Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Barockpferde Ausbildung auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Kissing Spines Prävention: Warum der kurze Rücken des PRE besonderes Training erfordert

Der beeindruckende, kompakte Körperbau eines Pura Raza Española ist oft sein größter Segen – und zugleich eine seiner größten Herausforderungen

Diese Pferde strahlen eine Kraft und Versammlung aus, die Reiter seit Jahrhunderten fasziniert. Doch genau diese anatomische Besonderheit, der kurze und stark bemuskelte Rücken, birgt ein erhöhtes Risiko für eine schmerzhafte Erkrankung: Kissing Spines.

Viele Reiter verbinden Rückenprobleme mit Pech oder unvermeidbarem Verschleiß. Dabei können wir durch gezieltes, pferdegerechtes Training eine entscheidende Rolle bei der Prävention spielen. Das Ziel ist nicht, das Pferd zu schonen, sondern es biomechanisch korrekt zu stärken. Dieser Artikel zeigt Ihnen, wie Sie die besondere Anatomie Ihres Pferdes verstehen und durch gezielte Gymnastizierung aktiv zu einem gesunden, schmerzfreien Rücken beitragen können.

Der barocke Rücken: Kompakte Kraft mit einer besonderen Verantwortung

Der Rücken eines Pura Raza Española (PRE) ist ein Meisterwerk der Natur, geformt für Wendigkeit und Kraft. Viele Vertreter der Rasse zeichnet eine Besonderheit aus: eine reduzierte Anzahl an Lendenwirbeln – oft fünf statt der üblichen sechs. Dies führt zu einer kürzeren, stabileren Lendenpartie, die historisch für die Anforderungen in der Rinderarbeit oder auf dem Schlachtfeld von unschätzbarem Wert war.

Diese kompakte Bauweise verleiht dem PRE seine typische erhabene Haltung und natürliche Versammlungsfähigkeit. Doch was in der Natur ein Vorteil ist, wird unter dem Reiter zu einer besonderen Verantwortung. Der kürzere Rücken bietet weniger Spielraum und Flexibilität als der eines modernen Sportpferdes, und die Dornfortsätze der Wirbel liegen von Natur aus enger beieinander. Ohne korrektes Training kann das Reitergewicht diesen Bereich komprimieren und so den Grundstein für ernsthafte Probleme legen.

Was sind Kissing Spines? Ein Blick unter die Haut

Der Begriff „Kissing Spines“ (medizinisch: Dornfortsatz-Engstand) klingt fast harmlos, beschreibt aber einen äußerst schmerzhaften Zustand. Stellen Sie sich die Wirbelsäule Ihres Pferdes vor: Von jedem Wirbel ragt ein knöcherner Auswuchs nach oben – der Dornfortsatz. Bei einem gesunden, gut trainierten Pferd haben diese Fortsätze ausreichend Abstand zueinander und können sich bei Bewegung frei aneinander vorbeibewegen.

Bei Kissing Spines verengt sich dieser Abstand kritisch. Die Dornfortsätze berühren sich („kissing“) oder reiben sogar aneinander, was zu Knochenreizungen, Entzündungen und starken Schmerzen führt, die das Pferd bei jeder Bewegung spürt. Die Ursache dafür ist meist ein über längere Zeit weggedrückter oder durchhängender Rücken. Ist die Muskulatur nicht in der Lage, den Rumpf unter dem Reiter anzuheben, sinkt die Wirbelsäule ab, sodass die Dornfortsätze wie ein Fächer zusammengepresst werden.

Die Rolle des Reiters: Wie falsches Training Probleme schafft

Kein Reiter möchte seinem Pferd schaden, doch oft führen Unwissenheit oder falsch verstandene Trainingsziele genau dazu. Folgende Fehler sind Gift für den empfindlichen Pferderücken, insbesondere bei kompakt gebauten Pferden:

  • Fokus auf die Kopfhaltung: Ein Pferd, das mit hohem Kopf und durchgedrücktem Rücken geritten wird („Hirschhals“), kann seinen Rücken nicht aufwölben. Der lange Rückenmuskel verspannt, die Bauchmuskeln bleiben inaktiv und das gesamte Reitergewicht lastet ungedämpft auf der Wirbelsäule.
  • Zu schnelles Vorwärtsreiten: Ein hohes Tempo ohne reelle Losgelassenheit und schwingenden Rücken zwingt das Pferd, sich festzuhalten und den Rücken wegzudrücken, um die Bewegung auszugleichen.
  • Vernachlässigung der Bauchmuskulatur: Die Bauchmuskeln sind die entscheidenden Gegenspieler der Rückenmuskulatur. Nur wenn sie aktiv sind, können sie das Becken abkippen und den Rücken anheben – ähnlich wie bei einer Hängebrücke, die von unten gestützt wird.

Das Ziel muss es also sein, das Pferd so zu gymnastizieren, dass es lernt, seinen Rumpf anzuheben und den Rücken aufzuwölben. Nur so kann aktiv Raum zwischen den Dornfortsätzen entstehen.

Aktive Prävention: So schaffen Sie Raum im Pferderücken

Die gute Nachricht: Sie können aktiv vorbeugen. Durch gezielte Gymnastizierung stärken Sie die tragende Muskulatur und mobilisieren die Wirbelsäule – die wichtigsten Bausteine für einen gesunden Rücken.

