und Erziehung.
Phase 2: Der Transfer in den Sattel
Der Moment des ersten Aufsitzens ist für das junge Pferd eine Stresssituation. Die gewohnten visuellen Signale des Ausbilders sind nicht mehr sichtbar. Genau hier wird die Stimme zur entscheidenden Brücke.
Wenn Sie nun im Sattel sitzen und ein ruhiges „Schritt“ sagen, hört das Pferd ein vertrautes Kommando. Es versteht die Aufforderung, auch ohne die gewohnte Geste zu sehen. Diese bekannte Anweisung gibt ihm Sicherheit und Orientierung. Es erkennt: „Ah, das kenne ich. Ich weiß, was von mir verlangt wird.“
Die ersten Runden unter dem Sattel werden so nicht zu einem Ratespiel, bei dem das Pferd versucht, die neuen und oft noch unkoordinierten Hilfen des Reiters zu deuten. Stattdessen geben die bekannten Stimmkommandos den Rahmen vor und unterstützen die Schenkel- und Zügelhilfen. Das Ergebnis: Weniger Spannung, weniger Missverständnisse und ein Pferd, das von Anfang an lernt, den Hilfen des Reiters zu vertrauen.
Die häufigsten Fehler – und wie Sie sie vermeiden
Die Arbeit mit der Stimme ist hochwirksam, birgt aber auch Fehlerquellen. Wer diese kennt, kann sie gezielt vermeiden.
- Inkonsistente Kommandos: Heute „Halt“, morgen „Steh“, übermorgen „Whoa“. Diese fehlende Konsequenz verwirrt das Pferd und entwertet die Stimme als Hilfsmittel. Legen Sie sich auf ein Vokabular fest und bleiben Sie dabei.
- Widersprüchliche Signale: Ein scharfes „Steh!“, während Ihr eigener Körper weiterhin Anspannung und Vorwärtsdrang signalisiert, ist für das Pferd ein unlösbares Rätsel. Forschungsergebnisse zeigen, dass solche widersprüchlichen Signale – etwa ein lobender Ton bei einem Kommando, das Ruhe erfordert – zu Verwirrung und Stress führen. Stimme und Körpersprache müssen immer die gleiche Botschaft senden.
- Inflationärer Gebrauch: Wer pausenlos auf sein Pferd einredet, sorgt dafür, dass es „abschaltet“. Die Stimme verliert ihre Bedeutung. Setzen Sie Kommandos gezielt und präzise ein. In den Pausen herrscht Ruhe oder ein leises, lobendes Kraulen.
Praktische Tipps für den Alltag
- Verbinden Sie Wort und Tat: Geben Sie das Stimmkommando immer kurz vor der Körperhilfe (z. B. dem Schenkeldruck). So lernt das Pferd, schon auf die Stimme zu reagieren.
- Nutzen Sie die Tonhöhe: Eine tiefere, ruhigere Stimme wirkt beruhigend und ist ideal für abwärts gerichtete Übergänge, zum Beispiel zum Halten. Eine höhere, energischere Stimme wirkt aktivierend und passt zu aufwärts gerichteten Übergängen.
- Loben, loben, loben: Das wichtigste Stimmkommando ist das Lob! Ein freudiges „Fein“ oder „Brav“ im richtigen Moment ist ein unbezahlbarer Motivator. Studien belegen, dass Pferde positiv auf vertraute Stimmen reagieren, die Lob ausdrücken.
- Seien Sie geduldig: Nicht jedes Pferd lernt gleich schnell. Bleiben Sie ruhig und konsequent. Jede Wiederholung festigt die Verbindung zwischen Wort und Aktion – eine solide Basis, die auch für fortgeschrittene Übungen wie Zirkuslektionen entscheidend ist.
FAQ – Häufig gestellte Fragen zur Stimm-Nutzung
Ist der Tonfall oder das Wort wichtiger?
Beides spielt eine entscheidende Rolle. Das Wort gibt die klare, erlernte Anweisung, zum Beispiel „Trab“. Der Tonfall transportiert die emotionale Energie und Intention, etwa ruhig und treibend oder schnell und aufgeregt. Die wirkungsvollste Kommunikation entsteht, wenn Wort und Tonfall harmonieren.
Was mache ich, wenn mein Pferd nicht auf meine Stimme reagiert?
Gehen Sie einen Schritt zurück. Überprüfen Sie, ob das Kommando am Boden wirklich sicher verankert ist. Oft liegt das Problem nicht am Unwillen des Pferdes, sondern an einer noch nicht gefestigten Verknüpfung. Verstärken Sie das Stimmkommando am Boden konsequent mit Ihrer Körpersprache und loben Sie sofort, wenn die richtige Reaktion erfolgt.
Kann ich zu viel mit meinem Pferd reden?
Ja. Dauerhaftes Plappern führt dazu, dass das Pferd die Stimme als unwichtiges Hintergrundgeräusch einstuft. Nutzen Sie Ihre Stimme gezielt für Kommandos, Lob oder zur Beruhigung. In den Phasen dazwischen ist oft Schweigen die bessere Wahl, um die Aufmerksamkeit des Pferdes zu erhalten.
Fazit: Eine Partnerschaft, die man hören kann
Die bewusste Nutzung der Stimme in der Remontenausbildung ist weit mehr als eine simple Trainingstechnik. Sie ist ein Ausdruck von Respekt und dem Willen, für das Pferd so verständlich wie möglich zu sein. Indem Sie eine klare verbale Kommunikationsebene etablieren, schenken Sie Ihrem jungen Pferd in der aufregenden Phase des Anreitens ein unschätzbares Gut: Sicherheit.
Diese hörbare Verbindung reduziert Stress, fördert das Vertrauen und legt den Grundstein für eine harmonische Partnerschaft. Sie ist die Brücke, die Ihr Pferd sicher vom bekannten Boden in die neue Welt unter dem Sattel trägt – und die Basis für eine Kommunikation, die ein Pferdeleben lang hält. Wer tiefer in die Welt der feinen Kommunikation einsteigen möchte, findet Inspiration in den Prinzipien der klassischen Dressur für barocke Pferde.



