Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Working Equitation auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Das sensible Barockpferd im WE-Parcours: Energie kanalisieren statt unterdrücken
Kennen Sie dieses Gefühl? Sie reiten auf den ersten Trail-Parcours der Saison zu und Ihr ansonsten so rittiger PRE oder Lusitano wird unter Ihnen plötzlich zum Pulverfass. Die Ohren zucken, der Hals wird fest, jeder Muskel scheint zu schreien: „Gefahr!“ An eine gelassene Brücke oder ein ruhiges Tor ist kaum zu denken. Stattdessen kämpfen Sie mit Anspannung, kleinen Hüpfern oder dem unbändigen Drang, einfach davonzurennen.
Eine frustrierende Situation, keine Frage. Aber was, wenn dieses Verhalten kein Ungehorsam ist, sondern ein tief verwurzeltes Erbe? Was, wenn genau in dieser explosiven Energie der Schlüssel zu brillanten Leistungen in der Working Equitation liegt – vorausgesetzt, man lernt, sie zu kanalisieren, statt sie zu bekämpfen.
Warum Ihr Barockpferd kein „Problemfall“ ist: Ein Blick in die Genetik
Um die Reaktion Ihres Pferdes im Parcours zu verstehen, hilft ein Blick in seine Vergangenheit. Viele spanische Pferderassen wurden über Jahrhunderte für Aufgaben gezüchtet, bei denen blitzschnelle Reaktionen überlebenswichtig waren.
Studien zur Genetik von PRE und Lusitanos – veröffentlicht unter anderem im Journal of Animal Breeding and Genetics – belegen eine historisch bedingte Selektion auf hohe Reaktivität und Sensibilität. Ob im Kampf oder in der Arena: Diese Pferde mussten auf feinste Signale ihres Reiters sofort reagieren können. Dieser „Feuer-Faktor“ ist also kein Trainingsfehler, sondern ein wertvolles Merkmal, tief in seiner DNA verankert. Ihre Aufgabe ist es nicht, dieses Feuer zu löschen, sondern ihm eine Richtung zu geben.
Der schmale Grat zwischen Anspannung und Ausdruckskraft
Stellen Sie sich den WE-Parcours aus der Sicht Ihres Pferdes vor: bunte Tonnen, flatternde Fähnchen, klappernde Brücken und enge Gassen. Für ein sensibles Fluchttier ist das eine enorme Reizüberflutung.
Eine Untersuchung der kanadischen Universität Guelph zum Lernverhalten von Pferden zeigt, dass eine hohe kognitive Last – also zu viele neue Reize auf einmal – oft zu Übersprungshandlungen führt. Plötzliches Losrennen, Scheuen oder Verweigern sind typische Beispiele. Ihr Pferd ist in diesem Moment nicht ungehorsam, sondern sein Gehirn ist schlicht überfordert und schaltet in den Überlebensmodus.
Genau hier trennt sich negative Anspannung von positiver Spannung – der Ausdruckskraft:
- Negative Anspannung: Das Pferd hält den Atem an, der Rücken wird fest, der Kopf kommt hoch. Es kann nicht mehr klar denken und reagiert nur noch instinktiv.
- Positive Spannung: Das Pferd ist aufmerksam, der Körper unter Spannung, aber der Rücken schwingt und die Hinterhand arbeitet. Es ist „am Sprung“, hellwach und bereit, die Energie in Leistung umzusetzen.
Im Training geht es genau darum, dem Pferd zu helfen, von der negativen Anspannung in die positive, kontrollierte Ausdruckskraft zu finden.
Die 3 Schlüssel zur Transformation: Von der Anspannung zur Konzentration
Wie gelingt es nun, die explosive Energie in fokussierte Mitarbeit zu verwandeln? Es sind drei Bausteine, die ineinandergreifen: mentale Vorbereitung, körperliche Balance und Ihre eigene Gelassenheit.
1. Mentale Vorbereitung: Den Parcours im Kopf zerlegen
Der häufigste Fehler ist, den kompletten Parcours zu trainieren und das Pferd damit kognitiv zu überfordern. Reduzieren Sie stattdessen die Komplexität.
- Trainieren Sie Hindernisse einzeln: Üben Sie die Brücke oder das Tor völlig isoliert, bis sie zur langweiligen Routine werden.
- Schaffen Sie Sicherheit: Beginnen Sie immer mit einem Hindernis, das Ihr Pferd bereits gut kennt und mag. Dieser positive Einstieg senkt den Stresspegel für die gesamte Einheit.
- Verketten Sie langsam: Fügen Sie erst dann ein zweites, bekanntes Hindernis hinzu. Steigern Sie die Anzahl der Hindernisse in einer Kette nur schrittweise über mehrere Wochen. So lernt Ihr Pferd, sich länger zu konzentrieren, ohne mental „abzustürzen“.
