Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Alta Escuela auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Die Levade: Die hohe Kunst der Versammlung in Balance und Kraft
Ein Pferd, das sich majestätisch auf die Hinterhand setzt, die Vorderbeine anwinkelt und für einen Moment in perfekter Balance verharrt – ein lebendes Denkmal aus Kraft und Eleganz. Dieses Bild ist der Inbegriff der Hohen Schule und eine der faszinierendsten Lektionen der klassischen Reitkunst: die Levade. Sie ist weit mehr als eine Zirkuslektion; sie ist der ultimative Ausdruck von Versammlung, Vertrauen und pferdegerechter Gymnastizierung.
Doch der Weg zu dieser anspruchsvollen Übung ist lang und erfordert tiefes Verständnis für Biomechanik, Geduld und eine Ausbildung, die auf Respekt und Vertrauen gründet. Für Reiter, die die klassische Dressur in ihrer reinsten Form anstreben, ist die Levade nicht nur ein Ziel, sondern auch ein Beweis für eine harmonische Partnerschaft.
Historische Wurzeln: Vom Schlachtfeld zur Reitkunst
Die Lektionen der Hohen Schule, insbesondere die Schulen über der Erde, haben ihren Ursprung nicht in der Showarena, sondern auf den Schlachtfeldern Europas. Dort galt die Levade als militärisch wertvolle Übung. Ein Pferd, das sich auf Kommando erheben konnte, bot seinem Reiter Schutz hinter seinem Körper und sorgte für eine imposante, einschüchternde Erscheinung. Gleichzeitig demonstrierte es höchste Rittigkeit und Wendigkeit – entscheidende Vorteile im Kampfgetümmel.
Als die Kavallerie an Bedeutung verlor, wandelte sich auch der Zweck dieser Übungen. Die europäischen Reitakademien, allen voran die Spanische Hofreitschule in Wien, bewahrten dieses Wissen und kultivierten die Lektionen als Kunstform weiter. Die Levade wurde zum Prüfstein der korrekten Ausbildung, ein sichtbares Zeichen für jene perfekte Balance und Kraft, die erst aus jahrelangem, systematischem Training erwachsen.
Gymnastischer Zweck und biomechanische Präzision
Oberflächlich betrachtet sieht die Levade wie ein kontrolliertes Steigen aus, doch biomechanisch ist sie das genaue Gegenteil. Während ein steigendes Pferd aus der Balance gerät und auf die Vorhand zu fallen droht, ist die Levade eine Übung der maximalen Hankenbeugung.
Ihr gymnastischer Wert ist immens:
- Stärkung der Hinterhand: Sie kräftigt die gesamte Muskulatur der Hinterbeine, des Rückens und der Bauchpartie.
- Verbesserung der Tragkraft: Das Pferd lernt, sein Gewicht nahezu vollständig auf die Hinterhand zu verlagern, was die Vorhand entlastet und zu einer erhabenen Aufrichtung führt.
- Förderung der Balance: Die Lektion erfordert ein Höchstmaß an Gleichgewicht und Körperbeherrschung.
Die korrekte Ausführung ist letztlich eine Frage der Physik. Die Biomechanik der Hohen Schule zeigt, dass die Levade eine maximale Beugung in den Sprung- und Kniegelenken erfordert. Idealerweise liegt der Winkel des Körpers zum Boden unter 45 Grad, optimal sind rund 35 Grad. Ein steilerer Winkel deutet auf eine unzureichende Lastaufnahme der Hinterhand hin. Statt eines gymnastizierenden Effekts birgt er das Risiko einer Überlastung.
Der Weg zur Levade: Ein pferdegerechter Trainingsaufbau
Die Levade steht am Ende einer langen Ausbildungsskala und kann niemals erzwungen werden. Sie ist das Ergebnis solider Basisarbeit und entwickelt sich organisch aus der höchsten Versammlung.
Voraussetzung: Das Fundament muss stehen
Bevor Sie überhaupt an die Levade denken, muss Ihr Pferd mehrere Kriterien erfüllen:
- Physische und mentale Reife: Das Pferd sollte ausgewachsen und psychisch gefestigt sein.
- Hoher Versammlungsgrad: Eine gesetzte, taktreine und auf der Stelle ausgeführte Piaffe ist die unabdingbare Grundlage.
- Stärke und Geraderichtung: Das Pferd muss über genügend Kraft in Rücken und Hinterhand verfügen und vollkommen geradegerichtet sein, um seitliches Ausweichen zu vermeiden.
Schritt 1: Die Piaffe als Mutter der Levade
Die Levade ist im Grunde eine Piaffe, bei der das Pferd so weit in die Hankenbeugung geht, bis die Vorhand den Boden verlässt. Der erste Schritt ist also die Perfektionierung der Piaffe. Arbeiten Sie daran, die Tritte immer kürzer und gesetzter werden zu lassen, sodass das Pferd beginnt, sich „hinzusetzen“ und mehr Gewicht aufzunehmen.
Schritt 2: Arbeit an der Hand – Der erste Hauch des Erhebens
Die Vorbereitung zur Levade beginnt am besten vom Boden aus. Aus einer ruhigen Piaffe an der Hand können Sie mit der Gerte die Hinterbeine sanft touchieren, um eine noch stärkere Beugung anzuregen. Gleichzeitig geben Sie mit dem Zügel eine leichte, auffordernde Parade. Ziel ist nicht, das Pferd hochzuziehen, sondern es einzuladen, sich selbst aus der Kraft der Hinterhand zu erheben. Die ersten Versuche sind oft nur ein leichtes Anheben eines Vorderbeins – loben Sie jeden noch so kleinen Ansatz enthusiastisch.
