Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Zirkuslektionen auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Das Steigen auf Kommando: Zwischen Faszination, Biomechanik und Verantwortung

Kaum eine Lektion fasziniert und polarisiert so sehr wie das steigende Pferd. Ob in großen Shows, historischen Filmen oder in der Hohen Schule – ein Pferd, das sich majestätisch auf die Hinterbeine erhebt, ist ein Symbol für Kraft, Freiheit und eine tiefe Verbindung zum Menschen. Doch hinter dem atemberaubenden Bild verbirgt sich eine Lektion, die dem Pferd körperlich alles abverlangt und höchste Ansprüche an die Qualität der Ausbildung und die Verantwortung des Reiters stellt.

Viele Reiter träumen davon, ihrem Pferd diesen beeindruckenden „Trick“ beizubringen. Doch bevor man sich diesem Ziel widmet, ist ein ehrlicher Blick auf die andere Seite der Medaille unerlässlich: die enormen biomechanischen Belastungen und die ethischen Fragen, die diese Übung aufwirft. Dieser Artikel trennt die Faszination vom reinen Showeffekt und beleuchtet, was es wirklich bedeutet, ein Pferd zum Steigen auf Kommando auszubilden.

Mehr als nur ein Trick: Der Unterschied zwischen Pesade und unkontrolliertem Steigen

Zunächst muss klar unterschieden werden: Ein Pferd, das aus Angst, Schmerz oder Widersetzlichkeit steigt, befindet sich in einer gefährlichen Stresssituation. Dieses unkontrollierte, oft explosive Verhalten ist ein Hilferuf und hat nichts mit einer trainierten Lektion zu tun. Es ist ein klares Zeichen dafür, dass in der Kommunikation oder Ausbildung grundlegend etwas falschläuft.

Das kontrollierte Steigen hingegen basiert auf einem soliden Vertrauensverhältnis und einer systematischen Pferdeausbildung. Die Krönung dieser Disziplin ist die Pesade, eine Lektion aus der Alta Escuela (Hohen Schule). Dabei hebt das Pferd die Vorhand aus einer extremen Hankenbeugung, also einer tiefen Versammlung der Hinterhand. Der Winkel zum Boden ist relativ flach (ca. 45 Grad), und das Pferd verharrt für einen Moment in perfekter Balance. Die Pesade ist keine Zirkuslektion, sondern das Ergebnis jahrelanger gymnastizierender Arbeit, die das Pferd stärkt und ausbalanciert.

Ein Blick unter die Haut: Die Biomechanik des Steigens

Um die Tragweite dieser Lektion zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Abläufe im Pferdekörper. Stellt sich ein rund 500 kg schweres Tier auf die Hinterbeine, wirken gewaltige Kräfte.

Forschungsergebnisse zeigen eine extreme Belastung für den Bewegungsapparat:

  • Sprunggelenke unter Druck: Beim Steigen lastet bis zum 2,5-fachen des eigenen Körpergewichts auf den Sprunggelenken. Als Dreh- und Angelpunkt der Bewegung müssen diese Gelenke die gesamte Masse abfedern und stabilisieren. Eine unerkannte Schwäche oder Arthrose kann hier fatale Folgen haben.
  • Arbeit für die Rückenmuskulatur: Die lange Rückenmuskulatur (M. longissimus dorsi) und die tief liegenden Haltemuskeln (Mm. multifidi) müssen Schwerstarbeit leisten: Sie stabilisieren die Wirbelsäule und verhindern ein unkontrolliertes Durchbiegen oder Abkippen. Eine unzureichend trainierte Rückenpartie ist dieser Belastung nicht gewachsen.
  • Die Gefahr des Kippens: Der Schwerpunkt des Pferdes verlagert sich dramatisch nach hinten. Nur ein perfekt ausbalanciertes Pferd, das gelernt hat, seine Hinterhand als tragendes Fundament zu nutzen, kann diese Position sicher halten. Verliert es das Gleichgewicht, besteht akute Gefahr, nach hinten überzufallen – mit lebensgefährlichen Konsequenzen für Pferd und Mensch.

Diese biomechanischen Fakten machen deutlich: Das Steigen auf Kommando ist keine Lektion, die man „mal eben so“ ausprobiert. Es erfordert eine gezielte und langfristige Vorbereitung.

Nicht für jedes Pferd: Die entscheidenden Voraussetzungen

Die wichtigste Frage, die sich jeder Ausbilder stellen muss, lautet: Ist mein Pferd für diese Lektion überhaupt geeignet? Die Antwort hängt von mehreren Faktoren ab, die kompromisslos erfüllt sein müssen.

