Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Working Equitation auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Der lange Weg zurück: Wie mein Friese Aramis Kissing Spines besiegte

Es ist ein Moment, den kein Pferdebesitzer erleben möchte: Der Tierarzt spricht das Wort aus, das wie ein Urteil klingt – „Kissing Spines“. Bei meinem Friesenwallach Aramis, einem sanften Riesen mit wallender Mähne, fühlte es sich an, als würde der Boden unter meinen Füßen nachgeben. Plötzlich waren all unsere Träume von eleganten Lektionen und ausgedehnten Ausritten in weite Ferne gerückt. Doch dieser Schock war auch der Ausgangspunkt einer unglaublichen Reise zurück zu einem starken Rücken und einem schmerzfreien Pferdeleben. Dieses Trainingstagebuch soll all jenen Mut machen, die eine ähnliche Diagnose erhalten haben und sich fragen: Wie geht es jetzt weiter?

Was bedeutet die Diagnose „Kissing Spines“ wirklich?

Bevor wir in Aramis‘ Trainingsplan eintauchen, ist es wichtig zu verstehen, was hinter diesem Begriff steckt. Stellen Sie sich die Wirbelsäule Ihres Pferdes vor: Von jedem Wirbel ragt ein knöcherner Fortsatz nach oben, der sogenannte Dornfortsatz. Bei einem gesunden Pferd haben diese Fortsätze ausreichend Abstand zueinander. Bei „Kissing Spines“ (medizinisch: Engstand der Dornfortsätze) kommen sich diese Knochen so nahe, dass sie sich berühren oder sogar überlappen.

Dies kann zu Schmerzen, Entzündungen und massiven Bewegungseinschränkungen führen. Die Ursachen sind vielfältig: Sie reichen von einer genetischen Veranlagung über falsches Training, das die Rückenmuskulatur eher schwächt als stärkt, bis hin zu einem unpassenden Sattel. Typische Symptome, die auch Aramis zeigte, waren:

  • Eine plötzliche Unwilligkeit beim Satteln und Gurten.
  • Widersetzlichkeit unter dem Reiter, bis hin zu Bocken.
  • Schwierigkeiten bei Biegungen und eine steife Haltung.
  • Ein sichtbarer Verlust an Rückenmuskulatur.

Die besondere Herausforderung beim barocken Pferd

Friesen und andere barocke Rassen bringen von Natur aus einige Eigenschaften mit, die im Zusammenhang mit Kissing Spines eine besondere Rolle spielen. Ihre imposante Erscheinung mit hoher Halsung und natürlicher Aufrichtung ist Segen und Fluch zugleich. Wird diese Veranlagung nicht durch gymnastizierendes Training korrekt unterstützt, kann sie zu einem durchgedrückten Rücken und einer inaktiven Hinterhand führen – eine Haltung, die den Engstand der Dornfortsätze begünstigt.

Ihr im Vergleich zu Sportpferden oft hohes Gewicht belastet die Wirbelsäule zusätzlich. Viele barocke Pferde, ähnlich wie der PRE als Vertreter der spanischen Rassen, haben zudem einen eher kurzen Rücken, was die korrekte Sattelpassform zu einer entscheidenden, aber oft schwierigen Aufgabe macht.

Aramis‘ Reha-Plan: Ein Tagebuch des Wiederaufbaus

Nach der Diagnose und einer entzündungshemmenden Behandlung war klar: Nur ein gezielter Muskelaufbau konnte Aramis helfen. Unser Plan basierte auf Geduld, Konsequenz und dem Grundsatz „vom Boden zurück in den Sattel“.

Phase 1: Die Basis am Boden schaffen (Wochen 1-8)

Die erste und wichtigste Phase fand komplett ohne Reitergewicht statt. Das Ziel: die Rumpf- und Bauchmuskulatur zu aktivieren, damit sie den Rücken anheben und die Wirbelsäule entlasten kann.

Unsere Werkzeuge:

  • Longe & Kappzaum: Statt ihn einfach im Kreis laufen zu lassen, nutzten wir die Longe für gymnastizierende Arbeit. Der Fokus lag auf einem echten „Vorwärts-Abwärts“. Aramis lernte, den Hals fallen zu lassen, den Rücken aufzuwölben und aktiv mit der Hinterhand unterzutreten.
  • Dual-Aktivierung & Cavaletti: Das Training mit den blau-gelben Gassen und Stangen schulte nicht nur die Konzentration, sondern animierte ihn auch, die Beine höher zu heben und dadurch den Rumpf anzuspannen.
  • Klassische Handarbeit: An der Hand begannen wir mit den ersten Seitengängen wie Schulterherein und Travers. Diese Lektionen sind wahre Wunderwaffen, um die schräge Bauchmuskulatur zu stärken – die direkten Gegenspieler der langen Rückenmuskeln.

In diesen ersten Wochen sahen wir, wie Aramis sichtlich wieder Freude an der Bewegung fand. Sein Rücken begann, lockerer zu schwingen, und die ersten Muskeln zeichneten sich wieder ab.

