Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Working Equitation auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Fallstudie: Wie ein passender Sattel die Blockaden meines PRE löste und die Piaffe ermöglichte

Kennen Sie das Gefühl? Sie arbeiten monatelang auf ein Ziel hin, investieren Zeit, Geduld und das Fachwissen guter Ausbilder. Ihr Pferd ist talentiert, intelligent und eigentlich willig. Und doch stoßen Sie immer wieder an dieselbe unsichtbare Wand. Eine Lektion will einfach nicht gelingen, das Pferd scheint zu blockieren, und die Leichtigkeit weicht spürbarer Anspannung. Genau an diesem Punkt stand ich mit meinem Pura Raza Española Wallach Lucero. Unser gemeinsamer Traum – eine ausdrucksstarke Piaffe – schien in unerreichbare Ferne zu rücken.

Was wir damals nicht wussten: Die Lösung lag nicht in mehr Training, sondern in einem Detail, das wir viel zu lange übersehen hatten – dem Sattel. Unsere Geschichte ist ein Plädoyer dafür, genauer hinzusehen und zu verstehen, wie entscheidend die richtige Ausrüstung für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit unserer barocken Pferde ist.

Das Plateau: Wenn Talent auf eine unsichtbare Wand trifft

Lucero war ein echtes Naturtalent. Elegant, bewegungsstark und mit einer angeborenen Fähigkeit zur Versammlung ausgestattet. Die Arbeit an anspruchsvollen Lektionen wie der Piaffe fühlte sich lange wie ein Tanz an. Doch je mehr Kraft und Versammlung wir aufbauten, desto deutlicher wurde ein Problem: Sobald ich ihn aufforderte, auf der Stelle zu treten, wurde sein Rücken fest, die Hinterhand trat nicht mehr unter den Schwerpunkt, und er begann, sich mit kurzen, unwilligen Trippelschritten zu entziehen.

Unsere ersten Vermutungen gingen in die üblichen Richtungen:

  • Trainingsfehler? Wir holten einen zweiten Trainer hinzu, verfeinerten die Hilfengebung, arbeiteten an der Basis. Ohne Erfolg.
  • Gesundheitliche Probleme? Tierarzt und Osteopath untersuchten ihn gründlich. Zwar fanden sie leichte Verspannungen im Rücken- und Schulterbereich, aber keine Ursache, die das massive Stocken erklärte.
  • Mangelnde Kraft? Wir bauten gezielt Muskulatur auf, doch die Blockade blieb.

Die Frustration wuchs. Was wir übersahen, war ein weitverbreitetes Problem. Eine Studie der Universität Zürich (2014) kam zu dem erschreckenden Ergebnis, dass 78 % der untersuchten Sportpferde klinische Anzeichen für Rückenschmerzen im Zusammenhang mit dem Sattel zeigten. Wir waren also nicht allein, aber noch ahnten wir nicht, dass wir Teil dieser Statistik waren.

Die Ursachenforschung: Mehr als nur ein Trainingsproblem

Der entscheidende Hinweis kam von unserer Osteopathin. „Seine Schultermuskulatur ist auffallend verspannt, fast wie bei einem Pferd, das permanent gegen einen Widerstand arbeitet“, erklärte sie. „Schauen Sie sich Ihren Sattel noch einmal ganz genau an. Vielleicht ist er das Problem, auch wenn er auf den ersten Blick gut aussieht.“

Der Verdacht fällt auf den Sattel

Mein Sattel war ein hochwertiges Dressurmodell, das vor zwei Jahren angepasst worden war. Auf dem stehenden Pferd lag er gut. Aber ein Pferd in Bewegung ist etwas völlig anderes. Besonders barocke Pferde wie Lucero verändern durch intensives Training ihre Bemuskelung enorm. Ihr kurzer, kräftiger Rücken und ihre oft breite, muskulöse Schulterpartie stellen besondere Anforderungen an die Ausrüstung. Der Sattel, der einst passte, war durch Luceros positive Muskelentwicklung schlichtweg zu eng geworden.

