Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Barockpferde Ausbildung auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Die ersten Seitengänge an der Hand: So bereiten Sie Ihr Pferd optimal auf das Reitergewicht vor

Stellen Sie sich einen jungen, kraftvollen barocken Hengst vor. Seine Bewegungen sind voller Stolz und natürlicher Versammlung, doch sein Rücken ist noch nicht darauf vorbereitet, einen Reiter zu tragen. Viele Reiter glauben, die Ausbildung beginne erst im Sattel. Doch die wahre Kunst liegt darin, das Pferd vom Boden aus so zu stärken, dass es das Reitergewicht nicht nur erträgt, sondern darunter aufblühen kann. Das Geheimnis liegt in der gezielten Gymnastizierung – und die ersten Seitengänge an der Hand sind dabei ein entscheidender Schlüssel.

Sie legen das Fundament für einen gesunden Rücken, eine feine Kommunikation und die spätere Leichtigkeit unter dem Sattel. Entdecken Sie, wie Sie mit einfachen Übungen vom Boden aus die Rumpfmuskulatur Ihres Pferdes aktivieren und es zu einem ausbalancierten Athleten formen.

Warum Bodenarbeit mehr als nur „Spazierengehen“ ist

Die Vorbereitung eines Pferdes auf das Reiterleben gleicht dem Training eines menschlichen Athleten. Kein Gewichtheber würde ohne ein gezieltes Aufwärm- und Krafttraining schwere Lasten heben. Für ein Pferd ist das Reitergewicht genau das: eine Last, auf die seine Anatomie von Natur aus nicht ausgelegt ist.

Der renommierte Tierarzt und Autor Dr. Gerd Heuschmann beschreibt diesen Zusammenhang treffend mit dem Bild der „Tragbrücke“. Die Wirbelsäule des Pferdes neigt dazu, unter dem Reitergewicht nach unten durchzuhängen. Nur eine aktive und starke Bauch- und Rumpfmuskulatur kann den Rücken anheben, stabilisieren und ihn so zu einer tragfähigen Brücke machen. Beginnt man zu früh mit dem Reiten, ohne dieses muskuläre Fundament geschaffen zu haben, riskiert man Verspannungen, einen hohlen Rücken und langfristige gesundheitliche Probleme.

Gerade barocke Pferdetypen wie der [INTERNAL LINK: href=“/pferderassen/pre-pura-raza-espanola/“ anchor=“Pura Raza Española (PRE)“] oder Lusitano bringen von Natur aus eine hohe Aufrichtung und einen kompakten Körperbau mit. Diese Veranlagung ist ein Segen, kann aber ohne korrekte Gymnastizierung dazu führen, dass die Pferde sich im Rücken festmachen. Frühe, mobilisierende Bodenarbeit hilft ihnen, ihre natürliche Versammlungsfähigkeit in echte Tragkraft umzuwandeln und Losgelassenheit zu entwickeln.

Die Wissenschaft hinter der Gymnastizierung: Was im Pferdekörper passiert

Was spielerisch aussieht, hat einen tiefgreifenden biomechanischen Effekt. Aktuelle Forschungen bestätigen, was erfahrene Ausbilder seit Jahrhunderten intuitiv praktizieren: Gezielte Bewegungen vom Boden aus sind ein hocheffektives Muskeltraining.

  • Aktivierung der Core-Muskulatur: Eine Studie von Dumbell und Pfau (2021) zeigte, dass seitwärtsführende Übungen an der Hand, wie das Schenkelweichen oder die Vorhandwendung, die tiefen Bauchmuskeln (M. obliquus externus abdominis und M. rectus abdominis) signifikant stärker aktivieren als eine reine Vorwärtsbewegung auf gerader Linie. Diese Muskeln sind die direkten Gegenspieler der Rückenmuskulatur. Werden sie gekräftigt, heben sie den Brustkorb an und wölben den Rücken auf – die „Tragbrücke“ entsteht.

