Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Renvers reiten: Der oft vergessene Seitengang für Geraderichtung und Biegung
Kennen Sie das Gefühl? Auf der einen Hand gelingt die Biegung fast wie von selbst, das Pferd schwingt durch den Körper und fühlt sich leicht an. Auf der anderen Hand hingegen fühlt es sich steif an und neigt dazu, über die äußere Schulter wegzudriften. Sie arbeiten an Biegung und Stellung, doch ein entscheidendes Puzzleteil scheint zu fehlen. Genau hier kommt eine oft unterschätzte Lektion ins Spiel, die für Geraderichtung und Gymnastizierung wahre Wunder bewirken kann: das Renvers.
Während Schulterherein und Travers feste Bestandteile vieler Trainingseinheiten sind, führt das Renvers ein Schattendasein. Völlig zu Unrecht, denn es ist weit mehr als nur eine „umgekehrte Traversale“. Es ist ein hochwirksames Werkzeug, um die Balance, Koordination und Durchlässigkeit Ihres Pferdes auf ein neues Niveau zu heben.
Was genau ist Renvers? Ein Blick auf die „verkehrte Welt“
Stellen Sie sich vor, Sie reiten auf dem Hufschlag an der langen Seite. Beim Renvers bewegt sich Ihr Pferd mit der Hinterhand auf dem Hufschlag, während die Vorhand ins Bahninnere versetzt ist. Das Pferd ist dabei in Bewegungsrichtung gebogen und blickt aus der Bahn heraus. Es ist die direkte Konterlektion zum Travers, bei dem die Vorhand auf dem Hufschlag bleibt und die Hinterhand ins Bahninnere geführt wird.
Klassische Reitmeister wie François Robichon de la Guérinière betrachteten diese beiden Lektionen – ‚tête au mur‘ (Kopf zur Wand, also Renvers) und ‚croupe au mur‘ (Kruppe zur Wand, also Travers) – als fundamentale Bausteine, um ein Pferd in Richtung Leichtigkeit und Versammlung zu entwickeln.
Das Pferd bewegt sich dabei auf vier Hufspuren seitwärts-vorwärts, wobei die äußeren Beine an den inneren vorbeikreuzen. Diese komplexe Koordination zählt zu den anspruchsvollsten, aber auch lohnendsten Übungen der Seitengänge.
Der feine Unterschied: Renvers vs. Travers und Schulterherein
Um den Wert des Renvers ganz zu verstehen, lohnt sich ein kurzer Vergleich mit seinen Verwandten. Alle drei Lektionen fördern die Biegung und die Lastaufnahme der Hinterhand, doch sie tun es auf unterschiedliche Weise.
- Schulterherein: Die Vorhand ist im Bahninneren, das Pferd ist gegen die Bewegungsrichtung gebogen. Es fördert primär die Beweglichkeit der Schultern und die Aktivierung des inneren Hinterbeins.
- Travers: Die Hinterhand ist im Bahninneren, das Pferd ist in Bewegungsrichtung gebogen. Es schult die Hankenbeugung des äußeren Hinterbeins und die Biegung der gesamten Längsachse.
- Renvers: Die Vorhand ist im Bahninneren, das Pferd ist in Bewegungsrichtung gebogen. Es kombiniert Aspekte beider Lektionen und fordert eine noch höhere Koordination und Balance.
Der entscheidende Unterschied liegt in der Positionierung zur Bande. Im Renvers hat das Pferd keine äußere Begrenzung. Der Reiter muss die äußere Schulter allein mit seinen Hilfen kontrollieren – ein echter Test für die Geraderichtung.
Warum Sie Renvers in Ihr Training integrieren sollten: Der gymnastische Wert
Eine Umfrage unter Grand-Prix-Trainern aus dem Jahr 2018 zeigte, dass Renvers deutlich seltener im täglichen Training eingesetzt wird als sein Gegenstück, das Travers. Dabei liegt gerade in seiner Komplexität der größte Nutzen.
-
Ultimativer Test für die Geraderichtung:
Da die Bande als äußere Begrenzung fehlt, offenbart das Renvers schonungslos, ob ein Pferd dazu neigt, über die äußere Schulter auszufallen. Es fordert vom Reiter, die Schultern des Pferdes präzise zwischen den Zügeln zu führen und das äußere Hinterbein exakt unter den Schwerpunkt zu bringen. Die Geraderichtung wird so nicht nur gefördert, sondern aktiv überprüft. -
Verfeinerung von Biegung und Geschmeidigkeit:
Im Renvers muss sich das Pferd vom inneren Schenkel des Reiters an den äußeren Zügel biegen lassen. Diese diagonale Biegung durch den Pferdekörper dehnt die Muskulatur der Rumpfaußenseite und fördert eine gleichmäßige Längsbiegung. -
Aktivierung der Rumpfmuskulatur:
Biomechanische Studien zeigen, dass das Renvers insbesondere die schräge Bauchmuskulatur (M. obliquus externus abdominis) stark aktiviert. Diese Muskeln sind entscheidend für die Stabilisierung des Rumpfes und das Anheben des Rückens – eine wichtige Voraussetzung für gute Versammlung. -
Verbesserung der Schulterfreiheit:
Durch das Abwenden der Vorhand vom Hufschlag wird die innere Schulter entlastet und kann freier und raumgreifender nach vorne schwingen. Diese neu gewonnene Beweglichkeit wird erst durch eine optimale Passform des Sattels ermöglicht, der den Schulterblättern genügend Raum lässt – ein Prinzip, das spezialisierte Hersteller wie Iberosattel bei der Entwicklung ihrer Sättel für barocke Pferde in den Mittelpunkt stellen. (Partnerhinweis)
Der Weg zum korrekten Renvers: Eine Anleitung in 3 Schritten
Renvers ist eine Lektion für fortgeschrittene Reiter und Pferde, die bereits sicher im Schulterherein und Travers sind. Beginnen Sie mit wenigen, qualitativ hochwertigen Tritten und steigern Sie sich langsam.
