Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Schwungentwicklung beim Iberer: Wie man Schubkraft entwickelt, ohne den Takt zu opfern

Schwung beim Iberer: Wie Sie Schubkraft entwickeln, ohne den Takt zu opfern

Fühlen Sie sich manchmal, als würden Sie mit angezogener Handbremse reiten? Sie geben treibende Hilfen, doch Ihr spanisches Pferd wird nur schneller, statt kraftvoller? Es hebt vielleicht die Knie, verliert aber den Rücken und eilt auf der Vorhand davon. Ein Szenario, das viele Reiter iberischer Pferde kennen. Man bewundert die raumgreifenden Trabbewegungen moderner Sportpferde und fragt sich: Wie entfessle ich dieses Potenzial bei meinem Barockpferd?

Die Antwort ist überraschend und befreiend zugleich: Vielleicht jagen Sie dem falschen Ideal hinterher. Echter Schwung beim Iberer sieht und fühlt sich anders an – weniger raumgreifend, dafür umso erhabener und kraftvoller. Es geht nicht darum, die Gänge künstlich zu vergrößern, sondern die natürliche Veranlagung zur Versammlung in dynamische Energie umzuwandeln.

Der Mythos vom „großen Gang“: Schwung beim Iberer neu gedacht

In der klassischen Reitlehre wird Schwung oft mit der Schwebephase und dem Raumgriff im Trab gleichgesetzt. Für ein modernes Dressur-Warmblut ist das eine passende Definition. Überträgt man diesen Maßstab jedoch eins zu eins auf ein iberisches Pferd, führt das unweigerlich zu Frustration und falschem Training.

Der Grund liegt in der Anatomie: Iberische Pferde haben oft einen kürzeren, kräftigeren Rücken und eine stärker gewinkelte Hinterhand. Biomechanisch verleiht ihnen das eine natürliche Veranlagung zur Versammlung, aber nicht zwangsläufig zum raumgreifenden Schub. Ihr Talent liegt in der Fähigkeit, Gewicht mit der Hinterhand aufzunehmen und sich „bergauf“ zu bewegen.

Der „iberische Schwung“ ist daher weniger ein Vorwärtsschleudern als vielmehr ein pulsierendes Tragen. Es ist das Gefühl, auf einer gespannten Feder zu sitzen, die Energie nach oben und vorn abgibt, ohne an Takt und Losgelassenheit zu verlieren. Es ist die Transformation von Schubkraft in Tragkraft.

![Ein PRE-Hengst in einer kraftvollen, bergauf gesprungenen Passage-Andeutung. Der Reiter sitzt tief und ausbalanciert. Die Energie ist spürbar nach oben gerichtet, nicht nur nach vorne.](IMAGE 1)

Das Kraftwerk im Heck: Die Rolle der Hinterhand verstehen

Alle Energie für einen schwungvollen, erhabenen Gang entsteht in der Hinterhand des Pferdes. Sie ist der Motor, der das Pferd nicht nur nach vorne schiebt, sondern auch trägt und anhebt. Gerade bei Pferden wie dem [INTERNAL LINK 2: Anchor: „PRE (Pura Raza Española)“, URL: /pura-raza-espanola-pferderasse-portrait] ist diese aufwärts gerichtete Kraftentwicklung besonders ausgeprägt.

Eine Studie der Universität Córdoba aus dem Jahr 2018 bestätigte dies eindrucksvoll. Die Forscher fanden heraus, dass bei PRE-Pferden die Aktivierung des langen Rückenmuskels und der Kruppenmuskulatur in versammelnden Lektionen signifikant höher ist als im reinen Vorwärtsreiten. Das bedeutet, ihre Kraft entfaltet sich am besten, wenn sie lernen, sich zu setzen und den Rücken aufzuwölben.

Ein Pferd, das schwungvoll geht, tritt mit den Hinterbeinen aktiv unter den Schwerpunkt. Dadurch wird die Hinterhand stärker gebeugt, das Becken kippt ab und die Vorhand wird entlastet. Das Ergebnis ist das begehrte „Bergauf“-Gefühl – das Pferd wird vorne leichter und gewinnt an Ausdruck und Präsenz.

![Eine Nahaufnahme der aktiven Hinterhand eines Lusitanos. Man sieht die gut bemuskelte Kruppe und das deutlich unter den Schwerpunkt tretende Hinterbein.](IMAGE 2)

Takt vor Spektakel: Warum Eile der größte Feind ist

Der häufigste Fehler beim Versuch, mehr Schwung zu erzeugen, ist Eile. Ein hastiger Takt ist aber das genaue Gegenteil von Schwung. Er ist ein Zeichen dafür, dass das Pferd aus dem Gleichgewicht geraten ist und auf die Vorhand fällt.

Praktiker der Akademischen Reitkunst wie Bent Branderup betonen immer wieder: Der Takt ist die Seele der Bewegung. Ein Verlust des Taktes zugunsten von künstlich erzeugtem „Spektakel“ – wie einem hektischen, auf der Vorhand getrampelten „Spanischen Tritt“ – führt unweigerlich zu Verspannungen, einem festen Rücken und langfristig zu Verschleiß.

Echter Schwung entsteht aus Losgelassenheit und einem gleichmäßigen, unerschütterlichen Rhythmus. Nur wenn das Pferd im Takt ist, kann sein Rücken schwingen und die Energie von der Hinterhand nach vorn durch den Körper fließen lassen.

