Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Muskuläre Asymmetrie beim Barockpferd: So wird der Dressursattel zum Korrekturwerkzeug
Kennen Sie das Gefühl? Sie sitzen auf Ihrem prächtigen Barockpferd, doch der Sattel scheint ein Eigenleben zu führen. Er rutscht immer wieder leicht zu einer Seite, eine Wendung fällt Ihnen schwerer als die andere und auf gerader Linie beschleicht Sie das Gefühl, nicht ganz mittig zu sitzen. Was viele Reiter als eigenes Unvermögen oder eine „schlechte Angewohnheit“ des Pferdes abtun, hat oft eine tiefere, körperliche Ursache: muskuläre Asymmetrie.
Gerade barocke Pferde wie die imposanten PRE Pferde oder kraftvollen Lusitanos neigen durch ihre Veranlagung zu Kraft und Versammlung auch zu einer besonders ausgeprägten Schulterpartie. Diese kann sich durch einseitiges Training oder die Händigkeit des Reiters schnell asymmetrisch entwickeln. Doch was wie ein reines Trainingsproblem anmutet, lässt sich mit dem richtigen Werkzeug gezielt angehen – und Ihr Sattel spielt dabei die Hauptrolle.
Das unsichtbare Problem: Warum fast jedes Pferd schief ist
Zunächst eine beruhigende Nachricht: Sie sind nicht allein. Tatsächlich zeigen Studien, dass bis zu 75 % aller Pferde eine signifikante muskuläre Asymmetrie aufweisen, oft zwischen der linken und rechten Schulter. In der Reitlehre wird dies als „natürliche Schiefe“ bezeichnet und ist ein zentrales Thema in der fundierten Pferdeausbildung. Jedes Pferd hat von Natur aus eine „hohle“ und eine „steife“ Seite, ähnlich wie wir Menschen Rechts- oder Linkshänder sind.
Diese natürliche Veranlagung wird durch das Training und den Reiter beeinflusst. Sitzt der Reiter selbst schief oder belastet unbewusst eine Seite stärker, überträgt sich dieses Ungleichgewicht auf das Pferd. Das Ergebnis: Eine Schulter oder eine Kruppenseite wird stärker bemuskelt, während die andere zurückbleibt.
Der Teufelskreis: Wenn der Sattel das Problem verschlimmert
Hier kommt der Sattel ins Spiel – und kann ungewollt vom Partner zum Gegenspieler werden. Ein Sattel, der nicht auf eine bestehende Asymmetrie angepasst ist, verstärkt das Problem unweigerlich.
Stellen Sie sich vor, die rechte Schulter Ihres Pferdes ist schwächer bemuskelt. Was passiert?
- Der Sattel rutscht: Die Schwerkraft zieht den Sattel samt Reiter in den „leeren“ Raum über der schwächeren rechten Schulter.
- Falscher Druck entsteht: Der Sattelbaum übt nun vermehrt Druck auf die unterentwickelte Muskulatur aus. Dieser Druck wirkt wie eine Blockade und hindert den Muskel daran, sich zu entspannen, zu arbeiten und zu wachsen.
- Der Reiter kompensiert: Unbewusst versucht der Reiter, das Rutschen auszugleichen. Er spannt die eigene Muskulatur an, verlagert sein Gewicht und gerät aus dem Gleichgewicht – was zwangsläufig zu Verspannungen bei Pferd und Reiter führt.
So entsteht ein Teufelskreis, in dem das Pferd keine Chance hat, seine schwächere Seite aufzutrainieren. Ein erfahrener Sattler kann solche Asymmetrien durch sorgfältiges Abtasten und eine Analyse in der Bewegung erkennen.
Die Lösung im Kern: Der Sattel als aktiver Trainingspartner
Die gute Nachricht ist: Ein modern konzipierter Dressursattel muss kein passiver Gegenstand sein. Richtig angepasst, wird er zu einem dynamischen Korrekturwerkzeug, das den gezielten Muskelaufbau aktiv unterstützt. Anstatt das Problem zu zementieren, schafft er die Voraussetzung für eine positive Entwicklung.
