Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Sitzknochen-Steuerung: Präzise Hilfen für Seitengänge beim PRE und Lusitano

Stellen Sie sich vor, Sie reiten ein Schulterherein. Sie geben die korrekten Hilfen: Die Schultern sind gedreht, der innere Steigbügel ist belastet, der innere Schenkel treibt am Gurt und der äußere liegt verwahrend. Doch anstatt einer geschmeidigen Biegung beginnt ein Kampf. Das Pferd fällt über die äußere Schulter, macht sich im Hals zu eng oder verliert den Takt. Sie haben das Gefühl, es mit aller Kraft in die Lektion „schieben“ zu müssen.

Was, wenn die eleganteste und zugleich effektivste Lösung nicht in stärkeren Schenkeln oder einem schärferen Gebiss liegt, sondern in der fast unsichtbaren Bewegung Ihrer Sitzknochen? Gerade bei so sensiblen Pferden wie dem Pura Raza Española (PRE) oder dem Lusitano ist die Steuerung über den Sitz der Schlüssel zu wahrer Harmonie. Willkommen in der Welt der feinen Hilfengebung, in der Ihr Becken zum entscheidenden Kommunikationsinstrument wird.

Das Fundament der Seitengänge: Warum Ihr Sitz entscheidet

Bevor wir in die Praxis eintauchen, stellt sich eine entscheidende Frage: Warum ist der Sitz so mächtig? Die Antwort liegt in der Biomechanik. Die renommierte Expertin Dr. Hilary Clayton formuliert es treffend: „Die Sitzknochen des Reiters sind das direkteste Kommunikationsmittel zu den Rückenmuskeln und der Wirbelsäule des Pferdes.“ Jeder Impuls, den Sie über Ihre Sitzknochen geben, wird direkt auf den langen Rückenmuskel übertragen und beeinflusst die Fähigkeit des Pferdes, sich zu biegen, die Hinterhand zu aktivieren und die Schultern zu heben.

Gerade bei spanischen und barocken Pferden ist dieser direkte Draht von enormer Bedeutung. Eine Studie aus dem Jahr 2018 hat gezeigt, dass PREs und Lusitanos im Vergleich zu modernen Warmblütern tendenziell einen kürzeren Rücken und einen ausgeprägteren, aufgerichteten Körperbau besitzen. Das macht sie unglaublich wendig und reaktionsschnell auf Gewichtshilfen – aber auch empfindlicher gegenüber einem unausbalancierten oder störenden Sitz. Ein grober Schenkeleinsatz wird hier schnell als Störung empfunden, während eine feine Sitzhilfe als klare Einladung verstanden wird.

Unsichtbare Blockaden: Wenn die Kommunikation gestört ist

Die Idee, nur mit dem Sitz zu lenken, klingt faszinierend. Doch in der Realität scheitern viele Reiter an unsichtbaren Hindernissen. Die Ursachen sind oft dieselben und wissenschaftlich gut belegt:

  1. Die Asymmetrie des Reiters: Fühlen Sie sich auf einer Hand wohler als auf der anderen? Sie sind nicht allein. Forschungen zeigen, dass rund 74 % aller Reiter eine messbare Asymmetrie in ihrem Sitz aufweisen. Diese natürliche Schiefe führt unbewusst dazu, dass der Reiter einen Sitzknochen stärker belastet, was dem Pferd permanent einseitige Signale sendet und seine Geraderichtung behindert.

  2. Der unpassende Sattel: Der beste Sitz nützt nichts, wenn die Botschaft nicht ankommt. Eine alarmierende Studie mit 506 Pferden kam zu dem Ergebnis, dass bei 83 % der Tiere der Sattel signifikante Druckspitzen verursachte. Ein solcher Sattel blockiert die Rückenmuskulatur, schränkt die Bewegungsfreiheit der Schulter ein und wirkt wie ein „Störsender“ zwischen Ihrem Sitz und dem Pferderücken. Die feinen Signale Ihrer Sitzknochen gehen verloren.

Diese beiden Faktoren – die eigene Balance und die Ausrüstung – sind die häufigsten Gründe, warum die feine Kommunikation scheitert und Reiter wieder zu groben Schenkel- und Zügelhilfen greifen.

Die Sitzknochen als feines Lenkrad: So funktioniert es in der Praxis

Stellen Sie sich Ihre Sitzknochen nicht als zwei starre Punkte vor, sondern als feinfühlige Joysticks. Sie können sie nicht nur be- und entlasten, sondern auch leicht nach vorne, hinten oder zur Seite bewegen, um Hüfte und Schultern Ihres Pferdes präzise zu steuern.

Schulterherein: Den inneren Sitzknochen belasten

Um ein Schulterherein nach links einzuleiten, belasten Sie Ihren inneren (linken) Sitzknochen subtil mehr. Stellen Sie sich vor, Sie möchten mit diesem Sitzknochen sanft in Richtung des vorderen, äußeren (rechten) Pferdebeins zeigen. Diese minimale Gewichtsverlagerung bewirkt dreierlei:

  1. Ihr Becken rotiert leicht in Bewegungsrichtung.
  2. Das innere Hinterbein des Pferdes wird animiert, weiter unter den Schwerpunkt zu treten.
  3. Die innere Schulter des Pferdes wird angehoben und erhält mehr Freiheit.

