Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Mythos Campaneo: Ist das „Bügeln“ bei spanischen Pferden ein Schönheitsfehler oder biomechanische Eigenheit?

Mythos Campaneo: Ist das „Bügeln“ bei spanischen Pferden ein Schönheitsfehler oder biomechanische Eigenheit?

Stellen Sie sich vor, Sie beobachten einen Pura Raza Española (PRE) auf der Weide oder bei der Präsentation. Er trabt auf Sie zu – eine Erscheinung voller Stolz, Kraft und barocker Eleganz. Doch etwas fällt Ihnen auf: Die Vorderbeine schwingen nicht kerzengerade nach vorne, sondern beschreiben eine leichte, kreisende Bewegung nach außen, bevor der Huf wieder aufsetzt. Dieses Phänomen, bekannt als „Campaneo“ oder umgangssprachlich „Bügeln“, ist eines der am meisten diskutierten Themen unter Liebhabern spanischer Pferde. Ist es ein Zeichen von Extravaganz und Rassetyp, ein harmloser Schönheitsfehler oder ein Alarmsignal für zukünftige Probleme?

Dieser Artikel taucht tief in die Welt der Biomechanik ein und klärt, was hinter dem Campaneo steckt und was es für Sie als Reiter und Pferdebesitzer wirklich bedeutet.

Was genau ist Campaneo?

Campaneo, abgeleitet vom spanischen Wort campana (Glocke), beschreibt eine glockenartige Bewegung des Vorderbeins: Statt geradlinig nach vorne zu schwingen, zeichnet es während der Vorführphase einen Bogen nach außen. Diese Bewegung ist vor allem im Trab sichtbar, und ihre Ausprägung reicht von einer kaum wahrnehmbaren Andeutung bis zu einem starken „Paddeln“.

Für viele Neulinge in der Welt der iberischen Pferde ist dieser Anblick zunächst irritierend, da er stark von der geradlinigen Bewegung abweicht, die bei den meisten deutschen Warmblütern als Ideal gilt.

Die Ursachen: Warum „bügeln“ spanische Pferde?

Campaneo ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels aus Genetik, Anatomie und manchmal auch externen Faktoren. Um das Phänomen zu verstehen, lohnt sich ein genauerer Blick auf den einzigartigen Körperbau dieser Pferde.

1. Die Anatomie als Hauptursache

Die barocken Pferderassen, allen voran der PRE und der Lusitano, zeichnen sich durch ein spezifisches Gebäudeprofil aus, das sie für Versammlung und hohe Lektionen prädestiniert. Genau dieses Profil kann jedoch Campaneo begünstigen:

  • Breiter Brustkorb: Iberische Pferde haben oft einen sehr breiten und tiefen Brustkorb. Um zu verhindern, dass die Gliedmaßen bei der Vorwärtsbewegung an der Brust „anecken“, weichen sie instinktiv nach außen aus.
  • Steile Schulter: Eine eher steile Schulterpartie in Kombination mit einer hohen Aufrichtung fördert eine Aktion, die mehr auf Höhe und Knieaktion als auf Raumgriff ausgelegt ist. Diese aufwärts gerichtete Bewegung kann eine seitliche Ausweichbewegung begünstigen.
  • Hoher Halsansatz: Der hoch aufgesetzte Hals unterstützt die natürliche Aufrichtung, verlagert aber auch den Schwerpunkt und beeinflusst die gesamte Dynamik der Vorhand.

Dieses Zusammenspiel zeigt eindrücklich, wie das Exterieur des PRE direkt seine Bewegungsmechanik beeinflusst. In diesem Kontext ist das Campaneo oft eine biomechanisch logische Konsequenz, die dem Pferd erst eine effiziente und störungsfreie Bewegung ermöglicht.

2. Genetische Veranlagung

Die Neigung zum Campaneo ist in vielen Blutlinien genetisch verankert. In der Vergangenheit wurde eine gewisse Extravaganz in der Bewegung für Show- und Repräsentationszwecke sogar geschätzt. Ein Pferd, das sich mit viel „Knieaktion“ und einem leichten Bügeln bewegte, wirkte imposant und eindrucksvoll – ein Merkmal, das in der Zucht teilweise toleriert oder sogar unbewusst gefördert wurde.

3. Externe Faktoren: Training, Hufbearbeitung und Ausrüstung

Nicht jedes Campaneo ist angeboren. Manchmal wird es durch äußere Einflüsse verursacht oder verstärkt:

  • Falsche Hufbearbeitung: Unbalancierte Hufe können die gesamte Gliedmaßenachse stören und das Pferd zu einer ausweichenden Bewegung zwingen. Ein erfahrener Hufschmied kann hier oft eine deutliche Verbesserung erzielen.
  • Trainingsfehler: Mangelnde Geraderichtung, eine verspannte Oberlinie oder ein Pferd, das nicht über den Rücken arbeitet, können zu unsauberen Bewegungsabläufen führen.
  • Blockaden: Verspannungen im Schulter- oder Brustbereich, zum Beispiel durch einen unpassenden Sattel, können die Bewegungsfreiheit einschränken und das Pferd zu Ausweichbewegungen wie dem Campaneo zwingen.

Campaneo in der Praxis: Problematisch für Sport und Gesundheit?

Das ist die entscheidende Frage für die meisten Reiter. Die Antwort lautet, wie so oft: Es kommt darauf an.