Das A und O: Die Dehnungshaltung (Vorwärts-Abwärts)

Die korrekte Dehnungshaltung ist weit mehr als nur ein „Kopf nach unten“. Sie ist die grundlegendste und wichtigste Übung für die Rückengesundheit. Wenn sich das Pferd vertrauensvoll vorwärts-abwärts an die Hand dehnt, geschieht im Pferdekörper biomechanisch gleich mehreres:

  • Das Nacken-Rücken-Band wird gedehnt.
  • Der lange Rückenmuskel (M. longissimus dorsi) kann loslassen und sich strecken.
  • Die Bauchmuskulatur wird aktiviert, um den sich aufwölbenden Rücken zu stützen.

Diese Haltung öffnet die Dornfortsätze aktiv und ist die Basis für jede weitere versammelnde Arbeit. Ein Pferd, das sich nicht reell dehnen kann, ist für höhere Lektionen körperlich nicht bereit.

Biegung und Seitengänge: Die Wirbelsäule mobilisieren

Seitengänge wie Schulterherein oder Travers sind keine reinen Show-Lektionen, sondern hocheffektive gymnastische Übungen. Durch die seitliche Biegung der Wirbelsäule werden die kleinen Muskeln zwischen den Wirbeln gedehnt und gekräftigt. Die Dornfortsätze fächern sich leicht auf und werden sanft mobilisiert. Diese fundamentalen klassische Dressurlektionen fördern Geschmeidigkeit sowie Tragkraft und sind für die Gesunderhaltung des Pferderückens unverzichtbar.

Vom Boden aus arbeiten: Longieren und Handarbeit

Prävention beginnt nicht erst unter dem Sattel. Gerade in der Ausbildung des jungen Pferdes ist es entscheidend, die korrekte Haltung und Muskulatur vom Boden aus aufzubauen, bevor das Reitergewicht überhaupt ins Spiel kommt. Korrektes Longieren mit Fokus auf die Dehnungshaltung oder die klassische Handarbeit sind ideale Methoden, um die Tragkraft des Pferdes ohne Reiterlast zu entwickeln.

Die Bedeutung der passenden Ausrüstung

Das beste Training kann seine Wirkung nicht entfalten, wenn die Ausrüstung nicht stimmt. Ein unpassender Sattel ist einer der Hauptverursacher von Rückenproblemen. Für den kurzen, oft breiten Rücken des PRE ist ein Standardsattel selten die richtige Wahl. Ein zu langer Sattelbaum drückt auf die empfindliche Lendenpartie und blockiert die Bewegung. Brückenbildung oder punktueller Druck verhindern, dass der Rückenmuskel frei schwingen und sich aufwölben kann.

Unerlässlich ist daher ein Sattel, der eine kurze Auflagefläche mit maximaler Gewichtsverteilung kombiniert. Spezialisierte Hersteller haben dieses Problem erkannt und bieten durchdachte Sattelkonzepte speziell für die kompakte Anatomie barocker Pferderassen an, wie beispielsweise unser Partner Iberosattel. Eine fachkundige Sattelanpassung ist keine Option, sondern für die Prävention von Kissing Spines eine absolute Notwendigkeit.

Häufige Fragen (FAQ) zur Prävention von Kissing Spines

Kann jedes Pferd Kissing Spines bekommen?
Ja, grundsätzlich kann jedes Pferd betroffen sein. Rassen mit einem von Natur aus kurzen Rücken wie der PRE, aber auch Friesen oder Tinker, haben jedoch eine höhere anatomische Veranlagung. Falsches Training und unpassende Ausrüstung sind die Hauptauslöser.

Wie merke ich, dass mein Pferd Rückenprobleme hat?
Die Anzeichen können subtil sein. Achten Sie auf Verhaltensänderungen wie Gurtzwang, Unwillen beim Satteln, Abwehrreaktionen beim Putzen des Rückens, Schwierigkeiten in der Biegung, Taktfehler, häufiges Buckeln oder Steigen sowie eine generell feste, verspannte Oberlinie.

Ist Reiten mit der Diagnose Kissing Spines noch möglich?
Das hängt stark vom Schweregrad des Befundes ab. Eine genaue Diagnose durch einen Tierarzt ist entscheidend. In vielen Fällen kann durch ein angepasstes Management mit gezieltem Muskelaufbau, Physiotherapie und korrektem Training eine deutliche Verbesserung oder sogar Schmerzfreiheit erreicht werden, sodass das Pferd oft weiterhin geritten werden kann.

Reicht Weidegang zur Prävention?
Freie Bewegung auf der Weide ist essenziell für das allgemeine Wohlbefinden und die Grundkondition. Sie ersetzt jedoch nicht das gezielte gymnastizierende Training, das notwendig ist, um die spezifische Tragemuskulatur für das Reitergewicht aufzubauen und die Wirbelsäule mobil zu halten.

Fazit: Wissen ist der beste Schutz

Der kurze, kräftige Rücken Ihres spanischen Pferdes ist ein Erbe seiner beeindruckenden Geschichte. Er ist kein Mangel, sondern eine Eigenschaft, die Wissen und Verantwortung erfordert. Anstatt sich vor der Diagnose Kissing Spines zu fürchten, sollten Sie sie als Ansporn sehen, sich intensiv mit der Biomechanik Ihres Pferdes auseinanderzusetzen.

Durch ein durchdachtes, gymnastizierendes Training, das den Fokus auf Dehnung, Biegung und die Stärkung der Rumpfmuskulatur legt, können Sie aktiv Raum zwischen den Dornfortsätzen schaffen. Sie geben Ihrem Pferd damit nicht nur die besten Voraussetzungen für sportliche Leistung, sondern vor allem das größte Geschenk: die Aussicht auf ein langes, gesundes und schmerzfreies Leben unter dem Sattel.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.