Seitengänge als Allheilmittel? Wie Schulterherein & Travers Ihr Pferd geraderichten

Seitengänge als Allheilmittel? Wie Schulterherein & Travers Ihr Pferd geraderichten

Haben Sie sich je gefragt, warum Ihr Pferd auf einer Hand Biegungen mühelos meistert, auf der anderen aber steif wirkt und über die äußere Schulter davonläuft? Oder warum sich ein Zügel immer schwerer anfühlt als der andere?

Seien Sie beruhigt: Sie sind nicht allein und Ihr Pferd ist nicht „stur“. Was Sie da erleben, sind die Auswirkungen der natürlichen Schiefe – ein Phänomen, das jedem Pferd angeboren ist.

Zum Glück gibt es elegante und seit Jahrhunderten bewährte Werkzeuge, um diese Schiefe zu korrigieren. Sie stammen aus der klassischen Dressur, sind aber keineswegs nur für Grand-Prix-Reiter reserviert. Lektionen wie Schulterherein und Travers sind die effektivsten Gymnastikübungen, um jedes Freizeitpferd gesünder, ausbalancierter und rittiger zu machen.

Das Geheimnis der natürlichen Schiefe: Warum kein Pferd von Natur aus gerade ist

Stellen Sie sich vor, Sie müssten alle Aufgaben des Alltags mit Ihrer „schwachen“ Hand erledigen. Es würde sich unkoordiniert und anstrengend anfühlen. Genauso geht es unseren Pferden. Jedes Pferd hat eine angeborene Händigkeit, ähnlich wie wir Menschen. Diese zeigt sich in einer sogenannten „hohlen Seite“ und einer „steifen“ oder „Zwangsseite“.

Die hohle Seite:

Auf dieser Seite ist die Muskulatur von Natur aus kürzer und kontraktiler. Das Pferd biegt sich hier leichter, fast schon zu leicht, und neigt dazu, auf die gegenüberliegende Schulter auszuweichen.

Die Zwangsseite:

Hier ist die Muskulatur länger und dehnungsfähiger, aber auch schwächer. Das Pferd wehrt sich gegen die Biegung auf dieser Seite und fühlt sich oft steif an.

Diese natürliche Asymmetrie führt dazu, dass das Pferd nicht mit beiden Hinterbeinen gleichmäßig unter seinen Schwerpunkt tritt. Ein Hinterbein schiebt mehr, während das andere mehr trägt. Die Folge: Ein Pferd im Ungleichgewicht – und die Ursache vieler alltäglicher Reitprobleme.

Seitengänge: Mehr als nur Zirkuslektionen

Genau hier setzen die Seitengänge an. Sie sind keine komplizierten Tricks, sondern hochwirksame gymnastische Übungen. Ihr vorrangiges Ziel ist die Verbesserung der Geraderichtung des Pferdes. Ein geradegerichtetes Pferd kann sein Gewicht gleichmäßig auf alle vier Beine verteilen und mit der Hinterhand aktiv unter den Schwerpunkt treten. Es ist geschmeidig, durchlässig und reagiert fein auf die Hilfen des Reiters.

Während diese Übungen zu den anspruchsvolleren Lektionen der Hohen Schule zählen, ist ihr Grundprinzip für jeden Reiter zugänglich und ungemein wertvoll. Schauen wir uns die beiden wichtigsten Seitengänge für den Freizeitreiter genauer an.

Schulterherein: Der Schlüssel zur inneren Hinterhand

Das Schulterherein gilt als die Mutter aller Seitengänge und wurde vom Reitmeister François Robichon de la Guérinière als das „Aspirin der Reitkunst“ bezeichnet – es heilt fast alles. Beim Schulterherein bewegt sich das Pferd auf drei oder vier Hufspuren, wobei die Vorhand leicht ins Bahninnere versetzt wird und das Pferd um den inneren Schenkel des Reiters gebogen ist.

Der gymnastische Effekt:

Der entscheidende „Aha-Moment“ beim Schulterherein ist die Aktivierung der Hinterhand. Durch die Biegung wird das innere Hinterbein animiert, vermehrt unter den Körperschwerpunkt zu treten. Es muss sich im Hüft-, Knie- und Sprunggelenk stärker beugen und somit mehr Last aufnehmen. Dies kräftigt die oft schwächere innere Seite und lehrt das Pferd, sein Gewicht besser auszubalancieren. Gleichzeitig wird die oft überlastete äußere Schulter entlastet und freier.

Ihr Nutzen im Alltag:

  • Verbessert die Längsbiegung auf der steifen Seite.
  • Löst eine festgehaltene äußere Schulter.
  • Macht das Pferd aufmerksamer für die Schenkelhilfen.
  • Ist die perfekte Vorbereitung für jede anspruchsvollere Übung.