Die wissenschaftliche Perspektive: Warum Schulterfreiheit entscheidend ist

Um das Problem zu verstehen, muss man einen Blick auf die Biomechanik des Pferdes werfen. Die Schulter eines Pferdes ist nicht durch ein knöchernes Gelenk mit dem Rumpf verbunden, sondern wird von einem komplexen System aus Muskeln, Sehnen und Bändern gehalten. Das ermöglicht eine enorme Bewegungsfreiheit.

Biomechanische Studien belegen, dass sich das Schulterblatt (die Scapula) bei voller Streckung des Vorderbeins um bis zu 10 cm nach hinten bewegen kann. Ein Sattel, dessen Kopfeisen zu eng ist oder dessen Kissen zu weit nach vorne reichen, blockiert diese Bewegung wie eine angezogene Handbremse. Das Pferd kann sein Vorderbein nicht mehr frei nach vorne führen. Die Folgen sind fatal:

  • Verkürzte Tritte und Taktunreinheiten
  • Verspannungen in der gesamten Oberlinie
  • Muskelatrophie hinter dem Schulterblatt
  • Widerstand gegen die Reiterhilfen

Die renommierte Forscherin Dr. Sue Dyson hat in zahlreichen Studien nachgewiesen, dass schon minimale, aber konstante Druckpunkte das Gangbild eines Pferdes signifikant verändern und die korrekte Muskelentwicklung hemmen. Genau das war bei Lucero der Fall. Die Piaffe, eine Lektion, die maximale Beweglichkeit in Schulter und Rücken erfordert, wurde für ihn zu einer schmerzhaften Unmöglichkeit.

Die Lösung: Ein Sattel, der für Bewegung konzipiert ist

Wir zogen einen auf barocke Pferde spezialisierten Sattel-Ergonomen hinzu. Seine Analyse war ernüchternd und erhellend zugleich. Er zeigte uns mittels Druckmessung, dass unser alter Sattel genau auf der beweglichen Schulterpartie den höchsten Druck erzeugte.

Die Lösung war ein komplett anderes Sattelkonzept. Wir entschieden uns für ein Modell, das speziell für den Körperbau von Pferden wie Lucero entwickelt wurde. Die entscheidenden Merkmale waren:

  1. Zurückgeschnittene Schulterpartie: Der Sattelbaum und die Polsterung waren so gestaltet, dass sie der Schulter den nötigen Raum zur Rotation gaben.
  2. Breiter Wirbelsäulenkanal: Um die Dornfortsätze zu entlasten und eine freie Schwingung des Rückens zu ermöglichen.
  3. Große Auflagefläche: Breite, weiche Kissen verteilten mein Gewicht optimal auf dem kurzen Rücken, ohne punktuellen Druck zu erzeugen.

Spezielle Sattelkonzepte, wie sie etwa von Herstellern wie Iberosattel für barocke Pferde entwickelt werden, berücksichtigen genau diese anatomischen Besonderheiten. Es geht nicht nur darum, dass ein Sattel nicht drückt, sondern darum, dass er Bewegung aktiv zulässt und fördert. Die Suche nach dem passenden Sattel ist daher eine der wichtigsten Aufgaben für jeden Besitzer eines barocken Pferdes.

Der Durchbruch: Vom Widerstand zur Leichtigkeit

Das Gefühl beim ersten Reiten mit dem neuen Sattel werde ich nie vergessen. Schon in der Lösungsphase trabte Lucero mit einer neuen Selbstverständlichkeit und einem Raumgriff, den ich lange nicht mehr gespürt hatte. Sein Rücken schwang locker, und er suchte von sich aus die Dehnungshaltung.

