
Natürliche Schiefe beim Pferd: Warum eine Seite immer steifer ist und wie Sie es korrigieren
Natürliche Schiefe beim Pferd: Warum eine Seite immer steifer ist und wie Sie sie korrigieren
Fühlt es sich manchmal so an, als ob Sie zwei verschiedene Pferde reiten? Auf der einen Hand gelingt die Biegung fast von allein, Ihr Pferd ist geschmeidig und wendig. Auf der anderen Hand fühlt es sich steif an, drängt nach außen und die Lektionen werden zum Kraftakt. Seien Sie beruhigt: Dieses Gefühl kennt fast jeder Reiter. Dahinter steckt kein Fehler in Ihrer Reitweise, sondern ein fundamentales Prinzip der Pferde-Biomechanik – die natürliche Schiefe.
Besonders bei kompakten, muskulösen Pferden wie dem PRE oder Lusitano kann diese angeborene Händigkeit zu deutlichen Problemen führen, wenn sie ignoriert wird. Doch mit dem richtigen Wissen und gezieltem Training helfen Sie Ihrem Pferd, zu einem ausbalancierten Athleten zu werden, der auf beiden Seiten gleichermaßen durchlässig und stark ist.
Was genau ist die natürliche Schiefe? Ein Blick in die Biomechanik
Stellen Sie sich vor, Sie müssten plötzlich alles mit Ihrer „schwachen“ Hand schreiben. Es wäre mühsam, unkoordiniert und anstrengend. Ihrem Pferd geht es nicht anders. Die Wissenschaft geht davon aus, dass rund 90 % aller Pferde von Natur aus „Linkshänder“ sind. Das bedeutet, sie sind auf der linken Seite hohl und auf der rechten eher steif.
Diese Schiefe entsteht bereits im Mutterleib und verfestigt sich nach der Geburt. Sie hat weitreichende Folgen für den gesamten Bewegungsapparat:
- Hohle Seite (meist links): Die Muskulatur ist hier verkürzt und eher versammelt. Dem Pferd fällt es leicht, sich auf dieser Seite zu biegen, oft sogar zu überbiegen. Es tritt mit dem inneren Hinterbein leicht am Schwerpunkt vorbei.
- Steife Seite (meist rechts): Die Muskulatur ist hier gedehnt, aber unnachgiebig. Das Pferd wehrt sich gegen die Biegung, drängt mit der Schulter nach außen und trägt sich weniger mit dem äußeren Hinterbein. Man spricht hier auch von der Zwangs- oder Dehnungsseite.
[image: Ein PRE-Pferd in einer Biegung, das die Muskeldehnung auf der Außenseite zeigt]
Die zwei Seiten der Medaille: Hohlheit und Steifheit erkennen
Um die Schiefe zu korrigieren, müssen Sie zunächst verstehen, wie sich die beiden Seiten im Training anfühlen und äußern.
Die hohle Seite: Trügerische Leichtigkeit
Auf den ersten Blick fühlt sich die hohle Seite oft wie die „gute“ an: Das Pferd biegt sich willig, Volten fühlen sich rund an. Doch diese Nachgiebigkeit ist oft nur eine Ausweichbewegung.
Typische Anzeichen der hohlen Seite:
- Das Pferd überbiegt sich im Hals.
- Es fällt auf die innere Schulter und macht den Zirkel kleiner.
- Der Reiter hat das Gefühl, „ins Leere zu sitzen“.
- Das innere Hinterbein tritt nicht unter den Schwerpunkt, sondern daneben.
Die steife Seite: Der spürbare Widerstand
Auf der steifen Seite zeigt sich der Trainingsbedarf viel deutlicher. Hier geht es darum, die lange, feste Muskulatur zu mehr Dehnung und Nachgiebigkeit zu bewegen.
Typische Anzeichen der steifen Seite:
- Das Pferd stellt sich schlecht oder verwirft sich im Genick.
- Es drängt mit der äußeren Schulter stark nach außen (Zirkel wird größer).
- Der Reiter muss den inneren Zügel stärker annehmen und den inneren Schenkel vermehrt einsetzen.
- Die Anlehnung fühlt sich fest und unnachgiebig an.
Warum gerade Barockpferde von der Geraderichtung profitieren
Spanische und barocke Pferde sind für ihren kompakten Körperbau, ihre Kraft und ihre hohe Versammlungsbereitschaft bekannt. Genau diese Merkmale machen die Arbeit an der Geraderichtung so essenziell. Eine unbehandelte Schiefe kann bei diesen Rassen schneller zu Problemen führen:
- Ungleiche Bemuskelung: Die starke Muskulatur entwickelt sich asymmetrisch, was zu Verspannungen führt.
- Belastung der Gelenke: Das Pferd belastet die Gliedmaßen auf der steifen Seite stärker, was langfristig zu Verschleiß führen kann.
- Probleme in der Versammlung: Ein schiefes Pferd kann nicht gerade unter den Schwerpunkt treten und sich somit nicht korrekt versammeln – eine Voraussetzung für Lektionen der Hohen Schule der Reitkunst: Eine Einführung.
- Sattelprobleme: Ein schiefes Pferd führt unweigerlich zu einem schief rutschenden Sattel, weil die Muskulatur auf der hohlen Seite weniger ausgeprägt ist, während die kräftigere Schulter der steifen Seite den Sattel zur Seite drückt.
