Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Zirkuslektionen auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Der gymnastische Mehrwert des Spanischen Schritts: Mehr als nur eine Showlektion
Elegant schwebt das Vorderbein nach vorn und oben, verharrt einen Moment in der Luft, bevor es taktvoll und sanft wieder auf den Boden trifft. Der Spanische Schritt ist für viele Pferdeliebhaber der Inbegriff von Ausdruck und Harmonie. Doch oft wird er als reine Showeinlage oder Zirkuslektion abgetan – ein faszinierender „Trick“, dem aber kaum ein echter Nutzen für das Reitpferd zugeschrieben wird. Das ist ein Trugschluss.
Wer die historischen Wurzeln und die moderne Biomechanik dieser Lektion betrachtet, dem offenbart sich ein anderes Bild. Ursprünglich in der klassischen Reitkunst und bei Paraden genutzt, um die Geschmeidigkeit und den Gehorsam der Hengste zu demonstrieren, ist der Spanische Schritt bei korrekter Ausführung ein hochwirksames gymnastisches Werkzeug. Er kann die Bewegungsqualität, den Takt und die Schulterfreiheit Ihres Pferdes nachhaltig verbessern.
Dieser Artikel erklärt, warum diese Lektion so wertvoll ist und wie Sie sie als Baustein für die Gesunderhaltung und Gymnastizierung Ihres Pferdes nutzen können.
Ein Blick unter die Haut: Die Biomechanik des Spanischen Schritts
Um den wahren Wert des Spanischen Schritts zu verstehen, lösen wir uns von der reinen Optik und werfen einen Blick auf die Anatomie des Pferdes. Die Bewegung ist weit mehr als ein simples „Beinheben“ – sie ist eine komplexe Interaktion von Muskelketten, die vor allem die gesamte Vorhand mobilisiert.
Wenn ein Pferd sein Vorderbein im Spanischen Schritt anhebt, liegt die Hauptarbeit nicht im Bein selbst, sondern im Schulter- und Halsbereich. Biomechanische Studien, etwa von Dr. Jean-Marie Denoix, zeigen, dass hier vor allem zwei Muskelgruppen entscheidend sind:
- Der Musculus brachiocephalicus: Dieser lange Muskel verläuft vom Oberarm zum Kopf und ist maßgeblich für das Vorführen des Beines (die sogenannte Protaktion) verantwortlich.
- Der Musculus serratus ventralis: Dieser fächerförmige Muskel gehört zu den wichtigen „Tragegurten“ des Pferdes. Er verbindet die Schulterblätter mit dem Rumpf und hebt den Brustkorb zwischen den Schultern an. Seine Aktivierung sorgt dafür, dass das Bein nicht nur nach vorne gestreckt, sondern der gesamte Schultergürtel angehoben wird.
Eine korrekte Ausführung dehnt und kräftigt diese Muskeln gezielt. Das Pferd lernt, seine Schulter aktiv anzuheben und das Bein aus einer freien, mobilen Gelenkverbindung heraus nach vorne zu bewegen – eine Fähigkeit, die für anspruchsvollere Lektionen unerlässlich ist.
Die 3 größten gymnastischen Vorteile des Spanischen Schritts
Abseits des ästhetischen Reizes bietet der Spanische Schritt, wenn er sorgfältig und ohne Zwang erarbeitet wird, drei wesentliche Vorteile für die Ausbildung jedes Pferdes – insbesondere für barocke Rassen mit ihrer natürlichen Veranlagung zur Versammlung.
1. Gesteigerte Schulterfreiheit und Raumgriff
Viele Pferde, gerade im Amateurbereich, neigen dazu, sich in der Schulter festzumachen. Ihre Bewegungen werden kurz, flach und wenig ausdrucksstark. Der Spanische Schritt wirkt hier wie eine gezielte Mobilisationsübung. Das bewusste Anheben und Vorführen des Beines lockert die Schulterpartie und fördert ihre Beweglichkeit (Protaktion und Retraktion). Das Resultat überträgt sich direkt auf die Grundgangarten: Der Schritt wird raumgreifender, der Trab gewinnt an Ausdruck und Kadenz.
2. Verbesserter Takt und Rhythmus
Der Spanische Schritt ist eine Lektion, die Präzision und Timing erfordert. Wie der dänische Meister der akademischen Reitkunst, Bent Branderup, betont, muss die Bewegung aus einem absolut taktreinen, gelassenen Schritt heraus entstehen. Das Pferd muss lernen, sein Gleichgewicht auf drei Beinen zu halten, während es ein Bein langsam und kontrolliert anhebt und absetzt. Diese Anforderung schult das Taktgefühl und den Rhythmus von Pferd und Reiter gleichermaßen. Ein überhasteter oder aus dem Takt geratener Spanischer Schritt verliert sofort seinen gymnastischen Wert.
