Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Spanische & barocke Pferderassen auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Direkt vom Campo: Der riskante Traum von der rohen Remonte aus Spanien – eine knallharte Analyse

Die Bilder kennt jeder: Ein junges, barockes Pferd in der goldenen Abendsonne der spanischen Dehesa. Der Traum vom „Direkt vom Campo“ gekauften Pura Raza Española (PRE) oder Lusitano ist für viele der Inbegriff von Ursprünglichkeit. Doch hinter den Hochglanzfotos lauert eine Realität, die oft teuer, schwierig und nervenaufreibend ist.

Dieser Artikel ist Ihr Realitätscheck. Er rechnet vor, was es wirklich kostet, eine rohe Remonte aus Spanien in Deutschland zu einem verlässlichen Partner zu machen. Wir beleuchten die Risiken, die versteckten Kosten und die Fragen, die Sie sich stellen müssen, bevor Sie diesen Schritt wagen.

Der Traum vs. die Realität: Was „roh vom Campo“ wirklich bedeutet

Die Idee vom „unberührten“ Pferd ist romantisch, aber naiv. Der Begriff „roh“ wird systematisch missverstanden. Man muss den Unterschied kennen zwischen einem Jungpferd, das gezielt aufwächst, und einem, das einfach nur wild war.

„Roh“ ist nicht gleich „roh“

Ein in Deutschland als „roh“ verkauftes Jungpferd kennt meistens das Fohlen-ABC. Es lässt sich führen, gibt Hufe, war beim Tierarzt und Hufschmied.

Ein Pferd „direkt vom Campo“ kann bedeuten:

  • Minimaler Menschenkontakt: Viele dieser Pferde kennen Menschen nur als Scheuchobjekt. Allein das Einfangen für den Transport kann zum Trauma werden.
  • Keine Grunderziehung: Anbinden, Führen, Hufe geben, stillstehen für den Tierarzt? Fremdworte. Jede dieser Grundlagen muss bei Null beginnen.
  • Mangelhafte Versorgung: Je nach Züchter kann es sein, dass die Pferde selten entwurmt wurden und noch nie einen Hufschmied gesehen haben. Fehlstellungen oder Gesundheitsprobleme bleiben unentdeckt.
  • Ernährungsdefizite: Die kargen Weiden Spaniens führen oft zu Mangelernährung im Wachstum. Das rächt sich später.

Sie kaufen kein unbeschriebenes Blatt. Sie kaufen ein Pferd mit einer Vorgeschichte, die Sie nicht kennen und die seine Ausbildung prägen wird.

Die Mission vor Ort: Ihre Ermittlungen in Spanien

Wer sich trotzdem für den Kauf entscheidet, beginnt jetzt die wichtigste Phase: die Prüfung vor Ort. Verlassen Sie sich niemals auf Videos. Eine Reise nach Spanien ist unumgänglich, und Sie sollten dabei wie ein Detektiv vorgehen.

Unabhängige Experten sind Ihr wichtigstes Kapital

Das größte Risiko ist, den Verkäufern blind zu vertrauen. Organisieren Sie Ihr eigenes Team.

  • Ein unabhängiger Übersetzer: Bitten Sie nicht den Verkäufer, einen zu stellen. Ein eigener Dolmetscher sorgt dafür, dass nichts „verloren geht“ und Sie kritische Fragen stellen können.
  • Ein unabhängiger Tierarzt: Der Verkäufer hat sicher einen Tierarzt seines Vertrauens. Bestehen Sie auf einem eigenen Veterinär für die Ankaufsuntersuchung (AKU). Nur so bekommen Sie eine objektive Einschätzung.

Die Ankaufsuntersuchung (AKU) und der rechtliche Rahmen

Die AKU ist Ihr Sicherheitsnetz. Klären Sie den Umfang (mit oder ohne Röntgenbilder) und lassen Sie sich alle Befunde schriftlich geben. Achten Sie auf rassetypische oder haltungsbedingte Probleme.

Ein entscheidender rechtlicher Punkt ist der Traspaso. Das ist die offizielle Eigentumsübertragung im spanischen System. Ohne diesen Vorgang sind Sie rechtlich nicht der Eigentümer, selbst wenn Sie bezahlt haben. Das kann massive Probleme beim Import oder späteren Verkauf geben. Bestehen Sie darauf.

Checkliste: Alarmglocken, die schrillen sollten

Folgende rote Flaggen sollten Sie zur sofortigen Abreise bewegen:

  • Druck und Eile: Der Verkäufer drängt („Es gibt noch andere Interessenten“).
  • Widersprüchliche Angaben: Das Alter im Pass stimmt nicht mit den Zähnen überein, die Geschichte klingt ausgedacht.
  • Schlechter Zustand: Das Pferd ist mager, hat stumpfes Fell, miserable Hufe oder wirkt apathisch.
  • Verweigerung von Informationen: Der Verkäufer will den Tierarzt bestimmen, verweigert eine volle AKU oder blockt Fragen zur Vergangenheit ab.
  • Fehlende Papiere: Der Equidenpass ist unvollständig, es gibt keine offiziellen Eigentumsnachweise (Carta de Titularidad).

Der unsichtbare Preis: Die wahren Kosten bis zum Reitpferd

Der Kaufpreis in Spanien ist nur die Anzahlung. Viele Käufer unterschätzen die Folgekosten, die den ursprünglichen Preis schnell verdoppeln oder verdreifachen.

