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Salomon de la Broue: Der vergessene Wegbereiter der französischen Reitkunst

Wenn man an die großen Meister der französischen Reitkunst denkt, fällt meist ein Name zuerst: Antoine de Pluvinel, der legendäre Lehrer von König Ludwig XIII. Seine Lehren von Harmonie und Leichtigkeit prägen die klassische Dressur bis heute. Doch das Fundament für Pluvinels Arbeit legte ein anderes, oft übersehenes Genie – ein Mann, dessen Ideen so modern waren, dass sie auch nach 400 Jahren nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben.

Begleiten Sie uns auf eine Reise in die Vergangenheit, um Salomon de la Broue zu entdecken – den wahren Architekten der Eleganz und Finesse, die wir heute mit der französischen Reitkunst verbinden. Er ist das entscheidende Bindeglied zwischen der kraftvollen italienischen Schule und der verfeinerten französischen Reitphilosophie.

Ein Meister im Schatten seines Schülers

Während Antoine de Pluvinel durch sein Werk „L’Instruction du Roy“ unsterblich wurde, geriet sein Lehrmeister und Weggefährte Salomon de la Broue (ca. 1530–1610) beinahe in Vergessenheit. Dabei war es de la Broue, der als einer der ersten die rein auf militärischen Nutzen ausgerichtete Reiterei in eine wahre Kunstform verwandelte. Er verstand das Pferd nicht als bloßes Werkzeug, sondern als Partner, der durch systematische Gymnastizierung und gewaltfreie Ausbildung zu seiner vollen Schönheit finden kann.

Sein Hauptwerk, „Le Cavalerice François“ (Der französische Reitmeister), das 1610 erschien, war eine Revolution. Es legte den Grundstein für eine Ausbildungsmethode, die auf Verständnis, Logik und dem Respekt vor der Natur des Pferdes basiert – Prinzipien, die heute als Eckpfeiler der modernen klassischen Dressur gelten.

Historische Darstellung von Salomon de la Broue. Seine Lehren bildeten das Fundament für die goldene Ära der französischen Reitkunst.

Von Italien nach Frankreich: Die Reise, die die Reitkunst veränderte

Um de la Broues Bedeutung zu verstehen, blicken wir ins Neapel des 16. Jahrhunderts. Dort lernte er bei Giovanni Battista Pignatelli, dem damals berühmtesten Reitmeister Europas. Die italienische Schule war auf Effizienz und Kontrolle im Kampf ausgelegt – oft unter Einsatz von Kraft und scharfen Gebissen.

De la Broue nahm dieses Wissen auf, doch nach seiner Rückkehr nach Frankreich tat er etwas Bemerkenswertes: Er hinterfragte die Methoden seines Meisters. Er erkannte, dass wahre Kontrolle nicht aus Zwang, sondern aus Gleichgewicht, Geschmeidigkeit und gegenseitigem Verständnis entsteht. So begann er, die italienische Rohkraft mit einer neuen französischen Finesse zu verbinden und schuf damit eine völlig neue Ausbildungsphilosophie.

Die Revolution im Sattel: De la Broues zentrale Lehren

Salomon de la Broue war kein Theoretiker, sondern ein Praktiker. Seine Methoden zielten darauf ab, das Pferd körperlich und mental zu einem athletischen und selbstbewussten Partner zu entwickeln.

1. L’assouplissement: Die Gymnastizierung als Schlüssel

Vor de la Broue lag der Fokus auf der prompten Ausführung von Lektionen. Er verstand jedoch, dass ein Pferd erst geschmeidig und durchlässig gemacht werden muss, bevor es anspruchsvolle Übungen wie die der Alta Escuela ausführen kann. Er führte das Konzept des „l’assouplissement“ (die Geschmeidigmachung) ein – eine systematische Gymnastizierung von Hals, Schultern und Hüften.
Als einer der Ersten erkannte er die Bedeutung von Seitengängen, um das Pferd zu lösen und auf die Hinterhand zu setzen. Seine detaillierten Beschreibungen gelten als direkter Vorläufer des heutigen Schulterherein.

2. Légèreté: Mehr als nur eine leichte Hand

Für de la Broue war Leichtigkeit (légèreté) das höchste Ziel der Ausbildung. Doch er verstand darunter nicht einfach nur eine nachgebende Hand. Für ihn war Leichtigkeit das sichtbare Ergebnis eines Pferdes, das sich in perfektem Gleichgewicht selbst trägt. Sie entsteht, wenn das Pferd gelernt hat, sein Gewicht auf die Hanken zu verlagern, den Rücken aufzuwölben und auf feinste Hilfen des Reiters zu reagieren. Dies war ein radikaler Bruch mit der oft zwanghaften Versammlung der italienischen Schule.