Physische Voraussetzungen

Nicht jedes Pferd ist anatomisch für das Steigen gebaut. Ideale Voraussetzungen sind:

  • Ein starker, kurzer Rücken und eine kräftige, gut bemuskelte Hinterhand.
  • Gesunde, stabile Gelenke, insbesondere in der Hinterhand. Pferde mit Spat, Chips oder anderen orthopädischen Vorbelastungen sind kategorisch ausgeschlossen.
  • Ein korrektes Fundament ohne Fehlstellungen, die die Belastung ungleichmäßig verteilen würden.

Mentale Voraussetzungen

Das Steigen ist auch ein Ausdruck von Dominanz und Selbstbewusstsein. Ein ängstliches oder unsicheres Pferd wird durch diese Übung nicht mutiger, sondern eher in seiner Unsicherheit bestärkt.

  • Felsenfestes Vertrauen: Das Pferd muss seinem Menschen absolut vertrauen und die Aufforderung niemals als Bedrohung empfinden.
  • Innere Gelassenheit: Ein nervöses, schreckhaftes Pferd kann die nötige Konzentration und Balance kaum aufbringen.
  • Kooperationsbereitschaft: Die Lektion muss vom Pferd angeboten und darf niemals erzwungen werden.

Der schmale Grat zwischen einem selbstbewussten Zeigen und einem ängstlichen Abwehren ist hier entscheidend.

Ausbildungsvoraussetzungen

Das Steigen steht am Ende einer langen Ausbildungskette, niemals am Anfang.

  • Solide Grundausbildung: Eine umfassende gymnastizierende Pferdeausbildung ist die unabdingbare Basis. Das Pferd muss gelernt haben, seinen Rücken aufzuwölben, unter den Schwerpunkt zu treten und sich auf der Hinterhand zu tragen.
  • Beherrschung versammelnder Lektionen: Übungen wie Schulterherein, Traversalen und der Beginn von Piaffe und Passage bereiten die Muskulatur und das Gleichgewicht gezielt vor.

FAQ – Häufige Fragen zum Steigen auf Kommando

Ist das Steigen auf Kommando Tierquälerei?

Pauschal lässt sich das nicht beantworten. Wird es einem ungeeigneten Pferd mit Druck und Zwang beigebracht, ist es definitiv tierschutzrelevant. Wird das Steigen jedoch bei einem physisch und psychisch geeigneten Pferd als Ergebnis jahrelanger, pferdegerechter Gymnastizierung erarbeitet, kann es Ausdruck höchster Versammlung und Partnerschaft sein.

Wie lange dauert es, einem Pferd das Steigen beizubringen?

Diese Frage ist irreführend. Es geht nicht darum, den „Trick“ zu lehren, sondern das Pferd über Jahre so zu gymnastizieren, dass es die Lektion körperlich und mental leisten kann. Die Vorbereitung durch eine solide Grundausbildung dauert mehrere Jahre. Der eigentliche Schritt zur Lektion selbst ist dann nur noch ein kleiner, logischer Abschluss.

Kann jedes Pferd das Steigen lernen?

Nein. Viele Pferde sind aufgrund ihrer Anatomie, ihres Charakters oder gesundheitlicher Einschränkungen nicht dafür geeignet. Es ist ein Zeichen von Kompetenz und Verantwortung, dies zu erkennen und zum Wohle des Pferdes auf die Lektion zu verzichten.

Was ist der Unterschied zu den Zirkuslektionen für Pferde in Shows?

In Shows sieht man oft ein sehr hohes, spektakuläres Steigen. Dieses dient primär dem Showeffekt und hat oft weniger gymnastischen Wert als die klassische Pesade. Während die Pesade aus der tiefen Versammlung der Hinterhand entsteht, wird das Show-Steigen häufiger aus dem Schwung heraus entwickelt. Beide Formen erfordern jedoch eine extreme Körperbeherrschung.

Fazit: Faszination mit Verantwortung verbinden

Das Steigen auf Kommando ist und bleibt eine der eindrucksvollsten Lektionen der Reitkunst. Es ist der sichtbare Beweis für Balance, Kraft und eine außergewöhnliche Partnerschaft zwischen Mensch und Pferd. Doch sein wahrer Wert liegt nicht im Spektakel, sondern im Weg dorthin: in einer geduldigen, fairen und pferdegerechten Ausbildung.

Bevor Sie von dieser Lektion träumen, investieren Sie in das Fundament. Eine solide Basis, die das Pferd stärkt und aufbaut, ist wichtiger als jeder Showtrick. Nur ein Pferd, das mit Freude, Stolz und ohne körperlichen Zwang mitarbeitet, kann die wahre Magie dieser Übung entfalten. Die Entscheidung, diese Lektion zu lehren – oder bewusst darauf zu verzichten –, ist letztlich der größte Beweis für Respekt und Verantwortung gegenüber dem Partner Pferd.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.