Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Alta Escuela - Die Hohe Schule auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Die Lehren der Wiener Hofreitschule: Was moderne Reiter wirklich von den Oberbereitern lernen können

Die weißen Hengste der Spanischen Hofreitschule sind mehr als ein Symbol. Sie sind das Ergebnis eines zutiefst logischen, pferdegerechten und zeitlosen Ausbildungssystems. Wenn sie in der barocken Winterreitschule in Piaffe und Passage schweben, wirkt ihre Kunst oft unerreichbar. Doch hinter dem Glanz der Uniformen steckt kein Geheimwissen, sondern ein System, das heute relevanter ist denn je.

Gerade für Reiter, die aus Freude und nicht primär für den Turniersport im Sattel sitzen – wie Studien nahelegen, die große Mehrheit – liefert die Wiener Reitkunst eine Blaupause für eine tiefere Verbindung zum Pferd.

Die vier fundamentalen Säulen dieser Kunst lassen sich direkt in praktische Lehren für den Weg zu mehr Harmonie und Leichtigkeit im eigenen Stall übersetzen.

1. Das Prinzip der „Gelassenheit“: Warum die Arbeit an der Hand die Basis für alles ist

Bodenarbeit wird in vielen Ställen als Aufwärmprogramm oder nette Abwechslung gesehen. In Wien ist sie das Fundament, auf dem das gesamte Gebäude der Hohen Schule errichtet wird. Das oberste Ziel heißt hier „Gelassenheit“ – eine ruhige, konzentrierte Haltung des Pferdes, die vom Boden aus erarbeitet wird, bevor der Reiter überhaupt in den Sattel steigt.

Das Wiener Geheimnis: Geburtsstätte der Versammlung

Die klassische Handarbeit an der Hofreitschule ist die Vorbereitung für die anspruchsvollsten Lektionen. Piaffe und Passage werden hier ohne das störende Gewicht des Reiters angebahnt. Das Pferd lernt, die Hilfen für Biegung, Hankenbeugung und Lastaufnahme zu verstehen und seinen Körper auszubalancieren. Gerade für temperamentvolle spanische Pferde ist dieser ruhige Dialog vom Boden aus der Schlüssel, um Energie zu kanalisieren.

Praktische Übungen für Ihren Trainingsalltag:

  • Weichen auf leichten Druck: Beginnen Sie simpel. Bitten Sie Ihr Pferd am Halfter oder Kappzaum durch sanfte Berührung an Schulter oder Hinterhand, einen Schritt zur Seite zu weichen. Sobald die kleinste Reaktion erfolgt, nehmen Sie den Druck sofort weg. Das etabliert eine feine Kommunikation.
  • Das Schulterherein vom Boden: Stellen Sie sich auf Höhe der Pferdeschulter und führen Sie Ihr Pferd auf einer Volte. Mit der inneren Hand am Kappzaum fragen Sie nach leichter Stellung, während die Gerte die innere Hinterhand sanft zum Vortreten unter den Schwerpunkt animiert. Das ist keine Showlektion, sondern reine Gymnastik. Sie fördert die Biegung in der Längsachse und aktiviert die so wichtige innere Hinterhand. Ohne die geht keine Versammlung.

2. „Der Sitz ist alles“: Die Ausbildung des Reiters als Voraussetzung

Der Sitz des Reiters ist nicht nur ein Teil der Hilfengebung. Er ist die Voraussetzung für alles andere. Die alte Lehre strebt ein klares Verhältnis an, das für viele moderne Reiter überraschend ist: Als Ideal gilt oft, dass die Einwirkung zu 80 % aus dem Sitz und der Gewichtshilfe, zu 15 % aus den Schenkeln und nur zu 5 % aus der Hand bestehen sollte.

Das Wiener Geheimnis: Zwei Jahre ohne Steigbügel

Eine Tatsache bringt diese Philosophie auf den Punkt: Eleven der Spanischen Hofreitschule reiten in der Anfangszeit ihrer Ausbildung oft über lange Phasen ohne Steigbügel. Das ist keine Schikane. Es dient der Entwicklung eines ausbalancierten, unabhängigen Sitzes. Ohne die Stütze der Bügel ist der Reiter gezwungen, seine Balance aus der eigenen Körpermitte zu finden und die Bewegungen des Pferderückens tatsächlich zu fühlen, statt sich dagegen zu verspannen.

Ein von Wien inspiriertes Sitz-Programm:

  • Regelmäßige Longe-Einheiten: Integrieren Sie mindestens einmal pro Woche eine Sitzlonge. Reiten Sie ohne Bügel und konzentrieren Sie sich voll auf Ihren Körper. Kreisen Sie die Arme, berühren Sie mit der rechten Hand die linke Fußspitze, schließen Sie die Augen und fühlen Sie nur.
  • Körperbewusstsein ohne Pferd: Ein guter Sitz beginnt am Boden. Übungen zur Stärkung der Rumpfmuskulatur sind essenziell. Mentale Bilder, wie sie auch im Centered Riding verwendet werden, helfen: Stellen Sie sich vor, Sie balancieren einen großen Gymnastikball unter sich aus. Das hilft, das Becken zu lockern und eine stabile, zentrierte Position zu finden.

