Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Zirkuslektionen auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Sicherheits-Checkliste: Wann Lektionen wie Steigen & Pesade tabu sind
Ein majestätischer Hengst, der sich kraftvoll auf die Hinterhand setzt und scheinbar mühelos in der Pesade verharrt – solche Bilder wecken Emotionen und den Wunsch, diese ultimative Verbindung aus Kraft und Eleganz selbst zu erreichen. Doch hinter der glanzvollen Fassade von Show-Lektionen verbirgt sich eine immense Verantwortung. Das kontrollierte Steigen kann ein Höhepunkt der Reitkunst sein, doch unkontrolliert oder erzwungen wird es zum Alarmsignal und zu einem enormen Sicherheitsrisiko.
Der Weg zu Lektionen über der Erde ist lang und erfordert weit mehr als nur eine gute Idee: Er verlangt ein tiefes Verständnis für die Biomechanik, die Psyche und den Ausbildungsstand des Pferdes. Dieser Leitfaden soll Ihnen als ehrlicher Ratgeber helfen zu erkennen, wann der richtige Zeitpunkt für solche Übungen gekommen ist – und wann der Verzicht die einzig pferdegerechte Entscheidung ist.
Faszination mit Verantwortung: Mehr als nur ein Trick
Es ist entscheidend, klar zwischen dem unerwünschten Steigen, das oft aus Angst oder Widersetzlichkeit resultiert, und der kunstvollen, trainierten Pesade zu unterscheiden. Eine Studie zur Verhaltensbiologie von Pferden zeigt, dass Steigen ein ambivalentes Ausdrucksverhalten ist: Es kann spielerische Dominanz, aber auch eine panische Abwehrreaktion sein.
Die Pesade hingegen ist das Ergebnis jahrelanger, korrekter Gymnastizierung und gehört zu den anspruchsvollsten Übungen der Alta Escuela. Sie ist keine Zirkusnummer, sondern der sichtbare Beweis für maximale Versammlung, Kraft und absolutes Vertrauen zwischen Pferd und Reiter. Viele beeindruckende Schaubilder nutzen Elemente, die an Zirkuslektionen erinnern, doch die Grundlage muss immer eine solide, pferdegerechte Ausbildung sein.
Ein Blick unter die Haut: Die Biomechanik des Steigens
Um zu verstehen, warum die Vorbereitung so entscheidend ist, genügt ein Blick auf die enormen physischen Anforderungen. Wenn ein Pferd steigt, lastet sein gesamtes Gewicht auf der Hinterhand. Das bedeutet eine extreme Belastung für die Sprunggelenke, das Kreuzdarmbeingelenk und die Lendenwirbelsäule.
Ein Fachartikel aus der Pferde-Physiotherapie warnt eindringlich: Ohne eine starke, gut trainierte Rumpf- und Rückenmuskulatur kann diese Belastung zu Mikroverletzungen, Bänderschäden oder Problemen wie Kissing Spines führen. Die Fähigkeit, das Becken abzukippen und die Bauchmuskulatur anzuspannen, um den Rücken zu stützen, ist keine Option – sie ist eine zwingende Voraussetzung.
Die ultimative Sicherheits-Checkliste für Reiter
Bevor Sie auch nur daran denken, mit Lektionen wie dem Steigen zu beginnen, gehen Sie die folgenden Punkte ehrlich und selbstkritisch durch. Jedes „Nein“ oder „Unsicher“ ist ein klares Zeichen: Ihr Pferd ist noch nicht bereit.
Physische Voraussetzungen: Ist der Körper stark genug?
- Alter und Entwicklung: Das Pferd muss vollständig ausgewachsen sein (in der Regel nicht vor dem 6. oder 7. Lebensjahr). Jüngere Pferde, deren Skelett und Muskulatur noch reifen, dürfen diesen Belastungen nicht ausgesetzt werden.
- Gesundheits-Check: Eine vollständige tierärztliche Freigabe ist unerlässlich. Chronische Probleme an Rücken, Gelenken oder Bändern sind ein absolutes Ausschlusskriterium.
- Muskulatur: Ihr Pferd benötigt eine sicht- und fühlbar kräftige Rücken-, Bauch- und Hinterhandmuskulatur. Es muss sich mühelos und über längere Zeit versammeln können, ohne an Takt oder Losgelassenheit zu verlieren.
- Gymnastizierung: Das Pferd sollte in der Lage sein, sein Gewicht spielerisch auf die Hinterhand zu verlagern, wie es in Lektionen wie Piaffe-Ansätzen oder gut gerittenen Pirouetten gefordert wird.
Mentale Reife: Ist der Kopf frei und willig?