2. Körperliche Balance als Anker: Die Rolle der Biomechanik
Ein Pferd, das körperlich aus dem Gleichgewicht gerät, kann auch mental nicht entspannen. Gerade Barockpferde mit ihrem oft kurzen Rücken und der kraftvollen Hinterhand benötigen eine exzellente Propriozeption (Körperwahrnehmung), um sich in engen Wendungen oder beim Seitwärtsrichten am Tor auszubalancieren.
Auch die Ausrüstung spielt hier eine entscheidende Rolle. Forschungen im Bereich der Biomechanik – unter anderem von Dr. Hilary Clayton – unterstreichen, dass ein unpassender Sattel dieses sensible System empfindlich stören kann. Ein Sattel, der die Schulter blockiert oder den Schwerpunkt ungünstig verlagert, erzeugt körperliche Unsicherheit – und diese mündet direkt in mentaler Anspannung.
3. Reiterliche Gelassenheit: Ihr Puls ist der Taktgeber
Ihr Pferd ist ein feinfühliger Beobachter Ihrer Körpersprache. Wenn Sie angespannt in den Parcours reiten und eine explosive Reaktion erwarten, werden Sie genau das bekommen.
- Atmen Sie bewusst: Atmen Sie tief in den Bauch ein und langsam aus, besonders vor und nach einem Hindernis. Das senkt nicht nur Ihren eigenen Puls, sondern signalisiert Ihrem Pferd: „Alles ist in Ordnung.“
- Denken Sie in Lösungen, nicht in Problemen: Anstatt zu denken „Hoffentlich rennt es jetzt nicht los“, konzentrieren Sie sich auf Ihre Aufgabe: „Ich atme aus, sitze tief und reite einen sauberen Bogen.“
- Belohnen Sie den Versuch: Loben Sie Ihr Pferd nicht erst für das perfekte Hindernis, sondern bereits für den Versuch, ruhig und konzentriert zu bleiben. Schon ein ruhiger Schritt in Richtung Brücke ist ein riesiger Erfolg! Die richtige Ausbildung von Barockpferden basiert auf Geduld und positivem Feedback.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
F: Mein Pferd rennt förmlich auf die Hindernisse zu. Was kann ich tun?
A: Dies ist ein klassisches Zeichen von mentaler Überforderung. Brechen Sie die Übung ab, bevor das Pferd losrennt. Reiten Sie eine Volte, halten Sie kurz an und atmen Sie tief durch. Wenden Sie sich dem Hindernis erst dann wieder zu, wenn die Ruhe zurückgekehrt ist. Verkleinern Sie die Aufgabe: Gehen Sie nur in die Nähe des Hindernisses, ohne es zu absolvieren, und loben Sie die Ruhe.
F: Ist mein Pferd für die Working Equitation ungeeignet, wenn es so sensibel ist?
A: Im Gegenteil! Seine Sensibilität ist seine größte Stärke. Wenn Sie lernen, diese Energie zu kanalisieren, wird Ihr Pferd mit einer Leichtigkeit, Präzision und Brillanz durch den Parcours tanzen, die weniger sensible Pferde nur schwer erreichen können.
F: Wie oft sollte ich den Trail-Parcours trainieren?
A: Weniger ist mehr. Eine kurze, konzentrierte Einheit von 15–20 Minuten pro Woche, in der Sie an ein bis zwei Hindernissen arbeiten, ist effektiver als eine lange, ermüdende Parcours-Session. Die restliche Zeit sollten Sie in die solide Dressurarbeit investieren, um Kraft und Durchlässigkeit zu fördern.
F: Helfen bestimmte Lektionen bei der Vorbereitung?
A: Absolut. Schulterherein verbessert die Biegung und bereitet auf das Tor vor. Kurzkehrtwendungen und Hinterhandwendungen sind die Grundlage für die schnellen Manöver im Speedtrail. Übergänge zwischen den Gangarten fördern die Durchlässigkeit und die Konzentration auf den Reiter.
Fazit: Nutzen Sie die Sensibilität als Ihre Superkraft
Die Arbeit mit einem sensiblen Barockpferd im Working Equitation-Parcours ist kein Kampf gegen seine Natur, sondern ein Dialog mit ihr. Indem Sie die genetischen Anlagen verstehen, die kognitive Last reduzieren und für körperliches wie mentales Gleichgewicht sorgen, verwandeln Sie Anspannung in Ausdruckskraft.
Sehen Sie das Feuer Ihres Pferdes also nicht als Problem, sondern als Potenzial für eine außergewöhnliche Partnerschaft. Kanalisieren Sie seine Energie, und Sie werden gemeinsam im Parcours glänzen.



