Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Positive Spannung vs. negative Verspannung: Die natürliche Ausdrucksstärke des Iberers fördern

Haben Sie jemals ein spanisches Pferd in seiner vollen Pracht erlebt?

Einen Moment, in dem es über den Boden zu schweben scheint – ein Tänzer voller Kraft, Stolz und Anmut. Diese faszinierende Ausstrahlung ist das Ergebnis positiver Körperspannung, einer Energie, die durch den gesamten Körper fließt und jede Bewegung veredelt. Doch der Grat ist schmal: Ein falsches Signal, eine unpassende Hilfe oder ein Moment des Unbehagens genügen, und schon kippt diese beeindruckende Energie in ihr Gegenteil – in eine blockierende, negative Verspannung, die dem Pferd schadet und jede Leichtigkeit zerstört.

Gerade bei den sensiblen iberischen Pferden ist das Verständnis dieses Unterschieds der Schlüssel zu Harmonie und Ausdruck. Dieser Artikel taucht tief in die Biomechanik und Psyche Ihres Pferdes ein und zeigt Ihnen, wie Sie die gewünschte „Spannung“ für ausdrucksstarke Lektionen erzeugen, ohne dass Ihr Pferd in einen Zustand von Stress und Blockade gerät.

Der feine Unterschied: Was ist Spannung wirklich?

Im Reitsport wird der Begriff „Spannung“ oft missverstanden und fälschlicherweise negativ bewertet. Doch ohne eine Grundspannung, den sogenannten Muskeltonus, wäre keine Bewegung möglich. Stellen Sie sich einen Athleten vor, der kurz vor dem Startschuss in den Blöcken kauert – sein Körper ist voller positiver Spannung, bereit zur Explosion. Ein Büroangestellter mit schmerzhaft verspanntem Nacken leidet hingegen unter negativer Spannung.

Genau diese Unterscheidung gilt es, auf das Pferd zu übertragen:

  • Positive Spannung (Tonus): Das ist die grundlegende Muskelaktivität, die für Haltung und Bewegung notwendig ist. Im Training entwickeln wir daraus eine tragfähige Körperspannung, bei der die richtigen Muskelketten aktiviert werden. Das Pferd wirkt wach, energiegeladen und „durchlässig“. Sie ist die Basis für Schwung, Kadenz und Ausdruck.
  • Negative Spannung (Verspannung): Das ist eine unkontrollierte, oft schmerzhafte Kontraktion von Muskeln. Sie entsteht durch Stress, Angst, Schmerz oder Überforderung. Das Pferd blockiert, hält den Rücken fest, klemmt mit dem Schweif und verliert seine Losgelassenheit.

Die wahre Kunst des Reitens besteht darin, erstere zu fördern und letztere zu vermeiden.

Ein Blick unter die Haut: Die Biomechanik der Spannung

Um zu verstehen, wie sich die richtige Spannung fördern lässt, lohnt sich ein Blick auf die Funktionsweise des Pferdekörpers. Hier spielen vor allem die Rücken- und Bauchmuskulatur eine entscheidende Rolle.

Forschungsergebnisse aus der Veterinärmedizin und Bewegungslehre zeigen, dass der lange Rückenmuskel (M. longissimus dorsi) kein primärer Tragemuskel ist. Seine Hauptaufgabe ist die Fortbewegung – die Übertragung der Energie von der Hinterhand nach vorne. Wird er jedoch durch einen unpassenden Sattel, einen unausbalancierten Reiter oder falsches Training gezwungen, das Gewicht passiv zu tragen, verspannt er sich. Die Folge ist ein festgehaltener Rücken, der den Schwung blockiert.

Die Lösung liegt in der Aktivierung der Trageapparatur. Dabei hebt das Pferd seinen Brustkorb zwischen den Schulterblättern an, indem es seine untere Muskelkette – insbesondere die Bauchmuskeln – aktiviert. Dadurch wölbt sich der Rücken auf und kann den Reiter schwingend tragen.

Doch die Biomechanik ist nur eine Seite der Medaille: Die Psyche des Pferdes hat einen ebenso direkten Einfluss auf seinen Körper. Wissenschaftliche Studien belegen, dass Stress zur Ausschüttung von Cortisol führt. Dieses Hormon versetzt den Körper in einen „Kampf-oder-Flucht“-Modus. Die Muskeln spannen sich an, die Wahrnehmung ist eingeschränkt, und an feines, koordiniertes Lernen ist nicht mehr zu denken. Ein Pferd unter Stress kann biomechanisch nicht losgelassen und korrekt arbeiten.

Die häufigsten Ursachen für negative Verspannung beim Iberer

Gerade die intelligenten und feinfühligen iberischen Pferde reagieren schnell auf negative Einflüsse. Achten Sie auf diese typischen Auslöser:

1. Unpassende Ausrüstung

Der Körperbau vieler spanischer Pferde – oft ein kurzer Rücken, eine breite Schulter und eine runde Rippenwölbung – stellt besondere Anforderungen an die Ausrüstung. Ein unpassender Sattel ist eine der Hauptursachen für Schmerz und Abwehrverhalten. Drückt der Sattel auf die empfindliche Schulterpartie oder den langen Rückenmuskel, wird das Pferd instinktiv versuchen, diesem Schmerz auszuweichen, indem es den Rücken wegdrückt und sich verspannt. Ein speziell für diesen Pferdetyp entwickelter barocker Sattel kann hier den entscheidenden Unterschied machen, da er auf eine breite Auflagefläche und maximale Schulterfreiheit ausgelegt ist.