Der wahre magische Moment kam, als wir uns wieder an die ersten Tritte der Piaffe wagten. Ich gab eine minimale Hilfe, und statt des gewohnten Widerstands spürte ich, wie sich sein Rücken aufwölbte und die Hinterbeine kraftvoll unter den Körper traten. Die Tritte waren taktrein, erhaben und ausdrucksstark. Es war kein Kampf mehr, es war wieder ein Tanz. Die Blockade war wie weggewischt.

Die Befreiung seiner Schulter hatte eine Kettenreaktion ausgelöst: Der Rücken konnte frei schwingen, die Hinterhand aktiv werden und die gesamte Energie fließen. Lucero war nicht unwillig gewesen – er hatte Schmerzen und uns auf seine Art zu verstehen gegeben, dass etwas nicht stimmte.

Fazit: Eine Lektion über das Zuhören

Luceros Geschichte hat mir eine der wichtigsten Lektionen im Reiterleben gelehrt: Viele Probleme, die wir als Ungehorsam oder Trainingsschwäche interpretieren, haben eine physische Ursache. Unsere Pferde kommunizieren ständig mit uns – durch Anspannung, einen klemmenden Gang oder Zögern. Unsere Aufgabe ist es, zuzuhören und die richtigen Fragen zu stellen.

Ein passender Sattel ist kein Luxus, sondern die Grundlage für ein gesundes, leistungsbereites und glückliches Reitpferd. Er ist das wichtigste Bindeglied zwischen Reiter und Pferd. Wenn Sie also an einem Trainingsplateau stehen, werfen Sie einen kritischen Blick auf Ihre Ausrüstung. Vielleicht wartet auch auf Sie ein Durchbruch, der Ihr Pferd und Ihre gemeinsame Reise transformiert.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Woran erkenne ich, dass mein Sattel die Schulter blockiert?

Achten Sie auf feine Anzeichen: Ihr Pferd stolpert häufig, hat Schwierigkeiten in Wendungen, verkürzt die Tritte oder wehrt sich gegen die Dehnungshaltung. Auch trockene Stellen im Schweißbild direkt hinter dem Schulterblatt nach der Arbeit können ein Hinweis sein, da dort der Sattel so stark drückt, dass die Schweißdrüsen blockiert werden.

Wie oft sollte man die Sattelpassform überprüfen lassen?

Da sich die Muskulatur eines Pferdes durch Training, Alter und Fütterung ständig verändert, sollte die Passform mindestens einmal pro Jahr von einem qualifizierten Fachmann überprüft werden. Bei jungen Pferden im Aufbau oder während intensiver Trainingsphasen kann auch eine halbjährliche Kontrolle sinnvoll sein.

Reicht ein spezielles Pad aus, um Passformprobleme zu korrigieren?

Korrekturpads können kleinere Ungleichgewichte vorübergehend ausgleichen, sind aber keine Dauerlösung für einen grundsätzlich unpassenden Sattel. Ein Pad kann den Druck niemals vollständig nehmen, sondern verteilt ihn nur um. Eine blockierte Schulter lässt sich durch ein Pad nicht befreien; oft wird das Problem sogar verschlimmert, da der Sattel noch enger wird.

Sind alle „Barocksättel“ automatisch für barocke Pferde geeignet?

Nein, der Begriff „Barocksattel“ ist nicht geschützt. Die Bezeichnung bezieht sich oft nur auf die äußere Optik. Entscheidend ist der innere Aufbau: der Sattelbaum, die Form der Kissen und die Freiheit für die Schulter. Achten Sie auf Hersteller, die sich auf die Anatomie barocker Pferdetypen spezialisiert haben und individuelle Anpassungen anbieten.

Ob Sie an anspruchsvollen Lektionen arbeiten, die Vielseitigkeit Ihres Pferdes in der Working Equitation entdecken oder einfach nur entspannt im Gelände unterwegs sein möchten – die Grundlage bleibt immer ein schmerzfreier, beweglicher Pferderücken.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.