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Mezair, Croupade und Ballotade: Die vergessenen Vorstufen zur Kapriole

Die Kapriole – ein majestätischer Sprung, bei dem das Pferd am höchsten Punkt kraftvoll mit den Hinterbeinen ausschlägt. Sie ist der Inbegriff der Hohen Schule, ein Moment purer Magie. Doch wie erlernt ein Pferd eine solch komplexe Lektion? Die Antwort liegt nicht in einem einzigen Trainingsschritt, sondern in einer fast vergessenen Kunst: der logischen Abfolge von Übungen, die das Pferd systematisch auf diesen Höhepunkt der Ausbildung vorbereiten.

Während viele die Levade oder die Piaffe als Grundlagen kennen, liegen zwischen diesen Basislektionen und der vollendeten Kapriole drei entscheidende, heute kaum noch gesehene Bausteine: die Mezair, die Croupade und die Ballotade. Sie sind das verlorene Kapitel in der Geschichte der klassischen Reitkunst – und der Schlüssel zum Verständnis, wie wahre Versammlung und Kraft entstehen.

Mehr als nur ein Sprung: Die Logik hinter den Schulen über der Erde

Das Verständnis dieser Lektionen beginnt mit einem Blick in die Geschichte. Die Schulen über der Erde waren ursprünglich keine Show-Effekte, sondern hatten einen handfesten militärischen Zweck. In der Kavallerie des 16. und 17. Jahrhunderts dienten Sprünge wie die Kapriole dazu, das Pferd im Kampf wendig zu machen, Fußsoldaten auf Abstand zu halten oder sich aus einer bedrängten Lage zu befreien.

Reitmeister wie Antoine de Pluvinel und François Robichon de la Guérinière erkannten jedoch bald den unschätzbaren gymnastischen Wert dieser Übungen. Sie sind der ultimative Test für Gleichgewicht, Kraft und Gehorsam – und das Ergebnis einer jahrelangen, sorgfältigen Ausbildung in der [INTERNAL LINK 1: /alta-escuela/ TEXT: Hohen Schule]. Die heute oft vergessenen Vorstufen waren dabei keine optionalen Kür-Lektionen, sondern vielmehr unverzichtbare Schritte, um die Muskulatur und den Geist des Pferdes systematisch zu entwickeln.

Die vergessenen Bausteine: Ein Blick auf die Vorstufen

Jede dieser drei Lektionen verfolgt ein spezifisches Ziel und baut auf der vorhergehenden auf. Sie formen den Körper des Pferdes, schulen seine Koordination und stärken das Vertrauen zwischen Pferd und Reiter, bis die explosive Energie einer Kapriole sicher und harmonisch freigesetzt werden kann.

Die Mezair: Der kraftvolle Schritt nach vorn

Die Mezair lässt sich als eine Serie von Levaden beschreiben, die sich sanft vorwärtsbewegt. Aus einer Levade, in der das Pferd sein Gewicht auf die stark gebeugten Hinterbeine verlagert, senkt es die Vorhand nur für einen kurzen Moment ab, um sofort wieder in die nächste Erhebung überzugehen.

  • Gymnastischer Zweck: Die Mezair wandelt die reine Tragekraft der Hinterhand, wie sie in der Levade gezeigt wird, erstmals in eine schiebende Kraft um. Die Hinterbeine lernen, nicht nur Gewicht zu halten, sondern einen kraftvollen Impuls nach vorn und oben zu entwickeln. So schlägt die Übung die Brücke von der statischen Versammlung zur dynamischen Bewegung.

Die Croupade: Der kontrollierte Sprung am Ort

Hat das Pferd gelernt, die Kraft der Hinterhand zu aktivieren, folgt die Croupade. Dabei springt es aus einer Piaffe oder einer kurzen Levade senkrecht in die Höhe und zieht die Hinterbeine stark angewinkelt unter den Bauch, sodass die Hufeisen zum Boden zeigen.

  • Gymnastischer Zweck: Die Croupade schult die Fähigkeit, die gesamte Kraft der Hinterhand explosionsartig für einen Sprung am Ort zu bündeln. Indem die Hinterbeine eng unter dem Körper gehalten werden, stärkt sie die Bauchmuskulatur extrem und lehrt das Pferd, seinen Rücken im Sprung aufzuwölben. Es ist eine Übung reiner Sprungkraft, noch ohne den ausschlagenden Impuls.