Phase 2: Der Sattel als Schlüssel zum Erfolg

Als die Basismuskulatur aufgebaut war, stand die kritischste Prüfung an: der Sattel. Ein Pferd mit Kissing Spines verzeiht keinen noch so kleinen Druckpunkt. Ein unpassender Sattel würde unsere gesamte bisherige Arbeit zunichtemachen.

Wir wussten, dass wir einen Sattel brauchten, der mehrere Kriterien erfüllt:

  1. Maximale Wirbelsäulenfreiheit: Der Kanal musste breit genug sein, um den Dornfortsätzen unter allen Umständen Freiraum zu geben.
  2. Große Auflagefläche: Um das Reitergewicht optimal zu verteilen und Druckspitzen zu vermeiden.
  3. Anpassungsfähigkeit: Der Sattel musste mit dem sich verändernden Muskelaufbau „mitwachsen“ können.

Hier wurde uns erst richtig bewusst, wie entscheidend spezialisierte Konzepte sind. Ein herkömmlicher Dressursattel passte oft nicht zu Aramis‘ breiter Schulter und kurzem Rücken. Bei der Recherche stießen wir auf Lösungen, wie sie beispielsweise von Iberosattel für barocke Pferderücken entwickelt werden. Diese berücksichtigen die besondere Anatomie und bieten durch ihre Bauweise die nötige Stabilität und Druckverteilung. Letztendlich fiel unsere Wahl auf einen maßangepassten Sattel, der genau diese Kriterien erfüllte. Mehr zum Thema finden Sie auch in unserem Ratgeber „Der passende Sattel für spanische Pferde“.

Phase 3: Die ersten Schritte unter dem Reiter (ab Woche 9)

Mit dem neuen, perfekt passenden Sattel wagten wir uns an die ersten Reiteinheiten. Die Devise lautete: kurz, aber konzentriert.

Unsere Trainingsbausteine im Sattel:

  • Lange Aufwärmphasen im Schritt: Mindestens 15 Minuten am langen Zügel, um die Muskulatur aufzuwärmen.
  • Fokus auf Übergänge: Unzählige Übergänge zwischen Schritt und Trab sowie Halten und Antreten aktivierten die Hinterhand und forderten die Bauchmuskulatur.
  • Seitengänge als Gymnastik: Was wir an der Hand vorbereitet hatten, setzten wir nun unter dem Reiter um. Schenkelweichen und Schulterherein wurden zu unseren täglichen Begleitern.
  • Keine Versammlung, sondern reelle Dehnung: Das Ziel war nicht, Aramis in eine hohe Aufrichtung zu zwingen, sondern ihn zu motivieren, den Weg in die Tiefe zu suchen und den Rücken aufzuwölben.

Besonders die Prinzipien der Working Equitation, die Gymnastizierung und Rittigkeit in den Vordergrund stellen, gaben uns wertvolle Impulse für ein abwechslungsreiches und pferdegerechtes Training.

Häufige Fragen zu Kissing Spines beim Friesen

Ist ein Pferd mit Kissing Spines noch reitbar?
In vielen Fällen: Ja! Mit dem richtigen Management, einem perfekt passenden Sattel und einem konsequenten Trainingsplan, der auf den Aufbau der tragenden Muskulatur abzielt, können viele Pferde wieder ein schmerzfreies Leben als Reitpferd führen.

Wie lange dauert die Rehabilitation?
Es gibt keinen festen Zeitplan. Der Prozess ist sehr individuell und kann von einigen Monaten bis über ein Jahr dauern. Geduld ist der wichtigste Faktor. Rückschläge sind normal und gehören zum Weg dazu.

Lässt sich eine Operation immer vermeiden?
Die konservative Therapie durch gezieltes Training ist meist der erste und oft auch der erfolgreichste Weg. Nur bei sehr schweren Befunden oder wenn das Training keine Besserung bringt, sollte eine Operation in Betracht gezogen werden.

Welche Übungen sind am wichtigsten?
Alles, was das Pferd dazu animiert, den Rücken aufzuwölben und die Bauchmuskulatur anzuspannen. Dazu gehören das Reiten in korrekter Dehnungshaltung („vorwärts-abwärts“), Seitengänge, Übergänge und Stangenarbeit.

Fazit: Ein Weg, der sich lohnt

Heute, fast ein Jahr nach der Diagnose, ist Aramis nicht wiederzuerkennen. Er hat eine beeindruckende Rücken- und Bauchmuskulatur entwickelt, bewegt sich losgelassen und mit sichtbarer Freude. Die Diagnose Kissing Spines war kein Ende, sondern der Anfang eines neuen, bewussteren und pferdegerechteren Weges für uns beide. Sie hat uns gelehrt, wie wichtig korrekte Gymnastizierung und die passende Ausrüstung sind.

Der Weg war lang und hat uns Disziplin abverlangt, doch jeder einzelne Schritt hat sich gelohnt. Aramis ist der lebende Beweis dafür, dass eine schwere Diagnose nicht das Ende bedeuten muss, sondern mit dem richtigen Wissen und viel Geduld die Chance auf einen Neuanfang sein kann.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.