Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Alta Escuela auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Die Pesade: Mehr als nur der kleine Bruder der Levade
Stellen Sie sich eine elegante Reitvorführung vor: Ein prachtvolles barockes Pferd erhebt sich majestätisch auf die Hinterbeine, verharrt für einen Augenblick in perfekter Balance und setzt sanft wieder ab. War das nun eine Pesade oder eine Levade? Für das ungeübte Auge sind die beiden Lektionen kaum zu unterscheiden, doch in der Welt der Alta Escuela liegen Welten zwischen ihnen – in der Ausbildung, der Muskelarbeit und der Perfektion der Versammlung.
Viele Reiter träumen von diesen spektakulären Lektionen, doch oft fehlt das tiefere Verständnis für die feinen, aber entscheidenden Unterschiede. Dieser Artikel beleuchtet, warum die Pesade weit mehr ist als nur eine Vorstufe zur Levade und welchen unschätzbaren gymnastischen Wert sie für jedes Pferd hat, das in der Versammlung gefördert werden soll.
Was ist eine Pesade? Die Definition der Eleganz
Die Pesade ist eine Lektion der klassischen Reitkunst, bei der das Pferd sein gesamtes Gewicht auf die gebeugten Hinterbeine verlagert und die Vorhand kontrolliert vom Boden abhebt. Der Körper des Pferdes bildet dabei einen Winkel von etwa 45 Grad zum Boden. Entscheidend ist dabei nicht die Höhe, sondern die Qualität der Ausführung: Das Pferd muss im Gleichgewicht bleiben, die Vorderbeine gleichmäßig und elegant anwinkeln und auf eine feine Hilfe des Reiters hin sanft wieder absetzen.
Eine korrekt ausgeführte Pesade ist ein Zeichen von Leichtigkeit, Balance und Vertrauen zwischen Reiter und Pferd. Sie entsteht nicht durch Kraft oder Zug am Zügel, sondern aus einer tiefen Versammlung heraus, bei der die Hinterhand die Last übernimmt und die Vorhand frei wird.
Pesade vs. Levade: Der entscheidende Unterschied liegt im Detail
Obwohl sie ähnlich aussehen, ist die Levade die anspruchsvollere und vollendetere Form der Erhebung. Der Hauptunterschied liegt im Winkel und dem damit verbundenen Grad der Versammlung.
- Die Pesade: Der Körper des Pferdes bildet einen Winkel von ca. 45 Grad zum Boden. Sie ist eine essenzielle Vorübung, um dem Pferd die nötige Kraft, Koordination und das Gleichgewicht für anspruchsvollere Lektionen zu vermitteln.
- Die Levade: Der Winkel zum Boden ist deutlich spitzer und beträgt idealerweise nur 30-35 Grad. Um diesen Winkel zu halten, muss das Pferd seine Hanken extrem beugen und eine immense Kraft in der Hinterhand aufbringen. Die Levade ist der Gipfel der versammelnden Arbeit und erfordert ein Höchstmaß an Tragkraft.
Man kann sich die Pesade als das Fundament vorstellen. Historisch diente sie dazu, das Pferd systematisch auf die extremen Anforderungen der Levade vorzubereiten. Ein direkter Weg zur Levade ohne die kräftigende Wirkung der Pesade ist kaum denkbar und birgt die Gefahr von Überlastung und falschen Bewegungsmustern.
Der gymnastische Wert: Warum die Pesade ein Kraftpaket formt
Die Pesade ist weit mehr als eine Showlektion – sie ist eine der wertvollsten gymnastizierenden Übungen überhaupt. Durch das kontrollierte Aufnehmen des Gewichts auf die Hinterhand werden genau jene Muskelgruppen trainiert, die für eine hohe Versammlung unerlässlich sind.
Primär werden folgende Muskelgruppen gestärkt:
- Die Hankenbeugemuskulatur (ischiocrurale Muskulatur): Diese Muskelgruppe an der Rückseite der Hinterbeine ist der Motor für die Tragkraft.
- Die Bauchmuskulatur: Sie hilft dem Pferd, das Becken abzukippen und den Rücken aufzuwölben, um die Vorhand anzuheben.
- Die Rückenmuskulatur: Sie arbeitet stabilisierend und sorgt für die nötige Balance.
Dieses gezielte Muskeltraining ist die Grundlage für alle anspruchsvollen versammelnden Lektionen. Ein Pferd, das die Prinzipien der Pesade verstanden hat, tut sich auch in Lektionen wie der Piaffe oder Pirouetten leichter. Die Fähigkeit, die Hinterhand aktiv zu beugen und Last aufzunehmen, ist der Schlüssel zu tänzerischer Leichtigkeit in der Dressur.
Der Weg zur korrekten Pesade: Ausbildung mit Geduld und Gefühl
Der wohl größte Fehler in der Ausbildung zur Pesade ist der Versuch, das Pferd mit der Hand „hochzuziehen“. Eine echte Pesade entsteht niemals aus dem Zug am Zügel, sondern immer aus dem Impuls der Hinterhand. Der Reiter gibt lediglich den Rahmen vor und lädt das Pferd ein, sein Gewicht nach hinten zu verlagern.