3. Förderung von Koordination und Körperbewusstsein
Stellen Sie sich vor, Sie müssten auf einem Bein balancieren und gleichzeitig langsam und kontrolliert einen Arm heben. Dies erfordert ein hohes Maß an Koordination und Körperbewusstsein. Genau das leistet der Spanische Schritt für das Pferd. Er verbessert die sogenannte Propriozeption – die Wahrnehmung des eigenen Körpers im Raum. Diese Fähigkeit ist die Grundlage für alle versammelnden Lektionen der Hohe Schule, bei denen es auf die präzise Steuerung jedes einzelnen Körperteils ankommt.
Korrekte Ausführung vs. typische Fehler: Worauf Sie achten müssen
Der Grat zwischen gymnastisch wertvoll und potenziell schädlich ist bei dieser Lektion schmal. Der Schlüssel liegt in der korrekten Ausführung, die auf Gelassenheit und Motivation basiert, nicht auf Druck oder Zwang.
So erkennen Sie einen guten Spanischen Schritt:
- Die Bewegung ist fließend und entspringt einem taktreinen Schritt.
- Das Pferd hebt den Brustkorb an und bleibt im Rücken stabil.
- Das Bein wird aus der Schulter heraus nach vorne-oben geführt, nicht nur aus dem Ellenbogen „hochgerissen“.
- Das Pferd bleibt gelassen und motiviert.
Typische Fehler, die den gymnastischen Wert zunichtemachen:
- Das Pferd wird hektisch, verliert den Takt und eilt.
- Der Rücken hängt durch, anstatt sich aufzuwölben.
- Die Bewegung ist spannungsgeladen, das Bein wird zornig oder ängstlich nach vorne geschleudert.
- Das Pferd macht sich im Genick eng, anstatt sich vertrauensvoll zu dehnen.
Ein entscheidender Faktor für eine freie Bewegung ist die passende Ausrüstung. Ein Sattel, der die Schulterbewegung einschränkt, macht eine korrekte Ausführung unmöglich und führt unweigerlich zu Verspannungen. Spezielle Sattelkonzepte, wie sie etwa Iberosattel für barocke Pferde mit ihren oft breiten Schultern entwickelt hat, berücksichtigen diese Notwendigkeit durch besondere Schnitte und Kissen.
(Partnerhinweis)
FAQ: Häufige Fragen zum Spanischen Schritt
Ist der Spanische Schritt für jedes Pferd geeignet?
Grundsätzlich ja, sofern das Pferd gesund ist und über eine solide Grundausbildung verfügt. Pferde mit Vorschäden in der Vorhand oder massiven Gleichgewichtsproblemen sollten jedoch nur unter fachkundiger Anleitung an diese Lektion herangeführt werden.
Ab welchem Alter kann man mit dem Training beginnen?
Der Spanische Schritt ist keine Lektion für ein junges Pferd. Es sollte körperlich und mental reif sein, eine stabile Balance im Schritt haben und die Hilfen des Reiters sicher verstehen. Beginnen Sie nicht vor dem fünften oder sechsten Lebensjahr.
Wie fange ich am besten an?
Der sicherste Weg führt über die Bodenarbeit. Hier kann das Pferd die Bewegung ohne Reitergewicht erlernen. Mit positiver Verstärkung und dem Antippen des Vorderbeins mit einer Gerte können Sie die Lektion spielerisch und ohne Druck aufbauen.
Gehört der Spanische Schritt zu den Zirkuslektionen?
Er ist eine der bekanntesten Showlektionen, doch seine Wurzeln liegen in der klassischen Dressur. Sein gymnastischer Wert hebt ihn von reinen „Tricks“ ab und macht ihn zu einem wertvollen Bestandteil der Pferdeausbildung.
Fazit: Der Spanische Schritt als wertvolles Werkzeug im Trainingsplan
Der Spanische Schritt ist weit mehr als eine beeindruckende Showeinlage. Korrekt verstanden und ausgeführt, ist er eine erstklassige gymnastische Übung, die die Schulter mobilisiert, den Takt festigt und das Körperbewusstsein schult.
Wenn Sie den Fokus vom spektakulären Beinheben auf die Qualität der Bewegung legen – auf Rhythmus, Gelassenheit und einen schwingenden Rücken –, verwandeln Sie diese Lektion von einem bloßen „Trick“ in ein wertvolles Juwel der Pferdeausbildung. Sie wird zu einem Werkzeug, das nicht nur die Blicke auf sich zieht, sondern vor allem die Gesundheit und Athletik Ihres Pferdes nachhaltig fördert.
Betrachten Sie diese Lektion als einen Baustein in der ganzheitlichen Ausbildung von spanischen Pferden, der auf spielerische Weise zu mehr Ausdruck, Kraft und Harmonie führen kann.



