Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Alta Escuela - Die Hohe Schule auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.
Kandaren-Umstellung: Die 5 größten Fehler & Tabus
Kandaren-Tabus: Welche Lektionen Sie in der Umstellungsphase unbedingt meiden sollten
Die meisten Rittigkeitsprobleme mit der Kandare wurzeln in den ersten vier Wochen der Umstellung. Es ist kein böser Wille, sondern Unwissenheit. In dieser Phase lernt das Pferd ein völlig neues Kommunikationsmittel zu verstehen und sein Gleichgewicht neu zu finden. Wir zeigen Ihnen die typischen Fehler dieser sensiblen Zeit. Wer sie vermeidet, legt den Grundstein für eine feine und pferdegerechte Arbeit.
Die Kandare verstehen – Mehr als nur ein schärferes Gebiss
Bevor wir zu den Tabus kommen, ein Wort zur Wirkungsweise. Anders als eine Wassertrense wirkt die Kandare nicht nur auf Zunge und Laden, sondern per Hebel auch auf Genick und Unterkiefer. Eine kleine Bewegung am Zügel erzeugt einen um ein Vielfaches erhöhten Druck.
Dieses Instrument dient nicht dazu, Versammlung zu erzwingen. Es verfeinert eine bereits vorhandene Versammlung und Haltung. Viele verstehen die Kandare falsch – als Korrekturmittel oder Verstärker. Sie ist ein Werkzeug für Fortgeschrittene, das eine solide Grundausbildung voraussetzt. Die Kandare ist ein Präzisionsinstrument, kein Bremshebel.
Die 5 Tabu-Lektionen in der Umstellungsphase
In der Eingewöhnung gibt es nur ein Ziel: Ihr Pferd soll die neue Zäumung vertrauensvoll annehmen, ohne Gleichgewicht oder Losgelassenheit zu verlieren. Die folgenden Lektionen sind in den ersten 30 Tagen absolut kontraproduktiv.
Tabu 1: Enge Wendungen und abrupte Biegungen
Das Problem: Enge Wendungen wie Volten oder Zirkel verkleinern fordern Balance und Biegsamkeit. Ein Pferd, das sich an die Kandare gewöhnt, sucht aber erst noch sein Gleichgewicht. Enge Linien zwingen es in eine Position, in der es sich leicht auf die innere Schulter lehnt. Der Reiter reagiert instinktiv, nimmt den inneren Zügel an, was durch die Hebelwirkung zu hohem, einseitigem Druck führt. Das Pferd weicht aus, verkantet sich, verliert den Takt.
Es heißt oft treffend: „Ein Pferd, das in engen Wendungen mit der Kandare kämpft, sucht nicht nach dem Zügel, sondern nach seinem Gleichgewicht.“
Tabu 2: Abrupte Übergänge
Das Problem: Plötzliche Übergänge, besonders das abrupte Halten, bringen das Pferd aus der Balance. Es muss sein Gewicht schnell auf die Hinterhand verlagern, was einen stabilen Rücken und eine losgelassene Oberlinie erfordert. Wird dieser Prozess durch einen Ruck am Kandarenzügel eingeleitet, presst sich das Pferd gegen die Hand, der Rücken wird fest, die Hinterhand kann nicht mehr untertreten. Ein Teufelskreis aus Druck und Gegendruck.
Achtung, Falle!
Der häufigste Fehler ist der Missbrauch der Kandare als „Notbremse“. Die Kandare ist niemals dazu da, ein durchgehendes Pferd zu stoppen. Das ist ein Problem der Grundausbildung an der Wassertrense.
Tabu 3: Versammelte Lektionen auf dem Zirkel
Das Problem: Echte Versammlung entsteht aus der Kraft der Hinterhand und einem aufgewölbten Rücken – nicht durch die Reiterhand. Lektionen wie Schulterherein auf dem Zirkel oder Traversalen erfordern ein Höchstmaß an Koordination und Kraft. In der Umstellungsphase ist das Pferd aber damit beschäftigt, die feinen Signale zu deuten und seinen Körper neu auszurichten. Versammelnde Lektionen, insbesondere in Biegung, überfordern es an diesem Punkt und führen zu Spannung und Widerstand. Die Kandare verfeinert die Haltung in der Versammlung, sie erzeugt sie nicht.
