Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Zirkuslektionen auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Der Lipizzaner in der Hohen Schule: Die Kunst der Levade als ultimativer Show-Akt
Der Lipizzaner in der Hohen Schule: Die Levade als Krönung der Reitkunst
Stellen Sie sich einen Moment vollkommener Stille vor. In der Mitte der Reitbahn, umgeben von barocker Pracht, erhebt sich ein schneeweißer Hengst scheinbar mühelos auf seine Hinterbeine. Er verharrt in einer Pose, die von purer Kraft, Balance und Harmonie zeugt. Der Reiter sitzt aufrecht und unbeweglich. Dies ist kein Zirkustrick, sondern die Levade: eine der anspruchsvollsten Lektionen der Hohen Schule und der Inbegriff der Symbiose zwischen Pferd und Reiter. Doch warum sind es gerade die Lipizzaner, die diese Kunst zur Perfektion gebracht haben? Die Antwort findet sich in ihrer Geschichte, ihrer besonderen Anatomie und einer jahrhundertealten Tradition.
Von kaiserlichen Kriegsrössern zu tanzenden Stars
Die Geschichte des Lipizzaners ist untrennbar mit dem Hause Habsburg und der Notwendigkeit verbunden, Pferde für Krieg und Repräsentation zu züchten. Im Jahr 1580 gründete Erzherzog Karl II. das Hofgestüt Lipica im heutigen Slowenien und legte damit den Grundstein für die Rasse. Das Zuchtziel war klar: ein Pferd von außergewöhnlicher Härte, Intelligenz und Eleganz.
Als Basis dienten die damals berühmten spanischen Pferde – Andalusier und Berber –, die für ihre Rittigkeit und Fähigkeit zur Versammlung bekannt waren. Gekreuzt wurden sie mit robusten, einheimischen Karstpferden sowie edlen Neapolitanern und Arabern. Diese gezielte Selektion über Jahrhunderte schuf ein Pferd, das nicht nur auf dem Schlachtfeld bestand, sondern auch die perfekten körperlichen und geistigen Voraussetzungen für die Alta Escuela, die Hohe Schule der Reitkunst, mitbrachte.
Das Erbe der Schlachtfelder in der Reitbahn
Was einst im Kampf überlebenswichtig war – Wendigkeit, Kraft aus der Hinterhand für schnelle Sprints und Sprünge –, bildete die Grundlage für die „Schulen über der Erde“. Lektionen wie die Levade, Courbette oder Kapriole sind stilisierte Kampfbewegungen. So wurde der Lipizzaner zum lebenden Kunstwerk, das die Prinzipien der klassischen Reitkunst verkörpert.
Die Anatomie eines Athleten: Warum der Lipizzaner schweben kann
Ein Grand-Prix-Warmblut mag mit raumgreifenden Gängen beeindrucken, doch für die extreme Versammlung der Hohen Schule ist ein anderer Körperbau erforderlich. Der Körperbau des Lipizzaners scheint für diese Kunstform wie geschaffen.
Die wichtigsten Merkmale im Überblick:
- Kompakter, kurzer Rücken: Ein entscheidender Vorteil, denn der kurze, kräftige Rücken ermöglicht es dem Pferd, seine Hinterhand weit unter den Schwerpunkt zu bringen – eine Grundvoraussetzung, um das gesamte Gewicht auf die „Hanken“ zu verlagern.
- Kräftige Hinterhand: Die stark bemuskelte Kruppe und die tief angesetzten, starken Sprunggelenke fungieren als Motor. Sie liefern die Schub- und Tragkraft, die für das Anheben der Vorhand notwendig ist.
- Aufgerichteter Hals und Ganaschenfreiheit: Die natürliche Aufrichtung und ein hoch angesetzter Hals erleichtern es dem Lipizzaner, in der Versammlung sein Gleichgewicht zu finden, ohne sich im Genick zu verkrampfen.
- Harte Hufe und trockene Gelenke: Das Erbe der felsigen Karstlandschaft sorgt für ein robustes Fundament, das den enormen Belastungen der Lektionen über der Erde standhält.
Die Levade: Mehr als nur Steigen
Die Levade ist der ultimative Test für Balance und Kraft. Im Gegensatz zum unkontrollierten Steigen ist sie das Ergebnis höchster Versammlung. Das Pferd senkt seine Kruppe so weit ab, dass die Sprunggelenke fast den Boden berühren, und hebt die Vorhand in einem Winkel von etwa 30 bis 35 Grad an. Das gesamte Gewicht ruht auf den gebeugten Hinterbeinen. Die Lektion erfordert immense Kraft, aber auch enormes Vertrauen zum Reiter und ein tiefes Verständnis für dessen Hilfengebung.