  • Verbesserung der Körperwahrnehmung: Seitliche Biegung und Flexion schulen die bewusste Wahrnehmung des Pferdes für seine Körperhaltung und Balance. Eine Untersuchung von Martin et al. (2017) belegt zudem, dass solche Übungen die Propriozeption – also die Selbstwahrnehmung des Körpers im Raum – entscheidend verbessern. Ein Pferd, das am Boden gelernt hat, seine Beine bewusst zu sortieren und seinen Rumpf zu stabilisieren, wird sich später auch unter dem Reiter leichter ausbalancieren können.

Diese frühe gymnastizierende Arbeit ist ein zentraler Baustein einer [INTERNAL LINK: href=“/ausbildung/jungpferdeausbildung-barocke-pferde/“ anchor=“schonenden Jungpferdeausbildung“]. Sie schult nicht nur den Körper, sondern bereitet auch den Geist des Pferdes auf seine künftigen Aufgaben vor.

Erste Schritte in die Seitengänge: Schultervor und Schenkelweichen vom Boden aus

Der Einstieg in die Seitengänge erfordert weder kompliziertes Equipment noch jahrelange Erfahrung. Geduld, ein klares inneres Bild und das richtige Timing sind die wichtigsten Werkzeuge. Beginnen Sie mit kurzen Einheiten von 5-10 Minuten, um das Pferd nicht zu überfordern.

Das Schultervor: Der Schlüssel zur Geraderichtung

Das Schultervor ist eine der grundlegendsten Lektionen. Das Pferd bewegt sich dabei auf gerader Linie, ist aber leicht nach innen gestellt und gebogen, sodass die innere Hinterhand in die Spur des äußeren Vorderbeins tritt. Es lernt so, das innere Hinterbein vermehrt unter den Schwerpunkt zu setzen – die erste Stufe der Versammlung.

So gehen Sie vor:

  1. Positionieren Sie sich auf Höhe der Pferdeschulter und führen Sie Ihr Pferd im Schritt an einer Bande oder einem Zaun entlang.
  2. Bitten Sie mit dem inneren Zügel sanft um eine leichte Stellung im Genick, sodass Sie gerade das innere Auge Ihres Pferdes sehen können.
  3. Mit einer Gerte als verlängertem Arm tippen Sie sanft an der Gurtlage, um die Biegung im Rumpf zu fördern.
  4. Gleichzeitig weichen Sie mit Ihrem eigenen Körper leicht zurück und begrenzen mit der äußeren Hand (am Zügel oder an der Schulter) das Ausweichen der Schulter nach außen.
  5. Loben Sie Ihr Pferd und gönnen Sie ihm eine sofortige Pause, sobald es auch nur einen oder zwei korrekte Schritte zeigt.

[IMAGE: ein junger PRE-Hengst wird an der Hand im Schultervor gearbeitet, der Ausbilder steht an seiner Schulter und führt ihn an einer Trense]

Das Schenkelweichen: Koordination und Übertreten

Beim Schenkelweichen lernt das Pferd, vorwärts-seitwärts zu treten und dabei die Beine zu überkreuzen. Dies dehnt die Rumpfmuskulatur, fördert die Koordination und bereitet das Pferd auf die Reaktion auf den seitwärtstreibenden Schenkel des Reiters vor.

So gehen Sie vor:

  1. Stellen Sie Ihr Pferd mit dem Kopf zur Bande. Sie stehen vor seiner Schulter, mit Blick in die gleiche Richtung.
  2. Bitten Sie das Pferd um einen Schritt vorwärts und nutzen Sie den Moment, in dem das innere Hinterbein abfußt.
  3. In diesem Moment geben Sie mit der Gerte ein sanftes Signal an der Flanke, um das Pferd zum Kreuzen des inneren Hinterbeins über das äußere zu animieren.
  4. Ihre führende Hand am Halfter oder Kappzaum weist leicht die Richtung (vorwärts-seitwärts).
  5. Auch hier gilt: Bereits ein einziger guter Schritt ist am Anfang ein riesiger Erfolg und verdient eine Pause.