Tabu 4: Zu schnelles Tempo
Das Problem: Eile ist der Feind der Losgelassenheit. Wird ein Pferd zu schnell, verspannt es im Rücken und kann nicht mehr reell an die Hand herantreten. Es fällt auf die Vorhand und sucht Halt am Zügel. Der Reiter versucht dann oft, das Tempo mit der Kandare zu regulieren. Das erhöht nur den Druck und lässt das Pferd noch mehr gegen die Hand laufen. Am Anfang geht es um eines: Dem Pferd in seinem eigenen Takt und in Ruhe die Chance geben, das Gleichgewicht zu finden.
Tabu 5: Eine zu dominante Kandaren-Hand
Das Problem: Die Zügelführung auf Kandare ist eine Kunst für sich. Der Kandarenzügel wird immer mit minimalem Kontakt geführt. Seine Aufgabe ist es, feinste Impulse für die Aufrichtung zu geben, während der Trensenzügel für Stellung und Biegung zuständig bleibt. Viele Reiter führen beide Zügelpaare mit gleichem Druck oder wirken primär über die Kandare ein. Das führt zu einem stummen Maul, Widerstand oder dazu, dass das Pferd sich hinter dem Zügel verkriecht. Der Kandarenzügel ist für die Nuancen. Nicht für die Grundlagen.
Sichere und effektive Alternativen: So gelingt der Einstieg in den ersten 30 Tagen
Konzentrieren Sie sich stattdessen auf Übungen, die Ihrem Pferd Sicherheit geben. Ziel ist, dass es lernt, sich auf geraden Linien und in weiten Bögen selbst zu tragen.
Fokus auf Geradlinigkeit und Takt
Reiten Sie lange, gerade Linien auf dem Hufschlag oder der Mittellinie. Achten Sie auf einen sauberen Takt und eine ruhige Anlehnung. Hier kann das Pferd sein Gleichgewicht finden, ohne durch Biegungen zusätzlich gestresst zu werden.
Weite Bögen und große Zirkel
Statt enger Volten reiten Sie große Zirkel (20 Meter oder mehr). Variieren Sie die Größe nur minimal. Reiten Sie Schlangenlinien durch die ganze Bahn mit weiten, fließenden Bögen. So lernt das Pferd, sich auch in der Biegung auszubalancieren, ohne von der Kandare gestört zu werden.
Sanfte Übergänge auf der Geraden
Üben Sie Übergänge zwischen den Gangarten nur auf geraden Linien. Bereiten Sie jeden Übergang sorgfältig über mehrere Pferdelängen vor. Leiten Sie alles mit Sitz und Schenkel ein, die weiche Hand am Trensenzügel fängt die Energie auf. Der Kandarenzügel bleibt dabei passiv.
Checkliste: Ist mein Pferd bereit für den nächsten Schritt?
Bevor Sie die Komplexität erhöhen, überprüfen Sie diese Punkte:
_ Läuft mein Pferd auf geraden Linien taktrein und losgelassen?
_ Nimmt es die Anlehnung an beiden Gebissen ruhig und stetig an?
_ Kann ich auf einem großen Zirkel reiten, ohne dass es an Balance verliert?
_ Reagiert mein Pferd auf sanfte Übergänge primär auf meine Sitz- und Schenkelhilfen?
Ihr persönlicher Trainingsplan für die Umstellung
Um Ihnen den Einstieg so sicher und pferdefreundlich wie möglich zu gestalten, haben wir einen detaillierten 30-Tage-Trainingsplan entwickelt. Dieser Plan führt Sie Woche für Woche durch die Umstellungsphase und enthält konkrete Übungen sowie eine Checkliste zur Selbsteinschätzung, ob Sie und Ihr Pferd bereit für die Kandare sind. Laden Sie sich den Plan herunter und nehmen Sie ihn mit in den Stall – für einen gelungenen Start in die feine Reitkunst.
Fazit: Geduld ist der Schlüssel zum Erfolg
Die Umstellung auf die Kandare ist ein Meilenstein, der Bedacht und Respekt verlangt. Wenn Sie die Tabu-Lektionen vermeiden und sich auf das Fundament konzentrieren – Takt, Losgelassenheit, Gleichgewicht –, schaffen Sie eine Basis des Vertrauens. Die Kandare verzeiht keine Fehler in der Grundausbildung, aber sie belohnt eine korrekte Basis mit einer Reitkunst, die von Leichtigkeit und Präzision geprägt ist. Geben Sie Ihrem Pferd die Zeit, die es braucht.


