Schulen über der Erde: Mehr als Zirkus – Die hohe Kunst der Gymnastizierung

Eine große Showarena, das Licht der Scheinwerfer: Ein majestätischer Hengst erhebt sich auf die Hinterbeine und verharrt für einen Moment in perfekter Balance – eine lebende Statue voller Kraft und Eleganz. Das Publikum ist fasziniert.

Doch was auf den ersten Blick wie reine Magie oder ein beeindruckender Show-Effekt wirkt, ist in Wahrheit das Ergebnis jahrelanger, systematischer Gymnastizierung: die Krönung der klassischen Reitkunst.

Lektionen wie die Levade, Pesade oder Courbette sind weit mehr als bloße Zirkustricks. Sie sind der sichtbare Beweis für perfekte Versammlung, maximale Hankenbeugung und ein tiefes Vertrauensverhältnis zwischen Reiter und Pferd. Wir beleuchten hier die Schulen über der Erde, zeigen, warum sie das höchste Ziel der Pferdeausbildung darstellen und wie eine sichere Heranführung gelingen kann.

Vom Show-Effekt zum biomechanischen Meisterwerk

Die Schulen über der Erde haben ihren Ursprung in der militärischen Reiterei, wo ein wendiges, auf die Hinterhand gesetztes Pferd im Kampf überlebenswichtig war. Heute sind sie der Ausdruck höchster Durchlässigkeit und Kraft. Ihr gymnastischer Zweck besteht darin, die Tragkraft der Hinterhand auf das absolute Maximum zu steigern.

Ein Pferd trägt von Natur aus etwa 60 % seines Gewichts auf der Vorhand. Ziel der gesamten Dressurausbildung ist es, dieses Verhältnis umzukehren und den Schwerpunkt nach hinten zu verlagern. In den Schulen über der Erde findet dieses Prinzip seine Vollendung: Das Pferd nimmt so viel Last auf der maximal gebeugten Hinterhand auf, dass die Vorhand frei wird und sich elegant vom Boden erheben kann.

Das Fundament: Warum die Arbeit am Boden alles entscheidet

Bevor sich ein Pferd überhaupt erheben kann, ist ein solides Fundament unerlässlich. Es ruht auf zwei zentralen Säulen: der Piaffe und der Passage. Diese Lektionen am Boden schulen gezielt jene Muskelgruppen und die Koordination, die für die anspruchsvollen Übungen über der Erde notwendig sind.

Der Schlüssel liegt in der sogenannten Hankenbeugung – der Fähigkeit des Pferdes, die Gelenke der Hinterbeine (Hüfte, Knie, Sprunggelenk) stark zu beugen und so das Gewicht federnd aufzunehmen. Eine perfekt ausgeführte Piaffe, bei der das Pferd auf der Stelle trabt und sich dabei deutlich „setzt“, ist die direkte Vorbereitung. Hier lernt das Pferd, seinen Schwerpunkt nach hinten zu verlagern und die Hinterbeine aktiv unter den Körper zu bringen. Erfahren Sie mehr darüber, was Versammlung als Fundament der klassischen Dressur bedeutet.

Ein erfahrener Ausbilder erkennt genau, wann ein Pferd aus der Piaffe heraus die Kraft und Balance entwickelt, um die Vorhand für einen Moment zu entlasten. Dies ist der erste, zarte Ansatz, aus dem sich später die majestätischen Lektionen entwickeln.

Die Lektionen im Detail: Levade, Pesade und Courbette

Obwohl sie oft verwechselt werden, unterscheiden sich die Lektionen klar in dem Grad an Kraft und Versammlung, den sie erfordern.

Die Levade und die Pesade: Die Kunst der Balance

Die Pesade ist oft die erste Lektion, die ein Pferd lernt. Dabei hebt es die Vorhand in einem Winkel von etwa 45 Grad, während die Hinterbeine am Boden bleiben. Sie dient als Vorstufe zur anspruchsvolleren Levade.

Die Levade ist die Perfektion dieser Bewegung. Das Pferd senkt sich dabei noch tiefer auf die stark gebeugten Hanken ab und hebt die Vorhand nur in einem flachen Winkel von etwa 30–35 Grad. Diese Haltung erfordert immense Kraft in der Hinterhand und perfekte Balance. Ein Pferd in einer korrekten Levade balanciert bis zu 60 % seines Körpergewichts allein auf den Hinterbeinen – ein biomechanisches Wunderwerk.

