Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Zirkuslektionen auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Pesade oder Levade? Der feine, aber entscheidende Unterschied
Man kennt die Bilder: Ein majestätisches Pferd erhebt sich auf die Hinterbeine, die Vorderbeine elegant angewinkelt, getragen von Kraft und Balance. Momente purer Harmonie, die das Herz jedes Pferdeliebhabers höherschlagen lassen. Oft werden diese Lektionen der Hohen Schule bewundert, doch die feinen Unterschiede bleiben vielen verborgen. Ist das nun eine Pesade oder eine Levade? Die Antwort ist weit mehr als eine akademische Spitzfindigkeit – sie offenbart ein tiefes Verständnis für die Biomechanik, die Gymnastizierung und den langen Weg einer pferdegerechten Ausbildung.
Tauchen Sie mit uns ein in die faszinierende Welt der Lektionen über der Erde und entdecken Sie, warum der Unterschied zwischen Pesade und Levade den wahren Meister der klassischen Reitkunst auszeichnet.
Mehr als nur Steigen: Die Kunst der Erhebungen
Bevor wir ins Detail gehen, ist eine grundlegende Abgrenzung wichtig: Weder die Pesade noch die Levade sind mit unkontrolliertem Steigen zu verwechseln. Während das Steigen oft eine Abwehr- oder Fluchtreaktion ist, bei der das Pferd aus der Balance gerät, sind die Erhebungen der Alta Escuela: Die Hohe Schule der Reitkunst erklärt das Ergebnis jahrelanger, systematischer Ausbildung.
Historisch dienten diese Lektionen nicht der reinen Show. Sie waren der ultimative Test für Gehorsam, Kraft und die Fähigkeit des Pferdes, sein Gewicht vollständig auf der Hinterhand zu tragen. Ein Pferd in der Levade konnte seinen Reiter im Kampf schützen oder über Hindernisse springen. Heute sind sie der sichtbare Beweis für höchste Versammlung und perfekte Gymnastizierung.
Die Levade: Die Krönung der Versammlung
Die Levade gilt als die vollendete Form der Erhebung und als Juwel der Hohen Schule. Sie ist der Inbegriff von Kraft, Balance und absoluter Versammlung.
Was ist eine Levade?
In einer perfekten Levade senkt das Pferd seine Hinterhand extrem ab und hebt die Vorhand, wobei der Winkel zwischen Boden und Körper idealerweise unter 45 Grad, oft sogar bei nur 35 Grad, liegt. Dabei winkelt es seine Vorderbeine dicht am Körper an. Das entscheidende Merkmal: Die Hinterbeine tragen das gesamte Gewicht von Pferd und Reiter. Es findet kein Vorwärts- oder Aufwärtsimpuls mehr statt – die Levade ist ein Moment des reinen, ausbalancierten Haltens.
Der biomechanische Unterschied: Tragen statt Stoßen
Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis: Die Levade entsteht nicht aus einem Stoß, sondern aus extremer Tragkraft. Die Hanken (Hüft- und Kniegelenke) sind maximal gebeugt, die Kruppe ist tief gesenkt. Man kann es sich wie einen Gewichtheber vorstellen, der in der tiefsten Hocke eine schwere Last stabilisiert. Das Pferd trägt sich und den Reiter vollständig auf der gebeugten Hinterhand.
Die Pesade: Der Weg zur Erhabenheit
Die Pesade ist oft eine Vorstufe zur Levade oder eine eigenständige Lektion für Pferde, denen die extreme Hankenbeugung der Levade anatomisch schwerfällt. Sie ist nicht weniger eindrucksvoll, aber biomechanisch anders angelegt.
Was ist eine Pesade?
Bei der Pesade richtet sich das Pferd ebenfalls auf den Hinterbeinen auf, jedoch in einem deutlich steileren Winkel von mehr als 45 Grad zum Boden. Die Vorhand hebt sich höher als bei der Levade. Das Pferd nutzt seine Hinterhand primär, um sich nach oben abzustoßen und die Position für einige Sekunden zu halten. Das Gewicht ruht zwar auf der Hinterhand, doch die Lektion hat eher den Charakter eines kontrollierten Aufrichtens als des reinen Tragens.
Gymnastische Funktion und Ausbildung
Die Pesade ist ein wertvolles Werkzeug, um die Hinterhandmuskulatur zu stärken und das Pferd an das Abheben der Vorhand aus der Versammlung heraus zu gewöhnen. Sie ist sozusagen das „majestätische Aufrichten“, das dem Pferd beibringt, seine Balance in der Vertikalen zu finden. Für viele barocke Pferde: Eleganz und Kraft vereint ist die Pesade aufgrund ihres Körperbaus eine natürlichere und erreichbarere Lektion.
