Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Spanische und barocke Pferderassen auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Die Bewegung des PRE analysiert: Zwischen Campaneo, Brillanz und reiner Biomechanik

Stellen Sie sich eine Szene vor, wie man sie auf vielen Pferdeshows erlebt: Ein majestätischer PRE-Hengst trabt in die Arena. Seine Beine scheinen zu tanzen, mit einer Knieaktion, die fast schon übertrieben wirkt, und einer erhabenen Präsenz, die alle Blicke auf sich zieht. Sie sind fasziniert. Doch neben Ihnen murmelt ein erfahrener Dressurreiter: „Wunderschön, aber diese bügelnde Bewegung ist biomechanisch nicht effizient.“

Dieser Moment fängt eine der spannendsten Debatten in der Welt der spanischen Pferde ein: Was genau ist die typische Bewegung des Pura Raza Española (PRE)? Wo endet die geschätzte, rassentypische „Brillanz“ und wo beginnt ein Trainingsfehler oder eine biomechanische Ineffizienz? Dieser Artikel taucht tief in die Welt der PRE-Bewegung ein und beleuchtet das Spannungsfeld von Campaneo, Eleganz und funktionaler Kraft.

Was macht die Bewegung eines PRE so einzigartig?

Wer einmal einen gut gerittenen PRE in Bewegung gesehen hat, vergisst diesen Anblick nicht so schnell. Der offizielle Zuchtstandard der ANCCE (Verband der spanischen Pferdezüchter) beschreibt die ideale Bewegung als „agil, erhaben, harmonisch und rhythmisch“ (ágil, elevado, armónico y rítmico). Diese vier Worte sind der Schlüssel zum Verständnis.

  • Agilität: Die Fähigkeit, schnell und wendig zu sein.
  • Erhabenheit (Elevación): Die charakteristische hohe Knie- und Sprunggelenksaktion.
  • Harmonie: Ein fließendes, ausbalanciertes Gesamtbild, bei dem Vor-, Mittel- und Hinterhand perfekt zusammenspielen.
  • Rhythmus: Ein klarer, gleichmäßiger Takt in allen drei Grundgangarten.

Historisch wurde diese ausdrucksstarke, nach oben gerichtete Bewegung geschätzt, da sie die Pferde auf Paraden und bei königlichen Auftritten besonders imposant wirken ließ. Es ging um „Brillanz“ und Energie – eine sichtbare Demonstration von Kraft und Adel.

![Ein PRE-Hengst in einer ausdrucksstarken Trabverstärkung, der die typische Knieaktion zeigt]()

Die Bewegung soll nicht nur hoch, sondern auch vorwärts-aufwärts gerichtet sein. Ein reines „Stempeln“ ohne Raumgriff ist unerwünscht. Das Ziel ist eine Bewegung, die sowohl schön als auch funktional ist – eine Brücke zwischen Show und Sport.

Der Campaneo: Zuchterbe oder Trainingsfehler?

Hier betreten wir das Herz der Diskussion. Der Begriff „Campaneo“ beschreibt eine seitlich-kreisende oder „bügelnde“ Bewegung der Vorderbeine. Anstatt gerade nach vorne zu schwingen, bewegt sich das Bein in einer nach außen gerichteten Kurve.

Die historische Perspektive: In der traditionellen spanischen Reitkultur wurde ein gewisser Campaneo oft toleriert oder sogar als Zeichen von „Brio“ (Eifer, Feuer) und Rassetyp angesehen. Er trug zur imposanten Erscheinung bei.

Die moderne biomechanische Perspektive: Experten wie die renommierte Biomechanikerin Dr. Hilary Clayton weisen darauf hin, dass jede seitliche Bewegung Energie verschwendet, die für den Vorwärtsschub genutzt werden könnte. Aus rein sportlicher und gesundheitlicher Sicht ist eine gerade, effiziente Bewegung vorzuziehen. Ein starker Campaneo kann auf Verspannungen in der Schulter und im Rücken hinweisen und die Gelenke unnötig belasten.

Die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mitte. Ein leichter, kaum sichtbarer Campaneo kann eine genetische Veranlagung des Pura Raza Española sein. Wird diese Veranlagung jedoch durch falsches Training verstärkt, wird sie zum Problem. Zu falschem Training zählt beispielsweise:

  • Erzwungene Aufrichtung: Der Reiter versucht, den Kopf mit der Hand hochzuziehen, ohne dass die Hinterhand aktiv genug unter den Schwerpunkt tritt.
  • Verspannungen: Ein Mangel an Losgelassenheit führt zu einem Festhalten in der Schulter- und Rückenmuskulatur.
  • Fehlende Geraderichtung: Das Pferd ist nicht ausbalanciert und weicht seitlich aus.

Entscheidend ist also: Der Campaneo ist ein Merkmal mit vielen Gesichtern. Er kann eine Veranlagung sein, wird aber oft erst durch Ausbildungsmängel zu einem sichtbaren Problem.

Ein Blick in den „Motorraum“: Die Biomechanik hinter der Bewegung

Um die Bewegung des PRE zu verstehen, müssen wir das Pferd als zusammenhängendes System betrachten. Der „Motor“ sitzt nicht vorne, sondern hinten.

Die Hinterbeine erzeugen die Schubkraft. Diese Kraft wird über einen losgelassenen, schwingenden Rücken nach vorne zur Vorhand übertragen. Ist der Rücken frei und die Hinterhand aktiv, kann die Schulter ebenfalls frei arbeiten und die Vorderbeine können locker und gerade nach vorne schwingen.

