Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Vom Schulterherein zum ‚Escuela-Schritt‘: Wie Seitengänge die Basis für den Spanischen Schritt legen
Vom Schulterherein zum ‚Escuela-Schritt‘: Wie Seitengänge die Basis für den Spanischen Schritt bilden
Der Spanische Schritt – eine Lektion, die wie kaum eine andere für die majestätische Ausstrahlung barocker Pferde steht. Er verwandelt das Pferd in einen Tänzer, dessen Beine im Takt der Musik fast zu schweben scheinen. Viele Reiter träumen davon, ihrem Pferd diese beeindruckende Übung beizubringen, doch allzu oft wird sie als isolierter „Trick“ missverstanden – und mit viel Handeinwirkung, aber wenig Verständnis für die Biomechanik des Pferdes gelehrt.
Was, wenn wir Ihnen sagen, dass der Weg zu einem ausdrucksstarken und gesunden Spanischen Schritt nicht in der Show-Arena beginnt, sondern auf dem Dressurviereck? Und dass die Grundlage für diese hohe Kunst der Schulterfreiheit in einer der fundamentalsten Übungen der klassischen Reitkunst wurzelt: dem Schulterherein. Begleiten Sie uns auf eine Reise, die zeigt, wie korrekte Seitengänge nicht nur die Rittigkeit verbessern, sondern auch die Tür zu den faszinierendsten Lektionen der Hohen Schule aufstoßen.
Mehr als ein Trick: Die Biomechanik der Schulterfreiheit
Um die entscheidende Rolle der Seitengänge zu verstehen, lohnt sich ein kurzer Blick auf die Anatomie des Pferdes. Anders als wir Menschen hat das Pferd kein Schlüsselbein. Sein gesamter Rumpf ist muskulär zwischen den beiden Schulterblättern „aufgehängt“. Entscheidend ist hier die kräftige Muskulatur, insbesondere der Musculus serratus ventralis.
Wird diese Muskulatur korrekt trainiert, kann das Pferd seinen Brustkorb zwischen den Schulterblättern anheben. Das Ergebnis ist unverkennbar:
- Der Widerrist hebt sich.
- Die Vorhand wird leicht und frei.
- Das Pferd kann seine Schultern und Vorderbeine mit einer zuvor ungeahnten Leichtigkeit und Amplitude bewegen.
Genau diese „Schulterfreiheit“ ist die Voraussetzung für einen kadenzierten, erhabenen Spanischen Schritt. Ein Pferd, das auf die Vorhand fällt oder dessen Schultern durch eine untrainierte Rumpfmuskulatur blockiert sind, kann diese Lektion niemals korrekt ausführen. Es wird stattdessen versuchen, das Bein aus dem Gelenk zu „werfen“, was Verspannungen und ungesunde Bewegungsmuster zur Folge hat.
Seitengänge: Der Schlüssel zur Mobilisierung und Kraft
Genau hier kommen die klassischen Seitengänge ins Spiel. Sie sind kein Selbstzweck, sondern das wohl effektivste Gymnastikprogramm, um die tragende Muskulatur zu kräftigen und die Schultern zu mobilisieren.
Schulterherein: Der Meisterlehrer für die Schulter
Das Schulterherein, von Reitmeister François Robichon de la Guérinière als „Alpha und Omega aller Übungen“ bezeichnet, ist der direkte Weg zur Schulterfreiheit. Doch was genau geschieht dabei im Pferdekörper?
Im Schulterherein tritt das innere Hinterbein des Pferdes unter den gemeinsamen Schwerpunkt. Dadurch muss das Pferd Last mit der Hinterhand aufnehmen und den Brustkorb anheben. Der entscheidende „Aha-Moment“ für viele Reiter: Obwohl wir vom „Schulterherein“ sprechen, wird primär die äußere Schulter frei. Das Pferd lernt, sich auf drei Spuren zu bewegen, die äußere Schulter aus dem Weg zu nehmen und sich im Rumpf zu tragen.
Diese Fähigkeit, eine Schulter unabhängig von der anderen zu bewegen und dabei im Gleichgewicht zu bleiben, ist die direkte Vorbereitung auf den Spanischen Schritt, bei dem das Pferd ebenfalls ein Vorderbein anhebt, ohne die Balance zu verlieren.
Travers und Renvers: Das Spiel mit der Biegung
Während das Schulterherein vor allem die Vorhand mobilisiert, fördern Travers (Kruppeherein) und Renvers die Biegung in der gesamten Längsachse und stärken die Hinterhand zusätzlich. Ein Pferd, das lernt, sich geschmeidig zu biegen und dabei unterzutreten, entwickelt die Kraft und Koordination, die es für die erhabene Haltung im Spanischen Schritt benötigt.
