Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Die natürliche Schiefe gezielt korrigieren: Übungen zur Geraderichtung für das kompakte Barockpferd

Kennen Sie das Gefühl?

Auf der einen Hand gelingen Ihnen Wendungen und Lektionen wie von selbst. Ihr Pferd ist geschmeidig, reagiert auf feinste Hilfen, und Sie fühlen sich wie eine Einheit. Doch auf der anderen Hand fühlt es sich an, als ritten Sie gegen eine unsichtbare Wand. Der Zügel ist schwerer, die Biegung mühsam, und die Harmonie scheint wie verflogen. Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gerade die „natürliche Schiefe“ Ihres Pferdes hautnah erlebt.

Dieses Phänomen ist so normal wie die Tatsache, dass die meisten Menschen Rechts- oder Linkshänder sind. Doch gerade bei den majestätischen Barockpferden wie PRE, Lusitano oder Friese kann diese angeborene Asymmetrie zu einer echten Herausforderung werden. Ihr kompakter, kraftvoller Körperbau macht sie zwar zu den beeindruckenden Erscheinungen, die wir so lieben, verzeiht Dysbalancen jedoch weniger leicht als ein langrückiges Pferd.

In diesem Artikel tauchen wir in das Konzept der Geraderichtung ein. Wir erklären, warum sie für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit Ihres Barockpferdes von zentraler Bedeutung ist, und zeigen Ihnen praktische Übungen, mit denen Sie Ihr Pferd systematisch in die Balance bringen.

Was ist die natürliche Schiefe überhaupt?

Jedes Pferd wird mit einer natürlichen Schiefe geboren. Ähnlich wie unsere Händigkeit ist dies eine angeborene Asymmetrie in Bemuskelung und Koordination. In der Regel hat ein Pferd eine „hohle Seite“, zu der es sich leichter biegen lässt, und eine „steife“ oder „lange“ Seite.

Die Folgen dieser Asymmetrie zeigen sich deutlich:

  • Ungleicher Schub: Das Hinterbein der steifen Seite schiebt tendenziell stärker nach vorne und leicht zur Seite, während das Hinterbein der hohlen Seite weniger Schub entwickelt und eher unter den Körper tritt.
  • Ungleiche Last: Um diese Dysbalance auszugleichen, belastet das Pferd eine Schulter – meist die der hohlen Seite – stärker. Es wird sozusagen zum „Schulter-Vierradantrieb“ auf der einen Seite und zum „Hinterhand-Antrieb“ auf der anderen.

Für ein Fluchttier in der Wildbahn ist das kein Problem. Für ein Reitpferd, das zusätzlich das Gewicht des Reiters tragen und Lektionen ausführen soll, kann diese einseitige Belastung jedoch schnell zu Verspannungen, vorzeitigem Verschleiß und Rittigkeitsproblemen führen.

Warum ist Geraderichtung bei Barockpferden so entscheidend?

Beim PRE oder Lusitano mit seinem von Natur aus kompakten Exterieur kommt diese Schiefe besonders stark zum Tragen. Ihr kurzer Rücken bietet weniger Raum für Kompensation, sodass eine schiefe Haltung – anders als bei einem langrückigeren Pferd – direkter zu einer Überlastung der Vorhand führt.

Die Konsequenzen sind gravierend, denn Gelenke, Sehnen und Bänder werden dadurch ungleichmäßig belastet. Ohne gezieltes geraderichtendes Training riskieren wir nicht nur mangelnde Durchlässigkeit und Taktfehler, sondern langfristig auch gesundheitliche Probleme. Geraderichtung ist also keine reine Dressur-Schikane, sondern aktive Gesundheitsvorsorge.

Anzeichen der Schiefe: Worauf Sie achten sollten

Die natürliche Schiefe zeigt sich im Alltag auf vielfältige Weise. Wenn Ihnen einige der folgenden Punkte bekannt vorkommen, ist geraderichtendes Training der Schlüssel zum Erfolg:

  • Ihr Pferd lässt sich auf einer Hand deutlich schlechter biegen und stellen.
  • In Wendungen drängt es über die äußere Schulter nach außen oder fällt auf die innere Schulter.
  • Der Galopp fällt auf einer Hand schwerer oder Ihr Pferd springt häufig in den Kreuzgalopp.
  • Sie haben das Gefühl, einen Zügel ständig annehmen zu müssen, während der andere „durchfällt“.
  • Ihr Sattel rutscht beim Reiten konstant zu einer Seite. Dies kann ein klares Indiz für eine ungleiche Bemuskelung oder eine schiefe Trageweise sein und sollte daher unbedingt überprüft werden. Manchmal sind speziell für Barockpferde entwickelte Sättel eine gute Lösung, um mehr Stabilität zu gewährleisten.

Der Weg zur Balance: Grundprinzipien der Geraderichtung

Viele Reiter missverstehen den Begriff „Geraderichtung“. Es geht nicht darum, das Pferd wie ein Lineal schnurgerade zu machen. Ein Pferd gilt als geradegerichtet, wenn es sich auf geraden wie auf gebogenen Linien ausbalanciert bewegen kann, mit beiden Hinterbeinen gleichmäßig Schub erzeugt und das Reitergewicht auf alle vier Beine verteilt.

