Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Spanische und barocke Pferderassen auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Die hohe Knieaktion des Kladrubers: Mehr als nur Show

Stellen Sie sich eine königliche Kutsche vor, die durch eine historische Allee gleitet, gezogen von einem Paar majestätischer Pferde. Bei jedem Tritt heben sich ihre Vorderbeine taktvoll und scheinbar mühelos. Diese imposante, fast tänzerische Bewegung ist die berühmte hohe Knieaktion – ein Markenzeichen des Kladrubers. Doch was wie reine Show anmutet, ist in Wahrheit ein faszinierendes Zusammenspiel aus Genetik, Anatomie und korrektem Training. Entgegen dem weit verbreiteten Irrglauben entsteht diese Bewegung nämlich nicht allein im Knie. Tatsächlich ist sie das Ergebnis einer perfekt koordinierten Kraftübertragung, die im „Motor“ des Pferdes – der Hinterhand – beginnt und sich durch den gesamten Körper fortsetzt. Dieser Artikel entschlüsselt das Geheimnis der majestätischen Aktion des Kladrubers und zeigt, wie Sie dieses natürliche Talent gesund fördern, anstatt es durch falsche Methoden zu erzwingen.

Ein königliches Erbe: Was den Kladruber so besonders macht

Der Altkladruber, eine der ältesten Pferderassen Europas, wurde über Jahrhunderte am kaiserlichen Hof in Kladruby nad Labem (Tschechien) gezüchtet. Er sollte die Kutschen der Habsburger Monarchie ziehen – eine Aufgabe, die nicht nur Kraft, sondern auch eine erhabene Ausstrahlung verlangte. Dieses Zuchtziel prägte sein Exterieur nachhaltig:

  • Der konvexe Kopf (Ramskopf): Ein typisches Merkmal vieler barocker Rassen, das ihm einen markanten Ausdruck verleiht.
  • Der hoch aufgesetzte, kräftige Hals: Er dient als wichtige Balancierstange und ist entscheidend für die Aufrichtung.
  • Der lange, kräftige Rücken: Er bietet die nötige Länge für einen raumgreifenden Kutsch-Trab, stellt aber auch besondere Anforderungen an das Training.

Diese Merkmale bilden die anatomische Grundlage für jene beeindruckende Gangmechanik, die den Kladruber bis heute auszeichnet und ihn auch für anspruchsvolle Dressurlektionen prädestiniert.

Die Biomechanik der Eleganz: Ein Blick unter die Haut

Die hohe Knieaktion ist keine isolierte Bewegung, sondern das sichtbare Resultat einer Kette von biomechanischen Prozessen. Um sie zu verstehen, muss man das Pferd als Ganzes betrachten.

Es beginnt nicht im Knie, sondern im Motor: Die Hinterhand

Die wahre Quelle der Bewegung liegt in der Hinterhand. Ein starker „Motor“ erzeugt die Schubkraft, die nötig ist, um die Vorhand anzuheben. Stellen Sie es sich wie bei einem Heckantrieb vor: Die Kraft wird hinten erzeugt und nach vorne übertragen. Nur wenn die Hinterbeine aktiv unter den Schwerpunkt treten, kann sich das Pferd vorne „frei machen“ und die Vorderbeine aus einer freien Schulter heraus anheben.

Der lange Rücken: Stärke und Schwachstelle zugleich

Der lange Rücken des Kladrubers ist ideal für den raumgreifenden Trab vor der Kutsche. In der Reitpferdeausbildung birgt er jedoch eine Herausforderung. Ohne eine gut trainierte Rumpfmuskulatur (Bauch- und Rückenmuskeln) kann der Rücken zu einer instabilen „Hängebrücke“ werden. Die Kraft aus der Hinterhand verpufft, anstatt die Vorhand zu unterstützen. Ein stabiler Rumpf ist daher die unerlässliche Brücke, über die die Energie von hinten nach vorne fließt.

Die Rolle des Balanciers: Hals und Schulter

Der hoch aufgesetzte Hals hilft dem Kladruber, seinen Schwerpunkt nach hinten zu verlagern. Das entlastet die Vorhand und schafft die Voraussetzung für mehr Leichtigkeit und „Luft“ in der Bewegung. Entscheidend ist jedoch die Schulterfreiheit. Die Schulter des Pferdes ist nur durch Muskulatur mit dem Rumpf verbunden. Ist diese Muskulatur verspannt oder durch unpassende Ausrüstung blockiert, kann das Vorderbein nicht frei nach vorne und oben schwingen. Die schönste Aktion bleibt dann im Ansatz stecken.

Vom Potenzial zur Perfektion: Sinnvolles Training für eine gesunde Aktion

Das genetische Potenzial für eine hohe Knieaktion ist das eine, es durch gesundheitsförderndes Training zu entfalten, das andere. Der Schlüssel liegt darin, die natürliche Veranlagung zu stärken, anstatt eine künstliche Bewegung zu erzwingen.