Der logische Weg zum Spanischen Schritt
Wenn ein Pferd die Seitengänge sicher beherrscht und gelernt hat, seinen Rumpf anzuheben, wird die Einführung des Spanischen Schritts zur logischen Konsequenz statt zum erzwungenen Kunststück.
- Balance als Basis: Aus einem versammelten Schritt heraus, oft vorbereitet durch einige Tritte Schulterherein, verfeinert der Reiter die diagonale Hilfengebung.
- Einladung zum Anheben: Eine sanfte Berührung mit der Gerte an der Schulter animiert das Pferd, das Bein anzuheben. Gleichzeitig erhält der diagonale Schenkel den Vorwärtsimpuls und verhindert ein Ausfallen über die äußere Schulter.
- Vom Heben zum Schreiten: Das Ziel ist nicht das maximal hohe Bein, sondern ein fließender, rhythmischer Bewegungsablauf. Das Pferd lernt, das Bein aus einer freien Schulter nach vorne-oben schwingen zu lassen.
Ein Pferd, das auf diese Weise gymnastizierend an die Lektion herangeführt wird, zeigt einen ausdrucksstarken, stolzen und vor allem gesunden Spanischen Schritt. Er ist der sichtbare Beweis für korrekte Ausbildung und Harmonie.
Praxistipp: Achten Sie bei diesen anspruchsvollen Übungen besonders auf die Ausrüstung
Ein Sattel, der die Schulter blockiert oder den Trapezmuskel einengt, macht eine korrekte Ausführung unmöglich. Speziell für den kompakten Körperbau barocker Pferde entwickelte Sättel bieten oft eine größere Schulterfreiheit und eine breitere Auflagefläche. Hersteller wie Iberosattel haben sich beispielsweise darauf spezialisiert, Sättel zu entwickeln, die die Biomechanik des Pferdes unterstützen, anstatt sie zu behindern.
FAQ – Häufig gestellte Fragen zum Spanischen Schritt
Ist der Spanische Schritt schädlich für das Pferd?
Nein, wenn er korrekt über einen gymnastizierenden Weg erarbeitet wird, ist er eine wertvolle Übung zur Stärkung der Rumpfmuskulatur und zur Förderung der Schulterfreiheit. Schädlich wird er nur, wenn das Pferd gezwungen wird, das Bein unnatürlich hoch zu reißen, ohne die nötige Kraft und Balance zu besitzen.
Ab welchem Alter kann ich mit dem Training beginnen?
Die Grundlagen in Form von Seitengängen sind Teil jeder soliden Pferdeausbildung. Mit der direkten Arbeit am Spanischen Schritt sollte erst begonnen werden, wenn das Pferd körperlich ausgereift ist (meist ab 5-6 Jahren) und die Seitengänge sicher in Versammlung beherrscht.
Wie erkenne ich einen guten Spanischen Schritt?
Ein guter Spanischer Schritt ist rhythmisch, kommt aus einer freien Schulter und wird von einem aktiven Hinterbein unterstützt. Das Pferd behält eine erhabene Haltung bei, der Rücken schwingt und der Takt des Schritts bleibt erhalten. Ein gestresster Gesichtsausdruck, ein festgehaltener Rücken oder ein aus dem Takt geratenes Pferd sind Warnzeichen.
Was ist der Unterschied zum Zirkustrick?
Der Unterschied liegt im Weg. Der Zirkustrick konzentriert sich nur auf das hohe Beinheben, oft auf Kosten von Balance und Losgelassenheit. Der gymnastizierend erarbeitete Escuela-Schritt ist das Ergebnis von Kraft, Koordination und Durchlässigkeit, die aus einer klassischen Pferdeausbildung erwachsen.
Fazit: Vom Reitplatz zur Show-Arena
Der Spanische Schritt ist mehr als nur eine Lektion; er ist ein Ausdruck von Eleganz, Kraft und höchster Harmonie zwischen Reiter und Pferd. Doch sein wahrer Glanz entfaltet sich erst, wenn er auf dem soliden Fundament klassischer Dressurarbeit ruht.
Indem Sie sich auf die Gymnastizierung durch Seitengänge konzentrieren, schenken Sie Ihrem Pferd nicht nur die körperliche Fähigkeit, diese anspruchsvolle Übung gesund auszuführen. Sie legen den Grundstein für eine Ausbildung, die auf Verständnis, Biomechanik und Respekt beruht. So wird der Weg zum eigentlichen Ziel und der beeindruckende Escuela-Schritt zur verdienten Belohnung für geduldige, korrekte Arbeit.