- Vertrauensbasis: Ein tiefes, unerschütterliches Vertrauen zwischen Ihnen und Ihrem Pferd ist die Grundlage. Ein Pferd, das seinem Menschen nicht vertraut, wird auf Druck mit Angst oder Abwehr reagieren.
- Charakter: Das Pferd sollte von Natur aus nervenstark, kooperativ und neugierig sein. Ängstliche, unsichere oder zur Widersetzlichkeit neigende Pferde sind für diese Lektionen ungeeignet.
- Stressresistenz: Achten Sie darauf, wie Ihr Pferd auf neue, herausfordernde Situationen reagiert. Bleibt es ruhig und bei Ihnen oder neigt es zu Flucht- oder Panikreaktionen? Das Steigen darf niemals als Ventil für aufgestauten Stress dienen.
Ausbildungsstand: Ist das Fundament solide?
- Die Ausbildungsskala als Basis: Alle Punkte der klassischen Ausbildungsskala (Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung und Versammlung) müssen wirklich gefestigt sein. Laut den Richtlinien der FN ist eine gesicherte Versammlung die Grundvoraussetzung für alle Lektionen der Hohen Schule.
- Versammlungsfähigkeit: Ihr Pferd muss auf feinste Hilfen hin sein Gewicht auf die Hinterhand verlagern, sich im Genick lösen und den Rücken aufwölben können. Dies ist das Kernprinzip der klassischen Dressur.
- Hilfengebung: Die Reaktion auf Ihre Gewichts-, Schenkel- und Zügelhilfen muss zuverlässig und prompt sein. Eine erzwungene Lektion ist keine Kunst, sondern ein grober Ausbildungsfehler. Die korrekte Ausbildung barocker Pferde legt größten Wert auf Leichtigkeit und Harmonie.
Rote Flaggen: Wann Sie sofort aufhören sollten
Beobachten Sie Ihr Pferd genau: Zeigt es eines der folgenden Anzeichen, brechen Sie das Training sofort ab und gehen Sie mehrere Schritte in der Ausbildung zurück.
- Abwehrreaktionen: Ohrenanlegen, Schweifschlagen, Zähneknirschen.
- Verlust der Balance: Schwanken, schnelles Absetzen, zur Seite ausweichen.
- Mentale Überforderung: Ein „leerer“ Blick, Unkonzentriertheit oder eine übermäßige Angespanntheit.
- Erzwungenes Hochreißen: Ein Herausheben mit weggedrücktem Rücken statt eines bewussten Setzens auf die Hinterhand.
Häufige Fragen (FAQ) zur Ausbildung von Steigen und Pesade
Was ist der Unterschied zwischen unkontrolliertem Steigen und einer Pesade?
Das unkontrollierte Steigen ist eine Abwehr- oder Fluchtreaktion mit hohem, oft durchgedrücktem Rücken und gestreckten Vorderbeinen. Die Pesade ist eine kontrollierte Übung, bei der das Pferd sein Gewicht auf die stark angewinkelten Hanken senkt, der Rücken aufgewölbt bleibt und die Vorderbeine angewinkelt am Körper gehalten werden.
Kann jedes Pferd diese Lektionen lernen?
Nein. Neben dem korrekten Körperbau (vor allem eine starke Hinterhand und ein stabiler Rücken) sind der Charakter und die mentale Einstellung entscheidend. Nicht jedes Pferd ist physisch oder psychisch für diese extreme Anforderung geeignet.
Wie lange dauert die Vorbereitung?
Jahre. Es gibt keine Abkürzung. Der Weg führt ausschließlich über eine solide, gymnastizierende Grundausbildung, die das Pferd langsam und systematisch auf die notwendige Kraft und Balance vorbereitet.
Was sind die größten Risiken bei falschem Training?
Die Risiken reichen von chronischen Gelenks- und Rückenschäden über Vertrauensverlust bis hin zu schweren Unfällen für Pferd und Reiter, wenn das Pferd das Gleichgewicht verliert und überschlägt.
Fazit: Verantwortung als höchstes Gut des Reiters
Die Fähigkeit, ein Pferd in einer Lektion wie der Pesade zu präsentieren, ist nicht der Beweis für Dominanz, sondern für ultimative Partnerschaft. Sie zeigt, dass ein Reiter sein Pferd über Jahre hinweg mit Geduld, Wissen und Respekt so gefördert und gestärkt hat, dass es diese Leistung gesund und willig erbringen kann.
Betrachten Sie diese Checkliste als Kompass auf Ihrem Weg. Seien Sie ehrlich zu sich selbst und zu Ihrem Pferd. Der größte Reiter ist nicht der, der die spektakulärste Lektion zeigt, sondern der, der weiß, wann es Zeit ist, zum Wohle seines Partners darauf zu verzichten.



