
Vom Schulterherein zum Renvers: Die logische Leiter der Seitengänge
Kennen Sie das Gefühl? In eine Richtung wendet Ihr Pferd willig ab, es biegt sich geschmeidig wie eine Katze. Doch in die andere Richtung fühlt es sich steif an, fast so, als würde es sich gegen die Biegung sperren.
Dieses weit verbreitete Phänomen ist mehr als nur eine ’schlechte Seite‘ – es ist ein klares Zeichen für die natürliche Schiefe, die jedes Pferd in sich trägt. Und genau hier setzt die Magie der Seitengänge an.
Weit mehr als nur Lektionen für das Dressurviereck, sind Seitengänge das Fundament der Gymnastizierung – ein gezieltes Kraft- und Dehnungstraining für den Pferdekörper. Sie lösen Blockaden, fördern die Balance und schaffen eine Verbindung zwischen Reiter und Pferd, die auf feinsten Hilfen beruht. Ihr volles Potenzial entfalten sie jedoch erst, wenn sie in einer logischen Reihenfolge erarbeitet werden. Wie bei einem Sportler, der erst Grundübungen meistert, bevor er sich an komplexe Bewegungsabläufe wagt, baut auch in der Reitkunst eine Lektion auf der nächsten auf.
Das Fundament: Warum die Reihenfolge entscheidend ist
Stellen Sie sich vor, Sie würden versuchen, einen komplizierten Tanzschritt zu lernen, ohne die Grundhaltung zu beherrschen. Das Ergebnis wäre wackelig und unharmonisch. Ganz ähnlich verhält es sich mit den Seitengängen. Jeder Seitengang erfüllt eine spezifische biomechanische Aufgabe und bereitet das Pferd gezielt auf die nächste, anspruchsvollere Stufe vor.
Die systematische Abfolge von Schulterherein, Travers und Renvers ist das Herzstück der klassischen Reitkunst. Ihr Ziel ist es, das Pferd schrittweise geraderzurichten, die Hinterhand zu aktivieren und die Versammlungsfähigkeit zu entwickeln. Dadurch lernt das Pferd, seine Hinterbeine gezielt unter den Schwerpunkt zu setzen und mehr Last aufzunehmen. Genau das ist die Essenz von Die klassische Dressur mit barocken Pferden und der Schlüssel zu einem gesunden, tragfähigen Reitpferd.
Der erste Schritt: Das Schultervor als Vorbereitung
Bevor wir die große Bühne des Schulterherein betreten, machen wir einen kleinen, aber entscheidenden Schritt: das Schultervor. Hierbei führt der Reiter die Vorhand des Pferdes nur so weit ins Bahninnere, dass das innere Hinterbein in die Spur des äußeren Vorderbeins tritt.
Diese minimale seitliche Verschiebung vermittelt dem Pferd das Konzept, mit den Schultern von der geraden Linie abzuweichen, ohne es zu überfordern. Sie ist die perfekte Übung, um die Hilfengebung zu verfeinern und das Pferd auf die Biegung im Körper vorzubereiten.
Schulterherein: Die Mutter aller gymnastizierenden Übungen
Das Schulterherein gilt nicht umsonst als Meilenstein in der Pferdeausbildung. Der französische Reitmeister François Robichon de la Guérinière nannte es im 18. Jahrhundert das ‚Alpha und Omega‘ aller Lektionen, weil es so viele positive Effekte vereint.
Was passiert im Schulterherein?
Das Pferd bewegt sich auf drei Spuren (Hufschlägen). Die Hinterbeine bleiben auf dem Hufschlag, während die Vorhand ins Bahninnere versetzt wird. Dabei ist das Pferd in Bewegungsrichtung gebogen. Der entscheidende gymnastizierende Effekt entsteht dadurch, dass das innere Hinterbein vermehrt unter den Körperschwerpunkt treten und mehr Last aufnehmen muss.
Die Wirkung:
- Aktivierung der inneren Hüfte: Das Pferd lernt, sein inneres Hinterbein stärker zu beugen.
- Schulterfreiheit: Die äußere Schulter wird gedehnt und freier in ihrer Bewegung.
- Geraderichtung: Durch die gezielte Arbeit an der ‚hohlen‘ Seite wird das Pferd symmetrischer bemuskelt.
- Beginn der Versammlung: Das Pferd lernt, sich ‚zu setzen‘ und das Gewicht von der Vorhand auf die tragfähigere Hinterhand zu verlagern.
Ein korrekt ausgeführtes Schulterherein gleicht einem fließenden, harmonischen Dialog und bildet die Basis für alles, was folgt.
Travers: Die Biegung vertiefen
Wenn das Pferd im Schulterherein gelernt hat, sein inneres Hinterbein unter den Schwerpunkt zu bringen, folgt als nächster logischer Schritt das Travers, auch Kruppeherein genannt.
Im Travers bleibt die Vorhand auf dem Hufschlag, während die Hinterhand ins Bahninnere geführt wird. In Bewegungsrichtung gebogen, bewegt sich das Pferd nun auf vier Hufschlägen.
Warum nach dem Schulterherein?