2. Trainingsfehler und Überforderung

Der Wunsch nach schneller Aufrichtung und spektakulären Lektionen führt oft zu falschem Training. Eine zu harte Hand, die das Pferd in eine Form zwingt, ohne die notwendige Kraft aus der Hinterhand zu aktivieren, erzeugt zwangsläufig negative Spannung in Hals, Genick und Rücken. Das Pferd wird „vorne eng“ und „hinten lang“, anstatt den Bogen über den gesamten Körper zu spannen.

3. Mentale Anspannung

Iberer sind oft sehr menschenbezogen und sensibel für die Stimmung ihres Reiters. Ist der Reiter selbst gestresst, unsicher oder ungeduldig, überträgt sich das direkt auf das Pferd. Auch eine laute, unruhige Umgebung oder die Konfrontation mit neuen, beängstigenden Aufgaben kann zu mentalem Stress und damit zu körperlicher Verspannung führen.

Praktische Wege zur positiven Spannung

Die Förderung von positiver Spannung ist ein Prozess, der auf Geduld, Verständnis und korrektem Training basiert. Der Schlüssel liegt darin, dem Pferd den Weg zu zeigen, wie es seinen Körper richtig nutzt.

  • Die Basis ist Losgelassenheit: Bevor Sie an Versammlung oder Ausdruck denken können, muss das Pferd lernen, sich unter dem Reiter mental und körperlich fallen zu lassen. Lesen Sie hier mehr darüber, was Losgelassenheit beim Pferd bedeutet. Lange Aufwärmphasen im Schritt, viele Übergänge und gebogene Linien helfen dabei.
  • Aktivieren Sie den Motor: Die Energie sollte von hinten kommen. Treiben Sie Ihr Pferd fleißig vorwärts in eine weich anstehende Hand. Übungen wie Tempounterschiede in den Gangarten, Schenkelweichen oder Schulterherein fördern die Aktivität der Hinterbeine und regen das Pferd an, unter den Schwerpunkt zu treten.
  • Stärken Sie die Bauchmuskulatur: Nur mit einer starken Körpermitte kann das Pferd den Rücken aufwölben. Stangenarbeit, das Reiten über kleine Cavaletti oder gezieltes Klettern an leichten Hängen sind exzellente Übungen zur Kräftigung der Bauch- und Rumpfmuskulatur.
  • Geben Sie dem Pferd Pausen: Erkennen Sie die Zeichen von Ermüdung oder Überforderung. Eine kurze Pause am langen Zügel, in der das Pferd den Hals fallen lassen und durchatmen kann, wirkt Wunder. Sie erlaubt dem Nervensystem, vom Stressmodus (Sympathikus) in den Erholungsmodus (Parasympathikus) umzuschalten.

FAQ: Häufige Fragen zu Spannung und Verspannung

Woran erkenne ich negative Verspannung bei meinem Pferd?

Achten Sie auf feine Signale: angelegte Ohren, ein festes Maul oder Zähneknirschen, ein hochgetragener Kopf mit Unterhals, ein festgehaltener Rücken, ein klemmender Schweif oder auch Taktunreinheiten. Ein verspanntes Pferd lässt sich schlecht biegen und reagiert oft übertrieben auf Hilfen.

Kann ein Pferd von Natur aus zu viel Spannung haben?

Manche Pferde, insbesondere hoch im Blut stehende Iberer, haben von Natur aus ein höheres Energieniveau und einen höheren Muskeltonus. Dies ist die positive Grundspannung, die wir für den Sport nutzen wollen. Die Kunst des Reiters besteht darin, diese Energie in die richtigen Bahnen zu lenken und zu kanalisieren, anstatt sie durch Druck oder Zwang in negative Verspannung umschlagen zu lassen.

Welche Rolle spielt der Sitz des Reiters?

Eine entscheidende. Ein unausbalancierter, steifer oder klammernder Sitz blockiert die Bewegung des Pferderückens direkt. Nur ein Reiter, der losgelassen und ausbalanciert in der Mittelpositur sitzt, kann dem Pferd die Sicherheit und Freiheit geben, seinen Rücken herzugeben und unter dem Reiter zu schwingen.

Fazit: Vom Tänzer im Herzen zum Athleten unter dem Sattel

Die beeindruckende Präsenz eines iberischen Pferdes ist kein Zufall. Sie entspringt einem harmonischen Zusammenspiel aus mentaler Gelassenheit und biomechanisch korrekter Kraftentfaltung. Positive Spannung ist die Energie, die Ihr Pferd zum Strahlen bringt. Sie entsteht nicht durch Zwang, sondern durch Verständnis, Geduld und ein Training, das Körper und Seele des Pferdes gleichermaßen respektiert.

Indem Sie lernen, die feinen Unterschiede zwischen förderlicher Anspannung und schädlicher Verspannung zu erkennen und Ihr Training darauf auszurichten, öffnen Sie die Tür zu mehr Ausdruck, Leichtigkeit und einer tieferen Partnerschaft mit Ihrem Pferd. Sie helfen ihm, der Tänzer zu sein, der er von Natur aus ist.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.