Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Zirkuslektionen auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Steigen beim Pferd: Zwischen Verhaltensproblem und Showlektion

Ein Pferd, das sich auf die Hinterbeine erhebt, ist ein Anblick von beeindruckender Kraft und Eleganz. Doch während dieser Anblick in einer Show fasziniert, löst er im Alltag oft Angst und Unsicherheit aus. Steigen ist eine der zwiespältigsten Verhaltensweisen eines Pferdes: Es kann Ausdruck höchster Versammlung sein, aber auch ein verzweifelter Hilferuf.

Die entscheidende Frage für jeden Reiter ist: Handelt es sich um eine gewollte Lektion oder um ein ernstzunehmendes Verhaltensproblem? Die Antwort liegt im Verständnis der Ursachen, der Körpersprache des Pferdes und der richtigen Reaktion des Menschen. Dieser Artikel hilft Ihnen, die feinen Unterschiede zu erkennen, sicher zu handeln und die Kommunikation mit Ihrem Pferd zu verbessern.

Wenn Steigen zum Hilferuf wird: Die Ursachen verstehen

Unerwünschtes, unkontrolliertes Steigen ist fast nie ein Zeichen von Dominanz oder Boshaftigkeit. Vielmehr ist es eine der stärksten Reaktionen eines Pferdes, wenn es sich in die Enge getrieben fühlt und keinen anderen Ausweg mehr sieht. Es ist eine Eskalation, die oft lange vorher beginnt.

Die Wissenschaft bestätigt diesen Zusammenhang: Eine Studie im Equine Veterinary Journal zeigte, dass Steigen häufig ein Konfliktverhalten ist – eine Fluchtreaktion auf zu starken oder unklaren Druck durch Zügel- oder Schenkelhilfen. Besonders alarmierend: Bei rund 40 % der Pferde mit Verhaltensauffälligkeiten wie Steigen wurden klinisch relevante, schmerzverursachende Probleme festgestellt. Die häufigsten Auslöser sind:

  • Schmerzen: Zahnprobleme, blockierte Wirbel, Magengeschwüre oder ein unpassender Sattel können immense Schmerzen verursachen, denen das Pferd durch Aufbäumen zu entkommen versucht.
  • Angst und Unsicherheit: Eine beängstigende Umgebung, ein plötzlicher Schreck oder eine Überforderung im Training können das Pferd in Panik versetzen.
  • Trainingsfehler: Unklare, widersprüchliche oder zu harte Hilfen des Reiters können ein Pferd in eine Zwickmühle bringen. Der renommierte Ausbilder Philippe Karl beschreibt dies treffend: Ein Pferd, das zwischen treibenden und gleichzeitig zurückhaltenden Hilfen „gefangen“ ist, ohne den Weg nach vorne zu finden, sucht den einzigen verbleibenden Ausweg – nach oben.

Dieser Kontrollverlust ist gefährlich. Laut der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) gehören Stürze durch steigende Pferde zu den schwersten Unfällen im Reitsport, oft mit gravierenden Kopfverletzungen. Sicherheit hat deshalb oberste Priorität.

Checkliste: Was tun, wenn Ihr Pferd steigt?

Wenn Steigen zu einem wiederkehrenden Problem wird, ist systematisches Handeln gefragt. Die folgende Checkliste hilft Ihnen, die Ursachen zu finden und das Problem an der Wurzel zu packen.

1. Sicherheit an erster Stelle: Die richtige Reaktion im Sattel

Wenn das Pferd steigt, ist die instinktive Reaktion – am Zügel ziehen und sich nach hinten lehnen – genau das Falsche. Dadurch kann das Pferd das Gleichgewicht verlieren und sich nach hinten überschlagen.

  • Handeln Sie sofort: Geben Sie die Zügel nach vorne frei, um dem Hals Bewegungsfreiheit zu geben.
  • Verlagern Sie Ihr Gewicht: Beugen Sie den Oberkörper nach vorne und legen Sie ihn an den Pferdehals.
  • Treiben Sie vorwärts: Sobald die Vorderbeine wieder den Boden berühren, treiben Sie das Pferd energisch vorwärts, um die aufgestaute Energie in eine Vorwärtsbewegung umzulenken.

2. Ursachenforschung: Der unverzichtbare Gesundheitscheck

Da Schmerzen eine der Hauptursachen sind, ist eine gründliche Untersuchung durch Fachleute unumgänglich.

  • Tierarzt: Lassen Sie Zähne, Magen und den allgemeinen Gesundheitszustand prüfen.
  • Osteopath/Chiropraktiker: Eine Untersuchung des Bewegungsapparates kann Blockaden oder Verspannungen im Rücken- und Halsbereich aufdecken.

3. Der Ausrüstungs-Check

Ein schlecht passender Sattel oder eine ungeeignete Trense können enormen Druck und Schmerz verursachen. Besonders barocke Pferde mit ihrem oft kurzen, breiten Rücken benötigen spezielle Lösungen. Ein Sattel, der drückt oder die Schulter blockiert, kann schnell zu Abwehrreaktionen führen.

  • Sattelpassform: Prüfen Sie, ob der Sattel genügend Widerrist- und Schulterfreiheit bietet und das Gewicht gleichmäßig verteilt. Spezialisierte Hersteller wie Iberosattel bieten dafür passende Konzepte mit breiten Auflageflächen und an die barocke Anatomie angepassten Schnitten. (Partnerhinweis)
  • Zaumzeug und Gebiss: Überprüfen Sie, ob das Gebiss zur Anatomie des Pferdemauls passt und ob das Zaumzeug nirgends drückt oder reibt.

