Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Spanische und barocke Pferderassen auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Schulen auf der Erde: Wie die Traversale den Weg zur Levade ebnet

Stellen Sie sich einen Moment lang das ikonische Bild vor: Ein schneeweißer Lipizzaner, der sich in der Levade erhebt – eine lebende Statue, die scheinbar mühelos auf den Hinterbeinen balanciert, die Vorderbeine elegant angewinkelt. Ein Ausdruck höchster Harmonie, Kraft und Versammlung. Viele Reiter sehen solche Lektionen der Hohen Schule als eine Art magischen Endpunkt, der nur für wenige Auserwählte erreichbar ist. Doch was, wenn das Geheimnis dieser majestätischen Übung nicht in einem mystischen Ritual, sondern in der präzisen und geduldigen Gymnastizierung am Boden liegt?

Tatsächlich wurzelt die beeindruckende Levade in den sogenannten „Schulen auf der Erde“. Insbesondere die Traversale, ein auf den ersten Blick unscheinbarer Seitengang, ist der stille Held auf dem Weg zur höchsten Versammlung. Sie ist der Schlüssel, der die Tür zur Tragkraft und Hankenbeugung öffnet – den biomechanischen Voraussetzungen für Lektionen, die der Schwerkraft zu trotzen scheinen. Wir entschlüsseln hier, wie diese grundlegende Arbeit das Fundament für die spektakulärsten Übungen der [Hohen Schule: Eleganz und Perfektion der klassischen Reitkunst] legt.

Was sind die „Schulen auf der Erde“? Ein kurzer Überblick

Bevor wir in die Tiefe gehen, eine kurze Begriffsklärung: Die „Schulen auf der Erde“, auch Seitengänge genannt, sind gymnastizierende Lektionen, bei denen das Pferd mit allen vier Hufen den Boden berührt. Dazu gehören vor allem:

  • Schulterherein: Das Pferd ist in Bewegungsrichtung gestellt und gebogen und bewegt sich auf drei oder vier Hufspuren.
  • Travers (Kruppeherein): Das Pferd ist in Bewegungsrichtung gestellt und gebogen, die Hinterhand tritt ins Bahninnere.
  • Renvers (Kruppeheraus): Das Pferd ist zur Bande hin gestellt und gebogen, die Vorhand tritt ins Bahninnere.
  • Traversale: Eine Travers-Bewegung auf der Diagonalen, bei der das Pferd seitwärts-vorwärts tritt.

Diese Lektionen sind weit mehr als nur Zirkustricks. Sie sind das Kernstück der klassischen Dressur – ein systematisches Kraft- und Beweglichkeitstraining, das das Pferd geschmeidig, stark und ausbalanciert macht.

Die Traversale: Der Krafttrainer für die Hinterhand

Im Mittelpunkt steht dabei die Traversale. Hier bewegt sich das Pferd seitwärts-vorwärts, zum Beispiel von einer kurzen Seite zur nächsten. Es ist dabei in Bewegungsrichtung gebogen, und die Hinterbeine treten kreuzend vor die Vorderbeine. Genau an dieser Stelle geschieht die „Magie“.

Doch was passiert dabei biomechanisch im Pferdekörper? Die Forschung liefert klare Antworten. Studien der renommierten Biomechanikerin Dr. Hilary Clayton zeigen, dass während einer Traversale das innere Hinterbein des Pferdes deutlich weiter unter den Körperschwerpunkt tritt. Das erhöht gezielt die Last auf diesem Bein und führt zu einer stärkeren Beugung in Huf-, Fessel-, Sprung- und Kniegelenk. Man kann es sich wie gezielte Kniebeugen für das Pferd vorstellen. Jede korrekt ausgeführte Traversale ist eine Wiederholung in diesem Krafttraining und stärkt genau jene Muskelgruppen, die für die extreme Versammlung einer Levade unerlässlich sind.

Diese gezielte Stärkung der „Hanken“ – der großen Gelenke der Hinterhand – ist der erste und wichtigste Schritt, um das Pferd darauf vorzubereiten, sein Gewicht vermehrt mit der Hinterhand zu tragen und die Vorhand zu entlasten.

Von der Traversale zur Piaffe: Die Brücke zur höchsten Versammlung

Die Traversale bereitet nicht nur die Muskulatur vor, sie schult auch die Koordination und das Gleichgewicht. Der legendäre Reitmeister Nuno Oliveira brachte es auf den Punkt, als er sagte: „Die Traversale ist die Mutter der Piaffe.“ Ein Satz, in dem eine tiefe Wahrheit über den Ausbildungsweg steckt.

Die in der Traversale entwickelte Fähigkeit, die Hanken zu beugen und Last aufzunehmen, ist die direkte Vorbereitung für die Piaffe, das Traben auf der Stelle. Die [Piaffe lernen: Der Weg zum majestätischen Tanz auf der Stelle] bildet somit den nächsten logischen Schritt. In ihr lernt das Pferd, die in den Seitengängen entwickelte Tragkraft dynamisch und im Takt umzusetzen, die Hinterhand weiter zu senken und die Vorhand anzuheben. Ohne die vorbereitende Gymnastik der Traversalen bleibt die Piaffe oft spannig, taktunrein oder ohne die gewünschte Hankenbeugung.