Die Arbeit an Seitengängen, wie sie von de la Broue beschrieben wurde, ist bis heute ein zentrales Element, um Pferde zu gymnastizieren und auf anspruchsvolle Lektionen vorzubereiten.

3. Gewaltfrei und individuell: Ein Pferd ist kein Automat

Vielleicht am modernsten erscheint uns heute de la Broues Haltung zur Ausbildung. Er lehnte Gewalt und Zwang kategorisch ab und betonte, dass der Reiter den Charakter und die körperlichen Voraussetzungen jedes Pferdes individuell berücksichtigen müsse. In seinen Schriften warnt er eindringlich vor Ungeduld und groben Hilfsmitteln. Sein Credo: „Man muss das Pferd verstehen, um es ausbilden zu können.“ Diese pferdefreundliche Philosophie war damals revolutionär und ist heute relevanter denn je, insbesondere in der Ausbildung sensibler barocker Pferde.

4. Die Arbeit zwischen den Pilaren

De la Broue führte die Arbeit zwischen zwei Säulen (Pilaren) in die systematische Ausbildung ein. Anders als oft missverstanden, dienten die Pilaren bei ihm nicht dem Festbinden oder Erzwingen von Lektionen. Sie waren ein Hilfsmittel, um dem Pferd in den Anfängen der Piaffe und anderer versammelnder Übungen einen Rahmen zu geben und ihm zu helfen, sein Gleichgewicht zu finden, ohne durch die vorwärts treibenden Hilfen des Reiters gestört zu werden.

Das unvergängliche Erbe: Von Pluvinel bis heute

Salomon de la Broues größtes Vermächtnis war wohl sein berühmtester Schüler: Antoine de Pluvinel. Pluvinel baute auf den Lehren seines Meisters auf, verfeinerte sie weiter und verlieh ihnen jene psychologische Tiefe und Eleganz, für die er berühmt wurde. Ohne die Vorarbeit de la Broues wäre Pluvinels Werk jedoch undenkbar. De la Broue war der Architekt, Pluvinel der Baumeister, der die Kathedrale vollendete.

Die Grundsätze von Salomon de la Broue – Gymnastizierung vor Leistung, Leichtigkeit durch Gleichgewicht und eine gewaltfreie, individuelle Ausbildung – bilden bis heute das Fundament jeder pferdegerechten Dressurausbildung. Er war ein wahrer Visionär, dessen Name es verdient, neben den größten Reitmeistern der Geschichte genannt zu werden.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was ist der Hauptunterschied zwischen de la Broue und Pluvinel?

De la Broue legte das technische und methodische Fundament, insbesondere durch die Betonung der systematischen Gymnastizierung. Pluvinel baute darauf auf und fügte eine starke psychologische und philosophische Komponente hinzu, indem er den Dialog mit dem Pferd und die Harmonie in den Mittelpunkt stellte. Man könnte sagen, de la Broue schuf die Grammatik, während Pluvinel die Poesie schrieb.

Warum gilt de la Broues Ansatz als so modern?

Sein Fokus auf eine gewaltfreie Ausbildung, die individuelle Berücksichtigung der Fähigkeiten des Pferdes und die logische Abfolge von gymnastizierenden Übungen sind Prinzipien, die heute im Zentrum der modernen, pferdefreundlichen Dressur stehen. Damit war er seiner Zeit um Jahrhunderte voraus.

Sind de la Broues Methoden heute noch relevant?

Absolut. Jeder Reiter, der Seitengänge zur Lösung seines Pferdes nutzt, eine Ausbildung auf Basis von Losgelassenheit anstrebt und Zwang ablehnt, arbeitet im Grunde nach den Prinzipien, die de la Broue vor über 400 Jahren formulierte. Seine Lehren sind zeitlos.

Welche Pferderassen trainierte de la Broue?

Zur Zeit de la Broues gab es noch keine Rassen im heutigen Sinne. Er arbeitete jedoch mit den Pferdetypen, die damals an den europäischen Königshöfen beliebt waren – kräftige, wendige und ausdrucksstarke Pferde, die wir heute als Vorfahren der barocken Rassen wie PRE, Lusitanos oder Lipizzaner betrachten.


Die Wiederentdeckung von Salomon de la Broue zeigt uns, dass die wirklich großen Ideen der Reitkunst nicht neu erfunden werden müssen. Sie warten oft im Verborgenen darauf, von einer neuen Generation von Reitern verstanden und mit Leben gefüllt zu werden. Indem wir seine Lehren ehren, verbinden wir uns mit den tiefen Wurzeln einer Reitkultur, die das Wohl des Pferdes stets in den Mittelpunkt stellt.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.