Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Working Equitation auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Vom Schenkelweichen zur Traversale: So meistern Sie den Trail durch Seitengänge

Stellen Sie sich vor, Sie reiten im Trail-Parcours auf eine Glockengasse oder eine am Boden liegende Stange zu, die es seitlich zu überqueren gilt. Im Kopf haben Sie ein klares Bild: Ihr Pferd tritt flüssig und taktrein seitwärts, präzise und gelassen. Doch in der Realität zögert es, tritt auf die Stange oder verschiebt die Hinterhand nur widerwillig. Frustrierend? Absolut. Die Ursache für dieses Problem liegt jedoch meist nicht am Hindernis selbst, sondern in der grundlegenden gymnastischen Vorbereitung. Die Lösung findet sich in der Dressurarbeit, genauer gesagt: in den Seitengängen.

Seitengänge sind weit mehr als Lektionen für das Viereck. Vielmehr sind sie das gezielte Kraft- und Koordinationstraining, das Ihr Pferd befähigt, anspruchsvolle Aufgaben des Trails mit Eleganz und Leichtigkeit zu meistern. Sie sind der Schlüssel zu einem Pferd, das nicht nur gehorcht, sondern körperlich und geistig fähig ist, Ihre Hilfen präzise umzusetzen.

[Bildbeschreibung: Ein PRE (Pura Raza Española) Pferd, das elegant eine Traversale entlang einer Bande zeigt. Der Reiter sitzt zentriert, das Pferd ist deutlich gebogen.]

Was sind Seitengänge und warum sind sie so wichtig?

Seitengänge sind Übungen, bei denen sich das Pferd gleichzeitig vorwärts und seitwärts bewegt. Sie verbessern die seitliche Biegsamkeit, die Tragkraft der Hinterhand und die Koordination. Anstatt sie als isolierte „Tricks“ zu betrachten, sollten Sie sie als das Alphabet der Reitkunst verstehen. Mit diesem Alphabet können Sie komplexe Sätze – wie das präzise Anreiten eines Trail-Hindernisses – formulieren.

Die Forschung bestätigt diesen Ansatz. Die renommierte Veterinärin und Biomechanik-Expertin Dr. Hilary Clayton betont, dass seitliche Biegsamkeit entscheidend für Gleichgewicht und Koordination ist. Da Seitengänge auch die Längsbiegung fördern, reduzieren sie die natürliche Steifheit des Pferdekörpers, verbessern die Beweglichkeit der Gelenke und ermöglichen es dem Pferd, seine Schultern und Hüften präzise und unabhängig voneinander zu steuern – eine grundlegende Fähigkeit für jeden Engpass im Trail.

Die grundlegenden Seitengänge im Überblick

Für den Einstieg sind vor allem zwei Lektionen entscheidend, deren korrekte Ausführung oft verwechselt wird:

  1. Schenkelweichen: Dies ist die einfachste Form der seitlichen Bewegung. Das Pferd ist dabei (nahezu) gerade im Körper und tritt mit dem inneren Hinterbein vor und über das äußere. Es gilt als vorbereitende Übung, um dem Pferd das Weichen für den Schenkel beizubringen.

  2. Schulterherein: Oft als „Mutter aller Seitengänge“ bezeichnet, ist das Schulterherein eine versammelnde Lektion. Das Pferd ist in Bewegungsrichtung gebogen und bewegt sich auf drei (oder vier) Hufschlägen. Es fördert das Untertreten des inneren Hinterbeins unter den Schwerpunkt, aktiviert die Bauchmuskulatur und hebt den Rücken an.

Der Tierarzt und Autor Dr. Gerd Heuschmann unterstreicht in seiner Arbeit, wie entscheidend eine korrekte Gymnastizierung für die Gesunderhaltung des Pferdes ist. Seitengänge wie das Schulterherein aktivieren die Rumpf- und Rückenmuskulatur, die das Pferd benötigt, um das Reitergewicht gesund zu tragen – eine Fähigkeit, die gerade bei den anspruchsvollen Manövern im Trail unerlässlich ist.

[Infografik, die den Unterschied zwischen Schenkelweichen (gerade Stellung, Biegung abgewandt) und Schulterherein (Biegung in Bewegungsrichtung) darstellt.]

Von der Dressurarbeit zum Trail-Erfolg: Die praktische Anwendung

Wie genau überträgt sich diese Gymnastik nun auf den Parcours? Die Verbindung ist direkter, als viele Reiter vielleicht annehmen. Experten der Working Equitation wie der mehrfache Weltmeister Pedro Torres machen immer wieder deutlich, dass die Hindernisse nicht die Übung sind, sondern der Test der bisherigen Ausbildung. Ein durchlässiges, gut gymnastiziertes Pferd wird die Aufgaben im Trail als logische Konsequenz seiner Ausbildung verstehen.

