Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Die Rolle des Psoas-Muskels: Das Geheimnis des tiefen Sitzes und der feinen Gewichtshilfen

Haben Sie sich je gefragt, warum manche Reiter scheinbar mühelos mit ihrem Pferd verschmelzen?

Sie sitzen tief im Sattel, ihre Hilfen sind kaum wahrnehmbar, Pferd und Reiter bewegen sich in vollkommener Harmonie. Andere hingegen scheinen trotz aller Anstrengung auf dem Pferd zu „thronen“, statt in ihm zu sitzen, und ringen ständig um Balance und Losgelassenheit. Oft liegt das Geheimnis nicht allein in jahrelangem Training, sondern in einem tief im Körper verborgenen Muskel: dem Psoas.

Dieser Artikel führt Sie in die Biomechanik des Reitersitzes ein und enthüllt, warum der Psoas-Muskel der Schlüssel zu einer feineren Kommunikation und einer echten Partnerschaft mit Ihrem Pferd ist.

Was ist der Psoas und warum ist er der „Muskel des Gefühls“?

Der Musculus Psoas Major, meist einfach Psoas genannt, ist einer der tiefsten Muskeln des menschlichen Körpers und die einzige direkte Verbindung zwischen unserer Wirbelsäule und unseren Beinen. Er entspringt an den Lendenwirbeln, verläuft durch das Becken und setzt an der Innenseite des Oberschenkelknochens an. Diese einzigartige Position macht ihn zu einem zentralen Akteur für Haltung, Gleichgewicht und Bewegung.

In der Reitliteratur, insbesondere bei Pionierinnen wie Mary Wanless („Ride With Your Mind“), wird der Psoas oft als „Muskel des Gefühls“ bezeichnet. Ein geschmeidiger Psoas ermöglicht es dem Reiter, die Bewegungen des Pferderückens durch den eigenen Körper fließen zu lassen. Er befähigt uns, tief „in das Pferd hinein“ zu sitzen und seine feinsten Regungen zu spüren. Die renommierte Reitlehrerin Sally Swift beschrieb dieses Gefühl treffend mit dem Bild von „Wurzeln, die aus dem Reiter wachsen“ und ihn tief und sicher im Sattel verankern.

Der verspannte Psoas: Ein unsichtbarer Gegner im Sattel

Unser moderner Lebensstil, geprägt von langem Sitzen am Schreibtisch oder im Auto, ist der größte Feind eines lockeren Psoas. Durch die permanent gebeugte Hüfte verkürzt und verhärtet der Muskel. Für Reiter hat das gravierende Folgen, die oft fälschlicherweise als mangelndes Talent oder fehlendes Gleichgewicht interpretiert werden.

Die typischen Symptome eines verspannten Psoas sind:

  • Der Stuhlsitz: Ein verkürzter Psoas zieht die Lendenwirbelsäule nach vorne und kippt das Becken. Das Resultat ist ein Hohlkreuz und der berüchtigte „Stuhlsitz“, bei dem die Beine nach vorne geschoben werden. Ein tiefes Einsitzen wird unmöglich.
  • Blockierte Hüften: Der Reiter kann der dreidimensionalen Bewegung des Pferderückens nicht mehr folgen. Statt geschmeidig mitzuschwingen, wird der Sitz steif und unruhig – eine empfindliche Störung für das Pferd.
  • Gestörte Kommunikation: Der Biomechanik-Experte Dr. Gerd Heuschmann betont immer wieder, wie direkt sich die Verspannung des Reiters auf den Pferderücken überträgt. Ein fester Psoas wirkt wie eine Handbremse auf die Rückenmuskulatur des Pferdes und hindert es daran, losgelassen über den Rücken zu schwingen.
  • Asymmetrie und Schiefe: Wie Forschungen von Dr. Hilary M. Clayton zeigen, führt eine einseitige Verspannung des Psoas zu einer schiefen Haltung des Reiters. Diese Schiefe muss das Pferd permanent ausgleichen, was zu ungleicher Bemuskelung und auf lange Sicht sogar zu gesundheitlichen Problemen führen kann.

Ein verspannter Psoas ist also weit mehr als nur ein persönliches Fitnessproblem – er ist eine direkte Blockade in der Kommunikation mit dem Pferd.

Der geschmeidige Psoas: Der Weg zur Einheit mit dem Pferd

Stellen Sie sich vor, Ihre Hüften werden weich, Ihr Becken schwingt frei mit und Ihre Beine fallen locker und lang aus der Hüfte herab. Das ist das Gefühl, das ein gelöster Psoas-Muskel ermöglicht. Die Vorteile für Sie und Ihr Pferd sind immens:

  • Ein tiefer und ausbalancierter Sitz: Ihr Schwerpunkt sinkt ab und Sie können wirklich eins mit der Bewegung des Pferdes werden. Dies ist die Grundlage für jede fortgeschrittene Arbeit, von der Versammlung in der Ausbildung barocker Pferde bis hin zur Perfektion der Lektionen der Hohen Schule.
  • Feinste Gewichtshilfen: Wenn Ihr Becken frei ist, können Sie präzise und minimale Gewichtshilfen geben, die Ihr Pferd sofort versteht. Die Kommunikation wird leise, subtil und für Außenstehende fast unsichtbar.
  • Ein losgelassener Pferderücken: Indem Sie Ihre eigene Blockade lösen, geben Sie dem Rücken Ihres Pferdes die Freiheit, aufzuwölben und zu schwingen. Das Ergebnis ist ein zufriedeneres, gesünderes und leistungsbereiteres Pferd.