Anpassbare Polsterung: Raum für Wachstum schaffen
Die effektivste Methode, um auf muskuläre Ungleichgewichte zu reagieren, ist ein Sattel mit anpassbaren Wollkissen. Moderne Dressursättel, insbesondere solche, die für den kompakten Körperbau barocker Pferde entwickelt wurden, erlauben es dem Sattler, gezielt auf Asymmetrien einzugehen.
Durch das Hinzufügen oder Entfernen von Füllmaterial kann eine temporäre Balance geschaffen werden. Ist die rechte Schulter schwächer, kann der Sattler das rechte Kissen gezielt etwas stärker aufpolstern. Dadurch wird der Sattel wieder ins Lot gebracht und schwebt quasi über dem unterentwickelten Muskel. Dieser hat nun den nötigen Raum, um sich frei zu bewegen, zu arbeiten und zu wachsen. Sobald sich die Muskulatur angleicht, passt der Sattler die Polsterung erneut an.
Hersteller wie Iberosattel haben sich auf anpassbare Systeme spezialisiert, die den besonderen Anforderungen des barocken Pferdekörpers gerecht werden und somit eine gezielte Korrekturarbeit ermöglichen.
Korrekturpads: Eine flexible, aber anspruchsvolle Alternative
Eine weitere Möglichkeit sind Korrekturpads mit Einlagen (sogenannten Shims). Diese Pads haben Taschen, in die Filz- oder Schaumstoffeinlagen geschoben werden können, um einseitige Defizite auszugleichen. Sie sind eine flexible Alternative, sollten aber mit Bedacht und Fachwissen eingesetzt werden.
Der Nachteil: Ein falsch platziertes oder zu dickes Shim kann den Druck an anderer Stelle unerwünscht erhöhen und neue Probleme schaffen. Sie sind oft eine gute Übergangslösung; die beste und direkteste Einwirkung bietet jedoch ein Sattel, der von Grund auf auf die Bedürfnisse und möglichen Asymmetrien barocker Pferde abgestimmt ist.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur muskulären Asymmetrie
Woran erkenne ich eine muskuläre Asymmetrie bei meinem Pferd?
Achten Sie auf feine Signale: Rutscht Ihr Sattel konstant zu einer Seite? Fällt Ihrem Pferd eine Biegung oder ein Galopp deutlich schwerer? Fühlen sich die Schultern beim Abtasten unterschiedlich prall an? Ein geschulter Blick von einem Trainer, Physiotherapeuten oder Sattler kann Ihnen Gewissheit geben.
Kann ich das Problem allein durch Training lösen?
Gezieltes gymnastizierendes Training ist der Schlüssel zur Geraderichtung. Wenn der Sattel jedoch das muskuläre Ungleichgewicht verstärkt, arbeiten Sie gegen einen ständigen Widerstand. Eine Sattelanpassung schafft die körperliche Voraussetzung dafür, dass Ihr Training überhaupt Früchte tragen kann.
Wie oft muss ein Sattel bei Asymmetrien angepasst werden?
In der Aufbauphase kann eine Kontrolle alle 3 bis 6 Monate sinnvoll sein, da sich die Muskulatur bei korrektem Training schnell verändern kann. Ein gut anpassbarer Sattel wächst quasi mit dem Pferd mit und unterstützt jede Phase seiner Entwicklung.
Fazit: Vom Problem zur Chance
Muskuläre Asymmetrie ist keine Sackgasse, sondern eine Chance, Ihr Pferd noch besser zu verstehen und seine Ausbildung auf das nächste Level zu heben. Anstatt den Sattel als starres Übel zu betrachten, sehen Sie ihn als das, was er sein kann: ein intelligentes Werkzeug, das Balance wiederherstellt und den Weg für einen harmonischen Muskelaufbau ebnet.
Indem Sie das Problem erkennen und mit einem Fachmann zusammenarbeiten, verwandeln Sie den Teufelskreis aus Druck und Verspannung in einen positiven Kreislauf aus Bewegungsfreiheit, Wachstum und Harmonie. Der erste Schritt ist oft die Wahl des richtigen Equipments – ein entscheidender Punkt, gerade bei den besonderen Anforderungen dieser Pferdetypen. Informieren Sie sich daher umfassend, um den passenden Dressursattel für barocke Pferde zu finden, der Sie und Ihr Pferd auf diesem Weg optimal begleitet.