Schritt 1: Die Vorbereitung
Der einfachste Weg, das Renvers einzuleiten, ist aus einer Ecke oder einer Volte. Reiten Sie aktiv durch die Ecke, nehmen Sie die Biegung mit auf die lange Seite und beginnen Sie mit einigen Tritten Schulterherein. Aus dem Schulterherein stellen Sie das Pferd um und leiten die Vorhand weiter ins Bahninnere, während die Hinterhand auf dem Hufschlag bleibt.
Schritt 2: Die Hilfengebung
Die Hilfen sind fein und präzise aufeinander abgestimmt:
- Innerer Schenkel: Liegt am Gurt und ist der primäre Impulsgeber. Er erhält die Biegung und den Vorwärtsdrang.
- Äußerer Schenkel: Liegt verwahrend etwas hinter dem Gurt und begrenzt das Ausweichen der Hinterhand nach außen.
- Innerer Zügel: Gibt die Stellung im Genick vor und sorgt für eine weiche Anlehnung.
- Äußerer Zügel: Führt die Vorhand ins Bahninnere und begrenzt die äußere Schulter. Er ist der wichtigste Zügel in dieser Lektion.
- Gewichtshilfe: Der Reiter sitzt zentriert, aber leicht in Bewegungsrichtung (innen), um das innere Hinterbein zu entlasten und es zum Vortreten zu animieren.
Schritt 3: Typische Fehler vermeiden
- Zu viel Halsbiegung: Das Pferd knickt im Hals ab, anstatt sich im ganzen Körper zu biegen. Korrektur: Mit dem äußeren Zügel die Schulter führen, nicht mit dem inneren Zügel ziehen.
- Verlust des Taktes: Das Pferd wird langsamer oder stockt. Korrektur: Mit dem inneren Schenkel für mehr Fleiß sorgen und zunächst weniger Abstellung verlangen.
- Pferd kippt im Genick: Oft ein Zeichen von mangelnder Balance oder Kraft. Korrektur: Lektion beenden, geradeaus reiten und neu ansetzen.
Praxis-Tipp: Renvers auf der Zirkellinie
Für Geübte bietet das Renvers auf der Zirkellinie (auch Konter-Schulterherein genannt) eine noch intensivere gymnastische Wirkung. Diese Übung verbessert die Tragkraft des inneren Hinterbeins enorm und gilt als exzellente Vorbereitung für versammelte Lektionen wie die Pirouette. Die Hilfengebung bleibt dieselbe, doch die konstante Biegung der Zirkellinie erfordert ein Höchstmaß an Koordination von Pferd und Reiter.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zum Renvers
Ist mein Pferd schon bereit für Renvers?
Ihr Pferd sollte die Seitengänge Schulterherein und Travers im Schritt und Trab sicher beherrschen. Es muss über eine stabile Anlehnung und eine gute Grundbalance verfügen.
Was ist der Unterschied zwischen Renvers und Konter-Schulterherein?
Während das Renvers auf einer geraden Linie geritten wird (z. B. lange Seite), reitet man das Konter-Schulterherein auf einer gebogenen Linie (z. B. Zirkel). Die Körperhaltung des Pferdes ist sehr ähnlich, allerdings ist der Schwierigkeitsgrad auf der gebogenen Linie höher.
Wie fange ich am besten an?
Beginnen Sie im Schritt. Reiten Sie aus der Ecke heraus und versuchen Sie zunächst nur drei bis vier korrekte Renvers-Tritte. Loben Sie Ihr Pferd und reiten Sie wieder geradeaus. Qualität geht hier klar vor Quantität.
Auf welcher Hand ist Renvers schwerer?
Meistens fällt dem Pferd das Renvers auf seiner steifen oder „hohlen“ Seite schwerer. Gerade das macht die Lektion zu einem hervorragenden Diagnoseinstrument, um gezielt an der natürlichen Schiefe zu arbeiten.
Fazit: Renvers – Mehr als nur ein Seitengang
Das Renvers ist weit mehr als eine simple Umkehrung des Travers. Es ist ein Lackmustest für die Geraderichtung, ein Katalysator für eine korrekte Biegung und ein Schlüssel zur Aktivierung der tragenden Muskulatur. Indem Sie diese anspruchsvolle, aber lohnende Lektion in Ihr Training integrieren, heben Sie Balance, Kraft und Harmonie für sich und Ihr Pferd auf ein neues Niveau.
Wenn Sie das Travers bereits beherrschen, ist der Schritt zum Renvers ein logischer Meilenstein auf dem Weg zu einem durchgymnastizierten und ausbalancierten Pferd. Wagen Sie den Blick in diese „verkehrte Welt“ – Ihr Pferd wird es Ihnen mit mehr Geschmeidigkeit und Ausdruck danken.