Der Weg dorthin ist lang und erfordert eine solide Basis:
- Solide Versammlung am Boden: Das Pferd muss in der Lage sein, auf der Stelle zu piaffieren und im Schulhalt die Balance zu finden.
- Gewichtsverlagerung lernen: Das Pferd lernt, auf feinste Hilfen hin mehr Gewicht auf die Hinterbeine zu verlagern, bis die Vorhand spürbar leicht wird.
- Der erste kleine „Hopser“: Aus dieser Leichtigkeit heraus entsteht der erste Ansatz einer Erhebung – oft nur wenige Zentimeter. Dieser Moment muss unbedingt positiv verstärkt werden.
Der Impuls kommt aus dem Pferd, nicht vom Reiter. Es ist ein Angebot des Pferdes, das der Reiter annimmt und formt. Jede Form von Zwang oder mechanischer Einwirkung zerstört das Vertrauen und führt zu einer falschen, auf Kraft basierenden Bewegung statt zu ausbalancierter Eleganz.
Die Rolle der Ausrüstung und des Pferdetyps
Nicht jedes Pferd ist von Natur aus gleich für die Hohe Schule veranlagt. Insbesondere spanische Pferderassen wie der PRE oder der Lusitano bringen oft durch ihren Körperbau – einen kurzen, starken Rücken, eine gut bemuskelte Hinterhand und eine natürliche Fähigkeit zur Versammlung – ideale Voraussetzungen mit.
Doch auch das beste Talent benötigt die richtige Unterstützung. Eine entscheidende Rolle spielt dabei der Sattel. Für Lektionen wie die Pesade, bei der sich der gesamte Bewegungsapparat des Pferdes verändert, ist eine optimale Passform unerlässlich. Der Sattel muss maximale Schulterfreiheit gewähren, damit das Pferd die Vorhand frei anheben kann. Gleichzeitig muss er dem Reiter einen sicheren, ausbalancierten Sitz ermöglichen, um die feinen Gewichtshilfen geben zu können, ohne das Pferd zu stören.
Spezialisierte Hersteller bieten Sattelkonzepte an, die genau auf die Anatomie barocker Pferde und die Anforderungen der Hohen Schule zugeschnitten sind (Partnerhinweis: z.B. Iberosattel). Solche Sättel unterstützen eine korrekte Ausbildung, indem sie dem Pferd die Bewegung erleichtern und dem Reiter ermöglichen, präzise einzuwirken.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur Pesade
Ist die Pesade schädlich für das Pferd?
Nein, im Gegenteil. Korrekt und ohne Zwang ausgebildet, ist die Pesade eine äußerst wertvolle gymnastizierende Übung, die die für die Versammlung wichtige Muskulatur stärkt und die Gelenke der Hinterhand mobilisiert. Schädlich wird es nur bei falschem Training und Überforderung.
Kann jedes Pferd eine Pesade lernen?
Grundsätzlich ja, denn die Bewegung ist Teil des natürlichen Verhaltens (z. B. beim Spielen). Ob ein Pferd sie jedoch unter dem Reiter in Perfektion zeigen kann, hängt stark von seinem Körperbau, seiner Ausbildung und seiner Bereitschaft zur Versammlung ab. Barocke Rassen haben hier oft einen anatomischen Vorteil.
Wie lange dauert es, eine Pesade zu erlernen?
Jahre. Die Pesade ist kein Trick, sondern das Ergebnis einer langen, systematischen und pferdegerechten Ausbildung in der Kunst der Versammlung. Sie steht am Ende eines langen Weges, nicht am Anfang.
Was ist der erste Schritt beim Training?
Der erste und wichtigste Schritt ist eine solide Grundausbildung. Das Pferd muss sicher an den Hilfen stehen und die Anfänge der Versammlung, wie eine korrekte Piaffe oder den Schulhalt, verstanden haben. Erst dann kann man an die Gewichtsverlagerung denken, die zur Pesade führt.
Fazit: Die Pesade als Fundament der Hohen Schule
Die Pesade ist weit mehr als nur eine „kleine Levade“. Sie ist ein eigenständiges Juwel der Reitkunst und ein fundamentaler Baustein für die Gesundheit, Kraft und Ausdruckskraft eines jeden Pferdes, das in der Hohen Schule ausgebildet wird. Sie zu beherrschen, zeugt von einem tiefen Verständnis für Biomechanik, einem geduldigen Ausbildungsweg und einer harmonischen Partnerschaft zwischen Reiter und Pferd.
Wer die feinen Unterschiede zwischen Pesade und Levade erkennt, lernt, die Kunst der klassischen Dressur mit anderen Augen zu sehen – nicht als Zirkuslektion, sondern als den logischen Höhepunkt einer pferdegerechten Gymnastizierung.