Die Courbette: Der Sprung aus der Versammlung

Die Courbette geht noch einen Schritt weiter. Aus der Position der Pesade oder Levade springt das Pferd einmal oder mehrmals auf den Hinterbeinen nach vorne, ohne dass die Vorderbeine den Boden berühren. Diese Lektion verlangt eine explosive Schnellkraft aus der Hinterhand, die nur wenige Pferde zu leisten imstande sind. Sie gilt als eine der schwierigsten Übungen der Hohen Schule.

Der sichere Weg nach oben: Systematischer Aufbau statt Zwang

Der wohl wichtigste Grundsatz bei der Ausbildung zu den Schulen über der Erde ist: Sie können niemals erzwungen werden. Sie sind ein Geschenk des Pferdes, das aus Kraft, Vertrauen und korrekter Gymnastizierung erwächst. Der Weg dorthin ist lang und erfordert einen erfahrenen Ausbilder, der die Signale des Pferdes lesen kann.

Der Aufbau erfolgt schrittweise, oft über Jahre:

  1. Perfektionierung der Seitengänge: Schulterherein, Traversalen und Renvers schulen die Geschmeidigkeit und die Hankenbeugung.
  2. Entwicklung von Piaffe und Passage: Diese Lektionen bauen die notwendige Tragkraft und Koordination auf.
  3. Arbeit an der Hand: Die ersten Ansätze zum Steigen werden an der Hand erarbeitet, um dem Pferd Sicherheit zu geben und die Bewegung ohne Reitergewicht zu schulen.
  4. Der Reiter kommt hinzu: Erst wenn das Pferd die Lektion an der Hand sicher und ohne Anspannung anbietet, wird sie behutsam unter dem Reiter abgefragt.

Dieser systematische Aufbau stellt sicher, dass das Pferd körperlich und mental nicht überfordert wird. Er ist ein fundamentaler Bestandteil der Reitkunst der Alta Escuela, einer Reise durch die Hohe Schule.

Häufige Fragen zu den Schulen über der Erde

Ist jede Pferderasse für die Schulen über der Erde geeignet?

Theoretisch kann jedes Pferd lernen, sich zu versammeln. In der Praxis eignen sich jedoch Pferde mit einer natürlichen Neigung zur Hankenbeugung und einem kräftigen, kompakten Körperbau besonders gut. Iberische Rassen wie PRE oder Lusitano bringen diese Veranlagung oft von Natur aus mit.

Ist diese Art der Ausbildung nicht schädlich für das Pferd?

Ganz im Gegenteil. Korrekt ausgeführt, sind diese Lektionen der Ausdruck eines gesunden, starken und durchgymnastizierten Pferdes. Sie stärken die Rückenmuskulatur und entlasten die Vorhand. Wird die Ausbildung jedoch überstürzt oder mit Zwang betrieben, kann sie zu körperlichen Schäden führen. Darum ist die Wahl eines qualifizierten Ausbilders so entscheidend.

Wie lange dauert es, einem Pferd eine Levade beizubringen?

Dafür gibt es keinen festen Zeitplan. Der Weg zur ersten korrekten Levade dauert in der Regel mehrere Jahre und hängt vom individuellen Talent des Pferdes, seiner körperlichen Entwicklung und der Qualität der Ausbildung ab.

Kann ich das meinem Pferd selbst beibringen?

Davon ist dringend abzuraten. Die Ausbildung erfordert ein tiefes Verständnis von Biomechanik, Timing und Pferdepsychologie. Ohne die Anleitung eines erfahrenen Experten ist die Gefahr groß, das Pferd zu überfordern, falsche Bewegungsmuster zu etablieren oder sogar gefährliche Situationen zu provozieren.

Fazit: Die Krönung der Versammlung, nicht der Anfang

Die Schulen über der Erde sind kein isoliertes Kunststück, sondern das logische Ergebnis einer pferdegerechten, gymnastizierenden Ausbildung. Sie stehen für die harmonische Verschmelzung von Kraft, Gleichgewicht und Vertrauen. Wenn Sie das nächste Mal ein Pferd in einer perfekten Levade sehen, sehen Sie darin nicht nur einen spektakulären Moment, sondern die Vollendung einer langen Reise – eine Hommage an die Kunst der klassischen Dressur und die unglaublichen Fähigkeiten des Pferdes.

Möchten Sie tiefer in die faszinierende Welt der klassischen Reitkunst und der barocken Pferde eintauchen? Entdecken Sie auf unserem Portal weitere Artikel zu Ausbildung, Rassen und der einzigartigen Kultur, die diese Pferde umgibt.

Patrick Thoma
Patrick Thoma

Patrick Thoma ist Gründer von Mehrklicks.de und JVGLABS.com.
Er entwickelt Systeme für KI-Sichtbarkeit und semantische Architektur – mit Fokus auf Marken, die in ChatGPT, Perplexity und Google SGE sichtbar bleiben wollen.

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