Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Doma Vaquera auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Paso de Costado: Mehr als eine Lektion – Das Schweizer Taschenmesser der Vaqueros
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen auf Ihrem Pferd vor einem Weidetor. Sie lehnen sich vor, um den Riegel zu öffnen – doch Ihr Pferd weicht zurück. Sie versuchen es erneut, aber diesmal tritt es einen Schritt nach vorn. Das einfache Öffnen des Tores wird zu einem frustrierenden Tauziehen. Stellen Sie sich nun einen spanischen Vaquero vor: Mit kaum sichtbaren Hilfen lässt er sein Pferd seitlich am Tor entlanggleiten. Es hält die Position, während er den Riegel öffnet, und schiebt das Tor anschließend mit der Schulter auf. Was wie Magie aussieht, ist das Ergebnis eines fundamentalen Werkzeugs: des Paso de Costado, des Seitwärtstretens.
Diese Lektion ist weit mehr als eine gymnastizierende Übung für das Dressurviereck. In der Arbeitsreitweise, der Doma Vaquera, gilt sie als unverzichtbares Manöver, das über Effizienz und Sicherheit bei der täglichen Arbeit entscheidet. Sie ist der lebende Beweis dafür, dass Funktionalität und Kontrolle im Vordergrund stehen – nicht allein die Ästhetik.
Anwendungsfall 1: Das Weidetor – Die ultimative Gehorsamsprüfung
Das Öffnen und Schließen eines Tores vom Pferderücken aus gehört zu den grundlegendsten Fähigkeiten eines Arbeitspferdes und ist ein Paradebeispiel für die praktische Anwendung des Seitwärtstretens. Wie kaum eine andere Aufgabe demonstriert diese Übung die Durchlässigkeit, den Gehorsam des Pferdes und die feine Kontrolle des Reiters.
Der Prozess ist eine komplexe Choreografie aus Vorwärts-, Rückwärts- und Seitwärtsbewegungen. Der Reiter nähert sich dem Tor parallel und positioniert sein Pferd mit einer feinen Seitwärtshilfe exakt neben dem Griff. Dabei muss das Pferd ruhig und gelassen verharren, während der Reiter den Riegel betätigt. Ist das Tor entriegelt, wird es oft mit einer leichten Vorwärts-Seitwärts-Bewegung der Pferdeschulter aufgeschoben. Beim Hindurchreiten und Schließen wiederholt sich dieses Zusammenspiel, bei dem das Pferd Vor- und Hinterhand nahezu unabhängig voneinander bewegen muss. Diese Aufgabe ist ein zentraler Bestandteil in Prüfungen der Working Equitation und zeigt, wie tief die Tradition der Vaqueros in modernen Reitdisziplinen verwurzelt ist.
Anwendungsfall 2: Die Arbeit an der Rinderherde – Präzision unter Druck
In der Arbeit mit Rindern (ganado) entfaltet der Paso de Costado sein volles Potenzial. Hier geht es nicht um langsame, formvollendete Bewegungen, sondern um schnelle, instinktive Reaktionen. Ein Reiter muss sein Pferd blitzschnell seitwärts bewegen können, ohne große Zügelhilfen – vor allem aus dem Sitz und mit den Beinen.
Wofür ist das entscheidend?
- Blockieren eines Tieres: Wenn ein Kalb oder eine junge Kuh aus der Herde auszubrechen droht, muss der Reiter sein Pferd wie eine bewegliche Wand positionieren. Ein schneller Schritt seitwärts schließt die Lücke, ohne die restliche Herde zu beunruhigen.
- Sortieren und Separieren: Um ein einzelnes Tier aus der Gruppe zu treiben, muss der Reiter sein Pferd parallel zur Flanke des Rindes halten. Mit feinen seitlichen Anpassungen kann er das Tier in die gewünschte Richtung lenken.
- Position halten: An der Herde entlangzureiten, ohne sie aufzuschrecken oder zu überholen, erfordert die Fähigkeit, das Tempo exakt anzupassen und gleichzeitig den Abstand seitlich zu korrigieren.
Diese Manöver fordern vom Pferd ein Höchstmaß an Reaktionsfähigkeit und Durchlässigkeit, denn es muss den Hilfen des Reiters vertrauen und sie ohne Zögern umsetzen.