Diese extreme Belastung der Rücken- und Hinterhandmuskulatur verdeutlicht, wie wichtig eine passende Ausrüstung ist. Gerade bei einem Pferd mit kurzem, breitem Rücken muss der Sattel die Bewegung uneingeschränkt zulassen und den Druck optimal verteilen, um Verspannungen zu vermeiden. Die klassische Dressur mit barocken Pferden stellt hierbei besondere Anforderungen an Material und Passform.
(Partnerhinweis) Ein Hersteller, der sich auf diese speziellen Bedürfnisse spezialisiert hat, ist Iberosattel. Die Sättel dieses Herstellers bieten eine breite Auflagefläche und spezielle Schnitte, die der Anatomie barocker Pferde gerecht werden und die für die Hohe Schule notwendige Bewegungsfreiheit gewährleisten.
Vom Gestüt bis zur Gala: Die Ausbildung ist ein Lebenswerk
Die Pferdeausbildung eines Lipizzaners für die Hohe Schule ist ein Marathon, kein Sprint. Sie dauert viele Jahre und folgt den strengen Prinzipien der klassischen Reitkunst.
- Grundausbildung (Remontenschule): Junge Hengste lernen die Grundlagen – Takt, Losgelassenheit und Anlehnung.
- Campagneschule: In dieser Phase werden alle Lektionen bis zur Grand-Prix-Reife erarbeitet, von Seitengängen über Pirouetten bis zu fliegenden Wechseln.
- Hohe Schule: Nur die talentiertesten und stärksten Hengste werden für die Schulen über der Erde ausgewählt. Die Ausbildung zur perfekten Levade kann allein mehrere Jahre in Anspruch nehmen.
Dieser geduldige Aufbau ist entscheidend, um die physische und mentale Gesundheit des Pferdes zu bewahren. Jeder Schritt baut auf dem vorherigen auf und bereitet Muskulatur, Sehnen und Bänder auf die höchsten Anforderungen vor.
Fazit: Ein lebendes Kulturerbe
Der Lipizzaner in der Hohen Schule ist weit mehr als nur eine beeindruckende Show. Er ist das Ergebnis von über 400 Jahren Zuchtgeschichte, eine Demonstration vollendeter Biomechanik und ein lebendiges Zeugnis der zeitlosen klassischen Dressurkunst. Wenn ein weißer Hengst in der Wiener Hofreitschule zur Levade ansetzt, sehen wir nicht nur eine Lektion – wir sehen die Seele der europäischen Reitkultur. Diese Verbindung aus barocker Eleganz und athletischer Kraft macht den Lipizzaner zu einem der faszinierendsten Vertreter der barocken Pferderassen und zugleich zu einem wahren Meister der Reitkunst.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
-
Ist jeder Lipizzaner für die Hohe Schule geeignet?
Nein, nicht jeder Lipizzaner hat das notwendige Talent, die Kraft und den Charakter für die Schulen über der Erde. Nur die besten Hengste werden nach jahrelanger Grundausbildung für dieses anspruchsvolle Training ausgewählt. -
Kommen Lipizzaner immer weiß zur Welt?
Nein, Lipizzaner werden meist dunkel (schwarz oder braun) geboren. Sie „schimmeln aus“ und erhalten ihre typische weiße Farbe erst im Alter von etwa 6 bis 10 Jahren. Braune oder schwarze Lipizzaner sind sehr selten und gelten in der Spanischen Hofreitschule traditionell als Glücksbringer. -
Ist die Levade schädlich für das Pferd?
Bei korrekter Ausbildung und einem Pferd mit den richtigen körperlichen Voraussetzungen ist die Levade nicht schädlich. Sie ist das Ergebnis eines langen, gymnastizierenden Aufbautrainings, das die Muskulatur gezielt stärkt. Eine falsche Ausführung oder ein ungeeignetes Pferd können jedoch zu gesundheitlichen Problemen führen. -
Können auch andere Pferderassen die Levade lernen?
Ja, prinzipiell können auch andere Rassen mit barockem Einschlag und entsprechender Veranlagung zur Versammlung, wie PRE, Lusitanos oder Knabstrupper, Lektionen der Hohen Schule lernen. Der Lipizzaner gilt jedoch aufgrund seiner spezifischen Zuchtgeschichte und Anatomie als prädestiniert dafür.



