Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Zirkuslektionen auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Kontrolliertes Steigen aus dem Sattel: Präzise Hilfengebung für maximale Sicherheit
Es ist ein Bild, das Ehrfurcht und Bewunderung hervorruft: ein Pferd, das sich majestätisch auf die Hinterhand erhebt, nicht aus Panik oder Widerstand, sondern in vollkommenem Gleichgewicht und Harmonie mit seinem Reiter. Dieses kontrollierte Steigen, oft als Pesade in der Hohen Schule bewundert, ist weit mehr als eine beeindruckende Showlektion. Es ist der ultimative Ausdruck von Vertrauen, höchster Versammlung und unsichtbarer Kommunikation zwischen Mensch und Tier. Doch der Weg dorthin ist anspruchsvoll und verlangt absolute Präzision, Geduld und ein tiefes Verständnis für die Biomechanik des Pferdes.
Dieser Artikel ist kein Leitfaden zum Nachmachen, sondern eine Vertiefung für erfahrene Reiter, die die theoretischen Grundlagen dieser anspruchsvollen Übung verstehen möchten. Er beleuchtet die feinen Nuancen der Hilfengebung und die immense Verantwortung, die mit dem Abrufen einer solch kraftvollen Lektion einhergeht.
Mehr als eine Showlektion: Die wahre Natur des Steigens
Im Gegensatz zum unkontrollierten Steigen aus Angst oder Abwehr ist die trainierte Erhebung eine gymnastische Meisterleistung. Sie hat ihre Wurzeln in der klassischen Reitkunst und der Alta Escuela, wo sie als Beweis für die perfekte Balance und Tragkraft der Hinterhand des Pferdes galt. Während viele bei diesem Bild an Zirkus denken, ist die klassische Pesade das exakte Gegenteil von Effekthascherei. Sie ist das Ergebnis jahrelanger, korrekter gymnastizierender Arbeit.
Biomechanisch betrachtet verlagert das Pferd sein gesamtes Gewicht auf die gebeugten Hanken. Dies erfordert eine enorme Kraft in der Hinterhandmuskulatur sowie einen starken, flexiblen Rücken. Das Pferd muss in der Lage sein, sich aus einer tiefen Versammlung, oft aus der Piaffe heraus, zu erheben, ohne das Gleichgewicht zu verlieren.
Die Voraussetzungen: Ist Ihr Pferd bereit für die Königsklasse?
Bevor auch nur an die ersten Ansätze gedacht wird, müssen die Grundlagen nicht nur sitzen, sondern perfektioniert sein. Das Steigen ist keine Lektion, die man einem Pferd „beibringt“, sondern eine, die sich aus der höchsten Form der Versammlung entwickelt.
Physische Reife und Kraft
Das Pferd muss körperlich voll entwickelt und gesund sein. Eine solide Grundausbildung, die zu einer stabilen Versammlungsfähigkeit geführt hat, ist unerlässlich. Lektionen wie Piaffe und Passage sollten sicher und ohne Anspannung ausgeführt werden können. Das Pferd muss gelernt haben, sein Gewicht willig auf die Hinterhand zu verlagern und den Rücken aufzuwölben.
Mentrale Gelassenheit und Vertrauen
Die mentale Komponente ist womöglich die wichtigste. Das Pferd muss seinem Reiter blind vertrauen. Jede Form von Zwang, Druck oder Unsicherheit seitens des Reiters führt unweigerlich zu Abwehrreaktionen. Nur ein Pferd, das sich bei seinem Reiter absolut sicher fühlt, wird sich in diese verletzliche Position begeben.
Das Können des Reiters
Der Reiter muss über einen von der Hand unabhängigen, tiefen und ausbalancierten Sitz verfügen. Er muss in der Lage sein, minimale Hilfen präzise und im exakten Timing zu geben. Nervosität, Ehrgeiz oder grobe Einwirkungen sind hier nicht nur kontraproduktiv, sondern extrem gefährlich.
Die Hilfengebung Schritt für Schritt: Eine Symphonie der Präzision
Die Hilfen zum kontrollierten Steigen sind minimal und erfolgen aus dem Zentrum des Reiters. Es ist weniger ein aktives Tun als vielmehr ein Einladen und Zulassen.
Die Vorbereitung: Der Weg über die Versammlung
Der Ausgangspunkt ist immer eine hohe Versammlung. Reiten Sie Ihr Pferd aus einer flüssigen Piaffe in ein perfektes Halten. Das Pferd sollte „bergauf“ stehen, mit den Hanken deutlich unter dem Schwerpunkt. In diesem Moment der gespannten Ruhe liegt das Potenzial für die Erhebung.
Der Impuls aus dem Sitz
Der entscheidende Impuls kommt aus dem Kreuz und der tiefen Bauchmuskulatur des Reiters. Atmen Sie tief aus, spannen Sie Ihre Körpermitte an und schließen Sie die Oberschenkel sanft, als wollten Sie das Pferd vor sich anheben. Diese kaum sichtbare Gewichtsverlagerung signalisiert dem Pferd, die Last noch weiter auf die Hinterhand zu nehmen.