Auswirkungen auf die Dressurarbeit

In der klassischen Dressur wird ein geradliniges, korrektes Vorführen der Beine als Qualitätsmerkmal angesehen. Ein stark ausgeprägtes Campaneo gilt hier als Fehler, der mehrere Nachteile mit sich bringt:

  • Energieverlust: Die seitliche Bewegung ist ineffizient. Energie, die für den Schub nach vorne genutzt werden sollte, geht durch die kreisende Bewegung verloren.
  • Mangelnde Präzision: Bei anspruchsvollen Lektionen, die absolute Geradlinigkeit erfordern (z. B. Traversalen, Piaffe, Passage), kann ein starkes Bügeln die Exaktheit und Balance stören.
  • Ungleichmäßige Belastung: Die rotierende Bewegung führt zu einer ungleichmäßigen Belastung der Gelenke, Sehnen und Bänder.

Ein sehr leichtes, kaum sichtbares Bügeln wird im unteren und mittleren Dressurbereich oft toleriert, solange es Takt und Losgelassenheit nicht stört. In anderen Disziplinen wie der Working Equitation oder dem Showreiten, wo Wendigkeit und Ausdruck im Vordergrund stehen, wird es oft weniger kritisch gesehen.

Langfristige gesundheitliche Risiken

Aus biomechanischer Sicht ist Campaneo eine suboptimale Bewegung. Die Gelenke des Vorderbeins – insbesondere das Karpalgelenk (Vorderfußwurzelgelenk) und das Fesselgelenk – sind für eine gerade Beugung und Streckung ausgelegt. Die ständige leichte Rotation beim Campaneo führt jedoch zu einer erhöhten und ungleichmäßigen Abnutzung des Gelenkknorpels, was wiederum das Risiko für Arthrose und andere Gelenkerkrankungen im Alter steigert.

Je ausgeprägter das Campaneo, desto höher das Risiko für langfristige orthopädische Probleme.

Was können Sie tun? Management statt Korrektur

Ein anatomisch bedingtes Campaneo lässt sich nicht vollständig „wegtrainieren“. Statt einer gewaltsamen Korrektur sollte das Ziel daher ein intelligentes Management sein, um die negativen Auswirkungen zu minimieren.

  • Gymnastizierendes Training: Konsequente Arbeit an der Geraderichtung, Seitengänge und Übungen zur Stärkung der Rumpfmuskulatur helfen dem Pferd, seinen Körper besser zu stabilisieren und die Gliedmaßen gerader zu führen.
  • Professionelle Hufbearbeitung: Suchen Sie einen Hufschmied, der Erfahrung mit barocken Pferden hat und die Hufe perfekt in Balance bringen kann.
  • Optimale Ausrüstung: Ein Sattel, der die breite Schulter des Pferdes einengt, ist Gift für eine korrekte Bewegung. Achten Sie auf maximale Schulterfreiheit.

Partner-Hinweis: Die Bewegungsfreiheit der Schulter ist entscheidend. Ein unpassender Sattel kann Campaneo deutlich verstärken. Spezialisierte Hersteller wie Iberosattel haben Sattelkonzepte entwickelt, die dem breiten Schulterbau und dem kurzen Rücken barocker Pferde Rechnung tragen und so eine freie, ungestörte Bewegung ermöglichen.


FAQ: Häufig gestellte Fragen zum Campaneo

  1. Sollte ich ein Pferd mit Campaneo kaufen?
    Das hängt von der Ausprägung und Ihren Zielen ab. Bei einem leichten, kaum sichtbaren Campaneo und einem ansonsten gesunden Pferd für den ambitionierten Freizeitbereich ist es oft unproblematisch. Bei starkem Bügeln und hohen sportlichen Ambitionen in der Dressur sollten Sie vorsichtig sein und eine tierärztliche Kaufuntersuchung inklusive Röntgenbildern durchführen lassen.

  2. Kann man Campaneo vollständig korrigieren?
    Wenn es durch falsche Hufbearbeitung oder Blockaden verursacht wird, ja. Ist es jedoch anatomisch und genetisch bedingt, lässt es sich durch gutes Training und Management verbessern und minimieren, aber meist nicht vollständig eliminieren.

  3. Ist Campaneo schmerzhaft für das Pferd?
    Die Bewegung selbst ist nicht schmerzhaft, sondern eine Kompensation. Die langfristige, ungleichmäßige Belastung der Gelenke kann jedoch zu Verschleiß und Schmerzen führen.

  4. Gibt es einen Unterschied zwischen Campaneo und anderen Gangfehlern wie „Scheren“?
    Ja. Beim Campaneo schwingt das Bein nach außen. Beim „Scheren“ (engl. winging in) schwingt es nach innen, was oft zu Streifen oder Verletzungen am gegenüberliegenden Bein führt und als deutlich problematischer gilt.


Fazit: Ein Merkmal mit zwei Seiten

Campaneo ist weit mehr als nur ein Schönheitsfehler. Es ist ein tief in der Anatomie und Genetik des spanischen Pferdes verwurzeltes Merkmal und ein faszinierendes Beispiel dafür, wie der Pferdekörper Kompromisse eingeht, um sich effizient zu bewegen.

Für den Reiter bedeutet das: Augen auf und differenzieren. Ein leichtes Bügeln kann ein charmanter Teil des Gesamtpakets sein, der die barocke Ausstrahlung unterstreicht. Ein stark ausgeprägtes Campaneo hingegen sollte als Warnsignal für potenzielle gesundheitliche und sportliche Einschränkungen ernst genommen werden.

Der Schlüssel liegt darin, die Ursache zu verstehen, das Pferd durch gezieltes Training zu unterstützen und ihm mit passender Ausrüstung und Hufpflege die besten Voraussetzungen für ein langes, gesundes Leben zu bieten. So wird aus einem potenziellen Problem eine gut gemanagte Eigenheit, die der Faszination dieser einzigartigen Pferde keinen Abbruch tut.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.