[image: Detailaufnahme eines gut sitzenden Sattels auf einem barocken Pferderücken]
Ein rutschender Sattel ist oft ein Symptom der Schiefe, nicht allein ein Problem der Sattelpassform. Dennoch ist eine stabile Grundlage entscheidend. Werfen Sie einen Blick auf Der passende Sattel für PRE und Co., um zu verstehen, worauf es bei der Passform ankommt. Spezialisierte Hersteller wie Iberosattel entwickeln Sättel mit breiter Auflagefläche, die gerade bei muskulösen Barockpferden helfen, den Druck gleichmäßig zu verteilen und so die Geraderichtung zu unterstützen.
Der Weg zum geraden Pferd: Praktische Übungen
Geraderichtung bedeutet nicht, das Pferd wie ein starres Brett zu reiten. Das Ziel ist Gymnastizierung – das Pferd soll auf beiden Seiten gleich dehnungs- und tragfähig werden. Der Leitsatz lautet:
Biegen Sie Ihr Pferd auf der steifen Seite und richten Sie es auf der hohlen Seite gerade.
Übung 1: Die hohle Seite dehnen
Auf der hohlen Seite geht es darum, die Kontrolle über die äußere Schulter zu gewinnen und das Pferd an den äußeren Zügel herantreten zu lassen.
- Große Linien reiten: Reiten Sie große Zirkel und lange Schlangenlinien. Vermeiden Sie enge Wendungen, die das Pferd einladen, über die innere Schulter zu fallen.
- Konterstellung und Schultervor: Leichte Konterstellung auf gerader Linie oder das Reiten im Schultervor helfen, die äußere Schulter zu „rahmen“ und die verkürzte Muskulatur sanft zu dehnen.
- Fokus auf den äußeren Zügel: Führen Sie das Pferd mit dem äußeren Zügel und begrenzen Sie die Biegung mit dem inneren.
Übung 2: Die steife Seite biegen
Auf der steifen Seite ist das Ziel, die lange, feste Muskulatur zur Dehnung zu motivieren.
- Volten und Zirkel verkleinern: Beginnen Sie auf einem großen Zirkel und verkleinern Sie ihn langsam. Achten Sie darauf, dass Ihr Pferd nicht über die äußere Schulter entweicht.
- Schenkelweichen: Diese Lektion ist ideal, um das innere Hinterbein zu aktivieren und die äußere Seite zu dehnen.
- Übertreten lassen: Auf dem Zirkel oder an der Bande das Pferd immer wieder einige Tritte seitwärts treten lassen, um die Rippenpartie zu mobilisieren.
Diese Übungen sind nicht nur in der klassischen Dressur relevant, sondern bilden auch die Grundlage für Disziplinen wie die Was ist Working Equitation?, wo Wendigkeit und Gleichgewicht entscheidend sind.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur natürlichen Schiefe
Ist mein Pferd das einzige mit diesem Problem?
Nein, absolut nicht. Die natürliche Schiefe ist ein universelles Merkmal bei Pferden. Sie ist keine Krankheit, sondern eine biomechanische Gegebenheit, die man durch Training positiv beeinflussen kann.
Kann man die natürliche Schiefe vollständig „heilen“?
Das Ziel ist nicht die Heilung, sondern die Gymnastizierung. Ein rechtshändiger Mensch wird auch durch Training nicht zum perfekten Linkshänder. Aber er kann lernen, seine linke Hand viel geschickter einzusetzen. Genauso wird Ihr Pferd immer eine bevorzugte Seite haben, aber durch konsequentes Training kann es lernen, auf beiden Seiten gleichermaßen geschmeidig und stark zu sein.
Wie lange dauert es, ein Pferd geradezurichten?
Die Geraderichtung ist keine Lektion, die man einmal lernt und dann abhakt. Sie ist ein lebenslanger Prozess und ein zentraler Bestandteil der Skala der Ausbildung. Erste Erfolge sehen Sie oft schon nach wenigen Wochen konsequenten Trainings, aber die Verfeinerung dauert Jahre.
Kann falsches Training die Schiefe verschlimmern?
Ja. Wenn ein Reiter die Schiefe ignoriert und beispielsweise auf der hohlen Seite immer nur enge Wendungen reitet, weil sie sich „leicht“ anfühlen, verstärkt er die Asymmetrie. Bewusstes Training beider Körperhälften ist der Schlüssel.
Fazit: Geduld und Konsequenz als Schlüssel zum Erfolg
Die Auseinandersetzung mit der natürlichen Schiefe ist eine der lohnendsten Aufgaben in der Pferdeausbildung. Sie erfordert vom Reiter Geduld, Gefühl und ein tiefes Verständnis für die Bewegungsabläufe seines Pferdes. Anstatt sich über die „steife“ Seite zu ärgern, sollten Sie sie als Chance begreifen: eine Einladung, Ihr Pferd zu einem gesünderen, ausgeglicheneren und leistungsfähigeren Partner zu machen.
Jede korrekt gerittene Biegung, jeder gerade Takt und jede fließende Wendung sind Schritte auf dem Weg zu wahrer Harmonie – auf beiden Händen.