Travers: Der Meister der Hankenbeugung und Schulterkontrolle

Das Travers, auch als „Kruppeherein“ bekannt, ist die logische Ergänzung zum Schulterherein. Hierbei bleibt die Vorhand auf dem Hufschlag, während die Hinterhand ins Bahninnere geführt wird. Das Pferd ist dabei in Bewegungsrichtung gebogen.

Der gymnastische Effekt:

Während das Schulterherein primär das innere Hinterbein aktiviert, fördert das Travers die Hankenbeugung beider Hinterbeine. Gleichzeitig dehnt es die Muskulatur der äußeren Körperseite. Es ist ein unschätzbares Werkzeug, um die Kontrolle über die äußere Schulter zu erlangen – genau jene Schulter, über die Pferde so gerne davonlaufen. Das Pferd lernt, sich vom äußeren Zügel und äußeren Schenkel einrahmen zu lassen und sich auszubalancieren.

Ihr Nutzen im Alltag:

  • Stoppt das Ausfallen über die äußere Schulter in Wendungen.
  • Verbessert die Versammlungsfähigkeit und Tragkraft der Hinterhand.
  • Dehnt und lockert die Muskulatur der Außenseite.
  • Fördert ein geschmeidiges und flüssiges Reitgefühl.

Praktische Anwendung im Alltag: Wann und wie Sie Seitengänge nutzen

Bauen Sie kurze, korrekte Reprisen von Seitengängen in Ihr tägliches Training ein. Sie müssen keine ganze lange Seite im perfekten Schulterherein reiten.

  • Zum Aufwärmen: Einige Tritte Schulterherein im Schritt lockern die Schulter und aktivieren die Hinterhand.
  • In den Ecken: Nutzen Sie die Ecke, um einige Tritte Travers vorzubereiten. Dies hilft Ihrem Pferd, auf der Hinterhand zu bleiben und nicht über die Schulter zu kippen.
  • Auf dem Zirkel: Fordern Sie immer wieder ein leichtes Schultervor, die Vorstufe zum Schulterherein, um die Anlehnung zu stabilisieren.
  • Als Korrektur: Merken Sie, dass Ihr Pferd auf einer Hand steif wird? Reiten Sie auf dieser Hand Schulterherein. Drängelt es nach außen? Korrigieren Sie es mit einem Ansatz von Travers.

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zu Seitengängen

Ab wann kann ich mit Seitengängen beginnen?

Sobald Ihr Pferd sicher in den drei Grundgangarten an den Hilfen steht, taktrein geht und eine reelle Anlehnung sucht, können Sie mit Vorübungen wie dem Schultervor beginnen. Ein erfahrener Reitlehrer kann den richtigen Zeitpunkt am besten einschätzen.

Mein Pferd versteht die Hilfe nicht – was kann ich tun?

Weniger ist mehr. Reduzieren Sie den Winkel und die Anforderungen. Beginnen Sie im Schritt an der Bande. Oft hilft es, das Schulterherein aus einer Volte zu entwickeln oder das Travers direkt nach einer Ecke anzusetzen. Geduld und eine korrekte Hilfengebung sind hier der Schlüssel.

Sind Seitengänge auch für mein Gangpferd oder Westernpferd geeignet?

Absolut! Die Prinzipien der Biomechanik und Gymnastizierung gelten für jedes Pferd, unabhängig von Rasse oder Reitweise. Ein geradegerichtetes, ausbalanciertes Pferd ist in jeder Disziplin leistungsfähiger und gesünder.

Wie oft sollte ich Seitengänge trainieren?

Es geht um Qualität, nicht Quantität. Lieber wenige, aber dafür korrekte und flüssige Tritte als eine ganze lange Seite voller Kampf und Anspannung. Bauen Sie die Lektionen spielerisch in Ihr Training ein, um das Pferd motiviert und frisch zu halten.

Fazit: Der Weg zu einem ausbalancierten Partner

Seitengänge sind weit mehr als Lektionen für das Dressurviereck. Sie sind ein Dialog mit dem Pferdekörper, ein Diagnosewerkzeug und ein Korrekturmittel in einem. Wenn Sie die natürliche Schiefe Ihres Pferdes verstehen und gezielt mit Schulterherein und Travers daran arbeiten, verbessern Sie nicht nur die Rittigkeit. Sie leisten damit auch einen wertvollen Beitrag zur Gesunderhaltung Ihres Partners.

Sie verwandeln ein von Natur aus schiefes Lauftier in einen ausbalancierten Athleten, der Sie leicht und zufrieden tragen kann. Beginnen Sie klein, holen Sie sich professionelle Anleitung und entdecken Sie, wie diese klassischen Übungen die Verbindung zu Ihrem Pferd auf ein ganz neues Niveau heben können.

Patrick Thoma
Patrick Thoma

Patrick Thoma ist Gründer von Mehrklicks.de und JVGLABS.com.
Er entwickelt Systeme für KI-Sichtbarkeit und semantische Architektur – mit Fokus auf Marken, die in ChatGPT, Perplexity und Google SGE sichtbar bleiben wollen.

Mehr über ihn und die Arbeit:
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