4. Analyse des Trainings

Seien Sie ehrlich zu sich selbst. Eine Studie im Journal of Veterinary Behavior belegt, dass inkonsistente Hilfengebung den Stress beim Pferd signifikant erhöht.

  • Sind Ihre Hilfen klar und fair?
  • Geben Sie dem Pferd genügend Pausen?
  • Verlangen Sie Dinge, die es körperlich oder mental noch nicht leisten kann?

Ziehen Sie einen erfahrenen Trainer hinzu, der Sie und Ihr Pferd von außen beurteilt und Fehler in der Kommunikation aufdecken kann.

Die Kunst der Pesade: Vom Hilferuf zur Lektion

Ganz anders verhält es sich mit dem kontrollierten Steigen, der Pesade. Hier handelt es sich nicht um eine Fluchtreaktion, sondern um eine Lektion höchster Versammlung und Balance. Sie ist das Ergebnis einer langen, pferdegerechten Ausbildung, die auf Vertrauen, Kraft und absoluter Kontrolle basiert.

Der Meister der Akademischen Reitkunst, Bent Branderup, fasst es zusammen: „Die Pesade ist keine Übung der Kraft, sondern der Balance.“

Die Unterschiede zum Problem-Steigen sind deutlich:

  • Körperspannung: Das Pferd ist nicht panisch und verkrampft, sondern gesammelt und voller positiver Spannung.
  • Balance: Die Bewegung ist langsam, kontrolliert und aus der Kraft der Hinterhand entwickelt. Das Pferd hält die Position für einen Moment.
  • Reiter: Der Reiter sitzt ruhig, ausbalanciert und gibt feine, kaum sichtbare Hilfen.

Voraussetzungen für das Training von Showlektionen

Das Erarbeiten solcher Lektionen ist die Krönung einer soliden Grundausbildung und gehört ausschließlich in die Hände erfahrener Ausbilder. Die Voraussetzungen dafür sind:

  1. Solide Basis: Das Pferd muss sicher an den Hilfen stehen und sich in allen Grundgangarten taktrein und losgelassen bewegen.
  2. Kraft und Balance: Die Hinterhand muss stark genug sein, um das Gewicht aufzunehmen. Übungen wie Piaffe und Passage sind wichtige Vorstufen.
  3. Vertrauen: Die Beziehung zwischen Reiter und Pferd muss von absolutem Vertrauen geprägt sein.
  4. Professionelle Anleitung: Niemals sollte man versuchen, solche Lektionen auf eigene Faust zu erarbeiten.

Ähnlich wie der [INTERNAL LINK 1: /spanischer-schritt] Spanische Schritt gehören solche Übungen in den Bereich der fortgeschrittenen [INTERNAL LINK 2: /zirkuslektionen] Zirkuslektionen und der Hohen Schule. Sie sind das Ergebnis jahrelanger, geduldiger und pferdegerechter Arbeit.

Häufige Fragen (FAQ) zum Thema Steigen

Ist ein steigendes Pferd immer dominant?

Nein, dieser Mythos ist längst widerlegt. In den allermeisten Fällen ist unkontrolliertes Steigen eine Reaktion auf Angst, Schmerz oder Überforderung. Es als Dominanzproblem zu deuten, führt oft zu falschem und unfairem Training, das die eigentlichen Ursachen ignoriert und das Problem verschlimmert.

Kann jedes Pferd die Pesade lernen?

Theoretisch ja, da die Bewegung zum natürlichen Verhaltensrepertoire gehört. Praktisch hängt es jedoch stark vom Exterieur, dem Temperament und vor allem von der Qualität der Ausbildung ab. Einem Pferd mit einer starken, gut bemuskelten Hinterhand wird es naturgemäß leichter fallen.

Wie reagiere ich im Notfall korrekt?

Die wichtigste Regel lautet: Gewicht nach vorne, Zügel lang lassen und sobald die Vorderhufe landen, energisch vorwärts reiten. Versuchen Sie niemals, das Pferd mit dem Zügel herunterzuziehen.

Welche Rolle spielt die richtige Ausrüstung?

Eine entscheidende. Ein unpassender Sattel ist eine der häufigsten, aber oft übersehenen Ursachen für massive Abwehrreaktionen. Die Bedeutung von [INTERNAL LINK 3: /working-equitation-ausruestung] passender Ausrüstung kann daher nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sie ist die Grundlage für ein schmerzfreies und partnerschaftliches Reiten.

Fazit: Respekt und Wissen als Schlüssel zum Erfolg

Steigen ist ein starkes Signal Ihres Pferdes, das Sie unbedingt ernst nehmen sollten. Anstatt das Verhalten zu bestrafen, ist es Ihre Aufgabe als Reiter, die Ursache zu finden und zu beheben. Ob Schmerz, Angst oder ein Missverständnis in der Kommunikation – der Schlüssel liegt immer in einem pferdegerechten und verständnisvollen Umgang.

Erst wenn alle potenziellen Probleme ausgeschlossen sind und eine vertrauensvolle Basis geschaffen ist, kann man überhaupt daran denken, die beeindruckende Kraft des Steigens in eine kunstvolle Lektion wie die Pesade zu kanalisieren. Der Weg dorthin führt über Wissen, Geduld und den Respekt vor den Bedürfnissen des Pferdes.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.