Schritt 3: Der Transfer in den Sattel – Gefühl und Timing
Sobald das Pferd das Prinzip an der Hand verstanden hat und sicher ausführt, kann die Arbeit unter dem Sattel beginnen. Die Hilfengebung ist äußerst subtil:
- Der Reiter sitzt tief und zentriert im Schwerpunkt.
- Aus einer versammelten Piaffe werden die Schenkel leicht angelegt, um die Hinterhand aktiv zu halten.
- Der Oberkörper richtet sich auf, das Becken kippt leicht ab, um dem Pferd den Weg nach hinten-unten zu weisen.
- Eine annehmende Zügelhilfe rahmt die Lektion ein und verhindert ein Ausfallen nach vorne.
Es geht um das perfekte Timing, um den Moment abzupassen, in dem das Pferd die Balance findet, um sich zu erheben.
Typische Fehler und ihre Korrektur: Den schmalen Grat meistern
Auf dem anspruchsvollen Weg zur Levade sind Fehler ein natürlicher Teil des Lernprozesses. Wichtig ist, sie zu erkennen und pferdegerecht zu korrigieren.
Fehler 1: Das Pferd springt in die Lektion oder fällt zurück.
Ursache: Mangelnde Kraft, fehlende Balance oder zu schnelle Hilfengebung.
Korrektur: Gehen Sie einen Schritt zurück. Festigen Sie die Piaffe und die Vorübungen an der Hand. Fordern Sie weniger und loben Sie kleinste Fortschritte.
Fehler 2: Der Winkel ist zu steil (deutlich über 45 Grad).
Ursache: Das Pferd beugt die Hanken nicht genug und hebt sich stattdessen mit Kraft aus der Schulter. Biomechanisch ist es dann keine Levade mehr.
Korrektur: Stärken Sie die Hankenbeugung durch gezielte Übungen wie die Arbeit an der Hand und das Training einer sehr gesetzten Piaffe.
Fehler 3: Das Pferd weicht seitlich aus oder verdreht sich.
Ursache: Natürliche Schiefe, die unter der extremen Belastung sichtbar wird.
Korrektur: Arbeiten Sie intensiv an der Geraderichtung in allen grundlegenden Lektionen, bevor Sie die Levade wieder abfragen.
Ethik und Pferdewohl im Fokus
Achten Sie stets auf die Signale Ihres Pferdes. Anzeichen von Stress, Anspannung oder Unwillen sind ein klares Zeichen, das Training zu beenden und die Anforderungen zu überdenken. Die Levade darf niemals durch Zwang oder mechanische Hilfsmittel erarbeitet werden. Sie ist ein Geschenk des Pferdes, das auf Vertrauen und korrekter Gymnastizierung gründet.
Die Levade heute: Mehr als nur eine Showlektion
Auch wenn die Levade heute vor allem in Shows und bei Vorführungen der klassischen Reitkunst zu sehen ist, hat sie ihren gymnastischen Wert nicht verloren. Für Reiter, die sich der Hohen Schule verschrieben haben, bleibt sie der Gradmesser für eine pferdegerechte Ausbildung. Sie beweist, dass das Pferd gelernt hat, seinen Körper in perfekter Harmonie zu nutzen, und wird so zu einem leuchtenden Beispiel für Gesunderhaltung durch anspruchsvolle Gymnastik.
Häufige Fragen zur Levade
Kann jedes Pferd die Levade lernen?
Theoretisch ja, wenn es gesund ist. In der Praxis sind jedoch Pferderassen mit einer natürlichen Neigung zur Versammlung und einer starken Hinterhand, wie PREs, Lusitanos oder Lipizzaner, deutlich im Vorteil. Ihr Körperbau erleichtert die extreme Hankenbeugung.
Wie lange dauert es, einem Pferd die Levade beizubringen?
Jahre. Die Levade ist das Ergebnis einer langen, systematischen und geduldigen Ausbildung. Es gibt keine Abkürzungen. Jeder Versuch, den Prozess zu beschleunigen, führt zu Fehlern und gefährdet die Gesundheit des Pferdes.
Ist die Levade schädlich für das Pferd?
Eine korrekt und auf einer soliden Basis erarbeitete Levade ist nicht schädlich, sondern im Gegenteil ein Ausdruck höchster körperlicher Leistungsfähigkeit und Gymnastizierung. Eine erzwungene oder biomechanisch falsche Levade hingegen kann durch die enorme Belastung der Gelenke schädlich sein.
Fazit: Ein Denkmal des Vertrauens
Die Levade ist und bleibt eine der anspruchsvollsten Lektionen der Reitkunst. Sie ist kein Trick, sondern das sichtbare Ergebnis einer Ausbildung, die auf biomechanischem Verständnis, Geduld und einer tiefen Verbindung zwischen Reiter und Pferd fußt. Sie ist ein Dialog in vollendeter Harmonie – ein stilles Denkmal des Vertrauens, erbaut auf Kraft und Balance.
Gerade bei Lektionen dieser Intensität, die maximale Versammlung und einen frei beweglichen Rücken erfordern, spielt auch die Ausrüstung eine entscheidende Rolle. Ein unpassender Sattel kann die feine Kommunikation stören und die für die Hankenbeugung nötige Muskelfunktion blockieren. Spezialisierte Sattelkonzepte, wie sie etwa Iberosattel für die besonderen Anforderungen barocker Pferde entwickelt hat, bieten die nötige Schulterfreiheit und Stabilität, damit das Pferd sein volles Potenzial in der Hohen Schule sicher und gesund entfalten kann.