Die Rolle der Hand
Ein weitverbreiteter Irrtum ist, das Pferd mit der Hand „hochzuziehen“. Im Gegenteil: Die Reiterhand bleibt weich und passiv; sie gibt den Rahmen vor und bietet Sicherheit, aber sie zieht niemals rückwärts. Sie erlaubt die Aufwärtsbewegung des Pferdehalses, indem sie leicht nachgibt, ohne die Verbindung aufzugeben. Ein Ruck am Zügel würde das empfindliche Gleichgewicht sofort zerstören.
Die Gewichts- und Schenkelhilfe
Der Oberkörper des Reiters bleibt aufgerichtet oder neigt sich sogar einen Hauch nach vorne, um das Pferd nicht nach hinten zu ziehen. Der Schenkel liegt treibend-verwährend an, um die Hinterbeine aktiv zu halten und ein Ausweichen zu verhindern. Die gesamte Hilfe ist ein fließender, koordinierter Impuls, der nur einen Sekundenbruchteil dauert.
Sicherheit an erster Stelle: Grenzen erkennen und respektieren
Die Lektion des Steigens birgt erhebliche Risiken. Ein Pferd, das das Gleichgewicht verliert, kann nach hinten überschlagen. Es liegt in der Verantwortung des Reiters, die Situation jederzeit zu kontrollieren und die Lektion sofort abzubrechen, wenn das Pferd unsicher wird.
Beenden Sie jede Übungseinheit mit einem positiven Gefühl. Schon ein leichtes Anheben der Vorhand und eine Gewichtsverlagerung nach hinten sind ein riesiges Lob wert. Weniger ist hier immer mehr.
Ein perfekt passender Sattel ist dabei unerlässlich. Er muss dem Reiter einen sicheren, tiefen Sitz ermöglichen, ohne die Rückenmuskulatur des Pferdes in der Aufwärtsbewegung zu blockieren. Spezialisierte Hersteller wie Iberosattel haben Konzepte entwickelt, die genau diese Bewegungsfreiheit für barocke Pferde berücksichtigen und gleichzeitig dem Reiter optimalen Halt bieten.
Häufige Fehler und wie Sie diese vermeiden
- Zu viel Handeinwirkung: Der häufigste Fehler. Er führt dazu, dass das Pferd sich einrollt, den Rücken wegdrückt oder sich gegen die Hand wehrt. Lösung: Fokus auf den Sitz, die Hand bleibt passiv.
- Unsicherer Sitz des Reiters: Wenn der Reiter klammert oder das Gleichgewicht verliert, überträgt sich diese Unsicherheit sofort auf das Pferd. Lösung: An der eigenen Balance arbeiten, Sitzübungen an der Longe.
- Falsches Timing: Die Hilfen müssen im exakten Moment der höchsten Versammlung kommen. Lösung: Gefühl und Erfahrung entwickeln, die nur durch jahrelange, korrekte Pferdeausbildung entstehen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zum Steigen
Kann jedes Pferd das Steigen lernen?
Nein. Es erfordert ein spezifisches Exterieur mit einer starken, tragfähigen Hinterhand, wie es oft bei iberischen oder barocken Pferden zu finden ist. Ebenso wichtig ist ein kooperativer und nervenstarker Charakter.
Wie lange dauert die Ausbildung bis zum kontrollierten Steigen?
Jahre, nicht Monate. Das Steigen ist kein „Trick“, sondern das Endergebnis einer langen, pferdegerechten und gymnastizierenden Ausbildung, die auf Vertrauen und Harmonie basiert.
Ist das Steigen schädlich für den Pferderücken?
Korrekt ausgeführt, stärkt diese Lektion die Muskulatur. Wird sie jedoch erzwungen, mit falscher Technik oder bei einem unvorbereiteten Pferd trainiert, kann es zu schweren gesundheitlichen Schäden an Gelenken und Wirbelsäule führen.
Was ist der Unterschied zwischen Steigen, Levade und Pesade?
Umgangssprachlich wird oft alles als „Steigen“ bezeichnet. In der klassischen Reitkunst ist die Pesade eine Erhebung in einem Winkel von etwa 45 Grad. Die Levade ist noch anspruchsvoller und wird in einem flacheren Winkel von unter 35 Grad mit stark gebeugten Hanken gezeigt. Das unkontrollierte Steigen ist eine Abwehrreaktion ohne gymnastischen Wert.
Fazit: Eine Lektion des Vertrauens und der Harmonie
Das kontrollierte Steigen aus dem Sattel ist die Krönung einer langen gemeinsamen Reise. Es ist ein stiller Dialog, der auf Respekt, Verständnis und unzähligen Stunden geduldiger Arbeit beruht. Wer diese Lektion beherrscht, hat nicht nur eine technische Fähigkeit erlernt, sondern eine Verbindung zu seinem Pferd geschaffen, die über das Alltägliche weit hinausgeht. Sie ist ein Symbol für die ultimative Partnerschaft und ein wahrhaft erhebender Moment für jeden Reiter, der das Glück hat, ihn zu erleben.