![Eine schematische Darstellung der Biomechanik des Pferdes, die die Verbindung von Hinterhand, Rücken und Vorhand verdeutlicht]()

Ein blockierter Rücken – sei es durch Verspannungen, unausbalanciertes Reiten oder einen unpassenden Sattel – unterbricht diese Kraftübertragung. Die Energie der Hinterhand verpufft. Um trotzdem die geforderte hohe Beinaktion zu zeigen, kompensiert das Pferd, indem es die Beine aus der Schulter heraus „schleudert“, anstatt sie aus einem freien Gelenk schwingen zu lassen. Das Resultat ist oft ein ausgeprägter Campaneo.

Aufgabe einer pferdegerechten Ausbildung ist es daher, diesen Kraftfluss vom Hinterbein bis zum Gebiss zu gewährleisten und so eine gesunde, ausdrucksstarke und zugleich effiziente Bewegung zu ermöglichen.

Von der Show zur Funktion: Die moderne Bewertung des PRE-Gangs

In den letzten Jahrzehnten hat sich der Fokus in der PRE-Zucht und -Ausbildung verschoben. Während die traditionelle Brillanz weiterhin geschätzt wird, rückt die Funktionalität als modernes Reitpferd immer stärker in den Vordergrund. Im Dressurviereck wird ein starker Campaneo heute als Mangel an Durchlässigkeit und Geraderichtung gewertet und führt zu Punktabzug.

Das Zuchtziel ist ein Pferd, das seine natürliche Veranlagung für Erhabenheit und Versammlung mit den biomechanischen Anforderungen des modernen Reitsports verbindet. Es geht darum, die spektakuläre Veranlagung in korrekte, kraftvolle und gesunde Bahnen zu lenken.

Praktische Ansätze im Training: Brillanz fördern, Campaneo minimieren

Ein Reiter kann aktiv dazu beitragen, die natürliche Bewegung seines PRE zu verbessern und übermäßiges Bügeln zu reduzieren. Der Schlüssel liegt in der soliden Grundausbildung.

  1. Fokus auf Losgelassenheit: Nur ein entspanntes Pferd kann seinen Rücken aufwölben und die Schulter frei bewegen.
  2. Aktivierung der Hinterhand: Übungen wie Übergänge, Tempounterschiede und Stangenarbeit fördern den aktiven Schub von hinten.
  3. Geraderichtung als oberstes Gebot: Schultervor, Schulterherein und Traversalen helfen dem Pferd, beide Körperhälften gleichmäßig zu belasten und geradeaus zu fußen.
  4. Ausrüstung überprüfen: Bewegungsfreiheit ist hier das A und O. Ein Reiter sollte daher nicht nur auf korrekte Hilfengebung achten, sondern auch auf die Ausrüstung: Der passende Sattel für barocke Pferde ist entscheidend, um den breiten Schultern und dem oft kurzen Rücken des PRE gerecht zu werden und die Biomechanik nicht zu stören. Ein unpassender Sattel kann die Schulter blockieren und so einen Campaneo provozieren oder verstärken.

![Ein Reiter arbeitet an der Geraderichtung seines PRE, um einen übermäßigen Campaneo zu korrigieren]()

Das Ziel ist nicht, dem PRE seine typische Bewegung „abzutrainieren“, sondern sie zu optimieren und in harmonische, gesunde Bahnen zu lenken.

Fazit: Eine Frage der Balance

Die Bewegung des PRE ist ein faszinierendes Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung, historischer Prägung und moderner Biomechanik. Der Campaneo ist weder pauschal gut noch schlecht – er ist ein Symptom, das uns viel über die Balance, Losgelassenheit und Ausbildung des Pferdes verrät.

Ein moderner, aufgeklärter Reiter lernt, die natürliche Brillanz seines Pferdes zu schätzen und sie durch eine korrekte, gymnastizierende Ausbildung zu veredeln. So entsteht jene einzigartige Harmonie aus Kraft und Eleganz, die das Pura Raza Española zu einem der faszinierendsten Pferde der Welt macht.

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur PRE-Bewegung

Ist jeder PRE ein „Bügler“?

Nein, absolut nicht. Die Ausprägung des Campaneo variiert stark zwischen den einzelnen Blutlinien und Individuen. Viele PRE haben von Natur aus eine sehr gerade und korrekte Bewegung.

Kann man den Campaneo komplett wegtrainieren?

Das hängt von der Ursache ab. Ein durch Verspannung und falsches Reiten verursachter Campaneo kann durch korrektes Training oft deutlich verbessert oder sogar eliminiert werden. Eine starke genetische Veranlagung kann durch Gymnastizierung minimiert, aber selten vollständig beseitigt werden.

Ist eine hohe Knieaktion immer gut?

Nicht zwangsläufig. Eine hohe Aktion ist nur dann positiv, wenn sie aus einer aktiven Hinterhand und einem schwingenden Rücken resultiert und zu einem klaren Raumgriff führt. Eine isolierte, hohe Bewegung ohne Raumgewinn ist oft ein Zeichen von Spannung.

Worauf sollte ich beim Kauf eines PRE bezüglich der Gänge achten?

Achten Sie auf einen klaren und reinen Takt in allen drei Grundgangarten. Beobachten Sie, ob das Pferd den Rücken benutzt und ob die Hinterbeine aktiv unter den Körper schwingen. Ein leichter, unauffälliger Campaneo ist oft weniger problematisch als ein klemmiger Gang mit festem Rücken.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.