Fallbeispiel 1: Die Glockengasse oder das seitliche Übertreten einer Stange

  • Die Aufgabe: Das Pferd soll ruhig und parallel zu einer Stange oder zwischen den Glocken seitwärts treten.
  • Die gymnastische Grundlage: Dies ist die direkte Anwendung der Traversale. In der Traversale ist das Pferd in Bewegungsrichtung gebogen, die Hinterhand bleibt auf dem Hufschlag, während die Vorhand nach innen versetzt wird. Das Pferd lernt, seine Hinterbeine aktiv zu kreuzen und dabei im Gleichgewicht zu bleiben. Ein Pferd, das die Traversale beherrscht, versteht die Hilfengebung für das seitliche Übertreten instinktiv.

[Bildbeschreibung: Ein Pferd im Working Equitation Trail, das seitlich über eine am Boden liegende Stange tritt (ähnlich einer Traversale). Fokus auf Präzision und Ruhe.]

Fallbeispiel 2: Das Tor oder der Slalom

  • Die Aufgabe: Präzises Manövrieren auf engem Raum, Vor- und Hinterhand unabhängig voneinander bewegen.
  • Die gymnastische Grundlage: Das Schulterherein lehrt das Pferd, seine Schulter zu kontrollieren. Beim Öffnen eines Tores müssen Sie die Vorhand Ihres Pferdes präzise an das Tor heran- und wieder wegbewegen können, während die Hinterhand stabil bleibt. Der Slalom erfordert ständige Biegungswechsel, die durch ein korrekt gerittenes Schulterherein auf beiden Händen vorbereitet werden.

Die Rolle der Ausrüstung: Unterstützung statt Blockade

Die beste gymnastizierende Arbeit kann durch unpassende Ausrüstung zunichtegemacht werden. Ein Sattel, der die Bewegungsfreiheit der Schulter einschränkt oder den Rücken blockiert, macht jede seitliche Biegung unangenehm oder sogar unmöglich. Deshalb ist ein passender Sattel für die oft kurzen, kräftigen Rücken der barocken Pferde so entscheidend. Konzepte mit breiter Auflagefläche und maximaler Schulterfreiheit, wie sie beispielsweise von Iberosattel angeboten werden, schaffen die körperlichen Voraussetzungen, damit Ihr Pferd die Hilfen für Seitengänge korrekt umsetzen kann. Denn nur ein schmerzfreies Pferd mit freiem Rücken kann die anspruchsvolle Rumpfmuskulatur korrekt einsetzen.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Mein Pferd driftet im Schenkelweichen nur über die Schulter. Was kann ich tun?

Dies ist ein klassisches Problem. Es deutet darauf hin, dass das Pferd der Hilfe ausweicht, anstatt mit dem inneren Hinterbein unter den Schwerpunkt zu treten. Korrigieren Sie die Schulter mit dem äußeren Zügel und achten Sie darauf, dass Ihr Pferd nicht zu schnell wird. Weniger ist hier mehr. Oft helfen ein paar Schritte Schulterherein, um dem Pferd das korrekte Bewegungsmuster zu verdeutlichen.

Wie fange ich am besten mit Seitengängen an?

Beginnen Sie mit dem Schenkelweichen im Schritt an der Bande. Die Bande gibt Ihrem Pferd eine optische und physische Begrenzung. Reiten Sie nur wenige Tritte und loben Sie sofort. Wichtiger als die Länge der Strecke ist die korrekte und willige Ausführung. Ein guter Ausbilder kann Ihnen helfen, die richtigen Hilfen und den korrekten Sitz zu finden.

Muss ich für den Trail eine perfekte Traversale reiten können?

Nein, es geht nicht um Perfektion auf Grand-Prix-Niveau. Es geht darum, dass Ihr Pferd das Prinzip der seitlichen Verschiebung verstanden hat und auf Ihre Hilfen reagiert. Schon wenige korrekte Tritte im Training verbessern die Koordination und das Körpergefühl Ihres Pferdes enorm und machen den entscheidenden Unterschied im Parcours.

Welcher Seitengang ist für welches Hindernis am wichtigsten?

  • Seitliches Übertreten (Stange, Glocke): Traversale
  • Tor, Slalom, enge Wendungen: Schulterherein
  • Rückwärtsrichten im L: Konter-Schulterherein (bereitet das gerade Rückwärtsrichten vor)
  • Allgemeine Rittigkeit und Durchlässigkeit: Alle Seitengänge im Wechsel

Fazit: Der kluge Weg zum erfolgreichen Trail

Der Trail-Parcours wird nicht am Hindernis gewonnen, sondern in der täglichen gymnastizierenden Arbeit. Seitengänge sind kein Selbstzweck, sondern das effektivste Werkzeug, um Ihr Pferd stark, geschmeidig und reaktionsschnell zu machen. Sie schulen nicht nur den Körper, sondern auch den Geist Ihres Pferdes und verfeinern die Kommunikation zwischen Ihnen und Ihrem Partner.

Indem Sie Seitengänge als festen Bestandteil Ihres Trainings etablieren, investieren Sie direkt in die Gesundheit, die Rittigkeit und die Motivation Ihres Pferdes. Der Applaus im Parcours ist dann nur die logische Konsequenz einer pferdegerechten und durchdachten Ausbildung.

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Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.