Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Working Equitation auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Hinter den Kulissen von Golegã: Ein Züchter-Interview über die Selektion des perfekten Lusitanos für die Working Equitation

Der Duft von gerösteten Kastanien und gegrillten Sardinen mischt sich mit dem erdigen Geruch von Pferden. Hufschläge klappern auf dem alten Kopfsteinpflaster, und aus den Arenen dringt das Klatschen Tausender Hände. Wer einmal im November die Feira Nacional do Cavalo in Golegã, Portugal, erlebt hat, vergisst diese Atmosphäre nie wieder. Es ist das pulsierende Herz der Lusitano-Zucht, ein Ort, an dem Legenden geboren und Traditionen gelebt werden.

Doch inmitten des festlichen Trubels findet die eigentliche Magie im Stillen statt: in den prüfenden Blicken der Züchter. Sie suchen nicht nur nach Schönheit, sondern nach dem perfekten Athleten für eine der anspruchsvollsten Reitweisen der Welt – die Working Equitation. Was genau macht ein Pferd zu einem Champion in dieser Disziplin, die Rinderarbeit, Dressur und Trail-Geschicklichkeit vereint? Wir haben mit einem erfahrenen portugiesischen Züchter gesprochen, um diesem Geheimnis auf den Grund zu gehen.

Mehr als nur Schönheit: Die drei Säulen der Zucht

„Ein schönes Pferd zu züchten, ist einfach. Ein gutes Pferd zu züchten, ist eine Kunst“, erklärt unser Gesprächspartner mit einem Lächeln. Für ihn und seine Kollegen basiert die Selektion eines erstklassigen Working-Equitation-Pferdes auf drei untrennbaren Säulen:

  1. Morphologie (Exterieur): Der Körperbau muss für die Funktion optimiert sein.
  2. Funktion (Interieur & Bewegung): Charakter und mentale Fähigkeiten sind entscheidend.
  3. Genetik (Blutlinien): Das Erbe bestimmt das Potenzial.

Diese drei Elemente müssen in perfekter Harmonie zusammenspielen. Ein Pferd mit idealem Körperbau, aber ohne den Willen zur Mitarbeit, ist ebenso zum Scheitern verurteilt wie ein hochmotiviertes Tier, dessen Anatomie den Belastungen nicht standhält.

Das Exterieur – Die Anatomie eines Athleten

Die Working Equitation verlangt einem Pferd alles ab: explosive Sprints, abrupte Stopps, seitliche Wendigkeit und höchste Versammlung. Sein Körperbau muss diese Anforderungen unterstützen, anstatt sie zu erschweren.

Der kurze, starke Rücken: Das Zentrum der Kraft

Ein Merkmal, das bei vielen barocken Pferden und insbesondere beim Lusitano hervorsticht, ist der relativ kurze und kräftig bemuskelte Rücken. „Ein kurzer Rücken ist wie ein kurzer Hebel“, erklärt der Züchter. „Er ermöglicht es dem Pferd, die Kraft der Hinterhand schnell über den Rücken auf die Vorhand zu übertragen. Das ist das Geheimnis seiner unglaublichen Wendigkeit und Versammlungsfähigkeit.“

Diese anatomische Besonderheit stellt jedoch auch spezielle Anforderungen an die Ausrüstung. Ein passender Sattel ist hier kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit, um die Bewegungsfreiheit zu gewährleisten und den empfindlichen Rücken zu schützen.

Schulter und Hinterhand: Der Motor für Bewegung

Die ideale Schulter ist lang und gut gewinkelt. Sie ermöglicht eine maximale Reichweite der Vorderbeine – essenziell für einen raumgreifenden Schritt im Dressurviereck und schnelle Sprints im Speedtrail.

Noch wichtiger ist jedoch die Hinterhand. Sie ist der Motor des Pferdes. Ein guter „Worker“ hat eine stark bemuskelte, gut abgewinkelte Hinterhand, die es ihm erlaubt, tief unter den Schwerpunkt zu treten. Diese Fähigkeit ist die Grundlage für schnelle Stopps aus vollem Galopp, Pirouetten auf der Hinterhand und das mühelose Heben der Vorhand, das für die Garrocha-Arbeit oder das Überwinden von Hindernissen benötigt wird.

Das Fundament: Starke Beine und gesunde Hufe

All die Kraft und Agilität sind jedoch wertlos ohne ein stabiles Fundament. Klare, trockene Gelenke, korrekte Sehnen und harte, gut geformte Hufe sind für die Langlebigkeit eines Sportpferdes unerlässlich. „Wir züchten für ein langes, gesundes Arbeitsleben. Ein Pferd, das mit fünf Jahren verletzungsbedingt ausfällt, ist für niemanden ein Gewinn“, betont der Züchter.

Das Interieur – Herz und Kopf eines Working-Partners

Mindestens ebenso wichtig wie der Körper ist jedoch der Geist des Pferdes. Ein Lusitano für die Working Equitation muss Mut, Intelligenz und einen unbedingten Arbeitswillen mitbringen.