Die Ballotade: Die Generalprobe für die Kapriole

Die Ballotade ähnelt auf den ersten Blick der Croupade, denn auch hier springt das Pferd senkrecht empor. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der Haltung der Hinterbeine: Am höchsten Punkt des Sprunges öffnet das Pferd die Sprunggelenke, sodass die Hufeisen nach hinten zeigen, als wollte es ausschlagen – tut es aber noch nicht. Ein alter Reitmeister beschrieb es treffend: „Das Pferd präsentiert dem Zuschauer seine hinteren Hufeisen.“

  • Gymnastischer Zweck: Die Ballotade ist die direkte Vorbereitung auf die Kapriole. Das Pferd beweist hier die nötige Kraft, das Gleichgewicht und den Gehorsam, um die Hinterbeine im Sprung zu kontrollieren und für den Schlag zu positionieren. Sie ist der letzte Test, bevor der Reiter die volle Energie freigibt.

Warum sind diese Lektionen heute so selten zu sehen?

Die systematische Ausbildung über Mezair, Croupade und Ballotade ist extrem zeitaufwendig und erfordert ein tiefes Verständnis der Biomechanik des Pferdes – eine Geduld, die in der heutigen, auf schnelle Turniererfolge ausgerichteten Reitwelt oft verloren geht.

Zudem eignet sich nicht jedes Pferd für diese anspruchsvollen Lektionen. Voraussetzung ist eine besondere Kombination aus Kraft, Adel und einem kooperativen Charakter – Eigenschaften, die man oft bei barocken Rassen wie dem [INTERNAL LINK 2: /pferderassen/pre/ TEXT: Pura Raza Española (PRE)] oder dem Lusitano findet. Ihr kompakter Körperbau und ihre kräftige Hinterhand prädestinieren sie für diese höchste Form der Versammlung.

Konzentriert man sich nur auf die spektakuläre Kapriole, ohne diesen methodischen Aufbau zu berücksichtigen, geraten die wichtigen gymnastischen Zwischenschritte in Vergessenheit. Sie werden fälschlicherweise als Umwege betrachtet, obwohl sie in Wahrheit der einzige nachhaltige und pferdegerechte Weg zum Ziel sind.

Fazit: Eine verlorene Kunst wiederentdecken

Die Mezair, Croupade und Ballotade sind weit mehr als nur Zirkustricks oder historische Relikte. Sie sind ein Zeugnis einer tiefgründigen, durchdachten und pferdefreundlichen Ausbildungstradition. Wer um diese Bausteine weiß, kann die Kapriole nicht nur als Show-Effekt bewundern, sondern sie als logisches Ergebnis einer beeindruckenden gymnastischen Entwicklung verstehen.

Sie erinnern uns daran, dass in der klassischen Reitkunst der Weg das Ziel ist und jeder einzelne Schritt einen unschätzbaren Wert für die Stärkung und Gesunderhaltung des Pferdes hat. Wer die Hohe Schule wirklich verstehen will, kommt an diesen vergessenen Meisterstücken nicht vorbei.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

  1. Sind diese Lektionen für jedes Pferd geeignet?
    Nein. Die Schulen über der Erde erfordern eine spezifische körperliche Veranlagung (kurzer, starker Rücken, kräftige Hinterhand) und einen mutigen, aber gelassenen Charakter. Barocke Rassen sind hier oft im Vorteil. Eine erzwungene Ausbildung wäre schädlich und widerspricht dem Geist der klassischen Reitkunst.

  2. Was ist der Unterschied zwischen einer Levade und einer Pesade?
    Beides sind Erhebungen der Vorhand, doch in der Levade ist der Winkel zum Boden deutlich spitzer (ca. 30-35 Grad) und erfordert ein höheres Maß an Versammlung, da das Pferd sein Gewicht länger auf den stark gebeugten Hanken balanciert. Die Pesade ist oft höher (bis zu 45 Grad) und gilt als Vorübung zur Levade.

  3. Kann man diese Lektionen heute noch irgendwo lernen?
    Ja, aber nur an sehr wenigen Orten weltweit. Institutionen wie die Spanische Hofreitschule in Wien, die Königlich-Andalusische Reitschule in Jerez oder einige wenige private Ausbilder pflegen diese Tradition noch. Es erfordert einen Meister, der diese Kunst beherrscht und weitergeben kann.

  4. Sind die Schulen über der Erde nicht schlecht für die Pferdebeine?
    Bei korrekter, jahrelanger und systematischer Ausbildung ist das Gegenteil der Fall. Der gesamte gymnastizierende Aufbau zielt darauf ab, die Muskulatur so zu stärken, dass sie Gelenke, Sehnen und Bänder schützt und stützt. Falsches oder überstürztes Training birgt jedoch erhebliche gesundheitliche Risiken. Mehr über die Vielfalt und das Training solcher Übungen erfahren Sie in unserem Überblick zu [INTERNAL LINK 3: /pferdeausbildung/zirkuslektionen/ TEXT: Lektionen über der Erde].

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.