Das Ziel ist es, die Hinterbeine so zu aktivieren, dass sie exakt in die Spur der Vorderbeine treten. Dadurch wird die schwächere Hinterhand gekräftigt, die überlastete Schulter entlastet und eine symmetrische Bemuskelung aufgebaut. Das Pferd lernt, seinen Rumpf zu tragen und sich aus der Hinterhand aufzurichten – die Grundlage für echte Versammlung und Leichtigkeit.

Praktische Übungen zur Geraderichtung

Die gute Nachricht ist: Geraderichtung lässt sich trainieren! Geduld und Konsequenz sind hier wichtiger als spektakuläre Lektionen. Integrieren Sie die folgenden Übungen regelmäßig in Ihr Training, um die Balance Ihres Pferdes nachhaltig zu verbessern.

Schulterherein: Der Alleskönner

Das Schulterherein ist eine der wertvollsten Lektionen überhaupt. Es veranlasst das innere Hinterbein, vermehrt unter den Schwerpunkt zu treten und Last aufzunehmen. Gleichzeitig wird die äußere Schulter freier und die Muskulatur der steifen Seite gedehnt. Beginnen Sie im Schritt an der langen Seite und fordern Sie nur wenige Tritte am Stück. Qualität geht hier klar vor Quantität.

Schenkelweichen: Die diagonale Gymnastik

Beim Schenkelweichen lernt das Pferd, mit den Hinterbeinen die Vorderbeine zu kreuzen. Diese diagonale Bewegung löst die Muskulatur, verbessert die Koordination und fördert das seitliche Übertreten des inneren Hinterbeins – ein wichtiger Baustein, um die steife Seite geschmeidiger zu machen.

Zirkel und Volten reiten

Klingt simpel, ist aber extrem effektiv. Achten Sie auf großen, sauber gerittenen Zirkeln darauf, dass Ihr Pferd nicht über die äußere Schulter davonläuft. Verkleinern Sie den Zirkel zu einer Volte, um die Biegung und die Aktivität des inneren Hinterbeins zu verstärken. Achten Sie darauf, dass Ihr Pferd im Takt bleibt und sich nicht mit dem Kopf nach innen „verbiegt“. Die Biegung sollte durch den ganzen Körper gehen.

Übergänge reiten

Häufige Übergänge zwischen den Gangarten (z. B. Schritt-Trab, Trab-Galopp) oder innerhalb einer Gangart (z. B. Arbeitstrab-Mitteltrab) sind exzellente Kraftübungen für die Hinterhand. Jeder Übergang erfordert ein kurzes Schließen des Pferdes und aktiviert die Rumpf- und Rückenmuskulatur. Dies ist ein zentrales Element in der klassischen Dressur mit barocken Pferden.

FAQ – Häufig gestellte Fragen zur Geraderichtung

Ist jedes Pferd von Natur aus schief?

Ja, absolut jedes. Die Ausprägung kann variieren, aber eine gewisse angeborene Händigkeit ist bei allen Pferden vorhanden. Es ist keine Schwäche, sondern eine natürliche Eigenschaft, mit der wir im Training umgehen müssen.

Wie lange dauert es, ein Pferd geradzurichten?

Geraderichtung ist kein Ziel, das man einmal erreicht und dann abhakt. Es ist ein kontinuierlicher Prozess und ein zentraler Bestandteil der gesamten Ausbildungsskala. Erste Verbesserungen spüren Sie oft schon nach wenigen Wochen konsequenten Trainings, aber die Verfeinerung dauert ein Pferdeleben lang.

Kann ich mein Pferd auch ohne Trainer geraderichten?

Die Grundlagen können Sie sich selbst erarbeiten. Ein geschultes Auge vom Boden aus ist jedoch von unschätzbarem Wert. Ein guter Reitlehrer erkennt feine Dysbalancen, korrigiert Ihren Sitz und hilft Ihnen, die Übungen korrekt auszuführen, bevor sich Fehler einschleichen.

Mein Pferd wehrt sich gegen die Übungen auf seiner steifen Seite. Was soll ich tun?

Widerstand kann viele Ursachen haben. Oft liegt es daran, dass die Übung für die untrainierte Muskulatur anstrengend ist. Gehen Sie einen Schritt zurück, fordern Sie weniger und loben Sie jeden kleinen Fortschritt. Schließen Sie aber auch immer gesundheitliche Probleme oder unpassende Ausrüstung als Ursache aus.

Fazit: Ein gerades Pferd ist ein gesundes und glückliches Pferd

Die Arbeit an der Geraderichtung ist eine der lohnendsten Investitionen in die Beziehung zu Ihrem Pferd. Sie verbessern nicht nur die Rittigkeit und die Qualität der Lektionen, sondern legen vor allem den Grundstein für ein langes, gesundes und schmerzfreies Leben als Reitpferd. Gerade für die kompakten Kraftpakete unter den Barockpferden ist diese gymnastizierende Arbeit unerlässlich.

Betrachten Sie die Geraderichtung nicht als lästige Pflicht, sondern als tägliche Gesundheitsgymnastik, die Ihr Pferd stärkt, löst und ihm hilft, sein volles Potenzial unter dem Sattel zu entfalten. Die so gewonnene Harmonie und Leichtigkeit ist die schönste Belohnung für Ihre Geduld und Konsequenz. Die Fähigkeit, ein Pferd beidseitig geschmeidig zu arbeiten, ist auch eine der Grundlagen für Disziplinen wie die Working Equitation, in der Wendigkeit und Balance entscheidend sind.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.