Der Weg ist das Ziel: Von der Piaffe zur Levade
Kein Pferd lernt diese Lektionen über Nacht. Der Weg dorthin ist ein Paradebeispiel für geduldige und pferdegerechte Gymnastizierung. Alles beginnt am Boden und mit den grundlegenden versammelnden Lektionen.
Die absolute Grundlage für jede Erhebung ist die Piaffe: Basis für Versammlung und Lektionen über der Erde. In der Piaffe lernt das Pferd, seine Hanken zu beugen, Last mit der Hinterhand aufzunehmen und den Rücken aufzuwölben. Sie ist die Schule der Tragkraft.
Aus einer korrekten, gesetzten Piaffe entwickelt der Reiter zunächst nur wenige, kurze Tritte, die immer mehr Last auf die Hinterhand bringen. Daraus kann er das Pferd bitten, sich für einen Moment anzuheben – die erste Pesade ist geboren. Nur aus einer über Jahre gefestigten Pesade, in der das Pferd lernt, die Kruppe immer tiefer zu senken, kann sich schließlich die vollendete Levade entwickeln.
Entscheidend sind dabei die Rolle des Reiters und die Ausrüstung. Der Reiter muss mit einem ausbalancierten, unabhängigen Sitz einwirken und darf niemals mit der Hand nach hinten ziehen, um das Pferd „hochzuziehen“. Ein gut sitzender Sattel, der dem Reiter Stabilität gibt und gleichzeitig die nötige Rückenfreiheit für die extreme Aufwölbung gewährleistet, ist dabei unerlässlich. Gerade bei den kurzen, kräftigen Rücken vieler Barockpferde ist dies ein entscheidender Faktor. Erfahren Sie mehr darüber, was der richtige Sattel für barocke Pferde: Worauf es ankommt.
FAQ: Häufige Fragen zu Pesade und Levade
Frage 1: Macht mein Pferd eine Pesade, wenn es beim Anreiten steigt?
Nein. Unkontrolliertes Steigen geschieht aus Abwehr oder Balanceverlust, meist mit steifem Rücken und ohne Lastaufnahme der Hinterhand. Pesade und Levade hingegen entstehen aus der Versammlung und sind ein Zeichen höchster Durchlässigkeit und Kraft.
Frage 2: Kann jedes Pferd eine Levade lernen?
Theoretisch ja, aber die anatomischen Voraussetzungen spielen eine große Rolle. Pferde mit einer von Natur aus starken, gut winkelbaren Hinterhand, wie viele iberische Rassen, haben eine klare Veranlagung für diese Lektionen. Für andere Pferde kann bereits eine korrekte Pesade ein beeindruckendes Ausbildungsziel sein.
Frage 3: Wie lange dauert die Ausbildung bis zur Levade?
Jahre. Die Ausbildung erfordert Geduld, Fachwissen und ein tiefes Verständnis für die Biomechanik des Pferdes. Es ist ein Weg, der über die Perfektionierung von Piaffe und Passage führt und nicht abgekürzt werden kann.
Frage 4: Welche Rolle spielt der Reiter bei der Lektion?
Eine entscheidende, aber subtile. Der Reiter gibt durch eine feine Gewichts- und Schenkelhilfe den Impuls aus der Piaffe und muss dann in perfekter Balance bleiben, um das Pferd nicht zu stören. Die Zügel geben lediglich eine weiche Anlehnung, ziehen aber niemals.
Fazit: Eine Frage des Winkels, der Kraft und der Ausbildung
Der Unterschied zwischen Pesade und Levade ist also subtil, aber von fundamentaler Bedeutung. Er lässt sich auf drei Kernpunkte reduzieren:
- Der Winkel: Die Pesade ist steiler (> 45 Grad), die Levade spitzer (< 45 Grad).
- Die Biomechanik: Die Pesade ist ein kontrolliertes Aufrichten (Stoßkraft), die Levade pures, ausbalanciertes Halten (Tragkraft).
- Das Ausbildungsstadium: Die Pesade ist oft eine Vorübung zur Stärkung, während die Levade die ultimative Perfektion der Versammlung darstellt.
Das Verständnis dieser Unterschiede ermöglicht nicht nur, die Kunst der Hohen Schule in ihrer Gänze wertzuschätzen, sondern schärft auch den Blick für eine korrekte, pferdegerechte Ausbildung. Es ist die Faszination für Gymnastik und Harmonie, die diese Lektionen so zeitlos macht.
Möchten Sie tiefer in die Welt der klassischen Reitkunst eintauchen? Entdecken Sie die Wurzeln und Prinzipien in unserem umfassenden Artikel über die Alta Escuela: Die Hohe Schule der Reitkunst erklärt.