3. Ein Pferd, ein Ausbilder: Die Philosophie der langfristigen Partnerschaft

Der moderne Pferdealltag ist oft von schnellen Ergebnissen, Turnierplänen und wechselnden Trainern geprägt. Die Wiener Philosophie liefert dazu einen kraftvollen Gegenentwurf: die unzertrennliche, langfristige Partnerschaft zwischen einem Reiter und einem Pferd.

Das Wiener Geheimnis: Ausbildung in Jahrzehnten denken

Die Zahlen sprechen für sich. In der Regel dauert es sechs bis acht Jahre, einen Lipizzanerhengst bis zur Hohen Schule auszubilden. Einen Reiter zum „Bereiter“ zu formen, dauert üblicherweise acht bis zwölf Jahre. Während dieser Zeit bleibt idealerweise ein Bereiter für ein Pferd zuständig. Diese Kontinuität schafft ein tiefes, fast wortloses Verständnis. Das Pferd lernt eine einzige, konsistente „Sprache“ und baut unerschütterliches Vertrauen auf. Schnelle Erfolge sind eine Illusion.

Wie Sie einen langfristigen Plan für sich und Ihr Pferd erstellen:

  • Denken Sie in Phasen, nicht in Wochen: Brechen Sie die Ausbildung in logische Abschnitte auf, ähnlich der Remonten-, Campagne- und Hohen Schule. Setzen Sie sich realistische Ziele für das nächste Quartal, das nächste Jahr. Welche Lektion ist vielleicht erst in zwei Jahren ein Thema?
  • Schaffen Sie Konstanz: Versuchen Sie, bei einer Trainingsphilosophie zu bleiben. Ständige Methodenwechsel verwirren das Pferd. Beständigkeit ist der Nährboden für Vertrauen.
  • Priorisieren Sie die Beziehung: Nehmen Sie sich Zeit abseits des Trainings. Gemeinsame Spaziergänge oder entspannte Bodenarbeit stärken die Bindung und schaffen die mentale Grundlage für konzentrierte Arbeit. Das ist das beste Gegenmittel gegen den Druck, „funktionieren“ zu müssen.

4. Die Lektionen im Kontext: Gymnastik statt Show

Lektionen wie Schulterherein oder Travers sind keine Ziele für eine Dressurprüfung. In der klassischen Lehre sind sie Werkzeuge aus einem gymnastischen Baukasten. Sie werden gezielt eingesetzt, um das Pferd gesund zu erhalten, es zu kräftigen und zu balancieren.

Das Wiener Geheimnis: Die logische Abfolge der Ausbildung

Die Ausbildung an der Hofreitschule folgt einer klaren, gymnastischen Logik, die sich in drei Stufen widerspiegelt:

  1. Remontenschule: Das junge Pferd lernt Gleichgewicht, die Annahme der Hilfen und Losgelassenheit (Takt, Losgelassenheit, Anlehnung).
  2. Campagneschule: Das Pferd wird durch Seitengänge gymnastiziert. Es entwickelt Kraft und lernt, sich zu tragen (Schwung, Geraderichten).
  3. Hohe Schule: Auf Basis der perfekten Gymnastizierung entstehen die Lektionen der höchsten Versammlung wie Piaffe und Passage (Versammlung).

Jede Stufe baut auf der vorherigen auf. Eine Lektion wird nicht geritten, weil sie im Programm steht, sondern weil das Pferd in seiner Entwicklung bereit dafür ist.

Lernen, wie ein Bereiter zu denken:

  • Verstehen Sie das „Warum“ einer Lektion: Fragen Sie sich nicht nur, wie man ein Schulterherein reitet, sondern warum. Es dient dazu, die innere Hinterhand zu aktivieren und die Schulter freier zu machen. Man nennt es nicht umsonst das „Aspirin der Reitkunst“ – ein universelles Werkzeug für Biegung und Balance.
  • Nutzen Sie Lektionen als Problemlöser: Ist Ihr Pferd auf einer Hand steif? Nutzen Sie Konterstellung und Schultervor. Fällt es in der Ecke auf die innere Schulter? Ein gut vorbereitetes Renvers kann helfen. Betrachten Sie die Lektionen als Dialog mit dem Pferdekörper.

Fazit: Die Hofreitschule in Ihrem Stall

Die Lehren der Wiener Hofreitschule sind kein elitäres Geheimnis. Sie sind eine Einladung, die Ausbildung des eigenen Pferdes als eine Kunstform zu betrachten, die auf vier zeitlosen Säulen ruht:

  1. Schaffen Sie Gelassenheit durch sinnvolle Arbeit an der Hand.
  2. Machen Sie Ihren Sitz zur Priorität. Er ist Ihre primäre Verbindung zum Pferd.
  3. Denken Sie in langfristigen Partnerschaften. Vertrauen braucht Zeit.
  4. Nutzen Sie Lektionen als gymnastische Werkzeuge, nicht als Selbstzweck.

Wer diese Prinzipien in sein Training integriert, begibt sich auf einen Weg, der nicht auf schnelle Erfolge, sondern auf nachhaltige Harmonie und eine tiefe, respektvolle Beziehung zum Partner Pferd abzielt. Ein Weg, der gerade dem Charakter spanischer und barocker Pferde in höchstem Maße gerecht wird.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.

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