Praktische Wege zu mehr Schubkraft und Tragkraft

Die gute Nachricht ist: Sie können die natürliche Veranlagung Ihres Pferdes gezielt fördern. Der Schlüssel liegt in Übungen, die die Hinterhand aktivieren und das Pferd dazu anregen, Last aufzunehmen.

Übergänge, Übergänge, Übergänge

Dieser Klassiker ist nicht ohne Grund so effektiv. Reiten Sie saubere Übergänge zwischen den Gangarten (z. B. Trab-Schritt-Trab) und innerhalb einer Gangart (z. B. Arbeitstrab-versammelter Trab). Jeder Übergang nach unten verlangt vom Pferd, mit der Hinterhand zu bremsen und mehr Gewicht aufzunehmen. Das schult die Tragkraft und verbessert die Balance.

Stangenarbeit und Cavaletti

Das gezielte Übertreten von Bodenstangen und Cavaletti animiert das Pferd, die Beine höher zu heben und den Rücken aufzuwölben. Es fördert Koordination, Taktgefühl und aktiviert die gesamte Rumpfmuskulatur. Beginnen Sie im Schritt und steigern Sie sich langsam zum Trab.

Funktionale Kraft durch Disziplinen

Disziplinen aus der traditionellen Arbeitsreitweise sind eine wahre Goldgrube für die Entwicklung von funktionaler Kraft. Die [INTERNAL LINK 1: Anchor: „Working Equitation“, URL: /working-equitation-die-moderne-iberische-reitweise] fordert genau das, was wir suchen: präzise, aus der Hinterhand gesteuerte Kraft, Balance und Durchlässigkeit. Hindernisse wie der Slalom, die Brücke oder das Tor erfordern kein hohes Tempo, sondern ein Pferd, das auf feine Hilfen reagiert und sich selbst trägt.

![Ein Reiter absolviert mit seinem Menorquiner einen Trail-Parcours der Working Equitation. Das Pferd ist konzentriert und hebt die Beine präzise über ein Hindernis.](IMAGE 3)

Seitengänge zur Vorbereitung

Lektionen wie Schulterherein, Travers oder Renvers sind Gymnastik pur. Sie fördern die Biegung der Hanken (Hüft- und Kniegelenke) und bringen das innere beziehungsweise äußere Hinterbein dazu, vermehrt unter den Schwerpunkt zu treten. Sie sind die direkte Vorbereitung für eine verbesserte Versammlungsfähigkeit.

Häufige Fragen (FAQ) zur Schwungentwicklung

Mein Pferd läuft auf der Vorhand, was kann ich tun?

Das ist ein klares Zeichen für fehlendes Gleichgewicht. Konzentrieren Sie sich auf halbe Paraden, um das Tempo zu kontrollieren, und reiten Sie viele Übergänge, um das Pferd immer wieder an den Einsatz seiner Hinterhand zu erinnern. Weniger ist oft mehr: Reiten Sie lieber wenige, dafür aber korrekte und ausbalancierte Tritte.

Wie lange dauert es, echten Schwung zu entwickeln?

Die Entwicklung von Tragkraft ist eine Kombination aus Muskelaufbau und Gymnastizierung – ein Prozess, der Monate, wenn nicht Jahre dauern kann. Geduld und ein konsequentes, pferdegerechtes Training sind der Schlüssel. Feiern Sie die kleinen Fortschritte.

Spielt die Ausrüstung eine Rolle?

Absolut. Ein unpassender Sattel kann die Bewegung des Rückens blockieren und dem Pferd Schmerzen bereiten. Ein frei schwingender Rücken ist aber die Grundvoraussetzung für Schwung. Es ist daher unerlässlich, einen [INTERNAL LINK 3: Anchor: „passenden Sattel für barocke Pferde“, URL: /sattel-fuer-barocke-pferde-worauf-achten] zu finden, der der Anatomie mit kurzem Rücken und breiter Schulter gerecht wird und die Bewegung uneingeschränkt zulässt.

Ist jedes spanische Pferd für versammelnde Lektionen geeignet?

Grundsätzlich bringen die meisten iberischen Rassen eine hohe Veranlagung zur Versammlung mit. Dennoch ist jedes Pferd ein Individuum. Ein korrektes Training, das auf die anatomischen Gegebenheiten und den Charakter des Pferdes eingeht, ist entscheidend, um sein volles Potenzial gesund zu entfalten.

Fazit: Der Weg zum tanzenden Iberer ist ein Marathon, kein Sprint

Die Entwicklung von Schwung bei einem iberischen Pferd ist eine der lohnendsten Aufgaben in der Reiterei. Sie erfordert ein Umdenken – weg vom Ideal des raumgreifenden Warmbluts, hin zur Faszination der erhabenen, getragenen und kraftvollen Bewegung.

Indem Sie sich auf Takt, Losgelassenheit und die gezielte Aktivierung der Hinterhand konzentrieren, helfen Sie Ihrem Pferd, sein wahres Potenzial zu entfalten. Sie werden nicht nur mit einem ausdrucksstarken, bergauf tanzenden Partner belohnt, sondern auch mit einem gesunden und zufriedenen Pferd, das seine Arbeit mit Stolz und Freude verrichtet.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.