Der innere Schenkel liegt nur noch passiv am Gurt und erinnert das Pferd an die Biegung, anstatt permanent zu treiben. Der äußere Schenkel begrenzt die Hinterhand. Die Lektion entsteht aus Ihrem Zentrum heraus – leicht und ohne Kraft.

Travers: Den äußeren Sitzknochen aktivieren

Beim Travers (Kruppeherein) ist die Logik genau umgekehrt. Um die Hinterhand nach innen zu führen, belasten Sie nun Ihren äußeren Sitzknochen. Für ein Travers nach links verlagern Sie Ihr Gewicht also dezent auf den rechten Sitzknochen.

Dieser Impuls signalisiert dem Pferd, seine äußere Hüfte abzusenken und das äußere Hinterbein unter den Körper zu führen. Ihr Oberkörper bleibt dabei parallel zu den Pferdeschultern. Der äußere Schenkel gibt den Impuls für das seitliche Verschieben der Hinterhand, während der Sitz die korrekte Biegung im Pferdekörper aufrechterhält.

Von der Theorie zur Praxis: Übungen für ein besseres Gefühl

Feines Reiten über den Sitz ist vor allem eine Sache des Gefühls. Neurologische Studien belegen, dass motorische Fähigkeiten, die durch präzise und subtile Bewegungen erlernt werden, stärkere neuronale Verbindungen schaffen als solche, die auf Kraft beruhen. Geben Sie sich und Ihrem Pferd Zeit, diese neue Sprache zu lernen.

  • Übung 1 (Im Stand): Schließen Sie die Augen und spüren Sie Ihre beiden Sitzknochen. Verlagern Sie Ihr Gewicht langsam von einem auf den anderen. Versuchen Sie dann, nur einen Sitzknochen minimal nach vorne oder hinten zu bewegen, ohne den Oberkörper mitzunehmen.
  • Übung 2 (Im Schritt): Reiten Sie eine große Volte und versuchen Sie, diese allein durch die Belastung Ihres inneren Sitzknochens zu verkleinern. Zum Vergrößern der Volte belasten Sie sanft den äußeren Sitzknochen. Ihre Schenkel bleiben passiv und rahmen das Pferd nur ein.

Häufige Fragen zur Sitzknochen-Steuerung (FAQ)

Muss ich meine Schenkel komplett weglassen?
Nein, die Schenkelhilfen verlieren nicht ihre Bedeutung. Sie werden aber unterstützend und rahmend eingesetzt, nicht mehr initiierend. Der Impuls für die Biegung und die Richtung kommt aus dem Sitz; der Schenkel verfeinert und sichert die Lektion ab.

Mein Pferd reagiert gar nicht auf meine Sitzhilfen. Was mache ich falsch?
Das kann mehrere Gründe haben. Oft liegt es an einer Kombination aus unbewusster Asymmetrie des Reiters, einem blockierenden Sattel oder schlichtweg daran, dass Ihr Pferd diese feinen Hilfen erst lernen muss. Seien Sie geduldig und überprüfen Sie zuerst Ihren eigenen Sitz und Ihre Ausrüstung.

Ist das nur für hohe Dressurlektionen relevant?
Keineswegs. Eine präzise Sitzsteuerung ist das Fundament für gutes Reiten in jeder Disziplin. Ob in der Dressur, im Gelände oder in der Working Equitation – ein ausbalancierter Sitz, der klare Signale sendet, führt zu einem durchlässigeren und motivierteren Pferd.

Gilt das für alle Pferde oder nur für spanische Rassen?
Das Prinzip der Sitzsteuerung ist universell. Allerdings sind Rassen wie der Pura Raza Española (PRE) aufgrund ihres Körperbaus und ihrer Sensibilität oft besonders empfänglich für diese Art der Kommunikation. Sie lernen schnell, auf feinste Gewichtsverlagerungen zu achten und belohnen den Reiter mit einer außergewöhnlichen Leichtigkeit.

Fazit: Der Dialog beginnt in Ihrem Becken

Die Steuerung über die Sitzknochen ist mehr als eine reine Reittechnik – sie ist eine Philosophie. Sie verlagert den Fokus von Kraft auf Kommunikation, von Zwang auf Einladung. Indem Sie lernen, Ihr Becken als primäres Hilfsmittel einzusetzen, eröffnen Sie einen neuen, tieferen Dialog mit Ihrem Pferd. Sie werden feststellen, dass Seitengänge wie Schulterherein und Travers plötzlich an Leichtigkeit gewinnen und zu einem harmonischen Tanz werden.

Ein ausbalancierter Sitz kann seine Wirkung jedoch nur dann voll entfalten, wenn die Verbindung zum Pferderücken optimal ist. Eine gut sitzende Ausrüstung ist daher unerlässlich. Spezialisierte Sattelkonzepte, wie unser Partner Iberosattel sie gezielt für die besondere Anatomie barocker Pferde entwickelt, können diese feine Kommunikation entscheidend unterstützen, indem sie dem Reiter einen nahen Kontakt zum Pferd ermöglichen und gleichzeitig die Bewegungsfreiheit des Pferdes gewährleisten.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.