Die goldenen Regeln: Worauf es wirklich ankommt

Ein korrektes Training zielt darauf ab, die biomechanischen Voraussetzungen für die Bewegung zu optimieren:

  1. Stärkung von Rumpf und Hinterhand: Übergänge zwischen den Gangarten, Training an leichten Steigungen und Stangenarbeit sind hervorragende Übungen, um die tragende Muskulatur aufzubauen.
  2. Förderung der Losgelassenheit: Nur ein unverkrampftes Pferd kann seinen Rücken aufwölben und die Kraft fließen lassen. Die Grundlagen der klassischen Dressur – Takt, Losgelassenheit, Anlehnung – sind nicht verhandelbar.
  3. Gymnastizierung für Schulterfreiheit: Seitengänge wie Schulterherein oder Schenkelweichen fördern die Beweglichkeit im Schultergürtel und lehren das Pferd, mit den Hinterbeinen Last aufzunehmen.

Falscher Glanz: Diese Trainingsfehler sollten Sie vermeiden

Der Versuch, die Knieaktion mit mechanischen Mitteln zu erzwingen, führt unweigerlich zu Verschleiß und Unrittigkeit. Zu den schädlichen Methoden gehören:

  • Aggressive Hilfszügel: Kurzes Ausbinden oder der Einsatz von scharfen Gebissen zwingen das Pferd in eine unnatürliche Haltung, verspannen den Rücken und blockieren die Hinterhand.
  • Manipulation der Hufe: Das Anbringen von Gewichten an den Hufen erzeugt eine ungesunde, gestresste Bewegung, die Gelenke und Sehnen stark belastet.

Eine erzwungene Aktion erkennen Sie an einem festen Rücken, einem klemmenden Gang und einem angespannten Gesichtsausdruck des Pferdes. Echte, getragene Bewegung hingegen wirkt federnd, harmonisch und mühelos.

Die passende Ausrüstung: Das Fundament für freie Bewegung

Selbst das beste Training läuft ins Leere, wenn die Ausrüstung die Bewegung blockiert. Dabei spielt besonders der Sattel eine entscheidende Rolle, denn der Kladruber stellt mit seinem breiten Rücken, den kräftigen Schultern und dem oft gering ausgeprägten Widerrist besondere Ansprüche.

Ein unpassender Sattel, der die Schulter einklemmt, ist der größte Feind der Knieaktion. Er schränkt die Bewegungsfreiheit massiv ein und verursacht Schmerzen und Verspannungen. Achten Sie daher auf einen Sattel für barocke Pferde, der eine maximale Schulterfreiheit gewährleistet und den Druck gleichmäßig verteilt.

Spezialisierte Hersteller wie Iberosattel haben auf diese Herausforderungen reagiert und entwickeln Sättel, die barocken Pferden die nötige Schulterfreiheit und Stabilität bieten, um ihr Bewegungspotenzial voll zu entfalten.

Fazit: Eine Hommage an die natürliche Bewegung

Die hohe Knieaktion des Kladrubers ist weit mehr als nur ein optisches Highlight. Sie ist der Ausdruck von Kraft, Balance und korrekter Ausbildung. Sie entsteht nicht durch Zwang, sondern durch die gezielte Stärkung des gesamten Pferdekörpers. Wenn Reiter und Fahrer die Biomechanik verstehen und ihr Training darauf ausrichten, diese natürliche Veranlagung zu fördern, wird aus einer genetischen Gabe eine beeindruckende und gesunde Kunstform – eine Hommage an die majestätische Bewegung dieser einzigartigen Rasse.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Ist die hohe Knieaktion für das Pferd schädlich?

Nein, wenn sie aus der natürlichen Veranlagung des Pferdes resultiert und durch korrektes, gymnastizierendes Training gefördert wird. Schädlich wird es erst, wenn die Bewegung durch mechanische Hilfsmittel oder Zwang erzeugt wird, da dies zu Verspannungen und übermäßigem Gelenkverschleiß führt.

Kann jedes Pferd eine hohe Knieaktion lernen?

Nein. Die Veranlagung für eine ausgeprägte Knieaktion ist genetisch bedingt und hängt stark vom Exterieur des Pferdes ab. Rassen wie der Kladruber, der Friese oder der majestätische PRE (Pura Raza Española) bringen die körperlichen Voraussetzungen mit. Durch gutes Training kann die Bewegung jedes Pferdes verbessert werden, aber eine spektakuläre Aktion lässt sich nicht antrainieren, wo die Veranlagung fehlt.

In welchen Disziplinen ist diese Bewegung besonders gefragt?

Traditionell ist die hohe Aktion im Show-Fahren und in der Hohen Schule der klassischen Dressur zu Hause. Zunehmend findet sie auch Anklang in der faszinierenden Welt der Working Equitation, wo Ausdruck und Manier in der Dressur hoch bewertet werden.

Wie erkenne ich als Laie eine „echte“ von einer „falschen“ Knieaktion?

Achten Sie auf das Gesamtbild. Eine echte, gesunde Aktion wirkt harmonisch, taktrein und mühelos. Das Pferd schwingt im Rücken, hat eine ruhige Anlehnung und einen zufriedenen Gesichtsausdruck. Eine erzwungene Aktion wirkt oft hektisch, angespannt und unkoordiniert. Der Rücken ist fest, und das Pferd kämpft sichtlich gegen die Hilfsmittel an.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.