Praktische Wege zu einem lockeren Psoas-Muskel

Die gute Nachricht: Sie können aktiv daran arbeiten, Ihren Psoas zu lockern und Ihren Sitz fundamental zu verbessern. Der Schlüssel liegt in der Kombination aus Bewusstsein im Alltag und gezielten Übungen abseits des Pferdes.

  1. Bewusstsein schaffen: Achten Sie im Alltag darauf, wie oft und wie lange Sie sitzen. Stehen Sie regelmäßig auf, strecken Sie sich und gehen Sie ein paar Schritte. Schon kleine Änderungen können einen großen Unterschied machen.

  2. Gezielte Dehnübungen: Eine der effektivsten Übungen ist der Ausfallschritt. Machen Sie einen weiten Schritt nach vorne, beugen Sie das vordere Knie und lassen Sie die Hüfte des hinteren Beins sanft nach vorne und unten sinken, bis Sie eine deutliche Dehnung an der Vorderseite der Hüfte spüren. Halten Sie die Dehnung für 30–45 Sekunden pro Seite.

  3. Unterstützende Sportarten: Disziplinen wie Yoga oder Pilates sind ideal, um die Rumpfmuskulatur zu stärken und gleichzeitig die Hüftbeuger zu dehnen und zu mobilisieren.

  4. Das Fundament überprüfen – Der Sattel: Ein oft übersehener Faktor ist die Ausrüstung. Ein unpassender Sattel für barocke Pferde kann den Reiter in eine Position zwingen, die den Psoas zusätzlich verspannt und einen korrekten Sitz unmöglich macht. Ein Sattel, der sowohl dem Pferd als auch dem Reiter optimal passt, unterstützt eine korrekte Beckenposition und ermöglicht es dem Reiter erst, wirklich loszulassen und tief zu sitzen.

    (Partnerhinweis: Spezialisierte Hersteller wie Iberosattel berücksichtigen in ihren Konzepten die Biomechanik von Reiter und Pferd, um eine harmonische Grundlage für einen ausbalancierten Sitz zu schaffen.)

FAQ: Häufige Fragen zum Psoas-Muskel beim Reiten

Kann ich das Problem nicht einfach durch mehr Reiten lösen?
Leider nicht. Da der Psoas oft durch Alltagsgewohnheiten verspannt ist, müssen die Ursachen auch dort angegangen werden. Übungen am Boden sind unerlässlich, um die nötige Geschmeidigkeit zu entwickeln, die Sie dann im Sattel umsetzen können.

Woran merke ich, ob mein Psoas verspannt ist?
Typische Anzeichen sind leichte Schmerzen im unteren Rücken, Schwierigkeiten, tief in den Sattel zu sinken, eine Tendenz zum Stuhlsitz oder das Gefühl, dass Ihre Hüften „blockiert“ sind.

Wie lange dauert es, bis ich eine Veränderung spüre?
Das ist individuell verschieden. Bei konsequenter Dehnung können Sie jedoch oft schon nach wenigen Wochen eine erste Verbesserung Ihrer Beweglichkeit und Ihres Sitzgefühls bemerken.

Beeinflusst der Psoas auch meine Leistung in Disziplinen wie der Working Equitation?
Absolut. Gerade in der Working Equitation sind ein unabhängiger Sitz und ein stabiler Rumpf entscheidend, um die anspruchsvollen Trail-Hindernisse präzise zu reiten. Ein lockerer Psoas ist die Basis für die nötige Stabilität und Beweglichkeit.

Fazit: Mehr als nur ein Muskel – Ihr Dialog mit dem Pferd

Die Auseinandersetzung mit dem Psoas-Muskel ist weit mehr als eine reine Anatomiestunde. Sie ist eine Einladung, den eigenen Körper besser zu verstehen und zu erkennen, wie tiefgreifend unsere körperliche Verfassung den Dialog mit unserem Pferd beeinflusst. Ein geschmeidiger Psoas ist kein unerreichbares Ziel, sondern das Ergebnis von Bewusstsein, Sorgfalt und dem Willen, nicht nur das Pferd, sondern auch sich selbst zu trainieren.

Indem Sie an Ihrer eigenen Losgelassenheit arbeiten, schenken Sie nicht nur sich selbst einen besseren Sitz, sondern Ihrem Pferd den größten Luxus: einen Reiter, der nicht stört, sondern in Harmonie mit ihm schwingt.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.