Die Rolle der Rumpfmuskulatur: Das unsichtbare Kraftzentrum

Die Vorbereitung auf die Levade beschränkt sich nicht nur auf die Beine. Eine Studie aus dem Journal of Equine Veterinary Science (2018) konnte nachweisen, dass Pferde, die regelmäßig in Seitengängen trainiert werden, eine signifikant verbesserte Rumpfmuskulatur und eine höhere Wirbelsäulenstabilität aufweisen.

Ein solch stabiles Körperzentrum ist von entscheidender Bedeutung. Bei einer Levade muss das Pferd sein gesamtes Gewicht auf einer extrem gebeugten Hinterhand balancieren. Ohne eine starke Bauch- und Rückenmuskulatur, die die Wirbelsäule stützt, wäre diese Position unmöglich zu halten und könnte zu Instabilität oder sogar Verletzungen führen. Die Traversale trainiert somit nicht isoliert die Hinterbeine, sondern formt den gesamten Körper des Pferdes zu einer athletischen Einheit, die es darauf vorbereitet, als geschlossenes Ganzes zu agieren. Insbesondere bei Pferden mit einem naturgemäß kompakten Körperbau wie dem [Lipizzaner: Die weißen Pferde der Spanischen Hofreitschule] ist diese ganzheitliche Kräftigung der Schlüssel zu Ausdruck und Gesundheit.

Praktische Umsetzung: Worauf Sie im Training achten sollten

Der Weg von der ersten Traversale zur Levade ist lang und erfordert Geduld. Hier sind einige grundlegende Prinzipien:

  1. Qualität vor Quantität: Eine einzige, perfekt ausbalancierte und taktreine Traversale ist wertvoller als eine ganze Diagonale voller Eile und Schiefe.
  2. Korrekte Biegung: Das Pferd muss gleichmäßig vom Genick bis zum Schweif gebogen sein. Achten Sie darauf, dass der Hals nicht überbogen wird.
  3. Der Takt ist heilig: Die Bewegung muss fließend und im klaren Takt der jeweiligen Gangart bleiben. Ein Verlust des Taktes ist ein Zeichen von Überforderung.
  4. Die Rolle der Ausrüstung: Ein passender Sattel ist für diese Arbeit unerlässlich. Er muss dem Pferd die nötige Schulter- und Wirbelsäulenfreiheit geben, damit es sich korrekt biegen und die Hinterhand aktivieren kann. Ein Sattel, der klemmt oder den Rücken blockiert, macht eine korrekte Gymnastizierung unmöglich.

(Partnerhinweis) Spezialisierte Hersteller wie Iberosattel haben Konzepte entwickelt, die speziell auf die Anforderungen barocker Pferde mit ihren oft kurzen, kräftigen Rücken zugeschnitten sind. Solche Sättel können die Bewegungsfreiheit unterstützen, die für anspruchsvolle Lektionen wie Traversalen und die daraus resultierende Versammlung erforderlich ist.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was ist der Unterschied zwischen Travers und Traversale?

Das Travers wird typischerweise entlang der Bande geritten, wobei die Hinterhand ins Bahninnere versetzt wird. Die Traversale ist im Grunde eine Travers-Bewegung auf einer diagonalen Linie durch die Bahn. Sie gilt als anspruchsvoller, da die äußere Bande als Orientierungshilfe fehlt.

Kann jedes Pferd Traversalen lernen?

Grundsätzlich ja. Jedes gesunde Reitpferd kann von Seitengängen profitieren, da sie die Geraderichtung, Kraft und Geschmeidigkeit fördern. Der Grad der Versammlung und die Fähigkeit, Lektionen wie die Levade zu entwickeln, hängen jedoch stark vom Exterieur, Talent und der korrekten Ausbildung des Pferdes ab.

Wie lange dauert es, von der Traversale zur Levade zu kommen?

Jahre. Die klassische Reitkunst ist eine Reise, kein Wettrennen. Der Aufbau der notwendigen Kraft, des Gleichgewichts und des Vertrauens ist ein langsamer, methodischer Prozess, der sich am individuellen Lerntempo des Pferdes orientiert.

Ist die Levade schädlich für das Pferd?

Eine korrekt und ohne Zwang ausgebildete Levade, die auf einem Fundament jahrelanger gymnastizierender Vorbereitung beruht, ist nicht schädlich. Sie ist der Ausdruck höchster Kraft und Balance. Wird sie jedoch erzwungen oder ohne die nötige körperliche Vorbereitung verlangt, kann sie zu massivem Verschleiß und Verletzungen führen.

Fazit: Geduldige Basisarbeit ist der wahre Weg zur Meisterschaft

Die Levade mag wie der Gipfel eines unbezwingbaren Berges wirken. Doch wie bei jeder großen Besteigung beginnt der Weg mit dem ersten, gut gesetzten Schritt. In der klassischen Reitkunst ist dieser Schritt die konsequente und biomechanisch korrekte Arbeit in den Schulen auf der Erde.

Die Traversale ist dabei weit mehr als nur eine Dressurlektion – sie ist der persönliche Fitnesstrainer für das Pferd. Sie baut Kraft auf, fördert die Beweglichkeit und schafft das muskuläre und koordinative Fundament, auf dem die anspruchsvollsten Lektionen sicher und ausdrucksstark ruhen können. Wer also von der Eleganz der Hohen Schule träumt, sollte seine Aufmerksamkeit nicht auf den Himmel richten, sondern auf den Boden – denn dort, in den einfachen Seitengängen, liegt der wahre Schlüssel zur Perfektion.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.