„Cow Sense“: Der angeborene Rinderinstinkt

Eines der faszinierendsten Merkmale ist der sogenannte „Cow Sense“ – ein angeborenes Gefühl für die Arbeit am Rind. Es ist eine Mischung aus Mut, Neugier und Antizipationsfähigkeit. Ein Pferd mit gutem Cow Sense bewegt sich instinktiv richtig, um ein Rind von der Herde zu trennen. Es bleibt ruhig, aber fokussiert und lässt sich von den unvorhersehbaren Bewegungen des Rindes nicht aus der Ruhe bringen. „Das kann man nur bedingt trainieren“, sagt der Züchter. „Entweder ein Pferd hat es, oder es hat es nicht.“

Brio und Gelassenheit: Ein scheinbarer Widerspruch

Der ideale Lusitano besitzt „Brio“ – ein spanisch-portugiesischer Begriff, der eine Mischung aus Energie, Feuer und Arbeitsfreude beschreibt. Es ist diese innere Motivation, die das Pferd vorwärtsstreben und für seinen Reiter kämpfen lässt. Doch dieses Feuer muss kontrollierbar sein. Im Trail-Parcours, wo es auf Präzision und Ruhe ankommt, ist ein nervöses oder überdrehtes Pferd fehl am Platz. Die Kunst der Zucht liegt darin, Pferde zu selektieren, die diesen energiegeladenen Arbeitswillen mit einer grundlegenden Gelassenheit und Nervenstärke verbinden.

Die Blutlinien – Das Erbe der Meister

Die Genetik ist entscheidend für die Vererbung dieser gewünschten Eigenschaften. In der Lusitano-Zucht gibt es mehrere berühmte Blutlinien, von denen einige für die Working Equitation besonders geschätzt werden.

Veiga vs. Andrade: Agilität trifft auf Substanz

  • Veiga-Linien: Diese Pferde sind oft etwas leichter gebaut, unglaublich schnell und agil. Sie gelten als „heißer“ und bringen einen enormen Mut mit. In der Rinderarbeit und im Speedtrail sind sie oft unschlagbar.
  • Andrade-Linien: Pferde dieser Linie haben oft mehr Substanz und einen ruhigeren Charakter. Sie zeichnen sich durch kraftvolle Bewegungen und eine hohe Rittigkeit aus, was ihnen in der Dressur und im Stiltrail Vorteile verschafft.

„Der perfekte Worker ist oft eine intelligente Kreuzung“, verrät der Züchter. „Man sucht die Agilität und den Mut der Veiga-Linie, kombiniert mit der Rittigkeit und der mentalen Stärke der Andrade-Linie.“

Von der Weide zum Champion

Die Selektion ist ein langer Prozess. Schon beim Fohlen beobachten die Züchter, wie es sich bewegt, auf neue Reize reagiert und im Herdenverband agiert. Die eigentliche Prüfung beginnt jedoch unter dem Sattel. Hier zeigt sich, ob die physischen und mentalen Anlagen des Pferdes in der Praxis halten, was sie versprechen.

Um dieses Potenzial voll zu entfalten, benötigt ein Pferd auch die richtige Ausrüstung. Gerade bei jungen Pferden im Aufbau ist ein Sattel, der die Bewegung nicht einschränkt und den Druck optimal verteilt, entscheidend für eine gesunde Entwicklung der Rückenmuskulatur.

Hersteller wie Iberosattel haben sich auf die Entwicklung von Sätteln spezialisiert, die den besonderen Anforderungen barocker Pferderücken gerecht werden. Modelle mit großer Auflagefläche und verstellbaren Kammern können eine sinnvolle Lösung sein, um den richtigen Sattel für barocke Pferde zu finden und sie während ihrer gesamten Ausbildung optimal zu unterstützen.

FAQ – Häufige Fragen zur Auswahl eines Lusitanos für die Working Equitation

Muss ein gutes Working-Equitation-Pferd teuer sein?
Nicht zwangsläufig. Ein Pferd mit Champion-Potenzial und erstklassiger Abstammung hat seinen Preis. Für den ambitionierten Amateur gibt es jedoch viele talentierte Lusitanos in einem moderaten Preissegment. Wichtiger als der Preis sind eine solide Grundausbildung und ein zum Reiter passender Charakter.

Kann jeder Lusitano ein gutes Working-Pferd werden?
Grundsätzlich bringt die Rasse hervorragende Anlagen mit. Allerdings besitzt nicht jedes Pferd den nötigen Mut für die Rinderarbeit oder die Nervenstärke für den Trail. Wie bei Menschen gibt es auch bei Pferden unterschiedliche Talente. Eine ehrliche Einschätzung des Pferdes durch einen erfahrenen Trainer ist entscheidend.

Worauf sollte ich als Amateur-Reiter achten?
Für Amateure sind Rittigkeit, ein ausgeglichener Charakter und Arbeitswille oft wichtiger als extreme sportliche Anlagen. Ein Pferd, das Ihnen Sicherheit gibt und kleine Fehler verzeiht, wird Ihnen mehr Freude bereiten als ein hochsensibler Sportler, der einen Profi im Sattel erfordert.

Spielt das Geschlecht eine Rolle?
Hengste sind in Portugal traditionell die Reitpferde und zeigen oft viel Brio und Ausdruck. Stuten sind häufig etwas unkomplizierter im Handling, und Wallache gelten als besonders zuverlässige Partner. Die Wahl hängt letztlich von den persönlichen Vorlieben und Haltungsbedingungen ab.

Fazit: Eine Symphonie aus Kraft und Geist

Die Auswahl des perfekten Lusitanos für die Working Equitation ist weit mehr als das Abwägen von Äußerlichkeiten. Es ist die Suche nach der perfekten Balance aus einem athletischen Körper, einem willensstarken und mutigen Geist sowie einem genetischen Erbe, das Generationen von harter Arbeit am Rind in sich trägt. Ein Besuch in Golegã zeigt: Diese Suche ist eine Lebensaufgabe, die von den portugiesischen Züchtern mit Leidenschaft, Wissen und einem tiefen Respekt für das Pferd verfolgt wird. Das Ergebnis sind nicht nur Sportpartner, sondern treue Kameraden, die die reiche Kultur der iberischen Halbinsel in jeder Faser ihres Körpers tragen.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.