Was das Pferd dafür braucht: Physis und Ausrüstung
Ein fließender Paso de Costado ist nicht nur eine Frage des Trainings, sondern auch der körperlichen Voraussetzungen und der passenden Ausrüstung. Gerade die oft kompakt gebauten spanischen Pferde mit ihrer natürlichen Versammlungsbereitschaft bringen viel Talent für diese Lektion mit, doch die physischen Anforderungen sind enorm.
Für fließende Seitwärtsgänge benötigt das Pferd eine freie Schulter, einen starken Rücken und die Fähigkeit, die Beine weit zu überkreuzen. Ein schlecht sitzender Sattel kann hier verheerende Folgen haben: Wenn er die Schulter einklemmt oder den Rücken blockiert, wird die Bewegung schmerzhaft und eingeschränkt. Das Pferd wird sich widersetzen, Taktfehler entwickeln oder die Lektion sogar ganz verweigern.
Die körperlichen Besonderheiten barocker Pferdetypen – oft ein kurzer Rücken, eine breite Schulter und ein runder Rippenbogen – stellen besondere Ansprüche an die Passform. Ein moderner, speziell für diese Pferde entwickelter Sattel ist daher unerlässlich. Er muss eine große Auflagefläche bieten, um das Reitergewicht optimal zu verteilen, und gleichzeitig maximale Schulterfreiheit gewährleisten. Nur so kann das Pferd sein athletisches Potenzial voll entfalten und langfristig gesund bleiben.
Partnerhinweis: Hersteller wie Iberosattel haben sich auf Sattelkonzepte spezialisiert, die genau auf die Anatomie barocker Pferde zugeschnitten sind und die für anspruchsvolle Lektionen wie den Paso de Costado notwendige Bewegungsfreiheit fördern.
FAQ – Häufige Fragen zum Paso de Costado in der Praxis
Ist Seitwärtstreten das Gleiche wie Schenkelweichen?
Nein. Beim Schenkelweichen ist das Pferd entgegen der Bewegungsrichtung gestellt und nur leicht gebogen. Beim korrekten Seitwärtstreten (Traversale) ist das Pferd in Bewegungsrichtung gestellt und gebogen, was eine höhere Versammlung erfordert und gymnastisch wertvoller ist. In der Praxis der Vaqueros verschwimmen die Grenzen jedoch oft zugunsten der Funktionalität.
Kann jedes Pferd das lernen?
Grundsätzlich ja. Jedes Pferd kann lernen seitwärts zu treten. Rassen wie der PRE oder Lusitano haben jedoch oft eine natürliche Veranlagung für hohe Versammlung und seitliche Geschmeidigkeit, die ihnen das Erlernen erleichtert.
Wie fange ich mit dem Training am besten an?
Am einfachsten beginnt man das Training vom Boden aus. Bringen Sie Ihrem Pferd bei, auf leichten Druck an der Flanke mit der Hinterhand zu weichen. Vom Sattel aus startet man oft am effektivsten an einer Bande oder einem Zaun, um die Vorwärtsbewegung zu begrenzen und dem Pferd die seitliche Richtung verständlich zu machen.
Welche Rolle spielen die Zügelhilfen?
In der Doma Vaquera ist das Ziel, mit minimalen Zügelhilfen zu reiten. Der Impuls für das Seitwärtstreten kommt primär aus dem Sitz und den Beinen des Reiters. Die Zügel geben nur den Rahmen vor, begrenzen die Schulter und unterstützen die Stellung, sie treiben aber nicht.
Fazit: Eine Brücke zwischen Tradition und modernem Reitsport
Der Paso de Costado ist mehr als nur eine Dressurlektion. Er ist ein fundamentales Werkzeug, das die Essenz der Arbeitsreitweise verkörpert: die perfekte Harmonie zwischen Reiter und Pferd im Dienste einer praktischen Aufgabe. Er schult den Gehorsam, fördert die Gymnastik des Pferdes und beweist, dass wahre Reitkunst im Detail und in der Funktionalität liegt.
Ob am Weidetor, an der Rinderherde oder als anspruchsvolle Übung im Trail-Parcours der Working Equitation – das Seitwärtstreten zeigt eindrucksvoll, wie die jahrhundertealte Tradition der Vaqueros bis heute lebendig ist und den modernen Reitsport bereichert. Es ist jene stille Sprache zwischen Reiter und Pferd, die einen einfachen Ritt in eine meisterhafte Leistung verwandelt.