Der erste Preis: Kauf und Transport

  • Kaufpreis: Variiert stark je nach Abstammung und Qualität.
  • Transport: Erfahrungsgemäß ist mit 850 € bis 1.500 € für einen professionellen Transport nach Deutschland zu rechnen.
  • Importpapiere: Für die amtstierärztliche Abwicklung (TRACES-Gesundheitsbescheinigung) fallen erfahrungsgemäß ca. 100 € an.

Der zweite Preis: Ankunft, Ausbildung und Ausrüstung

Hier beginnt die eigentliche Investition. Ein rohes Pferd vom Campo braucht in der Praxis oft mindestens sechs bis zwölf Monate professionellen Beritt, bis es ein halbwegs sicherer Freizeitpartner ist.

Preisschild 1: Der Kauf in Spanien

  • Pferd: 5.000 € – 15.000 €
  • Transport: ~1.200 €
  • AKU & Papiere: ~600 €
  • Gesamt (Spanien): ab ca. 6.800 €

Preisschild 2: Das erste Jahr in Deutschland

  • Professioneller Beritt (12 Monate): 6.000 € – 9.000 € (bei 500-750 €/Monat)
  • Stallmiete & Futter: 4.800 € – 7.200 € (bei 400-600 €/Monat)
  • Tierarzt & Hufschmied (Initial-Check & Routine): ~1.000 €
  • Ausrüstung (inkl. Sattel): ~3.000 €
  • Gesamt (Deutschland, 1. Jahr): ab ca. 14.800 €

Die Kosten für den Beritt sind entscheidend. Während das Anreiten in Spanien oft mit einer Pauschale von ca. 550 € pro Monat lockt, sind die Kosten in Deutschland in der Praxis meist höher und werden pro Einheit (oft ca. 35 € – 50 €) abgerechnet. Das summiert sich.

⚠️ REALITY CHECK: Ein spanischer Sattel passt nicht automatisch auf ein spanisches Pferd. Die Anatomie barocker Pferde mit kurzem Rücken und breiter Schulter ist eine Wissenschaft für sich. Planen Sie das Budget für eine professionelle Sattelanpassung fest ein. Hersteller wie Iberosattel haben sich auf genau diese Herausforderungen spezialisiert und ihre Konzepte auf die Morphologie von PRE und Lusitano ausgerichtet.

Der lange Weg nach Hause: Eingewöhnung und Ausbildung in Deutschland

Die Ankunft in Deutschland ist für das Pferd ein Kulturschock. Eine geduldige Eingewöhnung ist die Basis für alles Weitere.

Gesundheitliche und psychische Herausforderungen

  • Futterumstellung: Der Wechsel von kargem Heu auf eiweißreiches deutsches Gras ist ein Kolik-Risiko. Die Umstellung muss quälend langsam erfolgen.
  • Klimaumstellung: Das feuchtkalte Klima in Deutschland kann bei spanischen Pferden Sommerekzem auslösen.
  • „Unsichtbare“ Krankheiten: Lassen Sie Ihr Pferd in Deutschland auf Piroplasmose testen. Diese Mittelmeerkrankheit kann lange schlummern und bei Stress ausbrechen.
  • Mentale Umstellung: Der Wechsel von einer riesigen Weide in eine Box oder einen kleinen Paddock bedeutet für ein freiheitsgewohntes Pferd enormen Stress.

Ausbildung: Ein Job für Profis

Der größte Fehler ist die Annahme, man könne ein solches Pferd selbst ausbilden. Sie haben es nicht mit einem „unbeschriebenen Blatt“ zu tun, sondern oft mit einem Pferd, das dem Menschen misstraut und dessen Reaktionen unvorhersehbar sind.

Suchen Sie einen Ausbilder mit nachweislicher Erfahrung mit der Mentalität spanischer Pferde. Es geht um den schmalen Grat zwischen Konsequenz und Geduld, um Vertrauen zu gewinnen, ohne das Pferd zu brechen. Hier zeigt sich der Unterschied zwischen einem Pferd, das wirklich „roh“ (unberührt) ist, und einem, das „verritten“ (schlecht oder hart angeritten) wurde. Letzteres zu korrigieren, ist eine Aufgabe für absolute Experten.

Das Urteil: Ihr persönlicher Go/No-Go-Check

Der Traum von der rohen Remonte aus Spanien kann wahr werden. Aber nur für den richtigen Menschen unter den richtigen Umständen. Er ist nichts für Reitanfänger, ungeduldige Leute oder Käufer mit knappem Budget.

Stellen Sie sich vor dem Kauf diese Fragen:

  • Erfahrung: Habe ich Erfahrung in der Ausbildung von rohen, schwierigen oder traumatisierten Pferden?
  • Finanzen: Habe ich ein Budget, das mindestens das Doppelte des Kaufpreises für das erste Jahr abdeckt? Kann ich hohe, unerwartete Tierarztkosten stemmen?
  • Zeit: Habe ich die Geduld für einen monate-, vielleicht jahrelangen Prozess voller Rückschläge?
  • Netzwerk: Habe ich einen Stall, einen Tierarzt und vor allem einen Trainer, die auf die Bedürfnisse eines solchen Pferdes spezialisiert sind?

Wenn Sie auch nur eine dieser Fragen mit „Nein“ beantworten, ist dieses Projekt nichts für Sie. Der Kauf eines gut ausgebildeten Pferdes in Deutschland ist der ehrlichere, sicherere und am Ende oft sogar günstigere Weg.

Um Ihnen bei dieser wichtigen Entscheidung zu helfen, haben wir eine detaillierte Checkliste entwickelt. Nutzen Sie dieses Werkzeug, um Ihre eigene Situation realistisch einzuschätzen und eine fundierte Entscheidung für sich und das Wohl des Pferdes zu treffen.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.

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