Die Vorteile im Überblick: Vom Boden in den Sattel

Eine solide gymnastizierende Vorbereitung am Boden zahlt sich über das gesamte Pferdeleben aus:

  • Ein starker, tragfähiger Rücken: Die aktivierte Rumpfmuskulatur schützt die Wirbelsäule vor Verschleiß.
  • Verbesserte Balance und Koordination: Das Pferd findet leichter sein Gleichgewicht unter dem Reiter.
  • Mentale Vorbereitung: Das Pferd versteht die Bedeutung von seitwärtsweisenden Hilfen, bevor der Reiter im Sattel sitzt.
  • Grundlage für Losgelassenheit: Ein mobilisierter Körper ist die Voraussetzung für einen schwingenden Rücken und durchlässige Bewegungen, wie sie in der [INTERNAL LINK: href=“/reitweisen/klassische-dressur/“ anchor=“klassischen Dressur“] angestrebt werden.

Der passende Sattel: Wenn der Rücken bereit ist

All die mühevolle Vorbereitung des Rückens wäre umsonst, wenn der erste Sattel nicht perfekt passt. Ein starker, gut bemuskelter Rücken verdient eine Ausrüstung, die seine Funktion unterstützt und nicht behindert. Gerade barocke Pferde haben oft einen kurzen, breiten und geschwungenen Rücken, der spezielle Anforderungen an einen Sattel stellt.

Partnerhinweis: Hersteller wie Iberosattel haben sich auf die Entwicklung von Sätteln spezialisiert, die genau auf diese Anatomie zugeschnitten sind. Mit breiten Auflageflächen und flexiblen Einstellmöglichkeiten sorgen sie dafür, dass die mühevoll aufgebaute Rückenmuskulatur frei arbeiten kann und die „Tragbrücke“ auch unter dem Reiter intakt bleibt.

Häufige Fragen (FAQ) zur gymnastizierenden Bodenarbeit

Wann kann ich mit den ersten Seitengängen beginnen?
Sobald Ihr junges Pferd die Grundlagen der Führigkeit beherrscht (anhalten, losgehen, an Ihrer Schulter bleiben), können Sie spielerisch mit den ersten vorbereitenden Übungen beginnen. Meist ist dies im Alter von zwei bis drei Jahren der Fall.

Wie lange und wie oft sollte ich üben?
Weniger ist mehr. Beginnen Sie mit Einheiten von maximal 5-10 Minuten, zwei- bis dreimal pro Woche. Die Konzentrationsfähigkeit eines jungen Pferdes ist begrenzt, und die Muskeln benötigen Zeit zur Regeneration.

Mein Pferd versteht die Übung nicht. Was tun?
Gehen Sie immer einen Schritt zurück. Zerlegen Sie die Übung in noch kleinere Teile. Ist die Stellung im Genick schon sicher? Reagiert das Pferd auf ein sanftes Antippen der Gerte? Belohnen Sie jeden Gedanken in die richtige Richtung. Manchmal hilft es auch, die Übung für ein paar Tage ruhen zu lassen und dann erneut zu versuchen.

Welche Ausrüstung benötige ich am Anfang?
Ein gut sitzender Kappzaum oder ein Knotenhalfter ist ideal, da es präzise, aber sanfte Signale ermöglicht, ohne Druck auf das empfindliche Pferdemaul auszuüben. Eine lange Dressurgerte dient als verlängerter Arm für eine präzise Hilfengebung.

Fazit: Ein starker Rücken als Fundament für eine lange Partnerschaft

Die ersten Seitengänge an der Hand sind weit mehr als nur eine nette Abwechslung. Sie sind eine essenzielle Investition in die Gesundheit, die Rittigkeit und die Langlebigkeit Ihres Pferdes. Sie bauen nicht nur Muskeln auf, sondern auch eine tiefe Verbindung und ein feines Kommunikationssystem zwischen Ihnen und Ihrem vierbeinigen Partner.

Indem Sie Ihrem Pferd vom Boden aus beibringen, seinen Körper korrekt zu nutzen, schenken Sie ihm die bestmögliche Voraussetzung für ein Leben als stolzes und gesundes Reitpferd. Sie legen den Grundstein für Harmonie, Leichtigkeit und eine Partnerschaft, die auf Verständnis und biomechanisch sinnvoller Ausbildung beruht.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.