Das Schulterherein hat die Biegungsfähigkeit der Rippen und die Lastaufnahme des inneren Hinterbeins vorbereitet. Im Travers wird diese Fähigkeit nun intensiviert. Das Pferd muss sich jetzt noch deutlicher um den inneren Schenkel des Reiters biegen. Dabei dehnt es seine äußere Körperhälfte und kräftigt die Muskulatur der inneren Seite. So ist das Travers die logische Fortsetzung und Steigerung der im Schulterherein begonnenen Gymnastizierung.
Renvers: Die Meisterprüfung für Balance und Durchlässigkeit
Haben Pferd und Reiter Schulterherein und Travers verinnerlicht, folgt der Renvers als spiegelbildliche Übung zum Travers. Hierbei bleibt die Hinterhand auf dem Hufschlag, während die Vorhand ins Bahninnere versetzt wird. Das Pferd ist dabei entgegen der Bewegungsrichtung gebogen – es schaut quasi aus der Bahn heraus.
Die besondere Herausforderung:
Der Renvers stellt höhere koordinative Ansprüche an den Reiter und ist eine echte Prüfung für die Geraderichtung des Pferdes. Die äußeren Hilfen rahmen und führen das Pferd nun, während es die Biegung beibehält. Diese Lektion verbessert die Balance und fördert die Durchlässigkeit in hohem Maße, da das Pferd lernt, auch dann im Gleichgewicht zu bleiben, wenn die Bande als äußere Begrenzung fehlt.
Die Kombination dieser Lektionen, zum Beispiel der fließende Wechsel von Schulterherein zu Renvers (eine sogenannte ‚Schaukel‘), macht das Pferd geschmeidig wie einen Tänzer und bereitet es optimal auf höhere Aufgaben vor. Besonders Pferderassen mit einer natürlichen Veranlagung zur Versammlung, wie Der PRE (Pura Raza Española): Spaniens stolzes Erbe, profitieren enorm von dieser systematischen Arbeit.
Die Rolle des Reiters und der Ausrüstung
Für alle Seitengänge gilt: Weniger ist mehr. Sie werden nicht mit Kraft erzwungen, sondern aus einem ausbalancierten Sitz und mit feinen, präzisen Hilfen entwickelt. Der Reiter initiiert die Biegung durch seine Gewichts- und Schenkelhilfen, die Hände geben nur den Rahmen vor.
Eine wichtige Grundlage dafür ist ein gut passender Sattel, der dem Reiter einen ausbalancierten Sitz ermöglicht und dem Pferd die nötige Schulterfreiheit gewährt. Spezialisierte Konzepte, wie sie beispielsweise von Iberosattel für den barocken Pferdetyp entwickelt wurden, berücksichtigen genau diese Anforderungen an Passform und Reiterposition.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist der Unterschied zwischen Schultervor und Schulterherein?
Der Hauptunterschied liegt im Grad der Abstellung. Beim Schultervor tritt das innere Hinterbein nur in die Spur des äußeren Vorderbeins (leichte Biegung). Beim Schulterherein ist die Abstellung größer, sodass sich eine klare Dreispuren-Linie ergibt und das innere Hinterbein deutlich unter den Schwerpunkt tritt.
Auf wie vielen Hufschlägen werden die Lektionen geritten?
- Schultervor: Auf zwei bis zweieinhalb Spuren.
- Schulterherein: Korrekt auf drei Spuren.
- Travers & Renvers: Korrekt auf vier Spuren.
Mein Pferd verliert im Seitengang den Schwung. Was kann ich tun?
Das ist ein häufiges Problem, wenn die Biegung zu stark oder zu lange verlangt wird. Reiten Sie zunächst nur wenige Tritte im Seitengang und dann wieder geradeaus, um den Schwung zu erhalten. Achten Sie darauf, mit dem inneren Schenkel aktiv weiterzutreiben und das Pferd nicht mit dem inneren Zügel zu blockieren.
In welcher Gangart beginne ich mit den Seitengängen?
Der Schritt ist die ideale Gangart, um Seitengänge zu erlernen. Hier haben Pferd und Reiter genug Zeit, die Koordination zu finden. Sobald die Lektion im Schritt sicher sitzt, kann sie in den Trab und später in den Galopp übertragen werden.
Fazit: Ein Weg zu mehr Harmonie und Gesundheit
Seitengänge sind eben weit mehr als einzelne Dressurlektionen. Sie bilden ein ineinandergreifendes System, eine logische Leiter der Gymnastizierung, die Ihr Pferd gesünder, stärker und durchlässiger macht. Wenn Sie diese Reihenfolge verstehen und respektieren, geben Sie Ihrem Pferd die Chance, sich körperlich und mental optimal zu entwickeln.
Das Ergebnis ist nicht nur ein Pferd, das anspruchsvolle Lektionen meistert, sondern ein ausbalancierter, zufriedener Partner, der sich in seinem Körper wohlfühlt. Diese Geschmeidigkeit und Kraft schafft die Grundlage für alle anspruchsvollen Disziplinen, von der Hohen Schule bis zur dynamischen Rinderarbeit, wie sie in der Disziplin Was ist Working Equitation? gefordert wird. Beginnen Sie diese Reise und entdecken Sie, wie die logische Abfolge der Seitengänge die Beziehung zu Ihrem Pferd nachhaltig verändern wird.



